Aldous Huxley: Zeit der Oligarchen

Aldous Huxley: Zeit der Oligarchen

Zeitgemäße Medien- und Technologiekritik von vor achtzig Jahren. Aber scheinbar seit so langem schon einleuchtenden Lösungen gegenüber ist immer Skepsis angebracht: Denn die beschriebenen Probleme sind schließlich erhalten geblieben.

Es wird nicht alles besser. Fortschritt und Innovation stehen nicht zwangsläufig im Dienst der Gesellschaft. Wissenschaft hat Verantwortung, Partei zu ergreifen und Gesellschaft zu gestalten. Huxleys kleiner Text, 1946 veröffentlicht, zieht eine sehr ernüchternde Bilanz. Geprägt von Kriegsjahren, Vernichtungswaffen und effizienter Verfolgung wendet Huxley sich gegen die Vorstellung, Wissenschaft und Technik stünden im Dienste aller.

Sie schaffen Effizienz, Beschleunigung, erschließen neue Wege und Räume und dienen damit vor allem jenen, die diese Potenziale auch nützen können. Produktionsprozesse werden effizienter, Margen besser kontrollierbar, Automatisierungspotenziale verschieben Verhandlungspositionen auf dem Arbeitsmarkt und Rüstungstechnologien machen Kriege noch mehr als bisher zu einer Geldfrage. 

Huxley mächte auch einige positive Wege vorzeichnen: Atomenergie könnte in Kürze wohl auch einer friedlichen Nutzungzu geführt werden, schreibt er ein Jahr nach Hiroshima und vierzig Jahre von Tschernobyl. Wind- und Solarkraft könnten die großen Wüstenstaaten in Afrika und Asien mit Energie versorgen und sie zu Lieferanten und Partnern für den Rest der Welt machen. Und Wissenschaftler sollten einen eigenen hippokratischen Eid für alle Disziplinen leisten, der Forschung in den Dienst des Guten und der Gesellschaft stellt. Diese Idee ist in den letzten Jahrzehnten mehrfach wiedergekehrt, aktuell in Erwartungen an Data Scientists und AI-Experten.

Ein zweiter sehr zeitgemäßer Gedanke kristallisiert sich in Huxleys Medienkritik: Effizienzgetriebene Medien machen es sich zum Geschäftsmodell, Menschen zu verdummen und süchtig zu machen. Lange vor datengesteuerter Personalisierung und Feedgestaltung ruft Huxley zu Verantwortung für und Regulierung von Medien auf. Auch das sind Themen, die achtzig Jahre später allenfalls größer geworden sind. 

Der Titel (im englischen Original hieß es „Science, Liberty and Peace“) und ein Klappentext von Robert Habeck sorgen für eine etwas sehr zeitgeistige Aufmachung. Der Versuchung, bald ein Jahrhundert alte Kulturkritik als vorweggenommene Lösung nach wie vor geltender Probleme zu betrachten, muss man dennoch widerstehen. Wäre es die Lösung, dann hätte es ja jemand umsetzen und die Probleme aus der Welt schaffen können. 

In Huxleys Technologie- und Wissenschaftskritik steckt auch eine gehörige Portion Technologie- und Wissenschaftsgläubigkeit, ein Technodeterminismus, der Soziales als der treibenden und gestaltenden Kraft der Technik ausgeliefert sieht. Robert Oppenheimer, Miterfinder der Atombombe, war zur etwa gleichen Zeit seiner eigenen Zunft gegenüber skeptischer: Wissenschaft liefert keine Werte und Entscheidungen, Wissenschaft liefert Bausteine und Gestaltungsmaterial. Entscheidung und Verantwortung liegt bei Mensch, Politik und Gesellschaft.

Michael Hafner

Michael Hafner

Daten- und Digitalisierungsexperte, Wissenschafts- und Technologiehistoriker, Informatiker und Journalist

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