Hannah Arendt, Vita activa: Es geht um Freiheit

Hannah Arendt Vita activa

Hannah Arendt, Vita activa: Es geht um Freiheit

Tätigkeit ist Freiheit. Und seit Arbeit als Sinnbild von Tätigkeit gilt, ist Freiheit eingeschränkt. – Allerdings nicht durch die Arbeit, sondern durch den Stellenwert, den man ihr einräumt.

Wozu die Anstrengung, könnten nicht zuletzt postmodern geschulte Relativieren und Nivellieren meinen. Ist es nicht gleich, mit Menschen ihre Zeit verbringen, sind nicht unterschiedliche Tätigkeiten gleich viel wert und gleichermaßen Ausdruck von Menschlichkeit? Geht es um die Herausarbeitung eines idealisierenden Menschenbildes? Welches Problem soll damit gelöst werden?

Möglicherweise verstellt dieser Zugang schon den Blick auf das Wesentliche. Hanna Arendt holt in „Vita activa“ weit aus und analysiert Ideale und Leitmotive menschlichen Lebens seit der Antike. Der rote Faden, der sich dabei von der Antike bis in die Gegenwart (der 50er Jahre) zieht, sind langsame Verschiebungen in der Wahrnehmung des, was als die eigentlich menschliche Tätigkeit gesehen wird.
Das kann in Sinn von Idealen verstanden werden. Dann ist die Frage, welche Art der Tätigkeit die menschlichste ist. Es kann beschreibend verstanden werden. Dann richtet sich der Blick darauf, was Menschen eigentlich tun, wenn sie der Meinung sind, tätig zu sein. Und es kann um Notwendigkeiten und Imperative gehen. Was muss der Mensch machen, was ist notwendig (um sich selbst zu erhalten, beispielsweise, oder um andere wünschenswerte Ergebnisse zu erreichen.)

Handeln, Herstellen, Arbeiten

Die Entwicklung geht in Arendt Darstellung dabei vom öffentlichen Handeln über das Herstellen zum Arbeiten. Öffentliches Handeln war in der Antike das Modell von Politik – und es war Luxus, der jenen vorbehalten war, die nicht arbeiten mussten. Arbeit war nieder Tätigkeit (praktisch egal welcher Art), und sogar ein armes kontemplatives Leben war souveräner als eines, das auf Arbeit angewiesen war.
Das Teleskop als Instrument, um neue Welten zu erkennen, als Symbol für das Ende des geozentristischen Weltbildes, läutet für Arendt den Übergang von der durch Handeln dominierten Ära zu einer Zeit des Herstellens ein. Mit dem Aufkommen von Wissenschaft und Technik wurde das Beherrschen dieser Tätigkeitsformen die dominierende Weise menschlicher Existenz.
Arbeit dagegen war nie um ihrer Selbst willen relevant. Ökonomisch interessierte Philosophen wie Smith und Locke sahen in Arbeit die Quelle von Eigentum und Reichtum – das verhalf ihr zu einem gewissen Stellenwert. Marx entdeckte die Arbeitskraft als etwas, das jeder und jede aufbringen kann. Der Stellenwert von Arbeit orientiert sich also vorrangig an Tatsachen und Chancen: jeder kann arbeiten, es braucht kein Talent und keine Mittel dazu.

Herstellen unterscheidet sich in Arendts Sicht auch dadurch von Arbeit, dass das Hergestellte unabhängig vom Hersteller und vom Herstellen existieren kann: Es ist irgendwann fertig und von da an allein in der Welt unterwegs. Arbeit dagegen schafft nichts; das Ergebnis von Arbeit ist die Möglichkeit des Konsums. Wer gearbeitet hat, kann konsumieren, und nachdem laufend konsumiert wird, muss auch laufend gearbeitet werden.

Glückskalkül schlägt Nutzen, Konsum sticht Produktivität

Es ist durchaus wertend, wenn Arendt den Homo faber vom Animal laborans unterscheidet. Das ist es auch, wenn sie festhält, dass Arbeitskraft keine Naturkonstante sei und eben nur in der Arbeit existiere – weshalb die Befreiung der Menschen von Arbeit auch keine Befreiung der Produktivität mit sich bringen werde, „die überschüssige Zeit des Animal Laborans wird niemals für etwas anderes verbraucht als Konsumieren, und je mehr Zeit ihm gelassen wird, desto begehrlicher und bedrohlicher werden seine Wünsche und sein Appetit.“

Arendt hält den Homo Faber für gescheitert. Nützlichkeit, eines der Ideale des Homo faber, habe lange dominiert, jetzt sei aber ein Glückskalkül vorherrschend. Und dem entspricht die Einfachheit der Arbeit, zusammen mit dem Versprechen, möglicherweise Reichtum zu produzieren, viel besser und müheloser.

Hanna Arendt gibt in Vita activa keine Handlungsanweisungen; auch direkte Wertungen fehlen großteils. Es ist allerdings eine klare Präferenz für das Aktive zu erkennen. Entscheidungsspielräume, argumentierte, nachvollziehbare Entscheidungen, Handlungsmöglichkeiten – all das sind erstrebenswerte Alltagselemente. Tätig und menschlich wird es für Hannah Arendt offensichtlich auch dort, wo Kommunikation unverzichtbar ist. Arbeiten kann man auch allein, Handeln und Sprechen nicht. Es ist aber weniger der Wert des Sozialen, der den großen Unterschied macht, sondern die Möglichkeit der Verständigung. Durch diese schaffen wir Beziehungen, bewegen wir etwas, sind wir eigentlich menschlich.

Freiheit, Verständigung, Beziehungen und Klarheit

Man kann Hannah Arendt kulturkritisch lesen und eine Klage über den Verfall von Fertigkeiten lesen. Man kann sie politisch lesen (wobei mich die zumindest zuletzt tendenziell stark linke Rezeption recht verwundert; Arendt hat schließlich schon vor 50 Jahren den Übergang von einer Klassen- zu einer Massengesellschaft diagnostiziert).
Ich sehe die für heute am meisten weiterdenkenswerten Gedanken vor allem dort, wo Arendt über Verständigung, Macht, Entwicklung und Herrschaft schreibt. Dort lässt sich auf mehreren Ebenen erkennen, dass das Fehlen von Bewegungsfreiheit, von der Freiheit, in Dialog zu treten (sei es durch Zwang wegen des Drangs, ausschließlich eigene Agenden durchzusetzen), von Sinn (weil kein Wert mehr auf Verständigung gelegt wird) und von der Möglichkeit (und Fähigkeit), frei und jederzeit zwischen Privatheit und Öffentlichkeit unterscheiden zu können, die eigentlichen Trennlinien sind, entlang derer sich tätiges und untätiges Leben unterscheiden.
Ich denke, dass in dieser Frage in unserer Zeit der Analyse von Kommunikations- und Verständigungsformen dabei die höchste Bedeutung zukommt. Auch dabei, im Gespräch, in der öffentlichen Unterhaltung, bewegen wir uns nämlich vom Herstellenden, Sinn stiftenden, zum bloß Platz Besetzenden und Geräusche Machenden.
Das Behaupten ersetzt Dialog und Diskurs und stellt und unterstützt Herrschaftsansprüche, von denen man sich später schwer wieder befreien kann.
Das ist noch kein ganz runder Gedanke und einer, der sich weniger auf Hannah Arendt als auf ein zeitgemäßes Equivalent zur ihrer Arbeit ausrichtet. Aber ich komme darauf zurück.

Michael Hafner

Michael Hafner

Datenanalyst, Wissenschaftshistoriker, Technologiephilosoph

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