Sefton Delmer wuchs als Kind australischer Eltern im Berlin der Zwischenkriegszeit auf, emigrierte nach England – und wurde zu einem der wichtigsten Protagonisten der britischen subversiven Gegenpropaganda. Er sendete auf eigenen Radiokanälen, kaperte mit britischen Radiotechnikern offizielle deutsche Frequenzen, wenn diese während Luftalarms ihren Betrieb einstellten, und sendete verwirrende Informationen, und entwickelte Kunstfiguren, die einen Keil zwischen deutsches Militär und NSDAP treiben sollten.
Pomerantsev gleicht Delmers Biografie mit weiteren Quellen ab und kreist immer wieder um die Frage, wie weit Delmer begeisterter Demokrat war, dem die Zweck die Mittel heiligten, oder selbst von der Dynamik der Propganda mitgerissener Profi-Propagandist. Die Antwort ist nicht eindeutig.
Selmer war auf mehreren Ebenen umstritten: Konnte man jemandem vertrauen, der deutsch sozialisiert war? War er vielleicht ein Kommunist? Als Journalist hatte er in den 20er Jahren öfters Hitler getroffen, war er sein Doppelagent?
Dann waren da seine Methoden: Mussten die Sendungen klingen, wie von Nazis gemacht? War es notwendig, sexuelle Anspielungen und Gerüchte zu streuen? Und musste die derbe sexualisierte Fäkalsprache wirklich sein?
Und schließlich die Frage des Erfolges: Einige der in Delmers Radiosendungen erfundenen Fake Stories schafften es innerhalb weniger Tage in die “echten” Medien auf beiden Seiten der Propaganda und hielten sich dort erstaunlich lang. Delmer verbucht für sich, die Figur des guten ehrenhaften deutschen Soldaten erfunden zu haben. Eine Figur, die manche Wehrmachtsangehörige nach dem Krieg bemühten, um sich selbst in ein besseres Licht zu rücken. Manche feierten Delmer dafür, andere kritisierten ihn dafür, feindlichen Soldaten einen Ausweg aufgezeigt zu haben, und andere bezweifelten, dass Delmers Sendungen so erfolgreich gewesen wären. Delmer selbst kokettierte sogar mit schlechtem Gewissen, mit der Lüge von Widerstandsnestern in der Wehrmacht Stauffenberg zu seinem erfolgreichen Hitler-Attentat verleitet zu haben.
Was machte Delmers subversive Propaganda erfolgreich und was davon kann auch heute noch nützlich sein? Für Pomerantsev ist der Schweinehund die zentrale Figur. Und er soll nicht überwunden oder erzogen werden, er soll gefüttert und gestreichelt werden. Propaganda darf nicht an Vernunft oder Moral appellieren, sie darf sich nicht an Gleichgesinnte wenden und diese unterstützen, sie muss zersetzen und Zwietracht schüren. Propaganda muss aussprechen, wofür sich der Wutbürger im Anfangsstadium noch geniert, sie muss enthemmende Idole schaffen. In Delmers Fall sollte sie Soldaten und deren Familien gegen Parteimitglieder aufbringen, die nicht an der Front waren, Sonderrationen und andere Privilegien bekamen und einsame Soldatenfrauen belästigten. Alle Details waren frei erfunden, der Verbreitung der einzelnen Storys war das eher förderlich.
Nett war das nicht, aber nützlich.