Afrika: “Die da unten”

Afrika: “Die da unten”

Wenn die österreichische Politik über „Afrika“ redet, ist es ziemlich ausnahmslos zum Schämen.
Es ist ja fast schön, wenn jemand eine Überforderung und Ahnungslosigkeit so offenherzig eingesteht. Weniger schön ist, wenn diese stumpfsinnige Inkompetenz zur Handlungsmaxime werden soll – nach dem Motto „Ich kann das nicht, also ist es schlecht.“
Wenn sich die VP EU-Abgeordnete Claudia Schmidt von „Afrika“ überfordert fühlt, ist das ihr gutes Recht – sie sollte nur ihren Platz für jemanden räumen, der sich der Sache stellen will, anstatt abgrundtiefe Dummheiten von sich zu geben.
Natürlich wird sich weder durch einen Exodus nach Europa noch durch Milliarden weiterhin fehlgeleiteter Entwicklungshilfe an den in vielen Regionen Afrikas vorhandenen Problemen etwas ändern. Wer erwartet denn auch so was?
Ändern kann sich dann etwas, wenn mehr Menschen in Afrika das Selbstbewusstsein einer Mittelschicht verinnerlichen – einer Schicht, die sich nicht alles gefallen lässt, dummen Politikern deren Dummheit aufzeigt, unabhängig und frei wirtschaftet, im Idealfall auch reist. In manchen afrikanischen Ländern ist derartiges etabliert, in anderen weniger.
Bislang leisten China und Indien weit mehr Beiträge, diese Entwicklung zu fördern: Sie betreiben Handel und investieren in Infrastruktur. Europa kann sich das nicht leisten – europäische Güter und Dienstleistungen sind zu teuer. – Das ist einer von vielen Gründen, warum Europa hier in einer eher passiven Rolle ist. Diese könnte man auch nützen, um zu lernen.
 
Lösungen wird es weder in einem entbehrlichen Facebook-Posting noch in einem (oder vielen) Blogbeiträgen geben.
Aber ein paar Anregungen vielleicht:
  • Europa sieht sich noch immer gern in einer Entdecker-Rolle. Lange bevor Vasco da Gama Afrika umsegelte, um nach Indien zu gelangen, gab es allerdings überaus lebendige Handelsbeziehungen zwischen Afrika, Indien und dem arabischen Raum. Nicht Afrika war von der Welt abgeschnitten – Europa war es, das weniger Kontakte zu Außenwelt hatte. Und Europa hinkt heute noch hinterher – wie ein Kind, das gerne mitspielen möchte, aber unbedingt und ausschließlich nach seinen eigenen Regeln spielen will; wie jemand, der Fussball spielen möchte, während alle anderen Basketball spielen.
  • Leid, Unterdrückung und Grausamkeit als Eigentümlichkeiten „afrikanischer Kultur“ zu sehen, zeugt von merkwürdiger Vergessenheit. Und selbst wenn man die Kriegsvergangenheit Europas genauso vom Tisch wischen möchte wie Schmidt das mit der Kolonialzeit probiert, dann könnte man ja den großen Europäer Putin in dieser Angelegenheit zu Rate ziehen, wenn er schon zur  Hochzeit von Regierungsmitgliedern eingeladen wird.
  • Mit unkontrollierter Migration schließlich hat all das wenig zu tun. Man könnte jetzt genauso gut 10x hintereinander „Balkanroute“ rufen – auch damit kommt man zu einem Thema, über das die VP offenbar gern redet, unabhängig davon, ob und wo es passt.
  • Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede zwischen „Afrika“ und „Europa“ – so wie zwischen faulen Italienern und fleißigen Deutschen, stolzen Spaniern und diebischen Rumänen, trinkfesten Finnen und zurückhaltenden Engländern. Man kann sich mit solchen Idiotenklischees beschäftigen. Oder man kann etwas aufmerksamer durch die Welt gehen, vor allem wenn man den Anspruch hat, diese politisch mitgestalten zu wollen.
 
Und ziemlich niederträchtig ist es, wenn Schmidt am Tag nach ihrem zweifelhaften Posting Diskussionskultur und Lösungsvorschläge einfordert statt ihr nicht genehmer Kritik. Jemand richtet einen Sauhaufen an, schürt Vorurteile und befeuert Ressentiments und fordert dann andere zu Lösungsvorschlägen auf, am besten noch als gemeinsame Lösung für Dinge, die grundsätzlich gar nicht zusammen gehören. Das muss diese politische Talent sein, dass man auch dem Herrn Kurz so gern und oft zugesteht.
 
Nachtrag: Ich habe diesen Text einen Tag liegen lassen, um ihn noch mal zu lesen und darüber nachzudenken. Frau Schmidt hat ihren Text offenbar auch noch mal gelesen – und beide Postings gelöscht. Auch eine Möglichkeit, Politik zu machen. Und das führt mich wieder an den Anfang dieses Textes zurück.
Michael Hafner

Michael Hafner

Datenanalyst, Wissenschaftshistoriker, Technologiephilosoph

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