Jimmy Wales: Trust

Jimmy Wales: Trust

Die Schwäche von Wales‘ Vertrauens-Analyse: Nichts ist falsch, nichts ist neu, und die beschriebenen Probleme haben wir trotzdem.

Die Gründerväter des Internet überbieten einander zur Zeit in digitalkritischen Analysen. Jetzt stimmt auch Wikipedia-Gründer Jimmy Wales ein und erklärt die Regeln des Vertrauens. Wales, traditionell einer der Guten, ist in den grundlegend digitalkritischen Perspektiven, etwa bei David Golumbia auch unter Verdacht geraten. Der radikaldemokratische Zugang von Wikipedia, Wissen nicht nur allen anbzubieten, sondern auch von allen bearbeiten zu lassen, trage auch zur Erosion von Wissen, gemeinsamen Grundlagen und damit letztlich funktionierende (politischer) Demokratie bei. Müssen alle immer überall gleichwertig mitreden? Soll jede Diskussion bei Null beginnen und alle Grundlagenerklärungen einschließen, damit auch alle alles verstehen? Kann man nicht manches auch einfach mal anhand von Tatsachen, Zielen und Werten entscheiden?

Wales listet einige vertrauenerweckende Grundsätze auf, dabei ist wenig Überraschendes. Natürlich sind Ehrlichkeit, Transparenz, persönliches Commitment und dergleichen förderlich. Aber was helfen Appelle? Und lässt sich diese offenheitsfundamentalistische Haltung auch außerhalb streng reglementierter Nerdwelten durchhalten?

Meine Bedenken dabei: Es waren schließlich jene Regeln und Einstellungen, die ja allesamt nicht neu sind, die uns auch dorthin gebracht haben, wo wir gerade sind: In ein manipulatives, wenig zuverlässiges und von Aufregung getriebenes Internet. Innerhalb von Wikipedia mögen Wales‘ Grundsätze funktionieren (wenn man die notwendige Leidenschaft für Edit-Wars mitbringt), das bewahrt aber nicht davor, auch Wikipedia-Inhalte zweckentfremdet und entstellt für Desinformation einzusetzen.

Eher alarmierend ist es auch, wenn Wales KI-gestützte Analysetools als Streitschlichter oder Qualitätsprüfer empfiehlt. In der Theorie ist das eine gute Idee, Umsetzungen waren bislang eher ernüchternd. Diesen KI-Optimismus teilt Walees auch mit anderen Digitalikonen der 90er. Golumbia kritisiert das als Cyberlibertarismus, für Morozov ist das Cyberuptopianismus und Solutionismus.

Letztlich bleibt „Trust“ ein Feeldgoodbuch, dessen Schwäche darin besteht, dass alles beschriebene richtig ist, allerdings nicht neu – und wir die zu lösenden Probleme trotzdem haben. Also lässt sich ihre Lösung nicht in den analysierten Grundsätzen vermuten. 

Wales ist auch gar nicht an Problemen oder Lösungen interessiert, sondern daran, an den erkannten Problemen vorbei Erfolg zu haben. Insofern hat Golumbia mit seiner sehr kritischen Perspektive auf die Ikonen des Web nicht unrecht.

Michael Hafner

Michael Hafner

Daten- und Digitalisierungsexperte, Wissenschafts- und Technologiehistoriker, Informatiker und Journalist

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