Saeed Aldhaheri: Digital Nation

Die Vereinigten Arabischen Emirate stellen sich ernsthaft der Frage, wie eine Welt ohne Öl aussehen kann. Die Frage bezieht sich allerdings nicht auf alternative Energien, sonder auf alternative Einkommensquellen für die aktuell extrem wohlhabenden Fürstentümer. 

Dabei wird die Latte hoch gelegt: Bis 2117 soll der Mars kolonisiert werden. Knapp 150 Millionen Dollar sind für den Aufbau einer Wüstenstadt, die Mars-Bedingungen simulieren soll, budgetiert. Klingt hochgestochen? Die erste Made in UAE-Sonde ist bereits in der Mars-Umlaufbahn, noch mithilfe einer japanischen Rakete gestartet.

Innovation und Digitalisierung sollen die neuen Einkommensquellen schaffen.

Die Strategie soll sich auf drei Ebenen bezahlt machen: 

  • Mit Innovation, eGovernment und steuerlichen Anreizen für Gründe möchten die Emirate zum Unternehmensstandort Nr. 1 weltweit werden. Unternehmen sollen sich hier ansiedeln und Knowhow ins Land bringen.
  • Eigene Plattformen und Dienstleistungen sollen global konkurrenzfähig werden. Leuchttürme sind die eCommerce Plattform Souq (schon für einige hundert Millionen an Amazon verkauft) und die Ridesharing- und eScooter-Plattform Careem (schon für 3 Milliarden an Uber verkauft).
  • Digitalschwerpunkte in der Bildung sollen die junge Bevölkerung als Techdienstleister heranbilden. Aktuell geschieht viel Innovation mit Expats, das soll sich ändern.

Planungen dafür laufen auf allen Ebenen. Dubai, als aktivstes Emirat, hat eine 3d-Druck-Strategie (bis 2030 sollen 25% der Neubauten 3d-gedruckt sein), eine IOT Strategie, natürlich AI Strategien, eine Autonomous Transport-Strategie (bis 2030 sollen 25% des öffentlichen Verkehrs autonom sein), eine Blockchain-Strategie (aktuell wird zb die Abbildung von Kfz-Anmeldungen in der Blockchain vorbereitet) und viele weitere Strategien. Auf Bundesebene wurde 2017 der weltweit erste AI Minister installiert.

Digitalisierung der Verwaltung hat auf allen Ebenen Priorität. Jedes Emirat verfolgt dabei eigene Lösungen, in Abu Dhabi gelten andere Anwendungen als in Dubai. Nur eine UAE-weite eID wird national vergeben, damit können jeweils über 200 Verwaltungsdienstleistungen digital angestoßen werden. (Auch Ausländer können sich eine UAE-eID erstellen und damit zb Fahrscheinguthaben für den öffentlichen Verkehr digital einzahlen. Der Anmeldeprozess ist allerdings nicht sehr fehlertolerant: Wer zB einmal eine Zwei-Faktor-Pin falsch eingibt, für den gibt es keine zweite Chance.)

Dubai verfolgt gezielt den Plan der Personaleffizienz; die Zahlen machen allerdings klar – das muss man europäischen Digitalisierung fordernden CEOs und Politikern laut und deutlich sagen -, dass Digitalisierung kein automatisch effizienter Selbstläufer ist. In der Stadtverwaltung von Dubai sind aktuell 65.000 Personen beschäftigt. Die Stadt hat 4 Millionen Einwohner, 700.000 unselbständig Beschäftigte und 300.000 Business Licenses. Zum Vergleich: Die Stadt Wien beschäftigt bei zwei Millionen Einwohnern und einer Million unselbständig Beschäftigten 69.000 Personen.

Personaleinsparungen stehen auf einer längerfristigen Roadmap. Bis 2030 sollen etwa 25% der Polizisten in Dubai durch unbewaffnete Roboter ersetzt werden; smarte Polizeistationen ohne Personal stehen ebenfalls am Plan. Den AI-Strategien für die Stadt kommen dabei Daten aus tausenden Überwachungskameras (Gesichtserkennung inklusive) zugute. Ebenso so jedes Gebäude mit IOT-Sensoren ausgestattet und mit der Stadt vernetzt werden, um Daten über Wetter, Feuer, Sturm oder eventuelle Aufzugsprobleme zu liefern.

Die Emirate sind Autokratien, die als Erbmonarchien geführt werden. Relevante Jobs sind durch Verwandte besetzt, parlamentsähnliche Räte haben allenfalls beratende Funktion. Für Reisende macht sich das im Alltag nicht bemerkbar. Grundsätzlich gilt hier noch die Todesstrafe, wird aber kaum exekutiert. Anders als in Saudi Arabien wird man auch bei den Einreiseformalitäten nicht aufgefordert, die Todesstrafe zur Kenntnis zu nehmen. Ramadan und andere islamische Traditionen werden unterschiedlich deutlich gelebt, in Dubai kaum spürbar, in Abu Dhabi mehr. 

Deutlich wird die politische Organisation gerade im Innovationsumfeld, wenn alle Strategien und Inititativen letztlich auf den jeweiligen Scheich zurückzuführen sind. Der Scheich hat eine Vision für das Volk, eine Verwaltungselite setzt unter Führung und Aufsicht fürstlicher Verwaltung um. Nationbuilding oder Heritage sind dabei identitätsstiftende Leitbegriffe; die Emirate gibt es in dieser Form erst seit 1971. 

Weil die Scheichs das beste für das Volk wollen, gibt es auch ein Happyness-Ministerium mit dem Auftrag, die Emirate in die Top 5 der glücklichsten Nationen zu bringen.

Rankings sind ein sehr relevantes Element der Digitalstrategien – und werden sehr konsequent verfolgt. Zum Zeitpunkt der Publikation dieses Buches waren die Emirate noch unter den Top 15 im eGovernment Development Index, heute haben sie im geänderten Ranking in manchen Kriterien schon einen glatten Wert 1 (besser gehts nicht) erreicht. Ingesamt bedeutet das Platz 1 mit einem Gesamtwert von 0,95. Österreich liegt auf Platz 22 weltweit mit einer Gesamtnote von 0,90. An der Spitze liegen Dänemark und Estland mit 0,98 bzw. 0,97.

BIldungsangebote müssen mit den Visionen Schritt halten und werden ebenfalls transformiert, anstelle reiner STEM Ausbildungen sollen Emiratis aber auch in kritischem Denken ausgebildetwerden. Statt STEM setzt man also auf STEAM (Science, Technology, Engineering, Arts, Mathematics). 

Beeindruckend sind natürlich auf die Budgetzahlen hinter den Strategien. Allein in Dubai hat allein der Scheich einen 500 Millionen Dollar-Fonds aufgelegt, mit einigen privaten Investoren sind Startup Fonds ingesamt mit über zwei Milliarden gefüllt, öffentliche Gelder noch nicht eingerechnet.