Alexander Karp: The Technological Republic

Palantir-Gründer Alexander Karp gilt als einer der Intellektuellen des Silicon Valley. Seine Vision einer „Technological Republic“ ist ein wildes Pastiche ziemlich wahllos aneinandergereihter Zitate, als hätte jemand auf Wikipedia recherchiert oder überhaupt gleich die ersten Google-Treffer als valide Quellen akzeptiert.

Natürlich kann Karp argumentieren. Solange er in seinem Metier des Unternehmensgründers und des Produzenten von Überwachungssoftware bleibt, ist das auch interessant. Je länger das Buch wird, desto länger wird es auch in negativen Sinn: Behauptungen, schwache Argumente und die sattsam bekannte konservativ-libertäre Nostalgie, die Zeiten nachhängt, in denen man noch alles sagen konnte – so wie sie meist von saturiertem Männern gepflegt, die alles sagen können. Vielleicht können sie nicht alle zwingen, ihnen zuzuhören oder zuzustimmen, aber das ist eine andere Geschichte.

Bevor Karp sich diesen kulturellen Exkursen widmet, kritisiert er die Konsum- und Konsumentenorientierung des Silicon Valley. Anstelle der großen Herausforderungen werden Convenience-„Probleme“ gelöst, vieles dreht sich um Kommunikation, Entertainment und Selbstdarstellung, wenig ist neu. Im Verlangen nach großen Innovationen trifft er sich mit Peter Thiel. Größere Würfe und Innovationsschritte gelängen dann, wenn Innovatoren mit Staaten zusammenarbeiteten. Die Skepsis gegenüber der Kooperation mit Staat, Polizei oder Militär ist für Karp eine weitere Schwäche der Softwareindustrie, die Wachstum bremst und Standort schwächt, Ideen klein hält und der freien Welt militärische Nachteile bringt – denn anderswo (vor allem in China) sind die Bande zwischen Staat und Innovation deutlich weniger zart.

Innovatoren sollten in erster Linie dem Staat dienen. Die USA müssen Dominanz beim militärischen Einsatz von AI sicherstellen, so wie es ihnen auch bei der Entwicklung von Atomwaffen gelungen ist.

Damit der Staat ein besserer Geschäftspartner wird, muss er natürlich auch an seinen Beschaffungsbedingungen arbeiten, um Unternehmen weniger Hürden in den Weg zu stellen. Karp hat dazu einige Storys aus der Palantir-Geschichte bereit. (Kurzer Exkurs: Auch in diesen Beispielen bleibt, wie so oft, unklar, was das eigentliche Asset von Palantir ist. Datenbanken sind Basistechnologie und kein Produkt, Queries und Relationen sind technische Grundlagen. Die Basisdaten sind entweder frei verfügbar oder schwer zu beschaffen, aber die Rahmenbedingungen sollten für alle gleich sein. Oder sind es doch inhaltliche Urteile, gestaltet Palantir die Welt statt sie nur zu analysieren? Dann wäre es kein Softwareprodukt, sondern in ein politisches Produkt gegossene Haltung – etwas, das man in Data Science zu vermeiden versucht.) Karp zitiert auch andere Fälle, in denen sich Bürokraten über Vorschriften hinweggesetzt hätten, um richtige Entscheidungen zu treffen. Kritik an solchen Alleingängen bezeichnet Karp als Lust auf Sündenböcke, ganz so als wären diese Bürokraten Pogromen ausgesetzt gewesen.

Die Macht und Relevanz von Software ist für Karp Argument, die Branche nicht zu regulieren; dem Starken, der in die Zukunft geht, darf man nichts in den Weg legen. Das Argument lässt sich auch sehr gut umkehren.

Karp reklamiert Mariana Mazzucato und ihr Konzept des Entrepreneurial State als Verbündete für den starken Staat und verwendet einige Zeit darauf, Idealbilder von Startups als Schwarm ohne zentrale Steuerung zu zeichnen. Aber wie entscheidet dieser Schwarm? Karp kommt auf Umwegen zu einer Art völkischen Gemeinschaft als Grundlage kooperativer Entscheidungen. Spätestens hier hat Mazzucato wohl keine Freude mehr mit dieser Allianz, und diese Passagen sind es auch, die verstehen lassen, warum Technikphilosoph Mark Coeckelbergh Karps Buch als Manifest des Technofaschismus kritisiert.

Nick Clegg: How to save the Internet

Es ist ein sehr politisches Buch im taktischen Sinn. Clegg war Parteichef der britischen Liberalen Europa-Abgeordneter, Mitglied der ersten Regierung von David Cameron und und Public Affairs-Verantwortlicher von Meta. Sein Abschied von Meta galt als Zeichen des Rechtsrucks und der Anbiederung von Zuckerberg an Trump. Clegg schreibt hier allerdings eher als ehemaliger Techlobbyist.

Big Tech ist Cleggs Ansicht nach einem Techlash ausgesetzt, der großteils ungerechtfertigt viel Schlechtes in Big Tech sieht. Diese kritische Grundhaltung schaffe ein Klima, das Innovation erschwere. – Ein Argument, das einen sehr großen, aber sehr unspezifischen Bogen spannt, und das etwa in Evgeny Morozovs Kritik gründlich seziert wird.
Big Tech müsse durchaus offener und transparenter agieren, meint Clegg, hält aber von Regulierung wenig.

Seine Argumente sind die eines technisch versierten Lobbyisten:

  • Wenn Facebook so effizient manipulieren könnte, wie Kritiker es unterstellen – wie hätten es dann Kritiker geschafft, sich dieser Manipulation, die zwei Milliarden Menschen erfasst hat, zu entziehen?
  • Facebook sei kein relevanter Nachrichtenkanal, nur sechs Prozent der Inhalte, die User sehen, seien politisch. Wenige Zeilen später reklamiert er allerdings den Erfolg von Kampagnen wie #metoo als Erfolg der Grassroots-Mobilisierungskraft von Facebook.
  • Es gebe wenig belastbare Evidenz für steigende Polarisierung der Gesellschaft, also stelle sich die Frage gar nicht, wie weit Facebook eine solche befördere.
  • Social Media, Facebook insbesondere, habe massiv zum Empowerment von Menschen beigetragen und Intermediäre aus dem Weg geräumt. Das ist eine unerfüllte Hoffnung von vor zwanzig Jahren; Varoufakis’ Technofeudalismus-Konzept ist wesentlich überzeugender und realitätsnäher.
  • Das Internet habe Menschen Zugang zu Wissen verschafft und Wissen sei Macht. Wie sehr Social Media Wissen und den Wert von Wissen korrumpieren, bleibt unerwähnt.
  • Das Netz und Social Media insbesondere stehe für Offenheit und kostenlose Distribution, die allen gleiche Chancen einräume. Auch das ist eine veraltete Hoffnung; Zugang zu Zielgruppen ist jetzt in ausschließenden (und teuren) Oligopolen verpackt.

Clegg ist sehr versiert im politischen Eingrenzen und Zerreden von Argumenten. Er hat auf alles eine Antwort, kommt von Gegenargumenten sehr schnell zur Forderung nach sehr spezifischen Evidenzen, die der einzig mögliche Beleg für das Gegenargument wären und behauptet, damit Argumente entkräftet zu haben.

  • Mental Health sei ein Problem? Es gibt keine Hinweise auf deutliche Steigerungen von Selbstmorden unter Jugendlichen.
  • Regierungen beschließen Einschränkungen für Social Media wie in Australien? Im wesentlichen seien solche Aktionen auf den Neid von Zeitungen zurückzuführen.
  • Regierungen und Zivilgesellschaft, die negative Auswirkungen von Big Tech sehen, hätten gar kein konkretes Bild einer besseren Lösung, niemand wüsste, wie Regulierungen aussehen sollten und welche Plattformen daraus entstehen sollen. – Inwiefern wäre das Aufgabe der Politik? Ist es nicht ausreichend, Handhaben gegen negative Effekte zu schaffen?

Immerhin ein halber Absatz findet sich über die über Facebook geschürte Gewalt gegen in Rohingya in Myanmar. Das sei ein Fehler gewesen, aber Facebook habe nicht ausreichend burmesische Native-Speaker im Content-Moderationsteam gehabt, um das Problem erkennen zu können. Wie sehr Facebook seine Veratwortung wahrnehme, sei an der intensiven Auseinandersetzung der internen Policy-Gremien mit Trumps problematischen Posts zu sehen. – Das ist eine groteske Verdrehung: Es ist völlig unerheblich was ein internes Facebook-Gremium zu Aussagen des US-Präsidenten sagt, wenn die ganze Welt über dessen Aufrufe zur Gewalt (“When the looting starts, the shooting starts”) diskutiert. Es wäre allerdings eine relevante Aufgabe für ein empowerndes, vernetzendes, die Welt zusammenbringendes Unternehmen (so sieht sich Facebook), sich zusammenbrauende Gewaltexzesse zu benennen, zu veröffentlichen, sie nicht zu befeuern, die noch unter dem Radar der Weltöffentlichkeit stattfinden.

AI könne man ebensowenig regulieren, dazu sei das Thema noch zu neu und niemand habe einen ausreichenden Überblick, um hier eingreifen zu können.

Das Spiel mit dem Ruf nach Evidenz wiederholt sich pausenlos: Clegg spitzt Gegenargumente zu, fordert dann Evidenz für die sehr zugespitzte Version, und tut dann vorhandene Belege, die sich nicht exakt auf die von ihm zugespitzte Variante beziehen, als mangelhaft ab.

EU-Tech-Regulierungen unterstützten nur Russland und China gegenüber den USA, und Daten seien kein Öl, dessen Besitz Staaten reich mache und andere nicht, man könne sie schließlich teilen. – Das stimmt, allerdings ist es trotzdem wichtig, an der Quelle zu sitzen. Denn nur dann entscheidet man darüber, ob man teilt, und nur dann sind auch die notwendigen Details der Rohdaten und ihrer Geschichte bekannt, mit maßgeblich bestimmen, wofür die Daten eingesetzt werden können.

Auf die Dauer sind Cleggs Scheingefechte mit Argumenten letztlich ärgerlich. Seine Lösungen sind vage Rufe zu Offenheit, Transparenz und Portabilität von Daten und Accounts. Daran ist nichts falsch, gerettet wird mit solchen vagen Aufrufen aber auch nichts.

Evgeny Morozov: To save everything, click here

Nicht jede Lösung ist sinnvoll, das Internet ist nicht die Lösung für alles. Das ist der schnell auf den Punkt gebrachte Kern von Morozovs Digitalkritik. Der Innovationskult der Digitalsphäre trägt technikzentrierte Lösungsfixierung in alle Problemebenen. Ob der technische Fix auch das zugrundeliegende Problem löst, ist ebenso zweitrangig wie die Frage, ob der gelöste Aspekt auch das eigentliche Problem war. In Kombination mit internetzentrierten Perspektiven entsteht so ein merkwürdiger Tunnelblick. Manchmal werden Lösungen als neu gepriesen, die es schon lange gibt, manchmal werden Lösungen auf digitale Technologien zurückgeführt, obwohl es sie schon lange gibt und sie auch bestens ohne Internet funktionieren, manchmal bleiben vermeintliche Lösungen auf das Internet beschränkt, ohne sich auf die Realität auszuwirken. Fündig wird man da zuhauf bei den 2.0 Predigern rund um Clay Shirky oder Jimmy Wales. Afrikanische Bauern können sich dank Web endlich über effiziente Baumbewässerung austauschen, man muss nur ein Loch um den Baum graben, damit das Wasser im trockenen Boden nicht abrinnt – eine Technik, die seit hunderten Jahren angewendet wird. Ushahidi, die usergenerierten Datensammlungen über die eigene Umgebung schaffen neues Wissen zu neuen Fragestellungen – das eignet sich perfekt für interaktive Visualidierungen für Konferenzen wohltätiger NGO-Stiftungen, hat aber im Leben von Menschen vor Ort noch nie eine Rolle gespielt.

Morozov vergleicht internetzentrische Lösungsapostel mit Außerirdischen, die auf dieser Erde gelandet sind und keine Ahnung davon haben, wie Probleme bisher, ohne Internet, gelöst worden sind.

Weitere Kritikpunkte neben Solutionismus und Internetzentrismus sind der quasireligöse Status von Internet, Algorithmus oder KI, die unhinterfrsgt positive Bewertung von Begriffen wie Transparenz oder Innovation und der Informations-Reduktionismus, der alle Fragestellungen in Datenprobleme zerlegen möchte und davon ausgeht, mit ausreichend Daten wäre alles sinnvoll berechenbar. Dabei schreibt Morozov, läuft nichts so klar und clean ab, wie es die (aktuell wieder in Mode kommende) Kybernetik beschreibt.
Digitaler Dualismus, die Idee, Internet und Rest der Welt wären getrennte Systeme und das Internet wäre ein eigenes System mit eigenen Gesetzen, die man eben versteht oder nicht, die sich aber nicht durch Gesetze aus der politischen Welt gestalten lassen, ist eine andere Spielart des Internetzentrismus.

Letztlich ist es Kritik am technischen Determinismus, der Morozovs Internetkritik zusammenhält. Die Vorstellung, Technologie bestimme dank inhärenter Kräfte Politik ubd Gesellschaft ist nicht nur bloß eine Technologietheorie neben vielen anderen, sondern auch ein praktisches Machtmittel. Weil Digitaltechnologie so anders und neu ist, kann und darf sie nicht eingeschränkt werden. Weil nur wenige erfolgreiche Unternehmer das Internet verstehen, darf ihnen die Politik nicht mit Regulierungen dreinreden und so Innovation gefährden. Weil in Technologie richtig und falsch am Funktionieren und am kommerziellen Erfolg gemessen werden, dürfen hier keine politischen und moralischen Maßstäbe angelegt werden.

Open Data, Open Government, Transparenz, Innovation, ökonomischer Rationalismus und Reduktion auf Formeln sind einige Symptome dieser Einstellungen, die nicht nur Morozov kritisiert. Vor allem die Kritik am Datenreduktionismus habe ich in Data is overrated zusammengefasst.

Morozovs Text ist zehn Jahre alt. Manchmal merkt man das. Manchmal daran, dass Dinge immer schon so waren (auch vor 10 Jahren war Viralität eine Sache von Performance Management, nicht von Kreativität), manchmal daran, wie schnell sie sich geändert haben (für Morozov war es noch anrüchige Zukunftsvision, dass Medien journalistische Arbeit an Daten ausrichten könnten). Manchmal ist Morozovs Kritik treffend und unterhaltsam, manchmal redundant und renitent. Wohlwollende Interpretation potenzieller Dummheiten gehört nicht zu seinen Stärken. Trotzdem sollten kritische Stimmen wie seine gerade jetzt wieder mehr gelesen werden.

Aldous Huxley: Zeit der Oligarchen

Es wird nicht alles besser. Fortschritt und Innovation stehen nicht zwangsläufig im Dienst der Gesellschaft. Wissenschaft hat Verantwortung, Partei zu ergreifen und Gesellschaft zu gestalten. Huxleys kleiner Text, 1946 veröffentlicht, zieht eine sehr ernüchternde Bilanz. Geprägt von Kriegsjahren, Vernichtungswaffen und effizienter Verfolgung wendet Huxley sich gegen die Vorstellung, Wissenschaft und Technik stünden im Dienste aller.

Sie schaffen Effizienz, Beschleunigung, erschließen neue Wege und Räume und dienen damit vor allem jenen, die diese Potenziale auch nützen können. Produktionsprozesse werden effizienter, Margen besser kontrollierbar, Automatisierungspotenziale verschieben Verhandlungspositionen auf dem Arbeitsmarkt und Rüstungstechnologien machen Kriege noch mehr als bisher zu einer Geldfrage. 

Huxley mächte auch einige positive Wege vorzeichnen: Atomenergie könnte in Kürze wohl auch einer friedlichen Nutzungzu geführt werden, schreibt er ein Jahr nach Hiroshima und vierzig Jahre von Tschernobyl. Wind- und Solarkraft könnten die großen Wüstenstaaten in Afrika und Asien mit Energie versorgen und sie zu Lieferanten und Partnern für den Rest der Welt machen. Und Wissenschaftler sollten einen eigenen hippokratischen Eid für alle Disziplinen leisten, der Forschung in den Dienst des Guten und der Gesellschaft stellt. Diese Idee ist in den letzten Jahrzehnten mehrfach wiedergekehrt, aktuell in Erwartungen an Data Scientists und AI-Experten.

Ein zweiter sehr zeitgemäßer Gedanke kristallisiert sich in Huxleys Medienkritik: Effizienzgetriebene Medien machen es sich zum Geschäftsmodell, Menschen zu verdummen und süchtig zu machen. Lange vor datengesteuerter Personalisierung und Feedgestaltung ruft Huxley zu Verantwortung für und Regulierung von Medien auf. Auch das sind Themen, die achtzig Jahre später allenfalls größer geworden sind. 

Der Titel (im englischen Original hieß es „Science, Liberty and Peace“) und ein Klappentext von Robert Habeck sorgen für eine etwas sehr zeitgeistige Aufmachung. Der Versuchung, bald ein Jahrhundert alte Kulturkritik als vorweggenommene Lösung nach wie vor geltender Probleme zu betrachten, muss man dennoch widerstehen. Wäre es die Lösung, dann hätte es ja jemand umsetzen und die Probleme aus der Welt schaffen können. 

In Huxleys Technologie- und Wissenschaftskritik steckt auch eine gehörige Portion Technologie- und Wissenschaftsgläubigkeit, ein Technodeterminismus, der Soziales als der treibenden und gestaltenden Kraft der Technik ausgeliefert sieht. Robert Oppenheimer, Miterfinder der Atombombe, war zur etwa gleichen Zeit seiner eigenen Zunft gegenüber skeptischer: Wissenschaft liefert keine Werte und Entscheidungen, Wissenschaft liefert Bausteine und Gestaltungsmaterial. Entscheidung und Verantwortung liegt bei Mensch, Politik und Gesellschaft.

Eva Ladipo: Not am Mann

Wie wurde Männlichkeit zum Problem? Ladipo liefert in diesem kurzen Text eine nüchterne Bestandsaufnahme, warum Männlichkeit als toxisch gilt und wie sich manche Facetten von Männlichkeit tatsächlich zum Problem entwickelt haben. 

Eine Kernthese: Männern geht es wie Arbeitern. Sie werden nicht mehr gebraucht, haben ihre Fürsprecher verloren, müssen sich mit neuer Konkurrenz auseinandersetzen und sind in Summe wirtschaftlich, politisch und kulturell abgestiegen. 

Als Gegenmittel werden verquere Inszenierungen von Männlichkeit ins Rennen geführt, bei deren Erfolg Frauen wichtige Rollen als Katalysatoren spielen: In allen rechten Parteien sind Frauenfiguren in der Bandbreite von Tradwife bis starker Anführerin vertreten, die Skizzen wünschenswerter Männlichkeit entwerfen. 

Auf der anderen Seite, diagnostiziert Ladipo, haben eher links angesiedelte Identitätspolitiker in Frankenstein-Manier Patchwork-Identitäten ins Leben gerufen, die einfachen Männern keinen Platz mehr lassen und sie auf der Hierarchieleiter des Respektablen einige Stufen nach unten versetzt haben. 

Die Analyse bleibt ein wenig dünn. Männern geht es wirklich nicht besonders, so die Essenz. Manche suchen Auswege und Ventile. Ein Mittel gegen unerwünschte Folgen und Auswüchse dieser Ventile sei es, den Abstieg von Männern und die damit verbundenen Sorgen ernstzunehmen. Das kann man nun wirklich von jedem sozialen Problem sagen.  

Sophie Passmann: Wie kann sie nur?

Lass es doch, wenn es dich stresst, denkt man sich beim Lesen und verbietet es sich als alter weißer Mann zugleich. Sophie Passmann erzählt vom Stress jüngerer Frauen im Internet, von Vergleichen, unrealistischen Körperbildern oder Lebensmodellen der Superreichen, denen gegenüber das eigene Leben erbärmlcih ist. Sie erzählt von Urteilen, Verurteilungen, ungefragten Meinungen und Ratschlägen und dem Drang, trotzdem das eigene Leben an die Öffentlichkeit zu tragen, unabhängig davon, ob es zum Geschäftsmodell beträgt. 

Literaturkritiker haben rund um dieses Buch Miniskandale provoziert, indem sie ob der exzessiven Selbstbezüglichkeit die Relevanz des Textes für andere Menschen als die Autorin selbst infrage gestellt haben. Ein wenig ist es schon so: Jetzt schreiben auch Frauen die Bücher der explosiven und exzessiven Selbsterkenntnis, die man von männlichen Autoren in den vergangenen Jahren eher gelangweilt und befremdet zur Kenntnis nahm. Warum erzählst du mir das? Und warum meinst du, dass es in irgendeiner Weise relevant, interessant oder unterhaltsam wäre? 

Als erfahrener Leser verkneift man sich diese Frage, im Schlusskapitel stellt Passmann sie allerdings selbst: Wozu? Was ernst nehmen? Wie weit sich vereinnahmen lassen? 

Als wäre das Schreiben ein Befreiungsakt gewesen, sagt sich Passman sinngemäß selbst: Lass es doch. 

Ok, sagt der Leser. Und fragt sich noch leise: Wozu habe ich das jetzt gelesen?

Social Media-Konsum funktioniert wie Horrorfilm-Konsum: Es kann verlockend sein, sich dem Nervenkitzel auszusetzen. Man muss aber auch wissen, dass man manchmal nicht in der Verfassung ist, sich dem stressfrei und unbeschadet auszusetzen. 

Quinn Slobodian: Crack-Up Capitalism

Josef Kleindienst, ehemaliger FPÖ-Polizeigewerkschafter, kommt hier mit Immobilieninvestments in Dubai zu 15 seconds of fame: Kleindienst vermarktet Hotels und Ferienimmobilien auf den künstlichen The World-Inseln vor Dubai. Zentraler USP seines Angebots: Alle Mieteinnahmen sind dank der Offshore-Sonderwirtschaftszonen zu 100% steuerfrei. Nicht nur deshalb taugt Kleindienst zur (kleinen) Gallionsfigur des von Slobodian analysierten Crack-Up Capitalism, also einer aggressiven, nicht demokratiefreundlichen Wirtschatfsform, die Freiheit des Wirtschaftens über alles stellt. In den 90er Jahren veröffentlichte Kleindienst den Bestseller „Nie mehr Strafe zahlen“. Als Polizist gab er dabei Tipps, welche Ausreden, Verschleppungstaktiken und Lügen Delinquenten (vor allem Autofahrer) vor Strafen bewahren sollten. Ich war im übrigen damals Chronik-Redakteur beim damals viel gelesenen Wochenmagazin News und habe Kleindienst zu seinem Buch interviewt.

Die Idee, sich aus allen Strafen rauswinden zu können, ist durchaus symptomatisch für die Einstellung, die Slobodian als Crack-up Capitalism beschreibt: Der persönliche Vorteil steht im Vordergrund, Verantwortung und Haftung ist etwas für die, die zu langsam sind, dem zu entkommen, vorrangiges Ziel ist, sich abzuputzen, und niemals derjenige zu sein, der auf der Rechnung sitzen bleibt.

Crack-up Capitalism ist eine Wirtschaftsideologie, die Staaten und Demokratie gerne hinter sich lassen möchte. Anstelle von Staaten sind Sonderwirtschaftszone bevorzugte territoriale Organisationsmodelle. In Sonderwirtschaftszonen gelten andere (niedrigere) Steuersätze, Qualitäts- und Sicherheitsvorschriften werden ausgehebelt, Arbeitsrecht und ähnliche Hemmschuhe sowieso.

Peter Thiel wünschte sich 1000 Nationen anstelle der aktuellen 200, Libertäre und Anarcho-Kapitalisten wünschen sich konkurrierende Staats- und Gemeinschaftssysteme, die Individuen die Wahl bieten sollten: Wer mit der aktuellen Verwaltung unzufrieden ist, soll einfach in ein anderes System wechseln können, damit langfristig lebendige Konkurrenz dem besten System zum Sieg verhilft.

Diese Visionen hinken eigentlich der Realität hinterher. Es gibt und gab einige hundert Sonderwirtschaftszonen, die in starker Konkurrenz zueinander und zu ganzen Staatsgebilden stehen und Investoren und Kapital anziehen. Dubai und die Vereinigten Arabischen Emirate sind nur ein Beispiel, Hong Kong und Singapur sind weitere bekannte und erfolgreiche Zonen. Weniger bekannt und weniger erfolgreich ist Somaliland: Der nordwestliche Teil Somalias, die ehemalige englische Kolonie (der Südosten war italienisch besetzt) war einige Jahr auch Spielwiese wenig erfolgreicher Glücksritter. Übrig geblieben davon ist ein aktuell an Äthiopien verpachtetes Stück Land, das Äthiopien den ersehnten Meerzugang und Hafeninfrastruktur sichern wird.
Verwaltungs- und Governancestrukturen jenseits staatlicher Gebilde sind keine Seltenheit. Vor der Finanzkrise gab es ernsthafte Bestrebungen, Dubai sollte Honduras übernehmen – so wie Trump Venezuela oder Grönland übernehmen möchte (was wurde eigentlich aus Nicolas Maduro?).

Bislang waren solche Experimente wenig nachhaltig. Hong Kong, Singapur und die arabischen Emirate als Beispiele bislang erfolgreicher Zonen sind (oder waren) Staaten oder an Staaten angebundene Konstrukte. Offshore-Konstruktionen, schwimmende Staaten oder Unterwasser-oder Mars-Exilgesellschaften (von denen auch Douglas Rushkoff erzählt) konnten bislang noch nicht die ersehnte Delle im Universum hinterlassen.

Das mag mehrere Gründe haben: Der Freiheitsbegriff, der als ideologische Monstranz vor Sonderwirtschaftszonenprojekten getragen wird, ist extrem einseitig. Obwohl politisch und ideologisch das exakte Gegenteil deckt er sich mit der Freiheit von Öko-Aussteigern, die sich aus dem Rennen nehmen und das tun können, solange das Einzelfälle bleiben: Solange der Rest in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft funktioniert, ist Aussteigen problemlos möglich. Solange Staaten Bildungs- und Gesundheitssysteme finanzieren, die den kapitalistischen Innovatoren Personal- und Konsumentennachschub liefern, sind ultraleane Bootstraporganisationen möglich, die jeglichen Ballast in Form von Kindern, Alten, Kranken, Künstlern oder Beamten vermeiden. Jemand anders kümmert sich darum.

Libertäre Communitys funktionieren so lange, wie nicht alle mitmachen. Sie sind auf den Ausschluss angewiesen, darauf, dass nicht alle frei sind.

Slobodian zeichnet in präzisen Recherchen Geschichte, Scheitern, Erfolge und Bruchlinien einiger Sonderwirtschaftszonen nach, illustriert deren Verbindungen zu aktuellen Playern und Ideologen und weist auf Erfolgsfaktoren und Defizite hin.
Eine bemerkenswerte Konstante und Gemeinsamkeit der erfolgreichsten Freiheitsabsolutisten und Staatskritiker von Musk bis Thiel: Deren Ablehnung von Staat, Gesellschaft und Verwaltung ist in keiner Weise konsistent. Beide machen beste Geschäfte mit staatlichen Institutionen. Musks SpaceX wuchs mit NASA-Aufträgen, Thiels Palantir wäre ohne Regierungskunden bloß irgendeine weitere BI-Software. Und der Rest der Tech-Elite versammelt sich schnell um die Staatsgewalt, sobald der Staat die Muskeln spielen lässt.

Sonderwirtschaftsmodelle in Abu Dhabi, Singapur oder Dubai sind aufgeheizter Wettbewerb, der mit viel staatlichem oder sonst nicht aus dem Cash Flow kommenden Spielgeld angetrieben wird. Ideologien geben sich rational, libertär und inspirierend, sind aber auf Exklusion und irrationale Abgrenzung (von Faulen, Dummen, Sozialisten oder Naiven) aufgebaut. Sie locken mit Geld und materiellem Erfolg und blenden aus, dass die vermeintliche Business-Schläue nur deshalb nicht für jeden ist, weil das Konzept nicht funktionieren würde, wenn alle mitmachen.

Aber dennoch tragen diese Experimente und Einstellungen dazu bei, dass man auch erwachsenen Menschen immer wieder erklären muss, dass Demokratie nichts schlechtes ist, dass nicht jede Innovation per se von Wert ist, und dass es auch Zukunftsoptionen jenseits von Digitalisierung und Finanzoptimierung geben kann
Offen bleibt aber immer die Frage: Was ist die Alternative? Was ist die angemessene Antwort auf die Show der eindimensionalen Ego-Ignoranz? 

Yanis Varoufakis: Technofeudalism

Kapitalismus hat sich erledigt, die etablierte Form der Digitalwirtschaft folgt anderen Gesetzen als jenen von Kapitaleinsatz, Risiko und Profit. Digitale Plattformen bringen die Rückkehr mittelalterlicher Feudalsysteme mit sich. Die Grundherren sind immer auf der Siegerseite. Die Kapitalisten, die ihre Geschäfte mit Duldung der Grundherren machen, zahlen ihren Tribut. Das Risiko bleibt bei den Kapitalisten, für die Grundherren gibt es nur Gewinn. Denn es ist egal, wer ihnen Tribut zahlt – und niemand kann Geschäfte machen, ohne ihnen Tribut zu zahlen.

Das ist die etwas zugespitzte Grundthese von Varoufakis‘ Technofeudalism. Die großen Plattformen beherrschen die digitalen Markplätze, so wie früher Fürstenhäuser Grund und Boden beherrscht haben. Außerhalb dieser Plätze sind kaum noch sinnvolle Werbemaßnahmen möglich – man wird nicht gesehen -, es macht auch wenig Sinn, seinen Laden anderswo aufzuschlagen – denn dort sind keine Kunden.

Plattformen haben nicht nur diesen Oligopolvorteil, sie greifen auch inhaltlich ein: Die sozialen Netze erstellen Regeln für Inhalte und erlaubte Regel, promoten oder demoten Inhalte und sind so weit mehr als bloße Distributoren. Amazon schreibt vor, welche Produkte zu welchen Bedingungen gehandelt werden dürfen, wie Versandkosten zu gestalten sind, welche Gewährleistungen zu bieten sind – und wälzt die Nachteile des internationalen Handels, etwa die korrekte Abwicklung in mehreren Steuersystemen, dann wieder auf die Händler ab. Appstores kassieren Provision, greifen in die Preisgestaltung ein, erlassen inhaltliche Vorschriften und zwingen Anbieter und Anwender mit technischen Vorschriften in bestimmte Hardware- und Softwaresysteme, die nur sie anbieten.

Das sind feudale Systeme, in denen vor allem Besitzverhältnisse zählen. Datenanalyse, Verhaltenstheorie und andere Marketingstrategien, die die Digitalwirtschaft gerne vor sich her trägt, sind keine zentralen Erfolgsfaktoren, sondern nur schmückendes Beiwerk.

Mit seiner Feudalismustheorie richtet sich Varoufakis gegen zwei große Digitalmythen:
Das Internet ist zwar frei, aber – anknüpfend an die Debatte um free software – eben nicht wie free speech, sondern wir free beer: Vielleicht gibt es etwas gratis, aber das dient einem Zweck, und jemand hat es bezahlt.

Der zweite Mythos: Was die Plattformen wissen, also ihr Datenschatz, ist nicht irrelevant. Es ist aber auch nicht entscheidend. Viel relevanter als das Wissen der Plattformen ist ihr Besitz. Regeln etablieren, Entscheidungen treffen, Sanktionen setzen, Konsequenzen durchsetzen – und Raum einnehmen, Dissidenten vertreiben und ausschließen können, darin liegt die reale Macht der Digitalwirtschaft. Damit habe der Technofeudalismus den Kapitalismus, den man kannte, verdrängt.

Varoufakis‘ Analyse ist durchaus einleuchtend und über weite Strecken nicht von der Hand zu weisen. Es ist auch offensichtlich, wir die Alles-oder-Nichts-Tendenzen der Digitalwirtschaft wenig zu Innovation, Diversifizierung und Nützlichkeit beitragen. Aus unterschiedlichen Perspektiven liest man das auch bei Cory Doctorow, Tim Berners-Lee oder Mark Coeckelbergh.


Im Appendix konnte Varoufakis dann offenbar der Versuchung nicht widerstehen, von der Analyse zu Lösungsszenarien zu schreiten. Das sind dann altbekannte Vergesellschaftungsvisionen, die sich ebenso wie die Vorstellung der freien innovativen Digitalwirtschaft auch schon mehrfach als Irrtum erwiesen haben. Das ist schade, schade um eine gut argumentierte und auch schön erzählte Theorie.
Trotzdem bleibt die Grundidee des Technofeudalismus eine valide Analyse aktueller Digitalwirtschaftstrends