Andrei Soldatov, Irina Borogan: Our Dear Friends in Moscow

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Andrei Soldatov, Irina Borogan: Our Dear Friends in Moscow

Vergleiche autoritärer Tendenzen unserer Zeit mit Deutschland 1930 sind Unsinn. Analogien zu Russland 2010 sind treffender.

Möglicherweise laufen zur Zeit mehr maskierte und bewaffnete Regierungsschlägertrupps durch die USA als durch Moskau. Repression in Russland hat sich mehr oder weniger subtil über die vergangenen 20 Jahre entwickelt. Andrei Soldatov und Irina Borogan, mittlerweile im Exil in London, rekonstruieren die Entwicklung ihrer privaten Moskauer Medienbubble der vergangenen 25 Jahre. Sie selbst hat der Weg ins Exil geführt, andere in die Zentren der russischen Propaganda und manche gar in Regierungsämter.

Mit Putin, beschreiben Soldatov und Borogan, begann in den frühen 2000ern eine Phase der schleichenden Desinformation, die von vielen Seiten getragen wurde und breites Echo fand. Unsicherheiten und nationale Kränkungen der chaotischen 90er Jahre, in denen nach dem Zusammenbruch der  Sowjetunion vieles infrage stand, waren guter Boden für Helden- und Abgrenzungsstorys. Sibirisch-Heidnisch, streng orthodox, nationalistisch, Nachfolger der Großen Vaterländischen Krieger – diverse Subkulturen boten Abgrenzungspotenzial gegenüber dem Westen. 

Mit der beginnenden Phase des Turbokapitalismus, in der scheinbar leicht Geld zu machen war, man musste nur entschlossen darauf zu gehen, geriet politisches Engagement und soziales Bewusstsein in Verruf. Warum Zeit mit Protest, Demonstrationen oder Opposition verschwenden? Das war etwas für die Ewiggestrigen von vor 10 Jahren, die gegen Kommunisten demonstrierten, aber nichts für erfolgreiche moderne Menschen, die Demonstranten als Rotbraune auslachten – Kommunist oder Faschist, ist doch egal. 

Später waren Kriege in Tschetschenien und Georgien willkommene Machtdemonstrationen, mit denen Russland zumindest Teile der Welt wieder das fürchten lehren konnte. Moderne Russen verachteten Protest und Kritik, strebten nach Erfolg, nahmen Politik und Putin nicht ernst und machten trotzdem mit – weil es leicht war und weil es erfolg verhieß. Manche waren mit Überzeugung dabei, andere aus Berechnung, es gibt viele Gründe, auf der Siegerseite zu stehen.

Kirchen, Stärke, Traditionen, Erfolg – das Putin-Regime konnte aus einem ganzen Arsenal an Identifikations- und Abgrenzungstools schöpfen. Konservativ-nationale Radikalisierung bietet viele Anknüpfungspunkte, grenzt nur wenige aus und etabliert dennoch strenge Regeln und wirkt sich einengend und verdummend aus. Umso wichtiger eine funktionierende Medienlandschaft, die Propagandastorys weiterträgt. 

Seit 2013 mischte sich das Motiv der ukrainischen Nazis in die russische antiwestliche Propaganda. Grundlage der Erzählung ist: Nur Russland hat im zweiten Weltkrieg gegen Deutschland gekämpft, Europa war schon besiegt, möglicherweise heimlich ohnehin nazifiziert. Nur Stalin (der vorher seinen Pakt mit Hitler hatte, von dem man nicht mehr spricht) konnte Hitler besiegen. Westliche Strömungen in der Ukraine wie die Maidan-Proteste waren daher zwangsläufig von Nazis unterstützt. 

Trotz aller Repression war auch in den vergangenen 25 Jahren in Russland noch viel Leben möglich. Journalisten diskutierten in Cafés, gründeten (Online)Medien, fanden Geldgeber, publizierten Kritik. Manchmal verschwanden Geldgeber wie Michail Chodorkowsky in Straflagern, Journalisten wie Anna Politkovskaya oder Boris Nemzov wurden erschossen. Alexej Nawalny wurde berühmt, verschwand und starb. Pussy Riot kommen im Text nicht vor. 

Soldatovs Vater, als Telekom-Manager einer der Gründer des russischen Internet, hatte lange Zeit noch Jobs im Regierungsumfeld, fiel dann aber doch in Ungnade und wurde – als kranker 72-Jähriger – zu zwei Jahren Arbeitslager verurteilt. In Moskau sorgten sich Soldatov und Borogan um kremlnahe Nachbarn im eigenen Haus – eine ehemalige Mitarbeiterin des Kulturministeriums, einen Priester (die Kirche war die letzten Jahrzehnte sehr putinfreundlich). Im Londoner Exil fallen junge Tschetschenen auf, die nicht zufällig ihre Abende in den gleichen Lokalen verbringen und die gleichen Wege haben. Russische Konten werden gesperrt oder sind plötzlich mit 100.000 Dollar im Minus, Dissidenten werden als Betrüger zur Fahndung ausgeschrieben und müssen sich bei britischer Polizei und Interpol versichern, ob sie noch reisen dürfen.

Und die ehemaligen Bekannten, die jetzt auf der Seite des Regimes stehen, sind teils auf dem Abstellgleis, teils flammende Propagandisten, teils nah am Kreml, teils unter mysteriösen Umständen verstorben. 

Soldatov und Borogan erzählen von Freundschaften und Gesprächen und dem Auseinanderdriften von Menschen , der Unterordnung unter ein totalitätes Regime – wofür eigentlich? Innere Konflikte, berufliche Sorgen, Existenzängste sind wohl weitaus häufiger Beweggründe als politische Überzeugung. 

Wenn Menschen heute rechte und autoritäre Tendenzen in Österreich und Europa mit Deutschland in den 1930er Jahren vergleichen, ist das Unsinn. es ist vielmehr Russland in den 2010er Jahren. Und das ist auch erschreckend. 

Michael Hafner

Michael Hafner

Daten- und Digitalisierungsexperte, Wissenschafts- und Technologiehistoriker, Informatiker und Journalist

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