Jan Valtin – Tagebuch der Hölle

600 eng bedruckte, schmuck- und schnörkellos erzählte Seiten über das Leben eines Komintern-Agenten in den 20er und 30er Jahren. Alle, die heute dümmliche Feschist/Faschist-Witzchen machen, „wie in den 30er Jahren“-Vergleiche bemühen und Widerstand mit Vereinsmeierei verwechseln, sollten es ebenfalls lesen.
Man kann diese Buch in der größten Sommerhitze an den schönsten Orten der Welt lesen und wird trotzdem unwillkürlich immer wieder Gänsehautschauer spüren. Nicht wegen der teilweise ausführlichen Gräuelszenen, nicht wegen des drohenden Krieges – sondern wegen der umfassenden Hoffnungslosigkeit, des Ausgeliefertseins, der vielen vielen Fehleinschätzungen.
Jan Valtin beschreibt in seinem autobiografischen Buch sein Leben als Komintern-Agitator in den zwanziger und dreißiger Jahren – und Jahre bevor der erste Schuss des Zweiten Weltkriegs gefallen ist, befindet man sich als Leser mitten in einer Welt, in der man sich einfach kein Überleben vorstellen kann.
Valtin startete seine Matrosenkarriere mit 18, war auf Schiffen in aller Welt unterwegs und wurde schrittweise zum kommunistischen Agitator. Die Anfänge der kommunistischen Agitation in Deutschland mochten noch geradezu pazifistische Ziele gehabt haben: Es waren kommunistische Matrosen, die mit ihren Streiks die deutsche Marine lahmlegten und das Ende des Ersten Weltkriegs beschleunigten.
Matrosen waren als Arbeiter wichtiges Ziel kommunistischer Agitation, Schiffe waren wichtige Verbindungen, mit denen Information, Waffen oder Agenten um die Welt befördert wurden. Netzwerke und kommunistische Zellen auf Schiffen waren daher essenzielle Mittel in der politischen Arbeit, um die sich alle politischen Strömungen bemühten.
Valtin stieg zum Leiter der internationalen Marineaktivitäen der Komintern auf und war damit mitten im Geschehen.
„Tagebuch der Hölle“ ist eine minutiöse Aufzeichnung der Aktivitäten eines Agenten und ist auf zwei Ebenen unglaublich spannend zu lesen: Die eine betrifft das Agentenleben und die zahlreichen Aktionen und Kämpfe, die andere betrifft die historische Dimension – vor allem mit dem Blick von heute.
Die erklärten Feinde der Kommunisten waren die Sozialisten. Deren gut organisierte Gewerkschaften waren den eigenen Organisationsbemühungen im Weg, hier ritterte man um die gleiche Wählerschaft. Kommunisten gab es damals schließlich als Straßenkämpfer auf den Barrikaden und als Reichtagsabgeordnete – das Feld des politischen Aktionismus war weit.
Manchmal waren auch Polizeireviere zu stürmen und schon früh bekämpfte die Komintern Abtrünnige oder „Opportunisten“ aus den eigenen Reihen. Auch Valtin wurde in die USA geschickt, um einen solchen „Opportunisten“ zu liquidieren – die Aktion misslang, Valtin fasste eine mehrjährige Haftstrafe aus.
Kaum auf dem Radar der Kommunisten waren allerdings die Nationalsozialisten. Seit Mitte der zwanziger Jahre wurden die Straßenkämpfe mit der SA häufiger, Kommunisten und Nazis lieferten einander bei ihren politischen Veranstaltungen Saalschlachten, auf beiden Seiten konnten offenbar mühelos Abend für Abend hunderte Schläger mobilisiert werden.
Dass Hitler und die NSDAP an die Macht kommen könnten, schien für Kommunisten unvorstellbar.
Es schien offenbar, als könnte man die Nazis abschrecken, wenn man ihnen nur hart genug begegnete: Nazi-Agitatoren, die ebenfalls Hafenarbeiter und Matrosen zu gewinnen versuchten, wurden von Valtins Organisation nicht nur getötet. Sie wurden möglich bestialisch verstümmelt und ihre Leichen öffentlich zur Schau gestellt, um ihre Gleichgesinnten abzuschrecken. Eine Vorgangsweise, die Öl ins Wasser der Nazi-Propaganda war.
Und während die Nazis weiter wuchsen, bekriegten einander Sozialisten und Kommunisten ebenfalls weiter. Zur Erinnerung noch mal die Fakten: 1930 war die NSDAP zweitstärkste Partei bei den Reichstagswahlen; über 18% bedeuteten ein Plus von fast 16 Prozent. Die Sozialisten hatten knapp 25 Prozent (minus 5), die Kommunisten 13 % (+ 2,5). Es regierte allerdings die Deutsche Zentrumspartei (knapp 12%) mit Duldung der Sozialisten – was diesen wiederum den besonderen Hass der Kommunisten einbrachte. 1932 siegte die NSAP in zwei Wahlen; als danach Koalitionspläne zwischen aus Deutschnationaler Volkspartei und NDSAP scheiterten, weil Hitler den Kanzleranspruch stellte, hielt man ihn für erledigt – zumindest unter den Kommunisten.
SPD und KPD hätten auch nach der Novemberwahl noch eine Mehrheit gehabt, sabotierten einander aber weiter.
Dann ging es schnell: Am 30. Jänner 1933 war Hitler zum Kanzler ernannt worden, im März des gleichen Jahres wurden die ersten Konzerntrationslager, darunter das KZ Fuhlsbüttel in Hamburg eröffnet. Dort landete Valtin im November 1933, nur sieben Wochen, nachdem ihn die Komintern wieder nach Deutschland zurückgeschickt hatte, um das Spionagenetzwerk weiter auszubauen.
Das war erst ein halbes Jahr, nachdem sich die Demokratie in Deutschland aufgegeben hatte.
Trotzdem regierten in den Verhören schon Nilpferdpeitschen und Dunkelhaft, die Guillotine war als undeutsch durch das Beil ersetzt worden und dieses war häufig in Verwendung.
 
Valtins Erzählung liest sich wie Erzählungen aus der afrikanischen Kolonialzeit. Sie ist genau so blutig und wirkt genauso fern trotz all ihrer Details. Sie wirkt lange zurückliegend als wären die Foltermethoden mittelalterlich (wobei man im Mittelalter den Tod des Opfers leichter in Kauf genommen hat – Informationen waren weniger wichtig) – dabei sind die 30 Jahre die Zeit, die zumindest bei mir gefühlsmäßig als „vor 50 Jahren“ verankert ist.
 
Valtins Buch hat 600 eng bedruckte Seiten, ist schmuck- und schnörkellos erzählt. Ich habe es trotzdem innerhalb weniger Tage gelesen. Und alle, die heute dümmliche Feschist/Faschist-Witzchen machen, „wie in den 30er Jahren“-Vergleiche bemühen und Widerstand mit Vereinsmeierei verwechseln, sollten es ebenfalls lesen. Mir gefällt unsere Regierung auch nicht. Aber nein, *so* hat es in den 30er Jahren auch nicht angefangen.
 
 
PS: Großen Dank und großes Kompliment an bahoe books, die viel Papier in die Hand genommen haben, um dieses zuletzt 1986 veröffentliche Buch nocheinmal aufzulegen. Das ist Mut. Und auch dafür solltet ihr dieses Buch kaufen und lesen.
Michael Hafner

Michael Hafner

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