Kapitalismus hat sich erledigt, die etablierte Form der Digitalwirtschaft folgt anderen Gesetzen als jenen von Kapitaleinsatz, Risiko und Profit. Digitale Plattformen bringen die Rückkehr mittelalterlicher Feudalsysteme mit sich. Die Grundherren sind immer auf der Siegerseite. Die Kapitalisten, die ihre Geschäfte mit Duldung der Grundherren machen, zahlen ihren Tribut. Das Risiko bleibt bei den Kapitalisten, für die Grundherren gibt es nur Gewinn. Denn es ist egal, wer ihnen Tribut zahlt – und niemand kann Geschäfte machen, ohne ihnen Tribut zu zahlen.
Das ist die etwas zugespitzte Grundthese von Varoufakis‘ Technofeudalism. Die großen Plattformen beherrschen die digitalen Markplätze, so wie früher Fürstenhäuser Grund und Boden beherrscht haben. Außerhalb dieser Plätze sind kaum noch sinnvolle Werbemaßnahmen möglich – man wird nicht gesehen -, es macht auch wenig Sinn, seinen Laden anderswo aufzuschlagen – denn dort sind keine Kunden.
Plattformen haben nicht nur diesen Oligopolvorteil, sie greifen auch inhaltlich ein: Die sozialen Netze erstellen Regeln für Inhalte und erlaubte Regel, promoten oder demoten Inhalte und sind so weit mehr als bloße Distributoren. Amazon schreibt vor, welche Produkte zu welchen Bedingungen gehandelt werden dürfen, wie Versandkosten zu gestalten sind, welche Gewährleistungen zu bieten sind – und wälzt die Nachteile des internationalen Handels, etwa die korrekte Abwicklung in mehreren Steuersystemen, dann wieder auf die Händler ab. Appstores kassieren Provision, greifen in die Preisgestaltung ein, erlassen inhaltliche Vorschriften und zwingen Anbieter und Anwender mit technischen Vorschriften in bestimmte Hardware- und Softwaresysteme, die nur sie anbieten.
Das sind feudale Systeme, in denen vor allem Besitzverhältnisse zählen. Datenanalyse, Verhaltenstheorie und andere Marketingstrategien, die die Digitalwirtschaft gerne vor sich her trägt, sind keine zentralen Erfolgsfaktoren, sondern nur schmückendes Beiwerk.
Mit seiner Feudalismustheorie richtet sich Varoufakis gegen zwei große Digitalmythen:
Das Internet ist zwar frei, aber – anknüpfend an die Debatte um free software – eben nicht wie free speech, sondern wir free beer: Vielleicht gibt es etwas gratis, aber das dient einem Zweck, und jemand hat es bezahlt.
Der zweite Mythos: Was die Plattformen wissen, also ihr Datenschatz, ist nicht irrelevant. Es ist aber auch nicht entscheidend. Viel relevanter als das Wissen der Plattformen ist ihr Besitz. Regeln etablieren, Entscheidungen treffen, Sanktionen setzen, Konsequenzen durchsetzen – und Raum einnehmen, Dissidenten vertreiben und ausschließen können, darin liegt die reale Macht der Digitalwirtschaft. Damit habe der Technofeudalismus den Kapitalismus, den man kannte, verdrängt.
Varoufakis‘ Analyse ist durchaus einleuchtend und über weite Strecken nicht von der Hand zu weisen. Es ist auch offensichtlich, wir die Alles-oder-Nichts-Tendenzen der Digitalwirtschaft wenig zu Innovation, Diversifizierung und Nützlichkeit beitragen. Aus unterschiedlichen Perspektiven liest man das auch bei Cory Doctorow, Tim Berners-Lee oder Mark Coeckelbergh.
Im Appendix konnte Varoufakis dann offenbar der Versuchung nicht widerstehen, von der Analyse zu Lösungsszenarien zu schreiten. Das sind dann altbekannte Vergesellschaftungsvisionen, die sich ebenso wie die Vorstellung der freien innovativen Digitalwirtschaft auch schon mehrfach als Irrtum erwiesen haben. Das ist schade, schade um eine gut argumentierte und auch schön erzählte Theorie.
Trotzdem bleibt die Grundidee des Technofeudalismus eine valide Analyse aktueller Digitalwirtschaftstrends