Klarnamenbeschwörer und andere Distinktionsspießer

Klarnamenbeschwörer und andere Distinktionsspießer

Ideen, die noch nie funktioniert haben, sind auch dann keine Lösung, wenn sie nicht falsch sind.

Sie treten in Wellen auf und kehren immer wieder, als wären sie in einem langsamen aber unaufhaltsamen Strudel der Gezeiten gefangen, der sie in unregelmäßigen Intervallen immer wieder an Land spült: Klarnamenbeschwörer, empörte Cancel Culture-Diagnosten und Diskursschönheitstrauerredner sind, ohne es sehen zu wollen, Alter Egos der gleichen Kulturkritikschablonen.

Anonymität zerstört den Diskurs, unqualifizierter Widerspruch zerstört den Diskus, Formmängel zerstören den Diskurs.

Hinter diesen Einwänden steckt, das Adrian Daub in seinen Cancel Culture-Forschungen herausgearbeitet, oft der bloße Unwille, sich damit auseinanderzusetzen, dass da jemand mitredet, für den kein Platz am Tisch vorgesehen war. Oft ist es ehrliche – aber trotzdem ungerechtfertigte – Empörung darüber, dass jemand Gehör bekommt, den man gern ingoriert hätte. Sie widersprechen? Cancel Culture! Sie haben lustige Nicknames? Klarnamenpflicht! Sie verstoßen gehen unsere Rituale? Diskurszerstörer!

Die Klarnamenpflichttforderer fordern oft auch inhaltliche Regulierung von Social Network-Plattformen und Beichtpflicht für die Verwendung von KI. Das ist alles nachvollziehbar. Es ist nicht einmal falsch. Allein, es ist müßige Beschäftigungstherapie. Es ist das Dreschen von Phrasen und frommen Wünschen, die teils eine bald 300 Jahre zurückreichende Geschichte haben. In diesen 300 Jahren hätte den Beschwörern auch mal dämmern können, dass jene Lösungen, die man seit 300 Jahren beschwört, vielleicht keine Lösungen sind? Sonst hätten sie viellleicht etwas gelöst?

Aber Diagnosen allein sind auch ein liebgewonnenes Spiel. Es sind liebgewonnene und gut eingeübte Rituale, die man nicht einfach durch von der Tradition abweichende Fragestellungen über Bord werfen darf.

So trat heute in Österreich der Digitalstaatssekretär, der eben erst mit seiner KI-Behörde die Digitalzukunft des Landes gesichert hatte, vor die Presse und verkündete Klarnamenpflicht ohne Konzept, um Wirtshäuser vor ungerechten Bewertungen zu schützen. Und prompt packten bewährte Klarnamenbeschwörer und angehende KI-Dompteure ihre Essays aus den vergangenen Jahrzehnten aus. Nachdem sie gestern von totaler Disruption und alles verändernden Tsunamis gepredigt haben, wollen sie heute weiter Probleme mit schlechten Ideen von vorgestern lösen. Danke.

Michael Hafner

Michael Hafner

Technologiehistoriker, Comic-Verleger, Datenanalyst

Sonst noch neu

Erwin Schrödinger, What is Life?

Wer gern Fakten und Vernunft anruft und damit die Dinge für gelöst ansieht, sollte Schrödinger lesen und sich wundern, wie uneindeutig Physik werden kann.

Jeanette Gusko, Aufbrechen

Brüche im Lebenslauf schaffen Resilienz, Problemlösungskompetenz und Flexibilität. Da kann man mit. Aber die Idee, das an Gruppenidentitäten zu knüpfen (Ostdeutsch, Migrationsgeschichte oder sozialer Aufstieg) ist haarsträubend abstrus.

Anke Graneß, Philosophie in Afrika

Eine ausführliche Analyse einiger früher afrikanischer Texte, die sich aber etwas zu lange mit vorbereitenden Fragen (Was ist Afrika? Was ist Philosophie) beschäftigt, um die eigentlich gesuchten Antworten zu geben.

Martin Andree, Big Tech muss weg

Pläne zur Plattformregulierung werfen stets die Frage auf: Wer soll das wie durchsetzen? Andree appelliert an die Politik, lässt dabei aber außer Acht, dass Medien und User selbst daran arbeiten müssen, die notwendige Distanz zu den großen Plattformen wiederherzustellen.

David Chalmers, Reality+

David Chalmers ist ein phantasievoller Philosoph mit ausgeprägtem Hang zur Spekulation über Digitales. Seine Thesen zeigen deutlich, wie schnell Digitaldiskurse heute veralten.

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