Malcolm Gladwell, Talking to Strangers

Gladwell ist ein Bestseller-Produzent. Seine Bücher verkaufen sich Millionenfach, seine Podcasts werden hunderte Millionen Mal gehört – ein Medienmensch der Stunde, der Themen setzt und Richtungen vorgibt.  Der Podcast „Revisionist History“ erzählt historische Details neu – und ist manchmal durchaus schwer greifbar. Gerade Podcast-Skeptiker haben es schwer, sich in dem Schwall an Information zurechtzufinden, es wird beim Zuhören eine Frage immer lauter: Warum höre ich das jetzt? 

Um das Bestseller-Phänomen Gladwell besser kennenzulernen, habe ich es also mit seinem aktuellsten Buch versucht – und ein wenig geht es mir damit ähnlich. Gladwell beschäftigt sich mit Missverständnissen mit anderen und untersucht Fälle besonders plakativer Missverständnisse und Fehleinschätzungen. Dazu vermischt er psychologische Forschung mit wahren Begebenheiten und schöpft dabei aus dem Vollen: Übergelaufene kubanische Spione, Doppelagenten in den Reihen amerikanischer Geheimdienste, die fälschlicherweise wegen Mordes an ihrer Mitbewohnerin verurteilte Amanda Knox, der britische Vorkriegskanzler Neville Chamberlain und College-Vergewaltiger Brock Turner sowie diverse Pädophile sind nur einige spekatuläre Statisten in Gladwells Buch.  Nichts gegen plakative Beispiele. Allerdings kommen mir die Thesen, die diese Beispiele illustrieren sollen, mitunter etwas zu kurz.  Einer von Gladwells Punkten ist, dass wir uns selbst in der Regel für recht komplex und individuell halten, das aber anderen gerne absprechen. Ein anderer ist, dass wir mit weniger Information mitunter bessere Entscheidungen treffen als mit aufwendiger gesuchter weiterer Information, wenn uns diese mit einem falschen Gefühl der Sicherheit zu Spekulationen verleitet. Gladwells Beispiel dafür ist Chamberlain, der die Kriegsgefahr einschätzen und deshalb Hitler kennenlernen wollte und nach Gesprächen zum Entschluss kam, dass man sich auf Hitlers Wort verlassen könne.  Eine andere These ist, dass Situation und Kontext eine Rolle dabei spielen, wie sich andere verhalten – obwohl wir das gerne übersehen. 
Die Thesen bleiben eher anekdotisch. Bei all den eingestreuten Beispielen fällt es schwer, bei der Sache zu bleiben; natürlich ist es, ob der faktenreichen Recherche, trotzdem fesselnde Lektüre.

Für Leser, die Thesen und Argumente erwarten, die sich weniger mit Beispielen und spektakulären Anekdoten, die schließlich alle schon von aktuellen Medien durchgespielt wurden, beschäftigen wollen, bleibt dann aber wenig übrig.  Gladwells Buch kann alles bedeuten, es hält sich alle Wege offen. 
Das macht es einerseits ein wenig unbefriedigend. Andererseits sind Gladwells Bücher wohl Paradebeispiele, wie sich Bücher zum Produkt werden. Sie haben einen griffigen Titel und stellen eine spannende Frage, bieten Reibungsfläche für Journalisten, die sie in beliebiger Richtung auslegen können, und füllen den Raum zwischen einzelnen Überlegungen mit sehr langen Nacherzählungen spektakulärer Kriminalfälle.  Aus Sicht des Autors und Verlegers ist das bewunderns- und beneidenswert.  Aus Sicht des denkenden Lesers ist das auch ein wenig schade. 

Aber es lag wenigstens nicht am Podcast-Format, dass ich mir laufend die Frage stellen musste, warum ich das jetzt lese oder höre.