25 Jahre danach: Zurück an der Universität

Ich hab jetzt mein erstes Uni-Semester nach 25 Jahren hinter mir; das erste von (mindestens) vier Semestern im Master History and Philosophy of Science ist erledigt. Kaum etwas macht deutlicher, dass man doch ein wenig älter geworden ist …

Warum studiere ich überhaupt? Es sind zwei wesentliche Gründe. Der eine ist recht einfach: Ich habe Lust darauf – In den vergangenen 25 Jahren habe ich mich zwar immer mit Philosophie und Ideengeschichte beschäftigt, aber ich bin neugierig auf die neueste Forschung und darauf, auch mal wieder systematisch wissenschaftlich zu arbeiten. Der andere ist eher sportlicher Natur: Ich habe zwei jeweils zu zwei Dritteln fertige Philosophie-Dissertationen liegen lassen, die erste, weil ich mit dem Betreuer nicht einer Meinung war (rückblickend: Ich hatte recht. Aber ich hätte präziser formulieren können.), die zweite (zehn Jahre später), weil ich damals das unsäglich laissez-faire, nicht eingehaltene Termine und die generelle Wurschtigkeit an der Universität nicht so toll fand.

Daran hat sich jetzt ziemlich viel geändert.

Am Auffälligsten: Es gibt Klopapier. In dern 90er Jahren musste man es sehr gut timen, wenn man mal musste, um wenigstens bei einem der Würstl-Buffets noch rechtzeitig vorher eine Serviette zu ergattern. Auch abgesehen von den Toiletten waren die Universitätsgebäude ziemlich rustikal: Man rauchte auf den Gängen, saß in der Regel auf dem Fußboden oder verbrachte die Zeit zwischen Vorlesungen irgendwo auf Stiegen sitzend und lesend. Die Wände waren mit Plakaten zugepflastert und man konnte sich eigentlich nicht vorstellen, dass Universitätsgebäude jemals renoviert würden.
Heute strahlen Universitätsgebäude,  die Gänge sind aufgeräumt, Plakate und Aushänge sind in Schaukästen zurückgedrängt.

Auch inhaltlich ist einiges anders: In den 90ern waren Studierende eher Störfaktoren. Kontakt zu Lehrenden gab es allenfalls nach Vereinbarung während der Sprechstunden, aber auch dann nur, wenn diese Lust hatten. Forschungsseminare bestanden meist darin, einen Text kapitelweise durcharbeiten zu lassen – das war ziemlich effizient für die Lehrenden, die sich keine Gedanken über neue Literatur machen mussten. Zu Anfang des Semesters waren die Räume überfüllt, gegen Ende saß man oft, wenn überhaupt, zu dritt da. Die potenzielle Nähe sorgte aber auch eher für Unwohlsein – sollte man jetzt wirklich miteinander reden?

Ein generelles Aufnahmestopp für wissenschaftliches Personal sorgte zusätzlich dafür, dass Studierende für Lehrende egal und uninteressant waren und Studierende sich auch keine Gedanken über eine wissenschaftliche Zukunft machen mussten. Bezahlte Doktorandenstellen und ähnliches kannte man allenfalls als Gerüchte von fremden Eliteuniversitäten.

Heute gibt es Obergrenzen für Studierendenzahlen in einzelnen Lehrveranstaltungen, Aufnahme- und Anmeldeverfahren, Anwesenheitspflichten – und Lehrende müssen Interesse daran zeigen, Studierende in ihre Veranstaltungen zu kriegen und dort zu behalten. Sie drängen auf Mitarbeit, stellen aufwendige Literatur zusammen und beharren darauf, ebenfalls bewertet zu werden.

Verschulung, Leistungsdruck und “neoliberale” EInflüsse werden oft beklagt – aber die Qualität der Lehre ist in astronomischen Ausmaßen gestiegen. Natürlich sind  auch die Anforderungen deutlich höher: vor 25 Jahren hielt man in einem Seminar eine Präsentation und fasste die vielleicht noch in einem kurzen Paper zusammen. Heute ist es üblich jede Woche einen Text lesen und ein kurzes Paper schreiben zu müssen, dazu kommen dann noch Präsentation und eigentliche Arbeit.

Wenn man vor 25 Jahren eher minimalistisch unterwegs war, hätte man vermutlich mit dem, was man heute in einem Semester lesen und bearbeiten muss, damals den ganzen ersten Abschnitt eines Diplomstudiums erledigen können.

Und sogar die Technik funktioniert: Literatur steht zum Download bereit, Videovorlesungen und -konferenzen klappen, sogart Diskussionen sind möglich. Ein wenig eindimensional sind sie – unter Studierenden kommt man online kaum zum Reden, man redet eher mit den Vortragenden.

Nur die Open Book-Tests, also schriftliche Onlineprüfungen, bei denen man Mitschriften oder Literatur verwenden darf, sind wohl für alle Seiten noch recht neu. Der Versuch, Fragen zu stellen, die auf Verständnis abzielen, nicht mit einfachem Abschreiben beantwortbar sind, aber doch konkretes Wissen abprüfen, führt mitunter zu eigenartigen Blüten (zum Beispiel: “Welche Prozesse im Lauf der Geschichte der letzten 1000 bis 2000 Jahre haben die Persönlichkeitsstruktur und den Umgang mit dem Körper geprägt? Skizzieren Sie zumindest zwei Ansätze zur Erforschung dieser Prozesse.” – Als eine von drei innerhalb einer Stunde sinnvoll zu beantwortenden Fragen ist das doch recht lose formuliert … ).

Einige Seniorstudenten gibt es trotzdem noch; ich bin nicht überall der Älteste. Manche Seniorstudenten reduzieren ihre Diskussionsbeiträge darauf, irgendwelche eher zusammenhanglosen Zitate oder Jahreszahlen zu droppen oder zu kommentieren, wenn sie eigentlich Fragen stellen sollten. Ich hoffe, ich bin nicht so, und ich möchte den Jüngeren gern sagen: Lasst euch von so was nicht beeindrucken. Die Leute haben mehr gelesen und wissen vielleicht mehr als ihr mit Anfang zwanzig, aber sie wissen offenbar wenig damit anzufangen.

Das gilt auch für die Einstellung gegenüber den Lehrenden: Nicht jeder 70jährige Emeritus, der beim Vortrag den Faden verliert, ist ein Genie. Oft sind es Leute, die seit 30 Jahren das gleiche erzählen und so tief im immer gleichen Gedankengang drin sind,  dass sie beim Reden gar nicht mehr wissen, was sie eigentlich gerade sagen. Das ist auf der einen Seite toll, auf der anderen Seite darf durchaus die Frage gestellt werden, wie relevant diese Art von Wissen noch ist und ob man sich diesen Fragestellungen nicht auch einmal anders nähern kann.

Gerade wenn es darum geht, neue Texte zu diskutieren, macht sich das Alter durchaus bemerkbar: Irgendeinen Ansatzpunkt findet man immer, man hat auch weniger Scheu, Dinge nicht zu verstehen (und darüber zu reden) oder auf der anderen Seite zu kritisieren. Bei den Jüngeren glaube ich aber auch – ich weiß, dünnes Eis – eine neue Strategie festgestellt zu haben: Wenn einem zu einem Text gar nichts einfällt, man aber gerade etwas sagen muss, dann ist es eine sehr sichere Bank, einfach zu sagen: “Es ist schon eine recht eurozentristische Perspektive und die Genderthematik ist auch nicht berücksichtigt.” – Das passt fast immer, manchmal (etwa wenn es um europäische Geschichte geht) ist es zwar ein wenig unangemessen, aber es kann selten einfach so als Unfug vom Tisch gewischt werden.

Das Alter macht sich auch noch anderswo bemerkbar:  Ich bin  häufig der einzige mit nur einem Vornamen. Und im Gegensatz zur Schule heißt hier sonst niemand Michael …

Wo soll das Studium hinführen? – Es schadet ja nicht, sich auch mit fast 50 noch mal echten Bildungshürden (nicht nur Wochenendkursen) zu stellen. Prüfungen sind jetzt übrigens ungleich schwerer als mit Anfang zwanzig – das liegt zum Teil am Gedächtnis, zum Teil auch daran, dass es eine ganz andere Art von Lernen ist: Etwas neues kennenzulernen, brauchbare Teile herauszunehmen, damit weiterzuarbeiten – das macht man auch im Berufsalltag oft. Es zur Gänze wiedergeben zu müssen, das ist eine ganz andere Liga. Dafür ist es heute, mit ein paar Jahren mehr, weitaus leichter, neue Zugänge zu Themen zu finden und Poster und Aufsätze zu schreiben.

Inhaltlich lege ich im Studium einen Schwerpunkt auf Ideengeschichtegerade in einer verwirrenden und unordentlichen Zeit halte ich es für wichtig, nachzuvollziehen, wie Ideen in die Welt kommen und wie es ihnen dort geht. Dabei kann man im übrigen auch mitlesen – hier auf Journal Ahnungslos.

Veranwortung und die starken Männer

Man weiß schließlich, was zu tun ist. Zweifel, Anerkennung für eine andere Position, das ist etwas für Schwächlinge, die sich nicht entschließen können und die nicht für ihre Taten geradestehen können. – Gerade in den vergangenen Wochen wettern wieder Konservative und Rechte gegen unschlüssige Schlafwandler, die Entschluss- und Tatkraft vermissen lassen, die noch immer über Ideen, Werte und Ziele reden, wo doch gehandelt werden müsse.

Christian Ortner doziert in der Presse im Vorbeigehen über die Legitimität des Tötens. Die Ermordung eines iranischen Atomphysikers sei legitim und ein Zeichen von Entschlossenheit und Verantwortung. Eigenschaften, die er in einem Europa, das sich immer auf seine Gesinnung herausrede, vermisse.

Welt-Journalist Ulf Poschardt fabuliert auf Twitter von einem deutschen Gesinnungsidealismus, der mit “der Freiheit, der Würde und der Poesie des Individuums” nichts anzufangen wisse. Das ist nicht ganz verständlich, aber es geht um mögliche Tempolimits auf deutschen Autobahnen.

Und die österreichische Regierung weigert sich, auch nur irgendwelche sinnvollen Maßnahmen zur dramatischen Lage der Geflüchteten in Moria zu beschließen, weil man ja nicht alle retten könne. Das wäre verantwortungslos den anderen gegenüber und außerdem gibt es genug andere Probleme auf der Welt. Die Chefin der Parteiakademie der ÖVP unterstreicht das noch mit einem Zeitungskommentar, in dem sie – erraten – einmal mehr Verantwortungsethik strapaziert. Wer ein Problem nicht ganz lösen könne, der löse es gar nicht, weshalb es also moralisch verwerflich sei, einem Kontingent von Menschen zu helfen.

Verantwortung ist etwas für entschlossen Handelnde – oder etwa nicht?

Alle wollen etwas verantworten. Verantwortung stellen sie einer Gesinnung gegenüber und greifen damit auf ein Konzept zurück, das auch schon über hundert Jahre alt ist. Max Weber stellte 1919 in einem Vortrag eine Gesinnungsethik, die auf die Gründe des Handelns abzielt, einer Verantwortungsethik, die auf die Folgen von Handeln abzielt, gegenüber. Man kann also ein- und dieselbe Handlung sehr unterschiedlich bewerten. Ein häufiges Missverständnis ist, dass man mit der rechten Gesinnung gar nicht mehr zu handeln bräuchte, um gut zu sein.

Das wirft nun schon einige Schwierigkeiten auf, denn wie nur könnte man nicht handeln? Jede Unterlassung ist auch eine Handlung, auch das Nichtstun hat Folgen, für die Verantwortung stehen kann. Relevanter ist aber die Frage, warum manche so viel mehr Wert auf die scheinbar aktivere und stärkere Position des verantwortlich Handelnden legen wollen. 

Verlockend sind natürlich klare Kausalketten: Ein Kanzler, der Wert auf einfache Bilder legt, mit denen sich Zusammenhänge unterstellen lassen (“Ich habe die Balkanroute geschlossen”), hat kein Interesse an Handlungen, die sich nicht als auf seine Entschlossenheit zurückgehende Problemlösung darstellen lassen.

Der autobegeisterte Journalist übernimmt gern die Verantwortung für sich und fährt nur bei guten Straßenverhältnissen schneller als 200 Stundenkilometer. Wenn er dabei draufgeht, war es ein männliches Ende. Wenn das andere Autofahrende mit weniger PS im Motor beim Überholen von dahintuckernden Lastwagen gefährdet, dann ist das Zeichen für deren schlechte Gesinnung – denn Autofahren wollen sie ja trotzdem, aber sie wollen nicht mit den Konsequenzen leben.

Und natürlich ist es verlockend, mit einer gezielten Attacke das Heranwachsen einer weiteren gefährlichen Atommacht zu verhindern und ein Menschenleben zu opfern, um damit viele zu retten. Aber in welcher Weltsicht gelingt das?

Klare Verantwortung, am besten in eindimensionalen Weltbildern

All diese Szenarien sind Ausdruck eines linearen Weltbilds, in dem klare Ursachen klare Folgen nach sich ziehen. Das grenzt Verantwortung gut ab. Ein Held kämpft mit einem anderen Helden, the winner takes it all. Atomphysiker tot, Problem gelöst. 

Jetzt mag, um bei diesem Beispiel zu bleiben, der getötete Wissenschaftler eine Koryphäe auf seinem Gebiet gewesen sein – aber nicht der Erfinder der Nukleartechnologie. Wissenschaft wird auch nicht mehr in Form von oralen Überlieferungen in Geheimbünden am Lagerfeuer vermittelt. Soll also wirklich das Rüstungsprogramm  eines ganzen Staats an einem einzigen Wissenschaftler hängen? Der Iran kündigt etwas anderes an. Welche Konsequenzen sind  es denn, für die ein Mordkommando die Verantwortung übernehmen kann? Wurden Spannungen beseitigt, Konfliktrisiken gesenkt? Werden sich internationale Beziehungen verbessern? Auch hier kündigt sich anderes an.

Für welche Konsequenzen kann also der entschlossen handelnde Held Verantwortung übernehmen? Mit welchen nachhaltigen Effekten, die er folgenden Generationen überlässt, unterscheidet er sich vom zaudernden Gesinnungsmoralisten?

Diese Behauptung, entschlossen Verantwortung für seine Handlungen zu übernehmen, macht nur für denjenigen Sinn, der sich sicher ist, die Geschichte in seinem Sinn erzählen zu können. Daraus könnte man nun eine Geschichte von Macht und Kontrolle entwickeln: Die entschlossen Handelnden sind eben jene, die die Welt gestalten, die Fakten schaffen, Vorbildwirkung zeigen, für andere die Kartoffeln aus dem Feuer holen usw.

Viel wahrscheinlicher ist aber eine Geschichte eines erstaunlich einfachen Weltbilds, das Geschichte als klare Reihenfolge von Ursache und Wirkung sieht, alle anderen außer einem selbst als einfache Reiz-Reaktions-Maschinen, und das alle anderen Ergebnisse als vorübergehende Abweichungen, als beiläufige Anomalien auf dem Weg zum großen Ganzen betrachtet.

Nicht umsonst sehen sich diese Akteure ja gern im Geist der Aufklärung, als Vernünftige, die nicht von irrationalen Wunschvorstellungen geblendet wurden, sondern dem Weltgeist nüchtern ins Auge sehen.

In der übervollen Rumpelkammer des Vorausgesetzten

Man kann das alles machen. Man kann Politmorde und Autobahnraserei befürworten, man kann – muss vielleicht sogar – funktional einfache und zielorientierte Weltbilder schaffen, um Pläne machen zu können.

Nur sind die hier ins Feld geführten Argumente grundfalsch. Dabei wirken sie so überzeugend und bewegend. Als würde jemand an die Gesinnung seiner Leserschaft appellieren. Als möchte jemand gern an Bildern von tatkräftigen Helden, von der Kraft des Einzelnen festhalten. Als hänge jemand einfachen Weltbildern nach, in denen jede Ambiguität ausgeräumt ist.

Man kann auch das Leid von Menschen gegeneinander aufwiegen, sich lieber um „die eigenen“ kümmern, keine Zeichen setzen, die Ungerechtigkeit punktueller Hilfe betonen. Schlüssig ist das aber nur, wenn wir klare Grenzen zwischen uns und denen ziehen können und wenn wir uns selbst davon überzeugen können, dass wir für Probleme, die wir nicht zur Gänze lösen können, auch nicht zum Teil verantwortlich sind. Das pervertiert den Verantwortungsgedanken allerdings deutlich.

Klingt das nach Ideologie? Das würden die vermeintlich scharfsinnigen Analytiker wohl entrüstet von sich weisen.

Dabei wird die Rumpelkammer des Ungesagten, aber Vorausgesetzten immer voller. Jede glatte, einfach und schlüssig klingende Behauptung verschiebt ihre Grundlagen in diese Rumpelkammer, um funktionieren zu können. Das ist ok. Aber es ist eine Verschwendung von Zeit, Aufmerksamkeit und Problemlösungskompetenz, wenn damit Scheingegner (diese Gesinnungsmenschen) bekämpft werden, wenn Schattenboxkämpfe und Affentänze vollführt werden, um den Plan der eigenen Großartigkeit weiterzuverfolgen.

Wahrscheinlich würde die Betroffenen einwenden, sie wollten das gar nicht. Sie sagten ja nichts, sie analysierten ja nur. Aber die, die auf ihre Gesinnung pochen – ja das sind ganz üble Schreibtischtäter.

Wir stecken in einer Krise des Erklärens und Analysierens. Solche scheinbare Gegenpositionen einnehmenden Scheindebatten, die von scheinbarer Entrüstung auf beiden Seiten leben,  sind dabei besonders tragische Charaktere in diesem Trauerspiel.

Expertise: Ups Kaputt

Die Politik haben wir glatten Karrieristen ohne Idee überlassen, in den Medien arbeiten überwiegend ungebildete Menschen mit mangelhaften Rechtschreib- und Grammatikkenntnissen, die Wissenschaft wird als nächstes die große Wurschtigkeit nicht überleben. Dem müssen wir etwas entgegensetzen, meint der Wissenschaftssoziologe Harry Collins in seinem aktuellen Buch „Are we all scientific experts now?“. 

Müssen wir? Und ist die Frage nicht eher: Können wir? 

In Wissenschaftssoziologie und anderen Feldern der Science Studies gibt es schon länger Debatten über Formen der Beteiligung an Wissensproduktion, die sich auch um eine potenzielle Aufweichung des Expertenbegriffs drehen: Haben zu Fragen des täglichen Lebens nicht alle Menschen etwas beizutragen? Fließt nicht in vielen Feldern Know-how aus der Praxis in die Wissenschaft ein und sollte die Zusammenarbeit hier nicht enger sein? 

Harry Collins: Es ist nicht alles Expertise

Collins schärft hier etwas nach. In seinem aktuellen Buch arbeitet er eine Expertisen-Matrix aus, die helfen soll, verschiedene Formen von Expertise zu schärfen und zu klären, welche wo angewendet werden können. 

Die allgemeinste Ebene von Expertise ist ubiquitous expertise. Hier haben wir etwas gründlich gelernt – es verschafft und aber keine besonderen Fähigkeiten. Gehen gehört dazu, das Sprechen der Muttersprache, oder die Fähigkeit, sich anhand von Straßennamen und -nummern in einem Ort zu orientieren. 

Specialist expertise beschäftigt sich mit speziellen Formen des Wissens. Im Idealfall ist specialist expertise die Form von Wissen über ein spezifisches Themengebiet, die wir nicht nur lernen, sondern auch freihändig anwenden können, um dieses Themengebiet zu erweitern. Allerdings wirkt es auch wie specialist expertise wenn jemand wissenschaftliche Quellen liest, ohne sie einordnen und interpretieren zu können. Deshalb unterscheidet Collins hier noch einmal zwischen verschiedenen Formen allgegenwärtiger (ubiquitous) specialist expertise und der specialist expertise jener, die über ein wissenschaftliches Thema    diskutieren oder etwas sinnvolles beitragen können. 

Meta expertise als dritte Form richtet sich weniger auf Sach- und Fachwissen, hier zählen etwa soziale Kriterien, die es uns erlauben, zwischen ehrlichen und verlogenen Politikern oder Verkäufern zu unterscheiden.

Die letzte und gefährlichste Form von Expertise bezeichnet Collins als default expertise. Das ist die Einstellung, die Abstufungen innerhalb dieser Formen von Expertise oder Nuancen der specialist expertise ignoriert und davon ausgeht, dass wir ohnehin alle den gleichen Verstand haben und mit Hausverstand bei auch den komplexesten wissenschaftlichen Fragen mitreden können. Das ist die Expertise jener, die an YouTube-Universitäten promoviert haben, von Dr. Google beraten werden und Insider-Information aus Telegramm-Channels beziehen.

Zurück zu Expertise-Idealen – geht das? 

Schlüssig, aber wie weit hilft das der Wissenschaft? Hier muss Collins seine bislang analytische Perspektive verlassen. Es gebe keinen anderen Weg, als Wissenschaft und WissenschaftlerInnen für ihr Ideal zu respektieren. WissenschaftlerInnen als Nerds auf der Suche nach der bestmöglichen Wahrheit oder der wahrscheinlichsten Theorie, die nur vorsichtig Schlüsse ziehen und mit Empfehlungen und Entscheidungen zurückhaltend umgehend, sind nicht diejenigen, die griffige Positionen formulieren.

Relevante Kulturtechniken, mit denen man sich schnell Reichweite, Beachtung und Aufmerksamkeit verschafft, gehören nicht zum wissenschaftlichen Standardrepertoire.  Wahrheiten werden von jenen bestimmt, die Macht haben, ihre Ideen zu verbreiten oder die die griffigste Medienstory erzählen – Collins beschreibt das als unerwünschte Zukunftsvision. Der zeitgeist müsse sich ändern, wenn wir unsere Gesellschaft bewahren wollten, wir müssten einfacher Wissenschaft (wieder) einen größeren Stellenwert einräumen.

Zurück in den Elfenbeinturm? 

Ist das die richtige Perspektive? Ist das eine Perspektive, die man überhaupt noch einnehmen kann? Ist nicht der Zug schon längst abgefahren, haben sich nicht schon lang neue Kulturtechniken etabliert, für die Wissen irrelevant ist? 

Und das war lange Zeit ein Versprechen: Wir müssen nichts mehr wissen, wenn wir wissen, wo wir nachschlagen können. Wir brauchen nicht mehr warten, bis wir gefragt werden oder bis jemand unser Anliegen interessant findet, wir können uns selbst Gehör verschaffen. Wir können an etablierten Kommunikation- und Publikationskanälen vorbeipublizieren. Wir können Unmengen an frei verfügbarem Wissen konsumieren – und es verarbeiten, wie es zu unseren Interessen passt. 

Wir haben Techniken zur Außenwirkung perfektioniert – das entbindet uns von der Notwendigkeit, an Inhalten zu arbeiten. Wer mehr macht, als sich verkaufen lässt, ist selber schuld. 

Der Weg zurück, den Collins vorschlägt, ist verlockend. Es ist auch plausibel, dass viel Kritik an der Wissenschaft darauf zurückzuführen ist, dass Wissenschaft oft langweilig, platt und mit Fehlern behaftet ist. Das liegt in der Natur der Wissenschaft, die erst Wissen schaffen möchte und nicht vorgibt, schon alles zu wissen. Das verstärkt den Eindruck, dass auch hier nur mit Wasser gekocht wird und dass ohnehin alle mitreden können.  Das Problem mit der Zukunft ist allerdings, dass Rückschritte nie verlockend sind, dass der Weg zurück in bessere Zeiten praktisch kaum funktioniert. Alternative und stellenweise radikalere Ansätze, die Wissenschaft weiter öffnen, waren bislang auch wenig erfolgreich darin, der Wissenschaft Respekt oder auch nur Luft zum Reden zu verschaffen.  Deren Proponenten wie Bruno Latour haben offenbar auch ein weit weniger ideales Bild von WissenschaftlerInnen – für Latour ist das, was Collins als Deformation diagnostiziert, untrennbarer Bestandteil des Wissenschaftsbetriebs. 

Wichtigste Expertise: was auch immer der Beachtung dient … 

So lang wir alle berühmt werden wollen und uns gegenseitig den Eindruck vermitteln, dass wir auch auf einem guten Weg dorthin sind, wird das nichts werden mit dem Rückzug zu idealen und an Ruhm, Erfolg und Vorteil desinteressierten WissenschaftlerInnenwerten (dazu habe ich anderswo schon einiges geschrieben).

Die vielversprechendste Gegenbewegung sehe ich in dem Trend, dass jene Beliebigkeit, der Lärm, das direkte Feedback, das schnelle Aufeinanderprallen haltloser Meinungen zunehmend jenen auf die Nerven gehen, die bislang am meisten davon profitiert haben. JournalistInnen, Twitter-AktivistInnen, ExpertInnen für eh alles, die die Kulturtechnik des Behauptens perfektioniert haben, sind dann auch nicht mehr ganz zufrieden damit, nur eine von vielen gleichwertigen Stimmen zu sein, die problemlos übertönt werden kann.  Es sind also alle unzufrieden. Wohin das führt, das wird sich noch zeigen. 

“Rhinestone Cowboy” – der Posterboy für politische Visionen der Gegenwart

Manchmal drängen sich uns ja komische Dinge auf. Bei mir war es heute morgen „Rhinestone Cowboy“, Glen Campbells traurige Ballade über einen erfolglosen Außenseiter, der so gern ins glitzernde Rampenlicht möchte. Eine Perle der 70er Jahre, die vor allem alternde Reitstallbesitzer immer gern ausgegraben haben

Auf den ersten Blick merkwürdiger Ohrwurm, auf den zweiten Blick aber die perfekte Allegorie von Politik in Corona-Zeiten, vor allem wenn man die großteils elendigen Budgetdebatten dieser Tage verfolgt hat: Menschen wünschen sich bessere Zeiten – gut, das war praktisch schon immer so.

Was sie sich vorstellen, ist aber gar nicht so toll und fern von allem, was funktionieren würde; möglicherweise haben sie gar keine Ahnung, was sie sich eigentlich vorstellen können: Campbell reitet in seiner Phantasie erbärmlich schlecht auf einem verlassenen Krautacker und winkt einem imaginären Publikum zu. So wird das nichts mit dem Glitzerstein-Kostüm und den jubelnden Mengen. Zu allem Überfluss: Sein Pferd ist weiß – Quarterhorses, also die überwiegend im Westernreitsport eingesetzte Pferdeasse, sind sehr selten weiß. Natürlich kann man auch andere Rassen oder der Farbe nach ausgesuchte Pferde reiten – aber man wird nicht gewinnen. Man wäre dann eher eine Art Eddy the Eagle der Arena.  Aber noch weit schwerwiegender: Rhinestone Cowboy zu sein, also erfolgreicher und bewunderter Rodeo- oder Reining-Reiter, ist ein elendiger Knochenjob mit Arbeitszeiten und Unsicherheitsfaktoren, die jedem Gewerkschafter die Grausbirnen aufsteigen lassen würden.

Aber in etwa diesem Stil und mit ähnlicher Treffschärfe bewegen sich politische Visionen der Gegenwart. PolitikerInnen streiten um Pensionszulagen, ohne die Finanzierbarkeit eines Worts zu würdigen. Gewerkschafter fordern Coronatausender für Handelsangestellte – von einer Handelsbranche im Lockdown. Wirtschaftskämmerer wollen mit Sonntagsöffnungen Handeslumsätze ankurbeln – obwohl Menschen ohne Perspektive sparen und sinnvollerweise einen Teufel tun, Handeslumsätze retten zu wollen. Finanzminister versprechen Milliardenhilfen und zahlen sie dann nicht aus. Ein Bundeskanzler wird von Licht am Ende des Tunnels geblendet – aber es sind dann auch nur Glitzersteine und leider nicht die Laserpointer der Sturmgewehre von Wega-Polizisten, denen er dann wieder Verdienstabzeichen anheften könnte.

Dabei haben wir noch keinen Gedanken an Schulschließungen veschwendet, an Watschen androhende Ex-Nationalratspräsidenten, an kulturtümelnde ÖVP-Provinzler oder an Grüne Abgeordnete, die übers Dritte Reich witzeln. Aber so etwas würde der Rhinestone Cowboy auch nicht tun.

Und wenn wir dann aufwachen, finden wir uns noch immer auf diesem Krautacker wieder.

Hier ist das Prachtstück:

Hallo Krisen-Murmeltiertag!

Es ist Krisen-Murmeltiertag: Wir haben das Jahr 0,5 ac (anno coronae), und alle Projekte, die im März und April auf den Herbst verschoben wurden, sind im September kurz für zwei oder drei Wochen zum Leben erwacht, um jetzt wieder verschoben zu werden. Auf unbestimmte Zeit. Natürlich haben wir keinen Lockdown und keine Unternehmensschließungen. Wir haben nur unklare Regelungen für Veranstaltungen, die Messen praktisch unmöglich machen – oder sehr viel Risikobereitschaft von den Veranstaltern verlangen.

Wir haben eine verwirrende Informationslage, die EU-Nachbarn dazu bringt, Wien zum Risikogebiet zu erklären. Weshalb Partner schon noch einreisen dürften – die haben aber kein Lust dazu, weil sie nach ihrer Rückkehr (zB nach Deutschland) erstmal in Quarantäne müssten. 

Wir haben Unternehmen, die ihre Reserven auf ein halbes Jahr aufgeteilt haben, und sich jetzt der Nulllinie auf ihren Konten nähern. 

Wir haben Härtefallfonds-Zahlungen, die immer langsamer (aber immerhin noch) abgewickelt werden. 

Wir haben Fixkostenzuschüsse, bei denen jeder jemanden kennt, der niemanden kennt, der daraus bereits Zahlungen erhalten hätte. 

Wir haben Förderungs- und Investitionsprogramme, die mit dem Ausschluss von Eigenleistungen, der Ignoranz gegenüber immateriellen Kapitalwerten und der Unterordnung unter politische Frohbotschaften an der Realität von Unternehmen vorbeigehen

Wir haben PolitikerInnen und ExpertInnen die davon faseln, dass Freiheit über Hilfe stehen müsse – und doch die ersten sind, die Unterstützung für ihre Branche einfordern. Mit Freiheit meinen sie im übrigen, dass ihnen niemand im Weg stehen soll.  

Im Frühling haben wir noch, während andere Brot gebacken, Heizkörper geputzt oder Yoga geübt haben, Kosten gekürzt, neue Produkte entwickelt, uns nach neuen Märkten umgesehen und Digitalisierung und andere Hoffnungstrends ausgebaut. 

Und jetzt?

Ideen gibts natürlich immer noch, die werden mehr. Das Geld wird weniger. 

Zombiezucht?

Walking Dead ist schon länger uninteressant. Die Dichte an Negans und Lucilles hat unter den CosplayerInnen auch deutlich abgenommen, der Superbösewicht und sein stacheldrahtumwickelter Baseballschläger laufen kaum noch auf Cons herum. 

Trotzdem redet man wieder oft von Zombies. Diesmal verdanken wir das nicht Nerds und Comics, sondern ÖkonomInnen und allen, die sich dafür halten. Sie werfen UnternehmerInnen, die jetzt in der Krise Unterstützungsuchen vor, Zombiekult zu betreiben: Sie seien nämlich darauf aus, etwas nicht mehr lebensfähiges mit aller Gewalt am Leben erhalten zu wollen. Geschäftsmodelle, die nun nicht mehr funktionieren, seien Untote, von denen man sich besser trennen solle. 

Die Idee der Zombieconomy ist alt. Sie jetzt in der Krise wieder auszugraben, ist ein wenig riskant. Als erstes müssten wir ja dann Gastronomie, Hotellerie und jegliche Form von Zusammenkünften über Bord werfen. Alles ist dank Virus unangemessen und von Streetfood bis Streaming gibt es funktionierende Alternativkonzepte.  Vielleicht hilft ja auch ein Blick zurück auf die Geschichte der Zombies. In der populär gewordenen Form tauchten Zombies zum ersten Mal in William Seabrooks „Magic Island“ auf, einem etwas fiktionalisierten Reisebericht über Haiti. Zombies waren scheinbar willenlose, leicht steuerbare Menschen, die am Rande der Gesellschaft existierten. Die rationalisierte Entstehung für ihren Zustand: Es waren Delinquenten, die zur Strafe und um sie unschädlich zu machen, mit Drogen und vielleicht ein wenig Magie in diesen Zustand versetzt worden waren. 

Entgegen allen Vorstellungen von Gewalt und Blutrausch, die das moderne Zombiekonzept bestimmen, waren Zombies also eine Variante der Sicherheitsverwahrung, möglicherweise auch der Sklaverei – denn die frühen Zombies hatten auch Herren. 

Vor diesem Hintergrund lässt sich ganz gut erklären, warum ich einen ganz anderen Blick auf Zombiezucht in der Wirtschaftspolitik habe. Förderprogramme wie wir sie kennen, sind in der Regel Werkzeuge zur Zombiezucht. Sie sind in der Regel zu spät und zu konkret. Eine öffentliche Institution hat einen Trend erkannt, beschrieben und in ein Programm gegossen. Das passiert im Nachhinein, Webb schon viele Unternehmen in dieser Schiene erfolgreich waren. Mit Förderungen werden dann viele weitere Unternehmen auf den gleichen Weg geschickt – auf dem sich dann schon einiges drängt. Förderbestimmungen und -quoten binden dann Energie und verhindern flexible Entwicklung. Bis Programme beschrieben und verabschiedet, Förderanträge geschrieben und genehmigt sind, hinken geförderte Projekte in der Regel ihrer Zeit zwei Jahre hinter.

Wäre es also besser, ganz auf Förderungen zu verzichten? Offene Programme, die mehr inhaltlichen Entscheidungsspielraum bei den Unternehmen lassen, wären ein Schritt. Förderungen, die auf lebensnahe und zeitgemäße Entscheidungen anwendbar wären, ebenso.   Gerade in Krisenzeiten könnte es ja sinnvoll sein, mehr auf UnternehmerInnen, ihre Einschätzungen, Erfahrungen und Perspektiven zu achten. Die reflexartig heraufdräuenden Vorwürfe einer wiedererstarkenden Zombieconomy dagegen sind eher selbst Wiedergänger einer vergangenen Zeit – und selbst wenig mehr als Zombies. Umso mehr, als der Großteil der Förderungen hier eher Schadenersatz als Prämie sind. 

Was Förderungen im übrigen nicht leisten und auch nicht leisten sollen, ist Absicherung. Soziale Absicherung ist ein Feld, auf dem sich besonders deutlich zeigt, wie unangemessen und unzeitgemäß politische Konzepte heute sind. 

Corona, die Kultur und die Kleinunternehmen: zurück in die Ungewissheit

Zugegeben, es war ein etwas seltsames Gefühl: Mehrere tausend Menschen in einer großen Halle, die Maskendisziplin war in den ersten Stunden noch sehr hoch, im Verlauf des Wochenendes wurden die Masken dann weniger, und Menschen, die anfangs noch streng hinter Plexiglasbarrieren standen, unterhielten sich später an diesen Wänden vorbei miteinander.

Vergangenes Wochenende ging die Austria Comic Con über die Bühne – die erste Veranstaltung dieser Art 2020 in Österreich, alle anderen Events sind bislang dem Virus zum Opfer gefallen.  Und mit neuen Ampelspielen sieht es danach aus, als wäre es vielleicht auch schon wieder das letzte große Event gewesen.

Das ist ein Problem.

Wir haben jetzt ein halbes Jahr mit Corona hinter uns. Die im März angekündigten Hilfen waren ursprünglich mit Juni befristet. Dann wurden sie schrittweise verlängert. Ich habe im März schon geschrieben, dass viele die Krise erst im Herbst so richtig zu spüren bekommen werden. Dann, wenn klar ist, dass nichts mehr wie selbstverständlich funktioniert.

Wer als Unternehmer alle Härtefallunterstützungen bisher in Anspruch genommen hat, hat jetzt alles ausgeschöpft. Die Zahl der möglichen Anträge wurde von 3 auf 6 erhöht, der Zeitraum von Juni bis Ende des Jahres ausgeweitet, die ursprünglich ausgezahlten Minibeträge durch Untergrenzen erhöht und der Großteil der Zahlungen kam auch einigermaßen zeitnah an. 
Das hätte Unternehmern helfen können, eine harte Zeit zu überstehen. Nach Lockerungen im Juni schien es auch so, als könnte man für die folgenden Monate wieder planen. Das steht jetzt auf dem Spiel. 

Als Comic-Verleger müsste ich jetzt Produktionen für 2021 planen. Dafür sind Einnahmen aus Veranstaltungen wie der Comic Con vom letzten Wochenende eine wichtige Grundlage: Sie liefern das Budget, sie liefern auch Hinweise darauf, wofür sich LeserInnen interessieren und was zur Zeit nicht so gut läuft, und sie sind wichtige Gelegenheiten, neue Produktionen anzukündigen oder vielleicht gar schon den Vorverkauf zu starten. Bemerkung nebenbei: Viele Veranstaltungen – von der Buchmesse Leipzig über den Comicsalon Erlagen bis zu Manga Convention – sind heuer auf digitale Formate ausgewichen. Auch die Frankfurter Buchmesse kündigt das bereits an. Das klingt gut, bringt aber überhaupt nichts. Kulturell gesehen ist das ehrenwert, kommerziell ist das verschwendete Zeit. 

Risiko ist damit immer verbunden, das ist ganz normal. Wenn die Rahmenbedingungen einigermaßen absehbar sind, kann man sich auch auf alles mögliche einstellen. Um ganz konkret bei den eigenen Produktionen zu bleiben: Für heuer haben wir geplante Produktionen reduziert, Kosten gesenkt, neue Produktionen, die zur Zeit passen, herausgebracht, und sind damit ganz gut über die Runden gekommen. Da geht natürlich ganz großer Dank an alle Leserinnen und Leser, die ihre Sammlungen vervollständigt, neue Sondereditionen gekauft oder unsere Hefte weitergeschenkt haben – das ist toll! 
Jetzt kehrt aber die große Unsicherheit zurück. Wir müssten so tun, als könnten wir planen, organisieren, Budgets verteilen – dabei haben wir keine Ahnung, wofür wir planen sollen.

Als Unternehmen, das zu verteilende Budgets erst mal verdienen muss, ist das doppelt blöd: Nichts tun ist die sicherste Option, um Verluste zu vermeiden, bringt aber auch sicher keine Einnahmen. Und Investitionen lassen sich nicht immer so leicht stoppen; sie fressen das Geld, mit dem man über die nächste Durststrecke hätte kommen können.  Es ist ja jetzt wirklich egal, ob es in den nächsten Monaten ein par Comichefte mehr oder weniger gibt, könnte man einwenden. Aber ist es auch egal, ob zwanzig oder dreißig KünstlerInnen weniger Einnahmen haben, weniger ausgeben können – und so weiter? 

Die erste Durststrecke ist vorbei und überstanden, die Notreserven sind angegriffen. Jetzt rächt sich, dass sämtliche Unterstützungsprogramme für KleinunternehmerInnen und EPUs eher als Almosen konzipiert waren und nicht darauf abzielten, die Unternehmen zu erhalten oder gar zu stärken.  Taschengeld hat verlorene Gewinne ersetzt. Produktion, Innovation sind auf der Strecke geblieben. Besonders kritisch ist es wohl auf für jede, die sich auf Kredite eingelassen haben: Die Hoffnung, damit eine Lücke überbrücken zu können, weicht jetzt dem Entsetzen, dass diese Lücke wachsen wird. Wer einen Kredit für sein Unternehmen brauchte, wird auch in nächster Zeit keine Einnahmen haben, mit denen sich ein Kredit zurückzahlen ließe.

Die Unzulänglichkeit der Hilfsmaßnahmen hat auch zu absurden Konstruktionen geführt. Jetzt können beispielsweise Einnahmen-Ausgabe-Rechner für die Beantragung des Fixkostenzuschusses ihre Einnahmen so aufteilen wie Bilanzieren. Es zählt also nicht mehr der Eingang von Rechnungen, sondern der Leistungszeitraum. Das ist für alle Einnahmen-Ausgaben-Rechner erst mal mühsamer Zusatzaufwand – aber ich sehe das als Hinweis darauf, wie wir in Zukunft mit kleineren Unternehmen umgehen können: 

Auch Kleine brauchen Möglichkeiten Rücklagen zu bilden. Sie können keine nicht entnommenen Gewinne liegen lassen, müssen alles sofort versteuern – und sind dabei noch von der Zahlungsmoral ihrer Kundinnen und Kunden abhängig. Es muss auch für kleine Unternehmen Möglichkeiten geben, die eigenen Finanzen besser zu planen – ohne sofort mit Bilanzierungspflichten erschlagen zu werden. Die Bildung von Rücklagen für Entwicklungs-, Forschungs- oder Weiterbildungszwecke, oder schlicht zum Überdauern von Durststrecken, die dann versteuert werden, wenn sie aufgelöst werden, wäre ein erster Schritt. Schließlich gibt es für Kleinunternehmen auch keine Möglichkeiten der unterstützten oder steuerlich begünstigten Weiterbildung. Sie können Bildungskosten zwar steuerlich absetzen – dazu müssten sie aber in der Zeit, in der sie sich bilden, Einnahmen haben, von denen sie diese Ausgaben absetzen können. 

Ein anderer Grund, warum die aktuelle Situation absurd ist: Steuern fallen sofort an, Abrechnungen der Sozialversicherung erstrecken sich aber über drei Jahre. Warum wird von kleinen Unternehmen verlangt, alles innerhalb eines Jahres abzurechnen, während sich der riesige Sozialversicherungsapparat drei Jahre Zeit lässt, um seine Zahlen in Ordnung zu bringen? Abrechnungen müssen schneller erfolgen – spätestens zugleich mit dem Steuerbescheid. Meinetwegen sollen der Einfachheit halber dafür auch die Fristen für Steuererklärungen verkürzt werden – es nützt ohnehin niemandem, das endlos hinauszuzögern. Die Rechnung kommt sowieso – dann umso größer. 

Ein dritter wichtiger Punkt ist der, der den Fehlkonstruktionen der Corona-Hilfsmaßnahmen überhaupt zugrunde liegt, nämlich das Unwissen darüber, was EPUs sind und wie sie funktionieren. Das zieht sich durch praktisch alle öffentlichen Prozesse – von Formularen, in denen zwischen „Privatperson“ und „juristischer Person“ unterschieden wird, über Förderungen, in deren Anträgen nur zwischen GmbH und AG als Rechtsform gewählt werden kann, obwohl sie sich an Kleinunternehmen richten, bis hin zu Ausschreibungen, in denen auch für kleinste Projekte organisatorischer Personaloverhead verlangt wird, der nichts mit der geforderten Leistung zu tun hat. 

Da gibt es noch viel zu tun. Und viel Zeit, in der man schon weiß, dass business as usual unangebracht ist, ist bereits verloren gegangen.

 
Die Convention letzte Wochenende war im übrigen ein Erfolg. Und die Stopp Corona-App auf meine Handy hat während des ganzen Wochenendes keinen einzigen Kontakt registriert. So viel zum wirkungsvollen Containment. 

Die Wurstsemmel und der Superbeamte

Ausweichende PolitikerInnen sind wir gewohnt: JournalistInnen stellen ihnen Fragen, oft Fragen, denen das ausdrückliche Bemühen spezifisch, konkret und informiert zu sein, unmittelbar anzumerken ist – und anstelle von Antworten folgen Exkurse über beliebige Themen. 

Beamtinnen können das noch besser – schließlich sind sie die wahren Experten, KennerInnen der Materie, diejenigen, die Knöpfe und Tasten drücken. Sie wissen viel mehr, von dem sie nichts erzählen wollen, mehr noch – von dem JournalistInnen gar nicht wissen, dass sie danach fragen könnten. 

Und dann saß eines Tages ein ehemaliger Superbeamter einer sogenannten Supersektion im Nachrichtenstudio und hatte keine Lust, Auskünfte zu geben. JournalistInnen und Zuseherinnen sorgte sich um Korruption, Skandale und Machenschaften politischer Eliten, die in einem laufenden parlamentarischen Untersuchungsausschuss aufgearbeitet werden sollten – und der Superbeamte erzählte etwas von Wurstsemmeln. 

Jemand habe, als er, der Superbeamte, befragt wurde, eine Wurstsemmel gegessen.  Das sei, so die Botschaft, ein klares Zeichen dafür, dass die Befragenden schlecht vorbereitet, nicht an echter Aufklärung interessiert sowie respektlos und voreingenommen seien. 

Das ist Kunst. Das ist große Kunst. 

Der Unwille, sich mit Antworten, Argumenten und anderen Lästigkeiten zivilisierter Unterhaltung aufzuhalten, entlädt sich in einem Scheinargument als Gipfel des Absurden: „Jemand hat eine Wurstsemmel gegessen.“ 

Wo Wurstsemmeln gegessen werden, wird nicht gearbeitet, dort sind Menschen nicht bei der Sache. Vielleicht fühlt man sich dort auch zu wohl oder ist sich seiner Sache zu sicher. Oder man ist unter Freunden, jedenfalls schon après, und man rechnet nicht damit, in nächster Zeit in relevanter Form aktiv werden zu müssen. 

All das mag im Bild einer Wurstsemmel, in der Tätigkeit des Wurstsemmelessens mitvermittelt werden. Aber es ist vollkommen irrelevant. 

Deshalb ist es ja große Kunst: Der Superbeamte behauptet irgendetwas, stellt irgendein Ding in den Raum, etwas völlig Zusammenhangloses, nachdem niemand gefragt hat. Und alle anderen sind beschäftigt. Medien greifen den Sager auf, andere JournalistInnen fragen am nächsten Tag noch mal nach. Das eigentliche Thema gerät in Vergessenheit. Es rückt noch einen Schritt weiter zurück, es muss noch eine Hürde mehr überwunden werden, bevor wir wieder darüber reden können. 

Der Superbeamte demonstriert hier besonders schön die aufstrebende Kulturtechnik des Behauptens. Wir verzichten auf Argumente, Logik, Verantwortung. Wir befreien uns von unangenehmen Zusammenhängen, die an uns lasten und uns vielleicht noch Verpflichtungen auferlegen, in diesem Fall die, Antworten zu geben. 

Stattdessen behaupten wir einfach irgendetwas. Das schwebt dann unmittelbar und voraussetzungslos im Raum. 

Das ist ungemein befreiend – und macht auch insofern frei, als es die anderen beschäftigt. Wer behauptet, hat den anderen eine Hürde in den Weg gestellt. Während die noch rätseln, wo diese jetzt herkommt, was sie genau soll und die man sie überwinden kann, können sich die fröhlich Behauptenden indessen ungehindert neuen Feldern widmen. Und man schaut auf sie, etwas verwundert, aber ihre Behauptung hat unsere Aufmerksamkeit.

Das ist heute Macht, das ist Kapital. Beneidenswert.