Ist die Temporäre Autonome Zone die Urform des Enterprise 2.0?

Bei weiteren Notizen zur Idee des Enterprise 2.0 Kontinuum musste ich an Hakim Bey denken. Der Querdenker und Orientalist (damals, als man noch nichtmal in den USA dafür ins Gefängnis wanderte) Peter Lamborn Wilson beschrieb mit der Temporären Autonomen Zone ein Konzept vorübergehender Freiheit: Selbst wenn der vollständige Umsturz unwahrscheinlich ist (und auch nichts ändern würde), liegt es doch immer wieder an uns, Entscheidungen zu treffen. – Wer sonst sollte es denn tun? Das gilt nun auch im Unternehmen.


Unternehmen sind oft entscheidungsfreie Räume. Je größer und organisierter Unternehmen sind, desto weniger Entscheidungen können getroffen werden, desto eher müssen Auswahlverfahren auf Abstimmungsprozesse, Empfehlungen und den Ausschluss von Alternativen gestützt werden.
Was Sachlichkeit garantieren soll, wälzt Entscheidungen ab. Je nach Sichtweise bedeutet das Zwang und Verantwortung oder Wahlmöglichkeit und die Chance, Vorgaben zu geben. – Je höher ein Entscheidungsgremium ist, desto weniger entscheidet es selbst; es stützt sich auf Empfehlungen und vorbereitete Unterlagen.
Darin liegt die Chance auf Autonomie. Vorgaben, Analysen, Empfehlungen werden von unten entwickelt – und bestätigt oder nicht – Die Notwendigkeit der Bestätigung ist natürlich ein Schönheitsfehler im Autonomiegedanken, ebenso wie irgendjemand immer autonom ist. Und das heisst letztlich: Wer keinen Gebrauch von seiner Bottom-up-Autonomie macht, spielt damit wieder machtbasierten Entscheidungen in die Hände. Deshalb ist auch die Autonomie im Unternehmen immer nur temporär, und manchmal ist es eben nur der Vorstand der von seiner (temporären) Autonomie Gebraucht macht.

Was heisst das jetzt für die vier Dimensionen im Enterprise 2.0-Kontinuum? Die Infrastruktur-Ecke, in der die Möglichkeiten des eigenen Handelns geschaffen werden, braucht auch eine Organisationskomponente. Es ist der Quadrant zwischen Infrastruktur und Netzwerk, in dem wir unsere Zonen platzieren können. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Sie leben nur, solange wir handeln. Aber auch das ist, nüchtern betrachtet, bei den meisten kollaborativen, sozialen, crowdorientierten 2.0-Aktivitäten der Fall…

Michael Hafner

Michael Hafner

Zufallsempfehlungen

Kriegsrhetorik ist soziale Genmanipulation

Bernard-Henri Lévy will Krieg. Barack Obama will das nicht. Die Kronen Zeitung veröffentlicht weiter IS-Propaganda. Österreichische Politiker formulieren abstruse Theorien zu Überwachung, rachsüchtigem Christentum und Jesus’ Schwertern. Und jetzt?

Moses Isegawa, Schlangengrube

“Schlangengrube” ist ein historischer Roman über den Terror Idi Amins in Uganda, “State of Blood” liest sich wie die Vorlage dazu.

Sonst noch neu

Hannah Arendt, Über das Böse

Zählen meine Regeln oder die der anderen? Arendt zeichnet die Verschiebung moralischer Regeln von innen nach außen nach und zeigt, warum Verantwortung, Verhandeln und Verstehen die wichtigsten Eckpfeiler gegen „das Böse“ sind.

Was alles gesagt werden muss

Zwei Bücher von jungen Autorinnen, die manchmal sehr weit ausholen, werfen für mich die Frage auf, welchen gemeinsamen Boden man noch teilt. Und was warum neu beschrieben werden muss.

Die Greta-Grenze

Polarisierung ist eine Art Volkssport – vor allem zu Belustigung von Wahlkämpfern und Kommentatoren. Dabei lohnt es sich vor allem darauf zu achten, wer sich worüber polarisiert erregen kann.

Schnitzelpolitik: Im Frittierfett der Moral

Neuerdings wollen sich so manche in der Politik von der Moral verabschieden. Das liegt aber vermutlich daran, dass sie selbst nicht verstehen, wovon sie reden – und auch keinen Wert darauf legen, verstanden zu werden. Die Geste reicht.

Francis Fukuyama, Identity

Fukuyamas Analyse des Identitätsbedürfnisses findet auch keine neuen Lösungen. Das ist aber weniger sein Problem als das von Identitätspolitik.