Zizeks “Sex”-Outing ist ziemlich traurig

Auch Philosophen sollten mehr Sport machen. Training hat schließlich mit Logik zu tun und führt zu anscheinend dringend notwendigen Erkenntnissen über den Körper.

Ach herrje, es ist ja oft ein Vergnügen, Texte derart abstrakter Denker wie Zizek zu lesen, weil sie selten konkret werden, weil sie Spielraum lassen, manchmal auch anregen. Umso schlimmer ist es dann oft, wenn sie konkret werden.
Wenn Slavoj Zizek mit Gewalt Dinge in Popkultur reinlesen will, dann ist das ok. Schließlich regt auch Popkultur zum weiterspinnen an. Wenn er um jeden Preis brachialrevolutionäre Phantasien herbeischreiben möchte und mit Werkzeugen der Siebziger Jahre Entwicklungen von heute – dazwischen liegen bald fünfzig Jahre – erklären möchte, ist das im besten Fall lächerlich, im schlimmsten Fall ungewollt zynisch und dumm. Wenn er über Sex schreibt, wird es haarsträubend.

In der NZZ fabuliert Zizek etwas von der Entsublimation des Sex durch den Feminismus, von der Rückeroberung der Vulva, die „unsexy“ sei. Es ist ein sehr schwacher Text, der mich zumindest geradezu entsetzt zurücklässt. Da ist ein Mann jenseits des Erwachsenenalters auf Körperteile fixiert, ohne sie als Körperteile zu sehen, er verbindet sie mit einem Mysterium, das ihnen erst angedichtet werden muss und ist enttäuscht, wenn deren biologische Funktionsweise ans Tageslicht kommt.
Hey, dabei kann man doch viele praktische Dinge lernen!, könnte man jetzt zumindest aus bildungsbürgerlicher Sicht entgegensetzen.

Wollte man auf all die absurden Vermutungen, Verknappungen und an den Haaren herbeigezogenen Zusammenhänge eingehen, die Zizek in seinem Text bemüht, und dabei über Sex reden – man könnte auch nur in ein großes Fettnäpfchen stolpern und ein Musterbeispiel von too much information liefern.
Ich würde es sogar unbezweifelt stehen lassen, dass es das Unerreichbare ist, das uns antreibt, und dass es eine der größten Enttäuschungen wäre, wenn wir dieses wunderbarerweise erreichen könnten (das ist eine Variante von Lacan psychoanalytischer Trieblehre, die in praktisch jedem Zizek-Text auftaucht).

Aber die Vorstellung, dass all das den Bach runtergehen soll, weil man mehr über die Funktionsweise eines Körperteils weiß … – auch Philosophen sollten mehr Sport machen. Training hat schließlich auch etwas mit Logik zu tun, und der Körper (egal welcher Teil) macht dann gleich mehr Platz für aufregendere Mysterien.

Und auf der professionellen Seite liegt diese Erkenntnis auch die Vermutung nahe, ich hätte mir bislang zu viel MPhe gegeben, in Zizek-Texten Sinnvolles zu entdecken, sie wohlwollend und konstruktiv zu lesen. Dieser Vulva-Text jedenfalls ist dumme planlose Faselei.

Michael Hafner

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