Der Text wird gleich zu Beginn recht deutlich: Tim Berners-Lee geht es um nichts weniger als um die Rückeroberung des Web. Nach 35 Jahren im Einsatz für die Verbreitung des Web steht jetzt der Kampf für seine Entgiftung im Vordergrund. Mit Social Networks und Data Brokern habe ein kleiner, aber lauter Teil des Web Oberhand gewonnen, der die schlechtesten Seiten nicht nur des Web, sondern auch der Menschen hervorkehre.
Instinktiv bin ich solchen Verfalls- und Untergangserzählungen gegenüber skeptisch, umso mehr, wenn sie von ehemaligen Ikonen stammen und darstellen, wie deren Erfindungen und Thesen anders gehandhabt werden müssten, um es besser zu machen.
Bei Berners-Lee wird dieser Verdacht ebenfalls kurz laut. Allerdings zieht er durchaus auch die Konsequenzen aus seinen Klagen. 2024 stellte er die Web Foundation ein, die sich 35 Jahre für die globale Verbreitung des Web einsetzte. Er fordert kein Zurück, sondern ein Vorwärts, und arbeitet mit Social Linked Data (Solid) an einem neuen Protokoll, das Daten strukturiert und kompatibel machen soll und von jedermann genutzt werden kann wie einst html. Und er hat nach einer Karriere in der Welt von Universitäten, Think Tanks und NGOs ein erstes Unternehmen gegründet: Inrupt soll Anwendungen für das Solid-Protokoll schaffen und Usern PODs, Personal Online Data Stores anbieten. PODs sollen die Daten-Arsenale für nützliche AI werden, die dem User und nicht Unternehmen oder Vermarktern dient. Denn in PODs kann die persönliche Information gespeichert werden, anhand derer AI-Agenten die allgemeine Information aus dem Web mit persönlichen Daten der Anwender kombinieren können. Anwender behalten dabei Kontrolle darüber, welche Information sie in ihren POD laden und wer, welcher Agent darauf in welchem Umfang und für wie lange Zugriff bekommt. Das erfordert eine ganze Kaskade an Sicherheitskonzepten, einen anderen Zugang zu AI Infrastrukturen und User, die bereit sind, sich mit diesen Anforderungen auseinanderzusetzen. Berners-Lee ist zuversichtlich.
„This is for Everyone“ ist eine Mischung aus Autobiographie und Manifest für ein besseres Web. Berners-Lee erzählt von den Anfängen des Web im CERN; heute ist es wichtig zu betonen, dass sowohl das Web, also der Einsatz von Links und Browsern, als auch das CERN europäische Projekte sind. Auch die ersten Browser entstanden in Europa; in den USA gab es allerdings mit Al Gore früher einen Digitalstrategen in der hohen Politik und damit mehr entschlossene Finanzierung.
Beim Rückerinnern an die Meilensteine dieser Erzählung – die ersten öffentlich erreichbaren kommerziellen Webserver in den frühen 90ern, Justin Halls erstes Weblog 1994, Netscape und die Erfindung des Cookies 1993, die Gründung des Onlinevermarkters Doubleclick 1995, die erste Onlineausgabe der New York Times 1996, fällt auf: Davon las man in der Zeitung. Onlinetrends waren damals auf die Verbreitung in klassischen Medien angewiesen; Printmedien hatten eigene Web-Sonderteile, die bei Lesern und bei Anzeigenkunden sehr begehrt waren. Das änderte sich bald.
Ein Detail, das recht deutlich zeigt, wie anders Berners-Lees Vision im Vergleich zum heutigen Web war, ist seine erste Konzeption des Browsers. Browser sollten keine reinen Navigations- und Lesetools sein, sie sollten auch das Erstellen und Bearbeiten von html ermöglichen. Das Lesen von Inhalten und das Erstellen und Publizieren eigener Inhalte sollten in einem Prozess verbunden sein, weit weg von der Passivität der aktuell meistgenutzten Onlineservices. Es dauerte ziemlich lang, bis sich die Wiederentdeckung dieser Eigenschaft von Browsern in Kollborationstools ein wenig niederschlug.
Auch die Startseite des Browsers sollte keine Nachrichten- oder Suchseite sein, sonder eine selbst kuratierte und mit eben diesen Funktionen bearbeitbare Linksammlung mit Notizen, auf der User die für sie persönlich wichtigsten Inhalte und Services sammeln und ordnen konnten. Nachdem sich diese Idee niucht durchgesetzt hatte, wurden Bookmark-Services erfunden (die auch schon wieder eingegangen sind und gerade neu erfunden werden).
Für Berners-Lee ist Wikipedia das beste Beispiel für den idealtypischen Einsatz der Web-Möglichkeiten (das ist möglicherweise eine etwas akademische und idealisierte Perspektive), X der schlechteste.
Er plädiert für Algorithmen-Verantwortung. Das ist ein unscharfer Begriff, den Berners-Lee (leider) bei Yuval Harari verortet. Ich denke, Algorithmen-Verantwortung ist vor allem gegenüber dem weiter verbreiteten Begriff der Algorithmen-Ethik recht leicht zu präzisieren: Ethik beschreibt Do‘s and Don‘ts mit recht vagen Zuständigkeiten und Konsequenzen. Algorithmen-Verantwortung dagegen sollte ganz klar das Gewicht auf Konsequenzen legen und festschreiben, welche negativen Konsequenzen wie zu beseitigen und zu kompensieren sind – so zäh die politische Diskussion auf dem Weg dorthin auch sein wird.
Polarisierung und negative Konsequenzen für die psychische Gesundheit des Web beschreibt Berners-Lee als Designfehler des Web. Diesen ist allerdings kaum mit einem besseren Design beizukommen, er spricht sich für Regulierung aus (auch wenn er ein grundsätzlicher Gegner von Vorschriften sei). Dabei scheut er nicht vor klaren Abgrenzungen zurück: Eine Grafik zu Gut und Böse in Webservices und Internetprotokollen zieht klare Grenzen. Auffällig an dieser Grafik ist allerdings: Die Services auf der Seite des Bösen sind die erfolgreichen Apps, die User in ihren Bann ziehen (Instagram, Facebook, TikTok & Co), die Guten sind die mäßig erfolgreichen Achtungserfolge, die man mal ausprobiert, aber schnell wieder vernachlässigt hat (Berners-Lees liebstes Netzwerk ist Mastodon). So wirken auch seine Hoffnungen, Frank McCourt würde mit seiner Project Liberty-Stiftung TikTok kaufen und in etwas nützliches verwandeln, sehr akademisch. Ebenso die Idee, verantwortungsvolle Eltern könnten ihren Kindern die Nutzung der guten Netzwerke nahelegen, statt sie den Süchtigmachern auszusetzen.
Berners-Lee glaubt trotz allem an das Gute im Web. Die Wende von einem schädlichen, Aufmerksamkeit und andere geistige Kapazitäten vernichtenden Web, zu einem nützlichen Tool wird sich allerdings nicht von selbst und nicht bei so hoher User-Passivität wie bisher vollziehen.
Die Notwendigkeit, aktiv zu sein und sich mit technischen Grundlagen auseinanderzusetzen, waren aber bis jetzt die größten Hürden auf dem Weg zu solchen Entwicklungen. Ob Internetuser Datenausbeuter mittlerweile ausreichend satt haben? Oder ob Entwicklungen gelingen, die nicht mit Gut und Böse argumentieren müssen, sondern einfach besser und nützlicher sind?
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Zwei Randnotizen:
Berners-Lees Erfolg zeigt, dass nicht die technische Fancyness oder radikale Neuheit von Innovationen am relevantesten für ihren Erfolg sind, sondern die Eigenschaft, Bestehendes besser zu verknüpfen – und die Hartnäckigkeit des Innovators, anschlussfähige Visionen zu predigen und die Arbeit in die technischen Details zu investieren. Das bieten akademische Umfelder, die nicht so leichtfertig gegenüber einem Startup-Ambiente abgewertet werden sollten. Berners-Lee betont die akademischen Qualifikationen seines Umfelds so oft (fraglich, ob gezielt), dass man sich dabei auch als doppelter Akademiker, der nicht an einer Elite-Uni war, geradezu ausgeschlossen fühlt.
Zweiter Punkt: Aktuelle Digitalkritiker erwähnen derzeit oft den Begriff der Aufmerksamkeitsökonomie. Manche tun, als hätten sie ihn erfunden, Berners-Lee schreibt ihn Doc Searls, einem der Co-Autoren des Cluetrain-Manifesto zu. Die Theorie der Aufmerksamkeitsökonomie (mit ihrem Rahmenkonzept des Mentalen Kapitalismus) stammt von Georg Franck. Das sollte nicht in Vergessenheit geraten.






