Neil Lawrence, The Atomic Human

Menschen denken besser als Maschinen. Menschen haben auch mehr Möglichkeiten, relevante Umgebungen und Abhängigkeiten einzubeziehen. Aber beim Tempo des Datenaustausches sind Menschen Maschinen um ein Vielfaches unterlegen. Die Bandbreite, mit der Menschen kommunizieren (und damit lernen, vermitteln, regieren, analysieren) können, ist ein Bruchteil der Bandbreite, die Maschinen zur Verfügung steht.

Das menschliche Gehirn, meint Lawrence, ist ein Formel 1-Bolide auf Fahrradrädern. Maschinelle Intelligenz ist dagegen ein Gokart, aber mit angemessener Bereifung – es bringt seine Power problemlos auf die Straße. 

Das eröffnet die Frage: Können Maschinen ihren Bandbreiten-Vorteil ausnützen? Wie können Menschen diese Bandbreitendifferenz überbrücken von von Maschinen profitieren? Und was wird vom Menschen übrig bleiben, wenn mehr und mehr einst Menschen vorbehaltene Aufgaben an Maschinen delegiert sind? 

Letzteres ist die titelgebende Frage dieses Buch: Atomic ist das Unteilbare, das was nicht systematisiert und automatisiert werden kann. 

Lawrence holt in seinem Buch weit aus und erzählt eine ganze Geschichte der Informatik aus der Perspektive des Machine Learning-Experten. Die Kriegs-Erfolge mit der Entschlüsselung von Enigma und Lorenz Cipher, der Bau der ersten programmierbaren Computer, die Idee, die Funktionsweise biologischer Neuronen nachzubauen (noch heute das Leitbild des Deep Learning) sind alles direkte Schritte auf dem Weg zu aktuellen AI Versionen.

Einer der kritischsten Punkte in der Entwicklung hin zu mächtigen künstlichen Intelligenzen sieht Lawrence in der Rollout-Geschwindigkeit. Während bei Microsoft um die Jahrtausendwende Produktentwicklungszyklen noch zwei Jahre dauerten – es dauerte also bis zu zwei Jahre, bis eine Coding-Idee den Weg in ein veröffentlichtes Produkt fand -, verkürzten Entwicklungsorgaisationen bei Social Media Plattformen diese Phase auf wenige Tage. Facebook führte früh wöchentliche Deployments ein. Das Tempo war dank viele Teams und kleiner Tasks möglich – über die bald niemand außer einer technischen Überwachungslogik den Überblick hatte. Technisch passten die Entwicklungsschrittte zusammen, was Features und Schnittstellen für das Gesamtprodukt und dessen Möglichkeiten bedeutete, geriet außer Sichtweite. Die Facebook-Führungsebene mag tatsächlich überrascht gewesen sein, als Trollfabriken und Cambridge Analytica den Social Graph ausnützten – vielleicht hatte man wirklich noch nie so auf das eigene Produkt geblickt. Man hatte eine Maschinenwelt geschaffen, die nicht mehr nach menschlichen Regeln und nicht für Menschen funktioniert. Maschinen mit ihrer höheren Kommunikationsbandbreite können sich auch über so schnell wachsende und sich verändernde Systeme austauschen. Menschen können das nicht. Menschen fehlt der Überblick, Menschen fehlt die versichernde, einen Zusammenhang herstellende gemeinsame Grundlage. Gerade weil Menschen nicht so schnell und präzise kommunizieren können, sind sie auf dieses grundlegende Vorverständnis angewiesen, auf einen für alle geltenden Rahmen. Maschinell geschaffene Welten stellen diesen Rahmen in Frage, Desinformation stellt ihn in Frage, AI kennt ihn gar nicht, sondern simuliert ihn allenfalls. Wo AI entscheidet, sind menschliche Gewissheiten nicht mehr gewiss. Das ist einer der Punkte, die Mark Coeckelbergh in seinen AI-Studien immer wieder betont.

Deshalb sind Nachvollziehbarkeit und Transparenz wichtige Sicherheitskriterien für AI. Sie bedeuten nicht nur, ob wir AI-Entscheidungen nachvollziehen können und eine Chance haben, sie einschätzen zu können. Transparenz und Nachvollziehbarkeit entscheiden auch darüber, wer über den Zugang zu Information entscheidet: Entscheiden Menschen, mit welchen Informationen AI zu welchem Zweck gefüttert wird? Oder entscheidet AI, welche Einblick der Mensch noch bekommt, nachdem AI-Systeme ihre Entscheidungen getroffen haben?

AI hat das Potenzial, zu einem System Zero zu werden, schreibt Lawrence in Anlehnung an Daniel Kahnemanns System 1 und System 2: System 1 ist schnelles Denken, das spontane und intuitive Entscheidungen trifft. System 2 ist langsames Denken, das reflektiert und hinterfragt. System Zero wäre eine vorgelagerte Ebene, die Entscheidungen vorwegnimmt, filtert, uns einschränkt und bestimmt, worüber zu denken wir überhaupt noch Gelegenheit haben.

AI sollte nicht vorrangig als Effizienzwerkzeug zur Automatisierung gesehen werden, meint Lawrence. AI könnte auch ein nützliches Introspektionstool sein, das uns lehrt, wir Denken funktioniert, wie Technik funktioniert, wodurch wir uns von Maschinen unterscheiden, was sie besser können und was wir ihnen niemals überlassen sollten.

Ich bin mittlerweile überzeugt: Der wichtigste positive Effekt von AI, so es einen gibt, wird es sein, dass Menschen sich mit Logik, Datenstrukturen und Datenformaten auseinandersetzen müssen. Das verschafft einen handfesten Vorsprung in einer digitalen Welt. Die Schattenseite: Damit sinkt der Anteil der potenziellen AI-Profiteure noch einmal deutlich.

Peter Pomerantsev: How to Win an Information War

Sefton Delmer wuchs als Kind australischer Eltern im Berlin der Zwischenkriegszeit auf, emigrierte nach England – und wurde zu einem der wichtigsten Protagonisten der britischen subversiven Gegenpropaganda. Er sendete auf eigenen Radiokanälen, kaperte mit britischen Radiotechnikern offizielle deutsche Frequenzen, wenn diese während Luftalarms ihren Betrieb einstellten, und sendete verwirrende Informationen, und entwickelte Kunstfiguren, die einen Keil zwischen deutsches Militär und NSDAP treiben sollten.

Pomerantsev gleicht Delmers Biografie mit weiteren Quellen ab und kreist immer wieder um die Frage, wie weit Delmer begeisterter Demokrat war, dem die Zweck die Mittel heiligten, oder selbst von der Dynamik der Propganda mitgerissener Profi-Propagandist. Die Antwort ist nicht eindeutig.

Selmer war auf mehreren Ebenen umstritten: Konnte man jemandem vertrauen, der deutsch sozialisiert war? War er vielleicht ein Kommunist? Als Journalist hatte er in den 20er Jahren öfters Hitler getroffen, war er sein Doppelagent?

Dann waren da seine Methoden: Mussten die Sendungen klingen, wie von Nazis gemacht? War es notwendig, sexuelle Anspielungen und Gerüchte zu streuen? Und musste die derbe sexualisierte Fäkalsprache wirklich sein?

Und schließlich die Frage des Erfolges: Einige der in Delmers Radiosendungen erfundenen Fake Stories schafften es innerhalb weniger Tage in die “echten” Medien auf beiden Seiten der Propaganda und hielten sich dort erstaunlich lang. Delmer verbucht für sich, die Figur des guten ehrenhaften deutschen Soldaten erfunden zu haben. Eine Figur, die manche Wehrmachtsangehörige nach dem Krieg bemühten, um sich selbst in ein besseres Licht zu rücken. Manche feierten Delmer dafür, andere kritisierten ihn dafür, feindlichen Soldaten einen Ausweg aufgezeigt zu haben, und andere bezweifelten, dass Delmers Sendungen so erfolgreich gewesen wären. Delmer selbst kokettierte sogar mit schlechtem Gewissen, mit der Lüge von Widerstandsnestern in der Wehrmacht Stauffenberg zu seinem erfolgreichen Hitler-Attentat verleitet zu haben.

Was machte Delmers subversive Propaganda erfolgreich und was davon kann auch heute noch nützlich sein? Für Pomerantsev ist der Schweinehund die zentrale Figur. Und er soll nicht überwunden oder erzogen werden, er soll gefüttert und gestreichelt werden. Propaganda darf nicht an Vernunft oder Moral appellieren, sie darf sich nicht an Gleichgesinnte wenden und diese unterstützen, sie muss zersetzen und Zwietracht schüren. Propaganda muss aussprechen, wofür sich der Wutbürger im Anfangsstadium noch geniert, sie muss enthemmende Idole schaffen. In Delmers Fall sollte sie Soldaten und deren Familien gegen Parteimitglieder aufbringen, die nicht an der Front waren, Sonderrationen und andere Privilegien bekamen und einsame Soldatenfrauen belästigten. Alle Details waren frei erfunden, der Verbreitung der einzelnen Storys war das eher förderlich.

Nett war das nicht, aber nützlich.

Mark Coeckelbergh: Technofascism

Alles Faschos außer Mutti (oder eher so wie Mutti) – Faschismusdiagnosen sind ein universelles Aufmerksamkeitsmittel schlampig geführter politischer Debatten. Umso wichtiger ist es, Kampfbegriffe sparsam einzusetzen und, wo sie doch verwendet werden, genau zu lesen.

Mark Coeckelbergh verwendet den plakativen Begriff Technofaschismus. Und auch hier mus man genau lesen: Die Diagnose des Technofaschismus besagt nicht, das Technologie politischen Faschismus unterstützt oder fördert, sie besagt auch nicht, dass Technologie notwendigerweise politisch problematische Züge tragen muss. Der recht kurze Essay zeichnet funktionale, ästhetische und soziale Paralleln zwischen historischen Faschismus und aktueller Digitalpolitik nach. Und die sind stellenweise deutlich.

Beide profitieren von teils als negativ empfundenen Entwicklungen der Moderne. Verbindungen sind gekappt, Menschen sind in ihrer Orientierung sich selbst überlassen, Autoritäten und Traditionen schwinden. Für die einen bedeutet das Freiheit, andere lassen sich gern von neuen Autoritäten führen.
Neue Autoritäten führen esoterisch und emotional: Es gibt kein klares Ziel, keine Argumente, keine Lösungen, es gibt vages Gefühl, Ärger und die Beschwörung geheimer Substanzen. Diese Substanzen sind Volksidentitäten, Rassen oder eben unhinterfragte Konstruktionen wie Innovation oder Digitalisierung als Wert per se.

Deshalb müssen auch Experten und Führerfiguren an die Macht. Sie können steuern, sie haben Wissen – sie sollten nicht von demokratischen Institutionen gebremst werden, in denen Nicht-Experten gleiches Gewicht haben wie Experten. Sie sollen sich auch nicht Einwänden von „sogenannten Experten“, also Wissenschaftlern und Forschern, stellen müssen. Das Ziel der glorreichen Zukunft steht über diesen Sorgen.

Das führt zu einer Entwertung von Nachdenklichkeit. Das Ziel ist klar, die Richtung ist klar, ein zweiter Gedanke, eine zweite Meinung sind überflüssiger Ballast auf dem Weg nach vorn. Denken, das nicht rein der konkreten Problemlösung dient, zersetzt den Willen zur Zukunft.

Weil die Tech-Eliten wissen, wo es lang geht, sind auch digitale Überwachung und Kontrolle kein Thema. Das ist Teil des Geschäftsmodells, das ist notwendig, um auf dem Weg in die Zukunft zu beschleunigen – denn das bringt Daten.

Abgerundet wird diese Dynamik durch die Eigenschaft des Digital-Utopismus, sich selbst als Lösung für selbst geschaffene Probleme zu inszenieren. Nahversorgung ist tot? Kauf online. Du bist einsam? Freunde dich mit einem Bot an. Du suchst nach Mitbestimmung und Gestaltungsspielraum? Leb dich mit Chatgruppen oder Onlinepetitionen aus. Surrogate schaffen Ablenkung und werden kurzfristig als Lösung empfunden. Um die Deutungshoheit entbrennt ein Kulturkampf: Ist Innovation ein Wert, kommt Innovation aus Freiheit? Oder dürfen wir die Entwicklung zu steuern versuchen, dürfen wir in die Suche nach „mehr“ Werte reklamieren?

Ihre Zuspitzung erfährt die Debatte in den Konstruktionen von effektivem Altruismus und Transhumanismus. Dort argumentieren Menschen beispielsweise: Was ist wichtiger, das Glück weniger oder das Glück vieler? In Zukunft werden (bis zum Weltuntergang) weit mehr Menschen auf der Erde leben als jetzt, also ist das Glück der Künftigen wichtiger als das Glück der Jetzigen. Also dürfen wir Innovation nicht ausbremsen, müssen Experimente wagen, dürfen der Marskolonisierung und anderen Tech-Utopien nicht im Wege stehen uns sich nicht mit der beschränkten Rationalität unserer Gegenwart kritisieren.

Die etwas sanftere Kehrseite dieses Prinzips ist eine digitale Variation von Brot und Spiele. Wir haben Beteiligungssurrogate, universell verfügbare Kommunikation, allgegenwärtiges Entertainment, es gibt für jedes Bedürfnis eine zumindest oberflächliche Lösung – „we are dominated through pleasure and convenience“, schreibt Coeckelbergh, und ich finde, das ist eine sehr schöne Formulierung.

Der Essay ist per Open Access verfügbar.

Alex Tapscott: Web3

Das Buch ist keine drei Jahre alt, liest sich aber wie eine Vision aus dem vorigen Jahrhundert. Das liegt nicht daran, dass es so weitreichende sich schnell vollziehende Entwicklungen beschreibt, sondern am Sprachduktus der Neuigkeit, der Veränderung, der noch nicht abschätzbaren Entwicklungen, die sich eben erst abzeichnen, und von denen noch nicht klar ist, wie sie über uns hereinbrechen werden. Das haben wir 1995 über das Web erzählt, 2002 über Web 2.0, 2008 über das Social Web, zwischendurch über das semantische Web, 2015 über Big Data, seit 2020 über KI und jetzt auch über Web3.

Web3 kreist technisch rund um den Einsatz von Blockchain-Technologie und Wallets, ideologisch um Selbstbestimmung, Dezentralisierung und Desintermediation. Das sind die gleichen Versprechen, die seit 1995 in unterschiedlicher Intensität enttäuscht worden sind und seither mit laufend neuen Produkten ihre ständige Wiederkehr feiern. Bekannteste und erfolgreichste Web3-Umsetzung ist Bitcoin: ein ohne institutionen handelbares, theoretisch von jedermann erzeugbares und nicht zentral kontrollierbares Produkt.

Viel mehr ist bis jetzt nicht dazugekommen. 

Andere Kryptowährungen haben bislang das Alleinstellungsmerkmal von Bitcoin – die praktische Unmöglichkeit zentraler Kontrolle – nicht reproduziert. Theoretisch ist im übrigen auch Bitcoin zentral kontrollierbar, allerdings gibt es die dafür notwendige Rechenleistung noch nicht. 

Tapscott verspricht einen Wegweiser durch Web3 und dessen Anwendungen. Eine Anwendungskategorie sind Finanzen, das kennen wir bereits. Eine andere sind NFTs – digitale Unikate, mit denen jetzt auch Schöpfern digitaler Kunst effiziente Eigentumsrechte und Verkaufsmöglichkeiten eingeräumt werden können. Mit Web3-Technologie können aber auch Konsumenten real über ihre digitalen Besitztümer verfügen. Gamer etwa investieren in Charaktere oder Skills, können diese aber weder transferieren noch verändern. Die Eigentumsrechte sind eingeschränkt, gegen Veränderungen des Game-Providers können sich User hier nicht wehren. NFTs und Web3 können Abhilfe schaffen und Eigentum begründen. Allerdings bleibt die Frage offen, was ein User mit einem Game-Asset auserhalb des einen bestimmten Games anfangen soll. Außerhalb hat es keine Funktion und kann vermutlich nicht einmal angesehen werden. Interoperabilität, wie sie etwa Doctorow für Social Networks fordert, wird hier auch ein relevantes Thema.

Andere Anwendungsfälle sind eher ideologische Konzepte: In Netzwerken tragen User viel zum Nutzen der Netzwerke bei. Sie werden dafür aber nicht bezahlt, im Gegenteil, teilweise kostet die Nutzung oder Usern wird Werbung ausgespielt. Über Web3 könnten User durch ihre Nutzung Anteile an einem Netzwerk und dessen Einnahmen erwerben. Web3 ist dafür nicht zwingend notwendig, über Creditsysteme gibt es ähnliche Belohnungsinfrastrukturen; Web3 ist natürlich technisch stabiler und nachhaltiger. Umgekehrt sieht Tapscott Web3 aber auch als niedrigschwellige und nicht an Institutionen gebundene Finanzierungsmöglichkeit für Gamingstudios und andere Contentproduzenten.

Web3 wird schließlich auch eine an Finanzen und Eigentumsrechte gekoppelte Partizipationsmöglichkeit. Tapscott erzählt von Serien, über deren weiteren Verlauf User mitbestimmen können – dafür bezahlen sie mit Web3-Token und erhalten im Gegenzug Miteigentum.

Organisierte Mitbestimmung über DAOs (Decentralized Autonomous Organisations) ist eines der zentralen Motive von Web3. Das Konzept ist einleuchtend: Tokenbesitz legitimiert zur Mitbestimmung, ermöglicht und limitiert die Mitbestimmung zugleich, denn Tokens müssen investiert werden, und über eine jederzeit validierbare Blockchain sind alle Entscheidungen und Mitbestimmungen nachvollziehbar. Das ist manipulationssicherer als andere digitale Partizipations- und Dokumentationsformen.

Dennoch bleiben zwei Fragen offen. 

Die erste: Wozu? Anwendungsfälle sind oft Mitbestimmung um der Mitbestimmung willen. Gäbe es die Partizipationsnetzwerke nicht, gäbe es auch deren Fragen nicht. Ich habe in den vergangenen Jahren einige Tokens gekauft, in einige Netzwerke geschnuppert – es sind mit noch keine relevanten Entscheidungspunkte begegnet.

Der zweite noch kritischere Punkt: Reproduziert diese Form der Partizipation die Probleme historischen Zensuswahlrechts? Wenn nur Besitzende mitbestimmen, schließt das andere aus. Aktuell ist das irrelevant, die meisten Kryptowährungstokens sind praktisch wertlos (trotzdem kann man unterschiedlich viel von ihnen besitzen), die meisten Fragestellungen wenig relevant. Sollten sich aber Web3 Visionen bewahrheiten und wir auf eine Hypertokenization-Gesellschaft zusteuern, wäre das ein massives Ausschluss- und Totalitarismusproblem. Vielleicht begrenzt sich dieses aber auch auf das Metaverse. Tapscotts Buch ist eine der selten gewordenen positiven Darstellungen des Metaverse, sogar der prähistorische Virtualitätsvorläufer Second Life findet positive Erwähnung. Als Second Life neu war, arbeitete ich an Digitalisierungsprojekten in einer Bank. Nichteinmal in der Bank fand irgendjemand Second Life beeindruckend.

Die Zukunftssuppe bleibt also etwas dünn. Das ist insofern ein Problem, als ich andere Web3-Anwendungsfälle für sehr relevant halte. Wallets und digitale Zertifikate können mit Blockchain-Technologie sicherer und einfacher erstellt und betrieben werden. Sämtliche Register – von Meldedaten über Firmenbuch bis zur Vergabe von Fischereilizenzen oder andern Fällen, die Prüfung und Dokumentation von Nachweisen erfordern – wären in Blockchains gut aufgehoben. Viele Formen der Interaktion in eGovernment können gut auf Blockchains abgebildet werden.

Auch dabei allerdings bleiben Beispiel dünn gesät. Die Arabischen Emirate experimentieren mit Blockchains für Kfz-Daten. Wallets werden aktuell in unterschiedlichen Ausprägungen und Technologien erstellt und diskutiert.

Für Web3-Puristen wäre der Erfolg der Blockchain in eGovernment und Businessanwendungen ein Problem: Einerseits fordern und wünschen sie Regulierung, um den Nimbus des Halbweltlichen loszuwerden. Andererseits wären Government-Blockchains die Antithese zu den dezentralen, offenen und unkontrollierbaren Web3-Verheißungen.

Kai-Fu Lee: AI Superpowers

Als Alpha Go die besten Go-Spieler Asiens besiegte, war das Chinas Sputnik-Moment, meint Kai Fu Lee, ehemaliger Chef von Google China und nunmehriger Venture Capitalist. Der Sputnik-Moment, der klar macht, dass andere etwas deutlich besser machen und man selbst im Hintertreffen ist – was ein ziemlich lauter Startschuss ist. 

Lee hat in den USA studiert, seine beruflichen Erfolge in China erreicht, kennt beide Märkte und Forschungsumgebungen und wagt Prognosen, wer sich wo durchsetzen wird. Und er spricht sich für einen etwas nüchterneren Umgang mit KI-Hypes aus: die letzte große Entwicklung sei Deep Learning. Alles seither seien keine laufend neuen Durchbrüche, sondern weitere (und laufend verbesserte) Anwendungen der technisch gesehen gleichen Entwicklungen. 

Bevor er sich der Zukunft widmet, beschäftigt sich Lee mit einer Charakteristik der chinesischen Digitalwirtschaft. Aus der Perspektive des chinesischen Unternehmers urteilt er über die USA, wie die USA und manche Papier-Innovatoren in Europa über Europa urteilen: zu langsam, auf Schöngeistiges statt auf Effizienz fixiert, Entrepreneurship oft ein Hobby für Rich Kids ohne Erfolgsdruck. In China sei das Tempo deutlich höher, Ziele des Unternehmertums sei eindeutig Reichtum, Mittel und Wege seien zweitrangig, Kopieren sei eine legitime und in keiner Weise anrüchige Geschäftsstrategie.

Die extreme Konkurrenz und das hohe Tempo sorgten für einen guten Marktfit der Produkte und Dienstleistungen: Unternehmen müssen schnell auf den Markt (auch wenn die Lösung noch nicht gut ist), schnell reagieren, Userwünsche einarbeiten und sich laufend verändern. Wer das überlebt, gewinnt. 

Dabei liefert der riesige chinesische Markt einen relevanten Verstärker: Relevante Kundenmassen sind schnell erreicht (und auch wieder weg), das laufende Experimentieren liefert viele und relevante Daten, die die überlebenden Unternehmen erst recht ausschöpfen können, um ihre Markposition auszubauen. 

Weit verbreitete Überwachungstechnologie, weniger Bedenken im Einsatz von Sensoren und eine Vielzahl von Onlineservices mit Offlinebezug (wie Lieferdienste, Buchungsapps, Amazon-Copycats) liefern eine Qualität von Daten, die die USA in der Menge nicht hat. 

Das verschafft gewisse Startvorteile im AI-Wettrennen. Lees These: Mit der größeren Menge besserer Daten ist auch der mittelmäßige Programmierer dem herausragenden Wissenschaftler in der Entwicklung von AI-Anwendungen deutlich überlegen. 

Einen weiteren Vorteil für China, der die starke Aufholjagd der letzten Jahre begünstigt, sieht Lee in staatlichen Policys. In den USA habe Obama in den letzten Monaten seiner zweiten Amtszeit einige Schritte zur Priorisierung und Förderung von AI gesetzt – das sei allerdings kaum wahrgenommen worden. Trump habe zu Beginn seiner ersten Amtszeit sogar AI-Mittel kürzen wollen. Und Obama habe schon zwischen seinen beiden Amtszeiten massiv mit Verschwendungsvorwürfen zu kämpfen gehabt, als nicht alle Förderungen in alternative Energieanbieter erfolgreich waren. 

In China dagegen wurde AI von der Regierung priorisiert – und damit war die Marschrichtung für alle Verwaltungsebenen klar. Städte buhlten um die Ansiedlung von AI-Unternehmen, stellten kostenlose Büros und Infrastruktur zur Verfügung, erfanden Steuerbegünstigungen, waren dabei nicht immer treffsicher und erfolgreich – aber dank des klaren Marschbefehls von oben entwickelte sich eine generöse Kultur des Scheiterns. Auch das eine Eigenschaft, die sonst gern in den USA verortet und in Europa vermisst wird. Manche Städte verordneten ihren Wachstums- und Entwicklungsplänen sogar die Maxime, zu idealen Städten für autonome Fahrzeuge zu werden. Nicht die Fahrzeuge passen sich der Umgebung an, sondern die Umgebung wird nach den Fähigkeiten autonomer Fahrzeuge geplant.

Die radikale Anpassungsfähigkeit chinesischer Unternehmen sieht Lee auch als den Grund, warum global erfolgreiche US-Konzerne in China kaum Fuß fassen konnten. Die Vorstellung, globale Services in China durchzusetzen, sei der schnellen Adaption von No Name-Copycats unterlegen – und das sei noch deutlich ausschlaggebender als eventueller Protektionismus durch die Partei.

Lee unterscheidet zwischen Internet-, Business-, Perception- und autonomer AI. 

  • Internet-AI ist beispielsweise die Optimierung von Contentfeeds in Social Networks, Business-AI setzt AI in Geschäftsprozessen ein, Perception-AI verarbeitet Daten aus Sensoren, ein Prototyp für autonome AI ist autonomes Fahren.
  • Business-AI ist der einzige Bereich, in dem Lee die USA langfristig im Vorteil sieht, denn Geschäftsprozessdigitalisierung sei in China wenig entwickelt und schon gar nicht standardisiert.
  • Die größten Vorteile für China sieht er in Perception-AI und autonomer AI. Begünstigend dabei sind die weitverbreitete Überwachungstechnologie und andere Sensoren, die ohne große Privacybedenken eingesetzt werden, und die Radikalität in der Umsetzung.

Lees Buch erschien 2018, mit einer Überarbeitung 2022. In AI-Maßstäben ist das aktuell teilweise historisch. So meint Lee beispielsweise, dass AI gut denken, aber schlecht physisch arbeiten könne. Robotik-Fortschritte stellen das etwas in Frage, trotzdem bleibt es plausibel, dass White Collar-Jobs vor Blue Collar-Jobs durch AI gefährdet sind. 

Lee sieht in AI einen Treiber von Ungleichheit auf nationaler und internationaler Ebene. International würden junge und große Bevölkerungen, die in Landwirtschaft und Industrie ein Vorteil sind, in AI-Ökonomien zur Belastung. National würden sich große Verschiebungen auftun, wenn Produktivitäts- und Lohnsteigerungen auseinanderlaufen. 

Eine Krebsdiagnose hat Lee, der sich selbst stets auf Effizienz getrimmt hat, zum Umdenken gebracht. Er wurde geheilt, ist ein Befürworter von AI in der medizinischen Diagnose, meint aber, dass AI den emotionalen Aspekt in der Medizin nicht abdecken könne. Auch das ist mittlerweile möglicherweise fraglich: User vermissen GPT 4o als anscheinend besonders einfühlsames Modell, Gesetzgebung geht heute auch explizit auf Anforderungen zu emotionalen Komponenten von AI-Systemen ein.

Dennoch sieht er eine Lösung für künftige Jobkrisen in der Förderung emotionaler, fürsorgeorientierter Tätigkeiten. Lee diskutiert kurz die zur Zeit der Buchveröffentlichung im Silicon Valley hoch im Kurs stehenden Konzepte von Grundeinkommen. (Rückblickend: Man hat schon wieder länger nichts davon gehört. Eine der gründlichsten Diskussionen potenzieller Nachteile findet sich im übrigen in Polanyis Great Transformation (und um Polanyi ist im übrigen, nach dem Hype vor fünf oder sieben Jahren, auch wieder stiller geworden). Lee distanziert sich vom Grundeinkommen, schlägt dann aber doch seine eigene Variante vor: Ein Social Investment Stipendium, ein Grundeinkommen, das an Tätigkeiten in Pflege, Fürsorge und Bildung (letzteres sowohl für Lehrende als auch für Lernende) gekoppelt ist. Obwohl Lee das ausdrücklich nicht möchte, ist das doch auch etwas technokratischer Erwachungs-Solutionismus, der sagt, wie‘s geht (ohne viel Ahnung von den diskutierten Bereichen zu haben).

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Anekdote am Rande: Als eines der Beispiele für radikale chinesische Innovation führt Lee das Startup Toutiao an, das als Buzzfeed Klon gehandelt wurde, allerdings von Anfang an auf Redaktion verzichtete. AI-Agenten spürten Trends auf, stellten Storys zusammen und publizierten datengetrieben. Wie alle solche Portale war das ein mäßiger Erfolg. Auf der Suche nach dem besseren Marktfit kaufte Toutiao ein amerikanisches Startup, die damals sehr beliebte Lipsynch-App musical.ly. Diese Enwicklung begründete später, nach dem Erscheinen von Lees Buch, einen durchschlagenden Erfolg. Toutiao ist heute Tiktok.

Saeed Aldhaheri: Digital Nation

Die Vereinigten Arabischen Emirate stellen sich ernsthaft der Frage, wie eine Welt ohne Öl aussehen kann. Die Frage bezieht sich allerdings nicht auf alternative Energien, sonder auf alternative Einkommensquellen für die aktuell extrem wohlhabenden Fürstentümer. 

Dabei wird die Latte hoch gelegt: Bis 2117 soll der Mars kolonisiert werden. Knapp 150 Millionen Dollar sind für den Aufbau einer Wüstenstadt, die Mars-Bedingungen simulieren soll, budgetiert. Klingt hochgestochen? Die erste Made in UAE-Sonde ist bereits in der Mars-Umlaufbahn, noch mithilfe einer japanischen Rakete gestartet.

Innovation und Digitalisierung sollen die neuen Einkommensquellen schaffen.

Die Strategie soll sich auf drei Ebenen bezahlt machen: 

  • Mit Innovation, eGovernment und steuerlichen Anreizen für Gründe möchten die Emirate zum Unternehmensstandort Nr. 1 weltweit werden. Unternehmen sollen sich hier ansiedeln und Knowhow ins Land bringen.
  • Eigene Plattformen und Dienstleistungen sollen global konkurrenzfähig werden. Leuchttürme sind die eCommerce Plattform Souq (schon für einige hundert Millionen an Amazon verkauft) und die Ridesharing- und eScooter-Plattform Careem (schon für 3 Milliarden an Uber verkauft).
  • Digitalschwerpunkte in der Bildung sollen die junge Bevölkerung als Techdienstleister heranbilden. Aktuell geschieht viel Innovation mit Expats, das soll sich ändern.

Planungen dafür laufen auf allen Ebenen. Dubai, als aktivstes Emirat, hat eine 3d-Druck-Strategie (bis 2030 sollen 25% der Neubauten 3d-gedruckt sein), eine IOT Strategie, natürlich AI Strategien, eine Autonomous Transport-Strategie (bis 2030 sollen 25% des öffentlichen Verkehrs autonom sein), eine Blockchain-Strategie (aktuell wird zb die Abbildung von Kfz-Anmeldungen in der Blockchain vorbereitet) und viele weitere Strategien. Auf Bundesebene wurde 2017 der weltweit erste AI Minister installiert.

Digitalisierung der Verwaltung hat auf allen Ebenen Priorität. Jedes Emirat verfolgt dabei eigene Lösungen, in Abu Dhabi gelten andere Anwendungen als in Dubai. Nur eine UAE-weite eID wird national vergeben, damit können jeweils über 200 Verwaltungsdienstleistungen digital angestoßen werden. (Auch Ausländer können sich eine UAE-eID erstellen und damit zb Fahrscheinguthaben für den öffentlichen Verkehr digital einzahlen. Der Anmeldeprozess ist allerdings nicht sehr fehlertolerant: Wer zB einmal eine Zwei-Faktor-Pin falsch eingibt, für den gibt es keine zweite Chance.)

Dubai verfolgt gezielt den Plan der Personaleffizienz; die Zahlen machen allerdings klar – das muss man europäischen Digitalisierung fordernden CEOs und Politikern laut und deutlich sagen -, dass Digitalisierung kein automatisch effizienter Selbstläufer ist. In der Stadtverwaltung von Dubai sind aktuell 65.000 Personen beschäftigt. Die Stadt hat 4 Millionen Einwohner, 700.000 unselbständig Beschäftigte und 300.000 Business Licenses. Zum Vergleich: Die Stadt Wien beschäftigt bei zwei Millionen Einwohnern und einer Million unselbständig Beschäftigten 69.000 Personen.

Personaleinsparungen stehen auf einer längerfristigen Roadmap. Bis 2030 sollen etwa 25% der Polizisten in Dubai durch unbewaffnete Roboter ersetzt werden; smarte Polizeistationen ohne Personal stehen ebenfalls am Plan. Den AI-Strategien für die Stadt kommen dabei Daten aus tausenden Überwachungskameras (Gesichtserkennung inklusive) zugute. Ebenso so jedes Gebäude mit IOT-Sensoren ausgestattet und mit der Stadt vernetzt werden, um Daten über Wetter, Feuer, Sturm oder eventuelle Aufzugsprobleme zu liefern.

Die Emirate sind Autokratien, die als Erbmonarchien geführt werden. Relevante Jobs sind durch Verwandte besetzt, parlamentsähnliche Räte haben allenfalls beratende Funktion. Für Reisende macht sich das im Alltag nicht bemerkbar. Grundsätzlich gilt hier noch die Todesstrafe, wird aber kaum exekutiert. Anders als in Saudi Arabien wird man auch bei den Einreiseformalitäten nicht aufgefordert, die Todesstrafe zur Kenntnis zu nehmen. Ramadan und andere islamische Traditionen werden unterschiedlich deutlich gelebt, in Dubai kaum spürbar, in Abu Dhabi mehr. 

Deutlich wird die politische Organisation gerade im Innovationsumfeld, wenn alle Strategien und Inititativen letztlich auf den jeweiligen Scheich zurückzuführen sind. Der Scheich hat eine Vision für das Volk, eine Verwaltungselite setzt unter Führung und Aufsicht fürstlicher Verwaltung um. Nationbuilding oder Heritage sind dabei identitätsstiftende Leitbegriffe; die Emirate gibt es in dieser Form erst seit 1971. 

Weil die Scheichs das beste für das Volk wollen, gibt es auch ein Happyness-Ministerium mit dem Auftrag, die Emirate in die Top 5 der glücklichsten Nationen zu bringen.

Rankings sind ein sehr relevantes Element der Digitalstrategien – und werden sehr konsequent verfolgt. Zum Zeitpunkt der Publikation dieses Buches waren die Emirate noch unter den Top 15 im eGovernment Development Index, heute haben sie im geänderten Ranking in manchen Kriterien schon einen glatten Wert 1 (besser gehts nicht) erreicht. Ingesamt bedeutet das Platz 1 mit einem Gesamtwert von 0,95. Österreich liegt auf Platz 22 weltweit mit einer Gesamtnote von 0,90. An der Spitze liegen Dänemark und Estland mit 0,98 bzw. 0,97.

BIldungsangebote müssen mit den Visionen Schritt halten und werden ebenfalls transformiert, anstelle reiner STEM Ausbildungen sollen Emiratis aber auch in kritischem Denken ausgebildetwerden. Statt STEM setzt man also auf STEAM (Science, Technology, Engineering, Arts, Mathematics). 

Beeindruckend sind natürlich auf die Budgetzahlen hinter den Strategien. Allein in Dubai hat allein der Scheich einen 500 Millionen Dollar-Fonds aufgelegt, mit einigen privaten Investoren sind Startup Fonds ingesamt mit über zwei Milliarden gefüllt, öffentliche Gelder noch nicht eingerechnet. 

Cory Doctorow: Enshittification

Plattformen sind jetzt selbst der Gegner, den man vor 30 Jahren beseitigen wollte: der übermächtige Mittelsmann. Das ist eine der Folgen des Prozesses, den Doctorow als Enshittification bezeichnet: Produkte werden schlechter. Sie bringen weniger Nutzen, sind dafür aber teurer, der volle Funktionsumfang kann nur über kostenpflichtige Zusatzabos aktiviert werden, Reparaturen sind entweder gar nicht vorgesehen oder zwingen in neue Premium-Abos. 

Doctorow beschreibt Enshittification als dreistufigen Prozess. In einer ersten Phase bieten Services ihren User Nutzen. Dieser Nutzen wird meist mit Kapital von Investoren finanziert. Eine Idee erzeugt Überfluss – der kommt Usern zugute. Ein Beispiel dafür ist die frühe Phase von Facebook: Neue Verbindungen waren nützlich, wiedergefundene Freunde ein echter Mehrwert und Nachrichten oder Veranstaltungskalender haben Neues ins Leben gebracht. In einer zweiten Phase kommt der Mehrwert Businesskunden zugute. Der Überfluss besteht jetzt nicht mehr nur aus Investorenkapital, sondern auch aus Reichweite und Kontakten und wird an Businesskunden verteilt. Am Beispiel von Facebook betrachtet war das die Phase, in der Werbeanzeigen tatsächlich gut abgestimmt werden konnten, günstig waren und zu treffsicherer Reichweite geführt haben.

In der dritten Phase fließt der ganze Nutzen nur noch dem Unternehmen selbst zu. Nutzungsbedingungen für User und Businesskunden verschlechtern sich, Preise steigen, User sehen Werbung anstelle der Posts ihrer Freunde, Unternehmen müssen einander bei Anzeigenpreisen überbieten, Anzeigenformate unterliegen immer strengeren Auflagen, Anzeigen bringen immer weniger.

Das Werk funktioniert, weil es wenig Alternativen gibt und weil die Umstiegs- oder Ausstiegskosten sehr hoch sind. Social Networks, Amazon, Google, Uber sind die gängigsten Beispiele für Enshittification-Prozesse. 

Ein Verbündeter in der Argumentation ist Griechenlands Ex-Finanzminister Yannis Varoufakis mit seinem Konzept des Technofeudalismus. Technofeudalismus hat den Kapitalismus hinter sich gelassen. Kapitalisten, die Geld in die Hand nehmen, um Produktionsmittel zu kaufen und sich dann mit Produkten den Unbillen eines Marktes auszusetzen, sind arme Schlucker gegen Feudalherren, denen Grund und Boden gehört und denen egal sein kann, wer darauf welche Geschäfte macht, solange sie dadurch Renten beziehen. Digitaler Grund und Boden sind Plattformen, feudale Renten sind die Provision für Apple im App Store oder die immens hohen Royalties die Amazon von seinen Händlern bezieht. Die Profite jener, die auf Amazon oder im App Store gute Geschäfte machen, mögen hoch sein, aber sie sind prekär im Vergleich zu den bequemen und sicheren Einnahmen für Apple und Amazon.

Was machen wir mit diesen Diagnosen? 

Für Doctorow sind Wettbewerb, Regulierung und Arbeitnehmerechte die Gegenmittel, die solche Entwicklungen lange Zeit verhindert haben, jetzt aber selbst gründlichen Erosionsprozessen unterliegen.

Wettbewerb ist den Winner Takes it All-Prinzipien der Digitalwirtschaft zum Opfer gefallen. Die Plätze sind vergeben, Macht- und Größenunterschiede sind zu groß, potenzielle Konkurrenz wird aufgekauft und integriert oder abgedreht. Die Konsequenz ist ein Absturz bei Innovation und Servicequalität, der ungestraft bleibt, weil Alternativen selten und ein Umstieg für User teuer ist.

Regulierung hat das Problem, mit der technischen Entwicklung Schritt zu halten und sich durchsetzen zu müssen. Außerdem müssten Politik und Behörden relevante Probleme erst erkennen und sich nicht von Plattformen mit Klagen über Innovationshürden und Wachtstumsbremsen einwickeln lassen. Digitalkonzerne beschäftigen Heere von Anwälten und Lobbyisten, die Aufzeichnungen des EU Lobbyregisters allein sprechen dazu Bände.

Eine letzte Hürde im Trend zur Verschlechterung von Digitalprodukten könnten Mitarbeiter sein: Während Tech-Arbeiter bis vor kurzem eine umhegte, gesuchte seltene Spezies waren, haben hunderttausende Kündigungen im Tech-Sektor allein in den USA in den letzten drei Jahren das Blatt gewendet. Programmierer, die theoretisch ihre Enshittifcation-Mitarbeit hätten verweigern können (auch wenn das etwas weit hergeholte Held der Arbeit-Mythologie ist), müssen heute froh sein, einen Job zu behalten.

Computer wurden als die flexibelsten Geräte überhaupt erfunden, die jeden Code laufen lassen können. Der Turing Automat kann jede codierbare Aufgabe lösen, das war der Sinn der Erfindung. Alle Einschränkungen sind also keine technischen Notwendigkeiten, sondern durch schlechte Regulierung, die schlechte Gesetze ermöglicht abgedeckt.

Doctorow ist bekennender Linksaktivist und spricht sich jetzt trotzdem für Wettbewerb und für Regulierung aus. Wenn es an konkrete Lösungen geht, wird die Suppe aber trotz aller blumigen Sprache recht dünn. Doctorow beschäftigt sich auf zwei von über 300 Seiten mit DMA und DSA und kritistiert sie als zu wenig weitreichend. Wo er einen Punkt hat: Regulierungen müssen sich entscheiden, ob sie Plattformen schwächen, also ihnen Möglichkeiten wegnehmen, sie Kontrollen unterwerfen wollen, oder ob sie sie stärken wollen, in dem sie ihnen neue Pflichten auferlegen, die mit neuen Rechten und Möglichkeiten einhergehen. Passendes Beispiel dazu sind einmal mehr Lösungen zur Altersverifikation: Jede Lösung, die von Plattformen entwickelt werden soll, ist schlecht weil sie diesen mehr Möglichkeiten einräumt und letztlich mehr Daten zukommen lässt. Akzeptabel sind klare Vorgaben, an die sich Plattformen richten müssen – wie etwa die Akzeptanz eines über eIDs erzeugten Alterstokens.

Doctorow ist auch kein Freund von Moderationspflichten; Belästigung und Hate Speech sind seiner Ansicht nach zu aufwendig in der Beweisführung, um gute Kriterien zu sein. Stattdessen schlägt er ein Bündel anderer Maßnahmen vor, die Plattformen so weit schwächen sollen, dass sie weder too big to fail noch too big to care sein können.

Eine erste Maßnahme wäre ein right to exit: Plattformen sollen zu offenen Protokollen verpflichtet werden, die es Usern ermöglichen, mitsamt ihren Daten von einem Netzwerk in ein anderes zu wechseln. Wem es auf Twitter zu tief wird, der soll mitsamt seinen Posts nach Mastodon wechseln und sich dort mit schon übersiedelten Freunden problemlos neu vernetzen können. Das soll Plattformen Relevanz nehmen, ist in der Praxis aber ein schwacher Trost. Denn auf Mastodon ist man nach wie vor recht einsam.

Eine zweite Verpflichtung fasst Doctorow als end to end-Prinzip zusammen. Plattformen sollen insofern in ihrer Mediationsrolle geschwächt werden, als beispielsweise Spotify verpflichtet werden soll, akkurate Suchergebnisse zu liefern – nicht ähnlich klingende Treffer aus für Spotify profitableren lizenzfreien AI-Playlists. Amazon soll ebenfalls angehalten werden, Suchtreffer zu liefern statt Kaufempfehlungen für ähnliches aus Eigenproduktion oder verkauften Suchergebnissen. Klingt gut, hat allerdings ähnliche Schwächen wie sie Doctorow an Moderationspflichten kritisiert: Die Qualität von Suchergebnissen ist schwer nachzuweisen; aus der Frühzeit der Suchmaschinen wissen wir, wie leicht Beschreibungen und Metatexte falsche Priorisierungen erzeugen können. Außerdem bleibt die Frage offen, mit welchem Recht verkaufte Suchergebnisse unterbunden werden sollen.

Ein dritter Punkt ist eine Verpflichtung zur Interoperabilität, der über das right to exit hinausgeht und Datenaustausch auf allen Ebenen ermöglichen soll. Auch das Recht auf Reparatur und den Einbau von Ersatzteilen kann als Interoperabilität gesehen werden. Hier ist die (von Doctorow nicht erwähnte) EU-Gesetzgebung schon etwas weiter.

Der letzte Punkt schließlich besteht im Wiedererstarken von Gewerkschaften und in Anti-Kartellgesetzgebung. Mit stärkeren Arbeitnehmerrechten könnten sich Menschen in die Position bringen, selbst wieder mehr gegen schlechtere Produkte tun zu können, und besser exekutierte Auflagen für Mergers könnten das Entstehen digitaler Übermacht gleich an der Wurzel verhindern. Schließlich sei gerade auf diesen Gebieten die Gelegenheit günstig, die Karten neu zu mischen. Trumps Chaos-Politik habe in den USA so viel über den Haufen geworfen, dass die Karten neu gemischt werden könnten

Interoperabilität ist sicher eine der erstrebenswertesten Lösungen aus Doctorows Portfolio. Möglicherweise ist das sogar auch ein Punkt, in dem Europa den USA dann etwas voraus hat: Denn europäische eGovernment-Lösungen wie eIDs beispielsweise müssen in 28 Richtungen (zu allen 27 Mitgliedsstaaten und nach außen) interoperabel sein. 

Wie Berners-Lee wünscht sich auch Doctorow ein neues Internet, das mehr wie das gute alte Internet ist. Aber kann Nostalgie ein Wegweiser für die Zukunft sein? Wir sind schließlich in aller Freiheit und Mündigkeit und mit den besten Voraussetzungen des guten alten Internet in die Situation geraten, in der wir jetzt feststecken. Was soll uns davon abhalten, diesen Weg noch einmal so zu gehen? Eines von Doctorows häufigsten Beispielen ist der Kampf der Druckerhersteller gegen billige Druckerpatronen. Natürlich ist es absurd, dass hier IP-Gesetzgebung herangezogen werden kann, um billigere Tinte zu verhindern (Chips in Druckern prüfen, ob Originalzubehör verwendet wird – diese Chips zu deaktivieren verletzt Urheber- und Bearbeitungsrechte an der Software auf diesen Chips) – aber für wieviele smartphoneverwendende Internetuser ist es überhaupt noch im weiteren Bewusstseinshorizont, dass man so etwas wie einen Drucker besitzen könnte? Auch das Recht auf Reparatur ist sinnvoll, vernünftig und begrüßenswert, aber gegenüber der Freude am Konsum ein Nischenprogramm für Nerds.

Ich verstehe die Konzentration auf technische und rechtliche Aspekte, das ist actionable, das sind Forderungen, die sich an Politik und Gesellschaft richten können. Ich bin aber noch etwas ratlos bei der Suche nach dem ausschlaggebenden Moment, der aus passiven Netzwerk- und Plattform-Konsumenten aktive, mündige Selfhelp-Ingenieure machen wird.

Tim Berners-Lee: This is for Everyone

Der Text wird gleich zu Beginn recht deutlich: Tim Berners-Lee geht es um nichts weniger als um die Rückeroberung des Web. Nach 35 Jahren im Einsatz für die Verbreitung des Web steht jetzt der Kampf für seine Entgiftung im Vordergrund. Mit Social Networks und Data Brokern habe ein kleiner, aber lauter Teil des Web Oberhand gewonnen, der die schlechtesten Seiten nicht nur des Web, sondern auch der Menschen hervorkehre.

Instinktiv bin ich solchen Verfalls- und Untergangserzählungen gegenüber skeptisch, umso mehr, wenn sie von ehemaligen Ikonen stammen und darstellen, wie deren Erfindungen und Thesen anders gehandhabt werden müssten, um es besser zu machen. 

Bei Berners-Lee wird dieser Verdacht ebenfalls kurz laut. Allerdings zieht er durchaus auch die Konsequenzen aus seinen Klagen. 2024 stellte er die Web Foundation ein, die sich 35 Jahre für die globale Verbreitung des Web einsetzte. Er fordert kein Zurück, sondern ein Vorwärts, und arbeitet mit Social Linked Data (Solid) an einem neuen Protokoll, das Daten strukturiert und kompatibel machen soll und von jedermann genutzt werden kann wie einst html. Und er hat nach einer Karriere in der Welt von Universitäten, Think Tanks und NGOs ein erstes Unternehmen gegründet: Inrupt soll Anwendungen für das Solid-Protokoll schaffen und Usern PODs, Personal Online Data Stores anbieten. PODs sollen die Daten-Arsenale für nützliche AI werden, die dem User und nicht Unternehmen oder Vermarktern dient. Denn in PODs kann die persönliche Information gespeichert werden, anhand derer AI-Agenten die allgemeine Information aus dem Web mit persönlichen Daten der Anwender kombinieren können. Anwender behalten dabei Kontrolle darüber, welche Information sie in ihren POD laden und wer, welcher Agent darauf in welchem Umfang und für wie lange Zugriff bekommt. Das erfordert eine ganze Kaskade an Sicherheitskonzepten, einen anderen Zugang zu AI Infrastrukturen und User, die bereit sind, sich mit diesen Anforderungen auseinanderzusetzen. Berners-Lee ist zuversichtlich.

„This is for Everyone“ ist eine Mischung aus Autobiographie und Manifest für ein besseres Web. Berners-Lee erzählt von den Anfängen des Web im CERN; heute ist es wichtig zu betonen, dass sowohl das Web, also der Einsatz von Links und Browsern, als auch das CERN europäische Projekte sind. Auch die ersten Browser entstanden in Europa; in den USA gab es allerdings mit Al Gore früher einen Digitalstrategen in der hohen Politik und damit mehr entschlossene Finanzierung.

Beim Rückerinnern an die Meilensteine dieser Erzählung – die ersten öffentlich erreichbaren kommerziellen Webserver in den frühen 90ern, Justin Halls erstes Weblog 1994, Netscape und die Erfindung des Cookies 1993, die Gründung des Onlinevermarkters Doubleclick 1995, die erste Onlineausgabe der New York Times 1996, fällt auf: Davon las man in der Zeitung. Onlinetrends waren damals auf die Verbreitung in klassischen Medien angewiesen; Printmedien hatten eigene Web-Sonderteile, die bei Lesern und bei Anzeigenkunden sehr begehrt waren. Das änderte sich bald. 

Ein Detail, das recht deutlich zeigt, wie anders Berners-Lees Vision im Vergleich zum heutigen Web war, ist seine erste Konzeption des Browsers. Browser sollten keine reinen Navigations- und Lesetools sein, sie sollten auch das Erstellen und Bearbeiten von html ermöglichen. Das Lesen von Inhalten und das Erstellen und Publizieren eigener Inhalte sollten in einem Prozess verbunden sein, weit weg von der Passivität der aktuell meistgenutzten Onlineservices. Es dauerte ziemlich lang, bis sich die Wiederentdeckung dieser Eigenschaft von Browsern in Kollborationstools ein wenig niederschlug.

Auch die Startseite des Browsers sollte keine Nachrichten- oder Suchseite sein, sonder eine selbst kuratierte und mit eben diesen Funktionen bearbeitbare Linksammlung mit Notizen, auf der User die für sie persönlich wichtigsten Inhalte und Services sammeln und ordnen konnten. Nachdem sich diese Idee niucht durchgesetzt hatte, wurden Bookmark-Services erfunden (die auch schon wieder eingegangen sind und gerade neu erfunden werden).

Für Berners-Lee ist Wikipedia das beste Beispiel für den idealtypischen Einsatz der Web-Möglichkeiten (das ist möglicherweise eine etwas akademische und idealisierte Perspektive), X der schlechteste.

Er plädiert für Algorithmen-Verantwortung. Das ist ein unscharfer Begriff, den Berners-Lee (leider) bei Yuval Harari verortet. Ich denke, Algorithmen-Verantwortung ist vor allem gegenüber dem weiter verbreiteten Begriff der Algorithmen-Ethik recht leicht zu präzisieren: Ethik beschreibt Do‘s and Don‘ts mit recht vagen Zuständigkeiten und Konsequenzen. Algorithmen-Verantwortung dagegen sollte ganz klar das Gewicht auf Konsequenzen legen und festschreiben, welche negativen Konsequenzen wie zu beseitigen und zu kompensieren sind – so zäh die politische Diskussion auf dem Weg dorthin auch sein wird.

Polarisierung und negative Konsequenzen für die psychische Gesundheit des Web beschreibt Berners-Lee als Designfehler des Web. Diesen ist allerdings kaum mit einem besseren Design beizukommen, er spricht sich für Regulierung aus (auch wenn er ein grundsätzlicher Gegner von Vorschriften sei). Dabei scheut er nicht vor klaren Abgrenzungen zurück: Eine Grafik zu Gut und Böse in Webservices und Internetprotokollen zieht klare Grenzen. Auffällig an dieser Grafik ist allerdings: Die Services auf der Seite des Bösen sind die erfolgreichen Apps, die User in ihren Bann ziehen (Instagram, Facebook, TikTok & Co), die Guten sind die mäßig erfolgreichen Achtungserfolge, die man mal ausprobiert, aber schnell wieder vernachlässigt hat (Berners-Lees liebstes Netzwerk ist Mastodon). So wirken auch seine Hoffnungen, Frank McCourt würde mit seiner Project Liberty-Stiftung TikTok kaufen und in etwas nützliches verwandeln, sehr akademisch. Ebenso die Idee, verantwortungsvolle Eltern könnten ihren Kindern die Nutzung der guten Netzwerke nahelegen, statt sie den Süchtigmachern auszusetzen.

Berners-Lee glaubt trotz allem an das Gute im Web. Die Wende von einem schädlichen, Aufmerksamkeit und andere geistige Kapazitäten vernichtenden Web, zu einem nützlichen Tool wird sich allerdings nicht von selbst und nicht bei so hoher User-Passivität wie bisher vollziehen. 

Die Notwendigkeit, aktiv zu sein und sich mit technischen Grundlagen auseinanderzusetzen, waren aber bis jetzt die größten Hürden auf dem Weg zu solchen Entwicklungen. Ob Internetuser Datenausbeuter mittlerweile ausreichend satt haben? Oder ob Entwicklungen gelingen, die nicht mit Gut und Böse argumentieren müssen, sondern einfach besser und nützlicher sind?

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Zwei Randnotizen: 

Berners-Lees Erfolg zeigt, dass nicht die technische Fancyness oder radikale Neuheit von Innovationen am relevantesten für ihren Erfolg sind, sondern die Eigenschaft, Bestehendes besser zu verknüpfen – und die Hartnäckigkeit des Innovators, anschlussfähige Visionen zu predigen und die Arbeit in die technischen Details zu investieren. Das bieten akademische Umfelder, die nicht so leichtfertig gegenüber einem Startup-Ambiente abgewertet werden sollten. Berners-Lee betont die akademischen Qualifikationen seines Umfelds so oft (fraglich, ob gezielt), dass man sich dabei auch als doppelter Akademiker, der nicht an einer Elite-Uni war, geradezu ausgeschlossen fühlt.

Zweiter Punkt: Aktuelle Digitalkritiker erwähnen derzeit oft den Begriff der Aufmerksamkeitsökonomie. Manche tun, als hätten sie ihn erfunden, Berners-Lee schreibt ihn Doc Searls, einem der Co-Autoren des Cluetrain-Manifesto zu. Die Theorie der Aufmerksamkeitsökonomie (mit ihrem Rahmenkonzept des Mentalen Kapitalismus) stammt von Georg Franck. Das sollte nicht in Vergessenheit geraten.