Micromedien: Mehr Sturheit, bitte

Micromedien: Mehr Sturheit, bitte


Olivio Sarikas praesentierte auf dem Videocamp Vienna mit viel Elan ein Kooperationskonzept fuer Medien und User, das die Vorteile von klassischen Medien (Reputation, Reichweite, Finanzierung) mit den Vorteilen von usergetriebenen Onlinemedien (fachliches Knowhow, Authentizitaet, Tempo) kombinieren soll.
Der an sich begruessenswerte Plan sieht vor, eine Plattform zu entwickeln, auf der Produzenten aus diversen Bereichen Medien (Text, Bild und Video) zur Verfuegung stellen, Copyrights und Verrechnung abklaeren, damit “professionelle” Medien sich daraus bedienen, um ihre Berichterstattung zu ergaenzen, schneller mehr Material zu haben und das Wissenm der Crowd zu nutzen (fachlich sind User oft besser informiert als Journalisten).

Ich hoffe, ich habe das so weit richtig verstanden.

Und es erinnert mich frappant an Leserreporter-Konzepte von Medien wie VG, Aftenbladet, oe24 oder der Kleinen Zeitung, die teils schon wieder am Verschwinden sind.
Das Problem dabei war nicht, dass User zu wenig oder “schlechten” Content geliefert haetten.
Das Problem ist, dass trotzdem nur mehr vom gleichen verkauft wird. Praesenz in Medien schafft ja keine neue Realitaet: sie macht sie sichtbarer, bringt sie in darstellbare Form, faerbt sie, macht sie transportierbar, aber sie fuegt (hoffentlich) nichts hinzu.
Manchmal ist das schwer vorstellbar, aber es gab auch journalistische Arbeit vor dem Internet. Damls musste man mit Leuten sprechen; es brauchte manchmal (und das ist gerade mal 15 Jahre her), einen ganzen Tag um mit zwei Leuten zu sprechen, weil man sie nicht einfach googlen konnte und weil sie lieber persoenlich als am Telefon reden wollten.

Ich habe keine Zweifel daran, dass Nicht-Journalisten wertvolle Inhalte liefern koennen und dass das journalistische Handwerk (was Recherche und Aufbereitung von Information betrifft) gut erlernbar ist (Packeln und Schnueffeln dagegen sind eher Veranlagungssache), aber ich habe Zweifel, dass das die Medien die wir kennen brauchbarer macht. Klar, Faulheit ist ein wichtiger Faktor, und je leichter etwas geht, desto eher wird man es tun, aber dennoch bleibt es die Hauptaufgabe kommerzieller Medien, Klischees zu bestaetigen, Weltbilder zu reproduzieren und taeglich gewohnte Pfade zu gehen.
Mehr Information, die durch einen Filter laufen kann, aendert die Funktionsweise des Filters nicht.

Gibts auch einen produktiven Input von mir? Nachdem das Problem so alt ist, ist die Loesung nicht einfach. Ich sehe allerdings keinen Sinn darin, die klasschischen Medien als Lieferant zu bedienen, um deren Prozesse zu verstaerken.
Was ich jetzt nicht auf den Punkt bringen kann, was mich aber weiter beschaeftigen wird, ist eine Analogie des Umgangs mit Information zum Umgang mit Software, wie ihn Free Software-Prediger Richard Stallman in seinen Essays (als pdf oder als Buch) beschreibt.
Das trockene Fazit: Kreativitaet, Ideen, Wissen alleine sind nichts wert. Sie sind selbstverstaendlich, ueberall verfuegbar, recherchierbar und ersetzbar – das haben wir uns mit den omnipraesenten Medien und der Kommunikation in Lichtgeschwindigkeit eingebrockt.
Nur die Umsetzung zaehlt (das habe ich – ungenau – hier zu sagen versucht). Viel schoener fasst das eben Rochard Stallman: Software – und andere Ideen – sollten keinen Besitzer haben, und selbst wenn man an der Idee ( am Copyright) verdienen koenne – viel mehr gibt es an Customizing, Wartung und Dokumentation zu verdienen.
Der Verzicht auf das schnelle Geld durch die Abloese von Rechten ist kein karitatitver Akt, sondern ein Zeichen der Macht. Wir schaffen etwas, was wir ausbauen und kontrollieren koennen.
Deshalb – und weil es ihnen die Macht in die Haende zurueck spielt – sollten wir unser Material nicht den alten Medien ueberlassen. Abgesehen davon, dass es sie ohnehin nicht interessieren wird.

Trotzdem brauchen wir noch immer funktionierende Geschaeftsmodelle. Was in der Softwareentwicklung zu funktionieren scheint, gibt es fuer die Medienwelt noch nicht. – Noch immer ist nicht fuer jeden klar, dass ein schlecht formulierte Text ebenso kontraproduktiv ist wie schlechter Code. Aber auch die Verbreitung dieses Wissens sabotieren klassische Medien durch schlechte Recherche, formloses Gestammel mit erzaehlerischen Maengeln im Radio oder unvollstaendige und unkorrekte Formulierungen und nicht funktionierende Metaphern und Redewendungen in gedruckten Texten.
Moechte da wirklich jemand frewillig mitspielen?

Michael Hafner

Michael Hafner

Datenanalyst, Wissenschaftshistoriker, Technologiephilosoph

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