Peter Thiel: Zero to One

Wüsste man nicht, dass hier ein mehrfacher Milliardär, erfolgreicher Unternehmer und einflussreicher Politiksponsor schreibt, man wäre versucht, Thiels Konzepte als unverdaute Halbphilosophie von 18jährigen abtun. Oder als Programmatik von Esoterikern, die nach einem ausgedehnten Retreat zurück am Start sind und auch in der Businesswelt wieder mitreden wollen, wo es lang geht.

Thiel erklärt seine Rezepte für unternehmerischen Erfolg und die sind denkbar einfach: Du musst schlicht einzigartig sein, der Beste, und alle anderen aus dem Weg räumen. Nur Monopole stellen wirtschaftliches Überleben sicher, wer Konkurrenten hat, ist schwach und nicht einzigartig genug.

Eine von Thiels wichtigsten Fragen in Einstellungsgesprächen sei: “Was ist eine unverstandene Wahrheit, die nur du kennst?” – Die Antwort darauf (so sie denn zuträfe) beschreibt den Kern erfolgreicher Unternehmen.

Inkrementelle Verbesserung ist nicht genug, man muss eben von 0 zu 1 gehen, man muss nie dagewesenes umsetzen und vorausgehen. Innovative Menschen können das, sie können Wunder bewirken – denn neue Technologie sei nichts weniger als Wunder.

Seine Beispiele dafür werfen allerdings Fragezeichen auf. Paypal, sein eigenes Unternehmen, war einer von drei Zahlungsdienstleistern, die von ebay gekauft, zusammengelegt und groß gemacht wurden. Google hat in den späten 90ern die beste Suchtechnologie auf den Markt gemacht und auf der Basis ein Imperium aufgebaut. Es ist allerdings das Imperium, das das Überleben von Google sichern wird, nicht die einzigartige Suchtechnologie – denn das durch KI veränderter Surf- und Rechercheverhalten rüttelt überaus kräftig an der Dominanz und Relevanz von SEO.
Auch Thiels Blick auf den Aufstieg von Amazon wird wohl nicht von allen geteilt. Für Thiel war die Amazon-Innovation, mehr Bücher als andere Buchhändler liefern zu können und “alle Bücher der Welt katalogisiert” zu haben. Diese Kataloge gab es schon lange vor Amazon, mit deren Entstehung hat Amazon nicht das geringste zu tun. Amazons entscheidender Vorteil war der Verzicht auf Lieferkosten – die Gratislieferung ist noch heute das Kernargument gegenüber vielen anderen Buchhändlern. Schlecht organisierter und unberechenbarer Versand brachte auch das Wachstum von ebay zum erliegen.

Und Thiel schreibt ausführliche Hymnen auf Tesla, das einzige E-Auto-Unternehmen, das die Branche verstanden habe und das den Markt uneinholbar dominiere. Neben Tesla werde kein ähnlich erfolgreiches E-Auto existieren können. Heute, zehn Jahre nach dieser Prognose (ich habe tatsächlich nachgesehen), sind die Marktanteile von Tesla und dem chinesischen Newcomer BYD etwa gleich.

Trotz seiner Technologieorientierung ist Thiel erstaunlich optimistisch für Menschen in Hinblick auf die Man vs. Machine-Zukunft: Für den Menschen werde immer Platz bleiben, Maschinen werden den Menschen eher ergänzen als ersetzen.

Thiel manifestiert Power Laws, die Gewinnern noch mehr zuteil werden lassen und exponentielles Wachstum befördern, möchte mit Partnern und mafiaähnlichen Konstrukten zusammenarbeiten und Kulte um Organisationen und Arbeitsweisen begründen.

Vertrieb ist in Thiels Welt etwas für Verlierer: Produkte, die den Unterschied machen, verkaufen sich von selbst. Dabei ist Thiel allerdings recht unscharf: Die ursprüngliche Wachstumsstrategie von Paypal, neuen Usern eine Gutschrift von 20 Dollar zu schenken, zählt für ihn weder als Vertrieb oder als Marketing.

Die 0 oder 1-Ideologie bleibt in ihrer Anwendbarkeit auf die Techindustrie beschränkt und ist auch dort nicht besonders überzeugend. Ihre kurzsichtige Eindimensionalität zeigt sich noch deutlicher in Thiels Exkurs zu Greentech. Greentech sei gescheitert, das zeige ich an der Technologie und an an den Finanzwerten. Selbst die effizienteste Greentech-Lösung bringe keinen radikalen Unterschied und sei im Vergleich zu herkömmlichen Energy-Tech-Lösungen nur ein weiteres MeToo-Produkt. Deshalb sei hier kein Durchbruch zu erwarten; digitale Technologie sei das relevanteste Feld für Innovation.

Die Einschätzung von Greentech ist nun auf mehreren Ebenen falsch: Greentech wird herkömmliche Energy-Tech nicht über Effizienz und Kosten ablösen, sondern über die Vermeidung von Umweltschäden und anderen negativen Folgen. Die Verengung der Perspektive auf Effizienz und Kosten sehen wir aktuell bei Trumps Energiepolitik wieder.

Und der Index für erneuerbare Technologien, der 2014 (nach vielen Panik-Investitionen im Anschluss an die Finanzkrise) tief gefallen ist, hat in den vergangenen Jahren wieder deutliche Höhenflüge absolviert (um mit dem Überfall auf die Ukraine wieder in Turbulenzen zu geraten).

Thiels Überlegungen sind teils banal, teils falsch und teils verwirrend kurzsichtige Tunnelblick-Perspektiven. Vielleicht liegt ja in genau dieser Mischung die überzeugendste Erfolgsstrategie.