Was alles gesagt werden muss

Zwei Bücher von jungen Autorinnen, die manchmal sehr weit ausholen, werfen für mich die Frage auf, welchen gemeinsamen Boden man noch teilt. Und was warum neu beschrieben werden muss.

Ich bin unschlüssig. Eher zufällig habe ich kurz nacheinander zwei Bücher zweier junger, wenig bekannter Autorinnen gelesen. Beide Autorinnen haben der Form nach mit mir wenig gemeinsam, beide schreiben Bücher, mit denen sie neue Perspektiven zeigen, den Blick verlagern wollen.  Und beide Bücher erstaunen vor allem deshalb, weil wirklich verwunderlich ist, was die Autorinnen alles für erklärungsbedürftig, erwähnenswert oder für relevante Information in einer Story halten. Damit bin ich noch gar nicht bei künstlerischen Aspekten. Ich sehe diesen Anspruch, eine Welt erklären zu wollen, eher als ein soziales Phänomen; Kunst unterscheidet sich dann recht wenig von Gesprächen (gern auch mit Revolutionsphantasie), die Social Media-Berühmtheiten hervorbringen.  Fallweise, um es andersherum zu sehen, haben diese Bücher auch den alten weißen Mann in mir getriggert. 

Die Autorin Schwarzrund hat mit „Biskaya“ einen „afropolitanen Roman“ über das Leben dunkelhäutiger Menschen in Berlin geschrieben. Die ProtagonistInnen sind großteils queere KünstlerInnen, auch sonst ist das Szenario kein ganz Altägliches: Es gibt Tote, Attentate und historisch bedeutsame Familienverwicklungen.  Manchmal kommt auch in den Dialogen oder inneren Monologen ein geradezu hemingwayesker Holzhammer zum Einsatz, der dann weniger für Klarheit als für Überraschung sorgt, gelegentlich auch für Befremden.  Was aber am meisten verwundert, sind jene Passagen, in denen Identityfragen gar so schwer von Fragen Heranwachsender zu unterscheiden sind, in denen sich das Problem in einem einfachen „Ihr seid alle Scheiße“, „Bin ich denn allein mit …“ materialisiert. 
Gerade für jemanden, der auf der immer Suche nach anderen Perspektiven ist, ist das erstaunlich. In „Biskaya“ spielen Genderbezeichnungen und uneindeutige Familienverhältnisse eine große Rolle, zehnjährige Kinder thematisieren Gender- und Identitybewusstsein – wenn die Protagonisten dann aber reden, bleiben sie uneindeutig, führen Dialoge wie aus Lifestylezeitschriften und brauchen die Dümmsten als Staffage, um ihren Punkt machen, ihre Story anbringen zu können. 
Gut, das könnte auch Taktik sein. Die Vorgehensweise, die dümmsten Argumente für eine Sache anzuführen, um dann genüsslich dagegen polemisieren zu können, ist das seit bald 30 Jahren die Sackgasse der Political Correctness-Kritik.  Als neugieriger Leser ist man dann etwas enttäuscht. 

Daria Bogdanska beschreibt in der Graphic Novel „Von unten“ ihre Erfahrungen als polnischen Einwanderin in Schweden, die dort eine Kunstschule besuchen und Studentenjobs machen möchte. Sie landet in einem indischen Restaurant, in dem Personal ohne Vertrag unter Kollektiv ausgebeutet wird, hat Freunde aus der Punkszene und landet schließlich bei einer Gewerkschaft. Die allerdings kann auch nichts weiter tun, als ihr zu raten, sich zu wehren – auf das Risiko hin, den Job zu verlieren.  Es gibt ein Happy End, der Böse wird besiegt und muss Strafe zahlen – aber der Weg dorthin ist auch von recht vielen Platitüden gepflastert.
Daria und die Punks träumen von Revolution, ergehen sich in Überlegungen, dass sich gesellschaftlich etwas ändern muss, wenn sie nicht ewig arm bleiben sollen, bedauern die, denen es noch schlechter geht als ihnen und die deshalb nicht mal zur Gewerkschaft können – und sagen keinen Satz, den man nicht schon vor fünfzig Jahren hätte sagen können. 
Letzteres ist durchaus ein soziales und politisches Problem. Auf der künstlerischen Ebene ist es eine Belanglosigkeit. Auf der gesellschaftlichen Ebene wirft es die Frage auf, wo junge AutorInnen meinen, ansetzen zu müssen.  Warum müssen die gleichen Überlegungen wiederholt werden? Wem müssen sie erklärt werden? Ist es Wissen, das vermittelt werden soll, ist es Meinung, die argumentiert werden muss? Werden die vielfältigen Berührungspunkte und Anknüpfungsmöglichkeiten ignoriert, weil man sie nicht kennt, weil sie verkannt werden, weil sie aus irgendeinem nicht ersichtlichen Grund ihre Bedeutung verloren haben? Ist es wichtig, möglichst voraussetzungsfrei schreiben zu können, oder zumindest die Voraussetzungslosigkeit behaupten zu können? 

Ich sehe beides als Indiz dafür, wie logische und historische Zusammenhänge ignoriert werden. Menschen beziehen Position, und dabei ist nicht einmal wichtig, ob sie wissen, in welcher Umgebung sie sich mit ihrer Position befinden, welche Bezüge damit verbunden sind. Damit geht aber auch viel an Bedeutung verloren – historische Parellelen oder logische Konsequenzen gelten als lästiges Beiwerk, als Einschränkung der individuellen Position, als Paternalismus, der die Originalität der eigenen Stimme in Frage stellt.  Stattdessen ist Individualität der relevante Masstab, das Kriterium, das jeden Einwand entkräften kann und so zur Wurzel eines neuen Absolutismus wird.  In einer extrem vielstimmig gewordenen Welt mag es durchaus ein angemessener Weg sein, auf den Tisch zu hauen, unbeirrbar zu bleiben und einfach eine eigene Linie zu behaupten. Ich sehe darin – eben im Behaupten – sogar wirklich relevante Fähigkeiten. Allerdings gehört etwas dazu, das diesen beiden Büchern über weite Strecken fehlt. Aber wenn ich das jetzt als einen souveränen Umgang mit Wissen beschreibe, dann oute ich mich vollends als alter weißer Mann. 

Michael Hafner

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