Saul Kripke: Wittgenstein über Regeln und Privatsprache

Rechnungen und andere einfache Algorithmen sind leicht in die Zukunft übertragbar – dazu sind sie da. Sie beschreiben Abfolgen so, dass sie einfach, ohne Vorwissen und unabhängig von Bedingungen abgehandelt werden können. Sie sind einfache Rezepte. Aber wenn allem Anschein nach einem Algorithmus gefolgt wird, wie fänden wir den Beweis, dass tatsächlich dem Algorithmus gefolgt wird und das den Anweisungen des Algorithmus entsprechende Ergebnis nicht nur Zufall ist? Und umgekehrt: Kann man eigenen, individuellen Regeln folgen? Oder wären das entweder keine Regeln, oder keine eigenen Regeln? Wer „2+2“ mit „7“ beantwortet und auf der Richtigkeit dieser Antwort besteht, hat damit noch keine individuelle Regel etabliert, sondern punktuell etwas behauptet. Eine Regel wäre, zu jedem Ergebnis klassischer Addition den Wert 3 hinzuzurechnen. Das wiederum wäre keine individuelle Privatregel, sondern eine simple Verfälschung bestehender Regeln – wie ein schlechter Kryptographie-Algorithmus, dessen Ergebnisse zu nah am unverschlüsselten Original bleiben. 

Kripke führt aus, wie diese einfache Frage Grundlagen von Wissen und Sicherheit berührt. Dabei vermeidet er urteilende Interpretationen Wittgensteins sondern versucht, dessen Gedankengänge nachzuzeichnen. In Kripkes Darstellung nimmt Wittgenstein dabei Züge eines Skeptikers an, der der Vorstellung von Solipsismus nicht ganz abgeneigt ist. Zumindest müssten Argumente auch einen Skeptiker überzeugen, um für Wittgenstein Bestand zu haben.

Warum sind diese Überlegungen zu bald hundert Jahre alten Bruchstücken relevant? Im Gegensatz zur frühen Systematik hat Wittgenstein in den späteren Schriften auf große Gedankengebäude verzichtet und die Angst vor Selbstwiderspruch abgelegt. In seinen nur wenige Zeilen langen Absätzen schafft Wittgenstein aber immer wieder viele neue Berührungspunkte mit großen Themen der Philosophiegeschichte. 

Platonismus zum Beispiel gilt Kripkes Wittgenstein als Versuch, die Frage zu Umgehen, wie wir Regeln folgen. In einer platonischen Welt wäre die Addition keine Regel, sondern Ausprägung einer Idee sinnvollen Umgangs mit Zahlen. So wie ein Platoniker sich die Mühe sparen kann, einen Hund oder einen Sessel taxativ über Eigenschaften zu definieren, weil Hund und Sessel durch die Entsprechung der Idee von Hund oder Sessel als Hund und Sessel erkennbar sind, kann er sich Regelwerke und andere algorithmische Vorgangsweisen ersparen. Allerdings ist die Idee der Idee ähnlichen Gefahren ausgesetzt wie die Vorstellung des gesunden Hausverstands: Beide sind mächtig, dürfen aber keine Detail-Diskussionen eingehen, um ihren Zauber nicht zu verlieren (Wittgenstein hatte im übrigen an anderer Stelle auch dazu mit seiner Angel-Metapher – solange Ideologien oder Gedankensysteme wie in Angeln schwingen können, funktionieren sie, wenn man fragt, worauf die Angeln ruhen, kommt man ins Schleudern – eine passende Anmerkung). 

Behavioristen und andere psychologieorientierte Interpreten würden Regelfolgen als eine Art von Disposition auslegen, Wissenschaftstheoretiker könnten zu Konsistenzkonzepten oder Vorstellungen von Effizienz und Einfachheit greifen. Demnach folgen wir deshalb Regeln, weil es einfacher ist (oder weil es die einfachste Erklärung wäre). Das ist wenig überzeugend, leitet aber dennoch zu einem weiteren von Wittgensteins Gedanken über: Wir haben keine privaten Regeln; Regeln sind ein soziales Phänomen. Regeln brauchen nicht nur ihre interne Ordnung, sie müssen auch erkennbar und nachvollziehbar sein – sonst unterscheidet sich die Regel nicht von Laune oder Willkür. Wir können auch nicht irrtümlich einer Regel folgen: Zu glauben, einer Regel zu folgen, ist immer falsch. Wenn wir dabei des Richtige tun, ist es Zufall, wenn wir das Falsche tun, bricht es die Regel. 

Kripke zieht hier Parallelel zu Humes Bemerkungen über Kausalität: „Private“, also aus Schlussfolgerungen oder einzelnen Beobachtungen abgeleitete Kausalität ist immer falsch. Zusammenhänge entstehen durch Reihen von empirischen Beobachtungen – und es bleiben Zusammenhänge, nicht notwendigerweise Kausalitäten. 

Das ist eine klar abgegrenzte Position, die Spekulationen um Wahrheitskriterien aus dem Weg geht. Als Empirist hält sich Hume an das Zähl- und Beobachtbare, als Relativist (obwohl darüber viel gestritten werden kann) beharrt Wittgenstein darauf, dass Sachverhalte stets auch anders sein könnten. Kripke beschreibt das als einen Übergang von Wahrheitsbedingungen zu Behauptbarkeitsbedingungen: Wir machen uns dann keinen Kopf mehr darüber, was wahr ist und woran wir das erkennen können, sondern darüber, nach welchen Regeln wir etwas behaupten können, weil wir uns dann noch auf sicherem – argumentierbaren – Terrain befinden. Wittgenstein (und Russell) haben sich im Lauf ihrer Denkkarrieren von korrepondenzorientierten Wahrheitstheorien zu korresponzenorientierten Theorien hin entwickelt. Statt Übereinstimmung zwischen Aussage und Objekt als Wahrheitskriterium anzusehen, wird die Übereinstimmung zwischen Aussagen (oder die Möglichkeit logischer, konsistenter Beziehungen zwischen ihnen) zum Plausibilitätskriterium.  Das ist eine ähnliche Entwicklung. 

Wittgenstein erlaubt sich sogar so vage Begriffe wie den der Lebensformen: Lebensformen sind konsistente Umwelten, die ein gemeinsames Verständnis ermöglichen, die es also als plausibel erscheinen lassen, dass Menschen gemeinsamen Regeln folgen. Allerdings ist das ein schwacher Beweis. 

Das Lebensformen-Argument ist umso schwächer, als Wittgenstein bemerkt, dass das Subjekt nicht zur Welt gehöre, es bilde vielmehr die Grenzen der Welt. Wittgenstein sagt das allerdings auf eine Art und Weise, die durchaus Anklänge an Heisenberg, Oppenheimer oder Schrödinger und deren Betonung der starken Verflechtung zwischen Mensch und Welt hat. Wittgenstein sieht das Subjekt nicht in der Welt, weil es zu wenig konstant, fassbar, abgegrenzt oder klar beschreibbar ist. Die Frage, was zum Subjekt gehört, was zur Welt, und was von der Welt nicht ohne Beziehung zum Subjekt existieren würde, hat andere zur Ansicht geführt, Grenzen zwischen Welt und Subjekt weniger scharf zu sehen, Wittgenstein zieht sie, zumindest für Kripke, schärfer.