Thomas Bauer, Die Vereindeutigung der Welt

Thomas Bauer, Die Vereindeutigung der Welt

Eindeutigkeit ist die Feindin von Ambivalenz. Und die ist nicht Unschlüssigkeit, sondern oft die realste Annäherung an die Welt.

Die stärkste Ansage kommt gegen Ende : Menschen, denen immer alles möglichst einfach erklärt wird, glauben schließlich selbst, auch alles zu verstehen. Deshalb haben sie auch zum allem eine Meinung. Diese verwechseln sie mit Wissen – und die Überschätzung von Meinungen desavouiert Wissen und Wissenschaft.

Der Islamwissenschafter Thomas Bauer kommt zu diesem Schluss, weil er sich mit Eindeutigkeit beschäftigt. Eindeutigkeit bedeutet in vielen Fällen auch Einfachheit – und das ist eine heute gern gesehene Eigenschaft. Wenig Komplexität, Klarheit, Schwarz/Weiß-Effekte – das ist heute erstrebenswert. Kurz und einfach, das war jahrzehntelang das Mantra jeglicher Kommunikationsarbeit – vielleicht haben wir es damit auch etwas übertrieben.
Eindeutigkeit ist nämlich auch die Feindin der Vielfalt. Das Gegenstück zu Eindeutigkeit ist nämlich nicht Undeutlichkeit, sondern Ambivalenz. Man kann sehr klare Positionen beziehen, sich auf ganz konkrete Evidenz beziehen, und trotzdem werden Dinge in der Welt nicht so eindeutig. Dazu braucht man keinem Konstruktivismus oder Relativismus anzuhängen, es ist allein eine Frage der Perspektive: Wessen Nutzen betrachtet man, auf welcher Makro- oder Mikroebene argumentiert man, welchen Zeithorizont nimmt man als Rahmen – all das sind Faktoren, die die klarste Angelegenheit in ein überaus ambivalentes Szenario verwandeln.

Ambiguitätstoleranz ist praktische Vernunft

Die Ambiguitätstoleranz aber, die Bauer als eine wichtige Eigenschaft der Moderne sieht, als ein Ergebnis der Aufklärung, schwindet. Ambivalenz, so Bauer, wird als Unbehagen empfunden. Gegen Ambivalenzen treten aber nicht in erster Linie entschlossene Macher auf, die etwas voranbringen möchten, es sind im Gegenteil Fundamentalisten, Wahrheitsbesessene, Reinheitsstrebende und Geschichtsvergessende oder gar -verneinende, die Einfachheit, Klarheit, Hausverstand suchen. „Nur einer solchen Gesellschaft kann Authentizität als etwas uneingeschränkt Positives empfunden werden“, meint Bauer. Der Authentizitätsdrang sei aber auch eher ein Mittel zur Vernichtung von Ambivalenz, vor allem durch Weglassung.

Die konstruktiven Versuche, Eindeutigkeit herzuschaffen – indem Optionen abgeklärt, Alternativen bewertet, Diskussionen geführt werden – schaffen dagegen eher wieder Ambivalenzen. Man lernt mehr und kann mehr aushalten und einordnen.

In vielen Fällen, in denen Evidenz, Logik, Wissenschaftlichkeit und ähnliche Klarheitskriterien hochgehalten werden, ist die Eindeutigkeit- oder Ambivalenz-Perspektive ein gutes Mittel, offen für neue Erkenntnisse zu bleiben. – Und das ist eben vor allem dann wichtig, wenn Meinungen mit Wissen verwechselt werden. Wissen ist immer klar abgegrenzt, oft punktuell und immer in Bewegung. Meinungen bewegen sich oft langsamer und schwerfälliger als Wissen. Sie haben schon viel ausgeblendet und ausgeschlossen.

Wo ich mit Bauers Thesen dagegen nicht mitschwingen kann, ist die doch recht kulturkonservative Perspektive. Er sieht zum Beispiel auch Popkultur als Ambiguitätsvernichtungsmaschine, vor allem weil sie omnipräsent ist und feinere Stimmen übertönt. Das passiert, genauso bringt Pop aber auch neue Stimmen, Stile, Themen hervor. Und im Gegensatz zu alten auch vor allem auf Geld basierenden Kräfteverhältnissen in der Öffentlichkeit hat auch die Popkulturindustrie nur sehr wenig echte Macht. Und Trivialisierung ist keine Erfindung des Pop. Diese Strategie zur Ambigitätsvernichtung gab es praktisch immer schon.

Michael Hafner

Michael Hafner

Datenanalyst, Wissenschaftshistoriker, Technologiephilosoph

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