Aber doch noch mal zu den Mediendiskussionen …

Ich hab ja schon kurz erwähnt, dass ich mich von Mediendiskussionen gern fernhalte. In den 90er-Jahren hatte ich noch ein richtig schlechtes Gewissen, über das Internet zu schreiben. Dazu musste man nicht aus dem Haus gehen, schrieb über Dinge, sie sich jeder selbst hätte ansehen können, wenn er oder sie gelernt hatte, Computer und Browser zu bedienen (das war auch ungefähr meine Online-Qualifikation) und packte halt überall ein bisschen Porno oder Bombenbauanleitung dazu. Für jemanden, der gelernt hatte, unterwegs zu sein und als Chronikredakteur Fotos von Mordopfern zu keilen oder Interviews mit Überlebenden zu bekommen, war das bequem, aber es fühlte sich falsch an.
Heute ist das eine der wohl armutsbedingten Königsdisziplinen des Journalismus. Journalismusevents sind das „Wie werden ich im Internet reich?“ der Medienbranche und des 21. Jahrhunderts. Manche davon sind vielleicht nette praktische Selbstreflektion, andere dienen dem medienwirksamen Zementieren von Ist-Zuständen, wenn große Tiere große alte Behauptungen aufstellen, die dann in ihren großen alten Medien wiedergegeben werden, mit stolz dreinschauenden Politikern dazu im Hintergrund.
Und dann gibt es noch Journalisten, die immer noch ungeniert Formulierungen wie „worum es wirklich geht“ in der Mund nehmen. Sogar Medienjournalisten machen das. Irgendwie ist das der Beweis dafür, dass es anscheinend tatsächlich diese Selbstreflektionsevents braucht. Nur können die vielleicht auch etwas persönlicher sein und nicht immer gleich die ganze Branche erklären wollen.
Wenn jeder einzelne weniger Mist baut, dann gibts weniger Mist. So einfach wäre das.
Michael Hafner

Michael Hafner

Zufallsempfehlungen

Ostafrika: Zukunft auf dem Motorrad

Wir haben ein Buch über ostafrikanische Motorradtaxis geschrieben. Jetzt bringt Google eigene Navigationsfeatures für diese Branche auf den Markt – exklusiv für Ostafrika.

Ich mag ja Optimismus …

Breaking News: Das Finanzamt prophezeit Unternehmern ein Boom-Wachstum wie in den 50er-Jahren. Zumindest, wenn man die Einkommensteuervorauszahlungsbescheide beim Wort nimmt. Und – wie das Finanzamt – die Steuerreform ignoriert.

Sonst noch neu

Hannah Arendt, Über das Böse

Zählen meine Regeln oder die der anderen? Arendt zeichnet die Verschiebung moralischer Regeln von innen nach außen nach und zeigt, warum Verantwortung, Verhandeln und Verstehen die wichtigsten Eckpfeiler gegen „das Böse“ sind.

Was alles gesagt werden muss

Zwei Bücher von jungen Autorinnen, die manchmal sehr weit ausholen, werfen für mich die Frage auf, welchen gemeinsamen Boden man noch teilt. Und was warum neu beschrieben werden muss.

Die Greta-Grenze

Polarisierung ist eine Art Volkssport – vor allem zu Belustigung von Wahlkämpfern und Kommentatoren. Dabei lohnt es sich vor allem darauf zu achten, wer sich worüber polarisiert erregen kann.

Schnitzelpolitik: Im Frittierfett der Moral

Neuerdings wollen sich so manche in der Politik von der Moral verabschieden. Das liegt aber vermutlich daran, dass sie selbst nicht verstehen, wovon sie reden – und auch keinen Wert darauf legen, verstanden zu werden. Die Geste reicht.

Francis Fukuyama, Identity

Fukuyamas Analyse des Identitätsbedürfnisses findet auch keine neuen Lösungen. Das ist aber weniger sein Problem als das von Identitätspolitik.