Sin City München: Frank Schmolke, Nachts im Paradies

Auch die packendsten Graphic Novels zeigen mir immer wieder, was (für mich) mit dem Genre nicht so ganz stimmt.

Ein großformatiger Ziegel mit geprägter und lackierter Schrift auf dem Cover, zielgruppenspezifische Pressearbeit, in der für jeden Geschmack eine Story dabei ist – da sieht man, dass es ein Verlag ernst meint mit einem Buch.
Die Edition Moderne setzt dieses Sommer auf Frank Schmolkes „Nachts i Paradies“. Und das völlig zu Recht: Es ist eine toll erzählte Story mit einigen packenden Bildern, erzählt etwas über München, über alternde Männer, über Taxifahrer, Unterwelt und das Oktoberfest.

Das macht Freude beim Lesen, die Story zieht den Leser direkt ins Buch, man frisst sich durch mehr als 300 Seiten – und dann ist es plötzlich vorbei.
Ich habe bei praktisch allen Graphic Novels das Gefühl, dass es gerade erst angefangen hat, sie hinterlassen einen unvollständigen Nachgeschmack als hätte man gerade nur an der Oberfläche gekratzt.
Manche sind schlecht erzählt, manche treten ein Thema breit, zu dem sie keinen Zugang finden, der mehr als fünf Seiten Story rechtfertigen würde, andere erzählen gar nichts, sondern verstecken sich hinter einem Thema oder einem Namen, das oder der sich gut verkaufen lässt, und manche sind eben wirklich toll erzählt und fühlen sich trotzdem an wie nur ein kurzes Streiflicht.

Bei Erzählern wie Frank Schmolke liegt das nicht an erzählerischen oder dramaturgischen Schwächen. Ich frage mich eher, ob das nicht eine Angelegenheit des Formats ist. Die erfolgreichsten Comics sind schließlich nicht von ungefähr Endlosserien, die Generationen begleiten. Comics erzählen nicht nur auf der Textebene eine Story, sie entwickeln Bilderwelten, oft auch noch eigene Universen mit eigenen mehr oder minder fantastischen Gesetzen – das braucht Zeit und Raum und ist Arbeit. „Nachts im Paradies“ hat über 300 Seiten, das zeichnet sich auch nicht in zwei Wochen (oder Monaten).

Wen die Story anspricht – unbedingt lesen, ist jeden Euro und jede Minute wert. Aber auch Sin City hatte dann nicht umsonst mehrere Teile …

Michael Hafner

Michael Hafner

Zufallsempfehlungen

Jö, Meinungswut!

Herrlich: Eine Gruppe von Herausgebern und PR-Bossen, die selbstverständlich noch nie mit den Instinkten ihrer Leser und Zielgruppen gearbeitet haben, immer nur mit deren Intellekt,

Trading on the Trust Exchange

Forget stocks. Trust is the dominant value, the really rare equity of these days. Investing in trust, finding the right hints, dealing with promising options

Sonst noch neu

Zygmunt Bauman, Wieder allein

Allein sein ist nichts Schlechtes. Man muss nur bereit sein, sich zu bewegen Verantwortung zu übernehmen und für sich selbst zu sprechen – dann kann immer noch so etwas wie Ethik existieren.

LauraWiesboeckInbessererGesellschaft

Laura Wiesböck, In besserer Gesellschaft

Ich kann auch nach der Lektüre nicht sagen, welches Problem Wiesböck in diesem Buch thematisiert. Das liegt höchstwahrscheinlich daran, dass ich eine grundlegend andere Auffassung von Problem habe.

Hannah Arendt, Über das Böse

Zählen meine Regeln oder die der anderen? Arendt zeichnet die Verschiebung moralischer Regeln von innen nach außen nach und zeigt, warum Verantwortung, Verhandeln und Verstehen die wichtigsten Eckpfeiler gegen „das Böse“ sind.

Was alles gesagt werden muss

Zwei Bücher von jungen Autorinnen, die manchmal sehr weit ausholen, werfen für mich die Frage auf, welchen gemeinsamen Boden man noch teilt. Und was warum neu beschrieben werden muss.

Die Greta-Grenze

Polarisierung ist eine Art Volkssport – vor allem zu Belustigung von Wahlkämpfern und Kommentatoren. Dabei lohnt es sich vor allem darauf zu achten, wer sich worüber polarisiert erregen kann.