Mitteleuropäische Arbeitstage: Belgrad

Mitteleuropäische Arbeitstage: Belgrad

Am Flughafen herrscht Rauchverbot, der Taxifahrer schnallt sich an – beides war nicht immer so.
Der Taxifahrer spricht englisch – auch das ist neu. Er stellt die ueblichen Fragen (oft hier? Verheiratet? Viel unterweg?) und verlangt trotz vorangehender Verhandlungen den dreifachen Preis. Das ist nicht neu. Wir einigen uns auf das eineinhalbfache des empfohlenen Preises. Dafuer bekommt er kein Trinkgeld.
“Dies ist eine lächerliche Hauptstadt; sogar noch schlimmer, eine anrüchige Stadt, schmutzig und desorganisiert. Seine Lage aber ist umwerfend”, schrieb Le Corbusier 1910 ueber Belgrad.
Die alte Stadt karmpft mit dem Altern, in Novi Beograd am anderen Ufer der Save wirken Wohnblocks in Stil von Raketenabschussrampen, mit in die Fassaden gerissenen Loggiaschluchten und der allgegenwaertigen Klimaanlagen-Satellitenschuessel-Kombination wie Kriegsveteranen. Es handelt dich aber um Architektur. Kriegsschaeden sind nicht mehr sichtbar.



Kalemegdan, die Hauptattraktion, ist ein Park mit Ruinen und weiter Aussicht.
Von dort fuehrt die Knez Mihajlova, die einzige Fussgaengerzone, durch die Stadt. Die meisten Geschaefte haben bis 21 Uhr geoeffnet. Und auch nach Ladenschluss, waehrend rundherum ein bisschen Nachtleben entsteht, sind die Geschaefte nicht leer. Es wird aufgeraeumt, inventiert, renoviert, umgebaut – selbst ist derGeschaeftsmann.
Bei einem Durschnittseinkommen von 300 Euro zaehlt Selbermachen zu den effizientesten Investitionen. Ueberziehungszinsen fuer das Bankkonto liegen inflationbedingt fuer in Dinaren gefuehrte Konten bei bis zu 45%. Krise hatten wir immer schon, nehmen es die Serben gelassen.
Die Zahl der Menschen in Kaefigen ist auffaellig hoch: Sie sitzen oder stehen in winzigen Staenden, verkaufen Nuesse, Kaugummis, Bier. Manche stehen nur in Ecken und verkaufen Blumen oder Sonnenbrillen.
Außerhalb der Fussgaengerzone und der wenigen touristisch aufgeschlossenen Strassen ist schwer zu erkennen, wie die aktuelle Umgebung einzuschaetzen ist. Oeffnet der Boardshop die Rollbalken am naechsten Morgen wieder? Sitzen die Kids abends im Park, weil sie kein Geld haben, oder weil sie bei ihrer Beschaeftigung keine Zeugen brauchen koennen?

Trotzdem – auch von nur einem Abend – ein paar sehr subjektive brauchbare Erinnerungen:

  • Supermarket: Concept Store nach Berliner oder Amsterdamer Vorbild; Bar, Restaurant, Shop, Ausstellungsflaeche und Spa in einem.
  • Ramax – made in Serbia: Minishop des serbischen Modelabels Ramax in der Milleniumcity, einer kleinen Passage an der Knez Mihajlova.
  • Die Bruecken und Ufer von Donau und Save zu jeder Tages- und Nachtzeit: Nicht jedermanns Sache, aber trotzdem den extra Fussweg wert.
  • Und schließlich: immer wieder Gelegenheiten in den Buchantiquariaten der Stadt – auch in mehreren Sprachen.
Michael Hafner

Michael Hafner

Partner bei gold super extra, Herausgeber beim Journal Ahnungslos, Autor.

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