Alles Faschos außer Mutti (oder eher so wie Mutti) – Faschismusdiagnosen sind ein universelles Aufmerksamkeitsmittel schlampig geführter politischer Debatten. Umso wichtiger ist es, Kampfbegriffe sparsam einzusetzen und, wo sie doch verwendet werden, genau zu lesen.
Mark Coeckelbergh verwendet den plakativen Begriff Technofaschismus. Und auch hier mus man genau lesen: Die Diagnose des Technofaschismus besagt nicht, das Technologie politischen Faschismus unterstützt oder fördert, sie besagt auch nicht, dass Technologie notwendigerweise politisch problematische Züge tragen muss. Der recht kurze Essay zeichnet funktionale, ästhetische und soziale Paralleln zwischen historischen Faschismus und aktueller Digitalpolitik nach. Und die sind stellenweise deutlich.
Beide profitieren von teils als negativ empfundenen Entwicklungen der Moderne. Verbindungen sind gekappt, Menschen sind in ihrer Orientierung sich selbst überlassen, Autoritäten und Traditionen schwinden. Für die einen bedeutet das Freiheit, andere lassen sich gern von neuen Autoritäten führen.
Neue Autoritäten führen esoterisch und emotional: Es gibt kein klares Ziel, keine Argumente, keine Lösungen, es gibt vages Gefühl, Ärger und die Beschwörung geheimer Substanzen. Diese Substanzen sind Volksidentitäten, Rassen oder eben unhinterfragte Konstruktionen wie Innovation oder Digitalisierung als Wert per se.
Deshalb müssen auch Experten und Führerfiguren an die Macht. Sie können steuern, sie haben Wissen – sie sollten nicht von demokratischen Institutionen gebremst werden, in denen Nicht-Experten gleiches Gewicht haben wie Experten. Sie sollen sich auch nicht Einwänden von „sogenannten Experten“, also Wissenschaftlern und Forschern, stellen müssen. Das Ziel der glorreichen Zukunft steht über diesen Sorgen.
Das führt zu einer Entwertung von Nachdenklichkeit. Das Ziel ist klar, die Richtung ist klar, ein zweiter Gedanke, eine zweite Meinung sind überflüssiger Ballast auf dem Weg nach vorn. Denken, das nicht rein der konkreten Problemlösung dient, zersetzt den Willen zur Zukunft.
Weil die Tech-Eliten wissen, wo es lang geht, sind auch digitale Überwachung und Kontrolle kein Thema. Das ist Teil des Geschäftsmodells, das ist notwendig, um auf dem Weg in die Zukunft zu beschleunigen – denn das bringt Daten.
Abgerundet wird diese Dynamik durch die Eigenschaft des Digital-Utopismus, sich selbst als Lösung für selbst geschaffene Probleme zu inszenieren. Nahversorgung ist tot? Kauf online. Du bist einsam? Freunde dich mit einem Bot an. Du suchst nach Mitbestimmung und Gestaltungsspielraum? Leb dich mit Chatgruppen oder Onlinepetitionen aus. Surrogate schaffen Ablenkung und werden kurzfristig als Lösung empfunden. Um die Deutungshoheit entbrennt ein Kulturkampf: Ist Innovation ein Wert, kommt Innovation aus Freiheit? Oder dürfen wir die Entwicklung zu steuern versuchen, dürfen wir in die Suche nach „mehr“ Werte reklamieren?
Ihre Zuspitzung erfährt die Debatte in den Konstruktionen von effektivem Altruismus und Transhumanismus. Dort argumentieren Menschen beispielsweise: Was ist wichtiger, das Glück weniger oder das Glück vieler? In Zukunft werden (bis zum Weltuntergang) weit mehr Menschen auf der Erde leben als jetzt, also ist das Glück der Künftigen wichtiger als das Glück der Jetzigen. Also dürfen wir Innovation nicht ausbremsen, müssen Experimente wagen, dürfen der Marskolonisierung und anderen Tech-Utopien nicht im Wege stehen uns sich nicht mit der beschränkten Rationalität unserer Gegenwart kritisieren.
Die etwas sanftere Kehrseite dieses Prinzips ist eine digitale Variation von Brot und Spiele. Wir haben Beteiligungssurrogate, universell verfügbare Kommunikation, allgegenwärtiges Entertainment, es gibt für jedes Bedürfnis eine zumindest oberflächliche Lösung – „we are dominated through pleasure and convenience“, schreibt Coeckelbergh, und ich finde, das ist eine sehr schöne Formulierung.
Der Essay ist per Open Access verfügbar.






