Adrian Daub: Was das Valley herrschen nennt

Adrian Daub: Was das Valley herrschen nennt

Die Produktivität digitaler Innovation ist verschwindend, die wiederholte Anwendung bewährter Technologien gilt als Innovation - und dennoch schafft es der Silicon Valley-Kult, digitale Zukunft als alternativlos darzustellen. Können wir uns Zukunft vorstellen, ohne an digitale Produkte zu denken?

Der Titel ist ein wenig missverständlich. In Daubs „Was das Valley denken nennt“, lässt sich über die Verwendung des Begriffs „denken“ diskutieren. Daub analysiert lauwarme halbverdaute Philosophie-Aufgüsse, wie sie die Pamphlets und Twitter-Tiraden von Musk oder Thiel bestimmen. Für den Begriff des Herrschens gilt das nicht.Das Valley und seine Protagonisten herrschen durchaus – allerdings nicht dank Innovation und Expertise, sondern eher dank alten Geldes und politischer Netzwerke.

In „Was das Valley herrschen nennt“ analysiert Daub Politik und Machtnetzwerke unter Tech-Milliardären und deren Anhängern. Was als Innovation, Gespür für Trends und Zukunft oder Geschäftssinn, gepaart mit Technologie-Expertise verkauft wird, ist in aller Regel eine Kombination aus altem Geld, das Ausbildung an Elite-Unis ermöglich und das Gefühl der Zugehörigkeit vermittelt, und per Gießkanne verteiltem Investorengeld, das in der Regel auch nicht aus Innovation, sondern aus Öl, Industrie oder Großgrundbesitz stammt.

Gerade wenn man Thiels Alles-oder-Nichts-Ideologie beim Wort nimmt, lässt sich das Wesen des Venture Capitalism gut erklären: In einigermaßen brauchbare Startups wird breit gestreut investiert, einzelne Unternehmen aus diesem Kreis werden es schaffen, die andere werden recht früh auf der Strecke bleiben. Der geniale Investor trifft im wesentlichen keine anderen Entscheidungen als ein passiv anlegender ETF-Sparer.

Passivität ist allen Innovationspredigten zum Trotz eine zentrale Eigenschaft allen Valley-Aktivismus. Investitionsgießkannen und Elite-Zugehörigkeiten (die gern mit schlechtem Benehmen maskiert werden) sind passive Verhaltensweisen. Digitale Innovationen erzeugen Abhängkeiten und Passivität – Social Networks sind Passivitätsmaschinen, Plattformen mit Lock-In-Geschäftsmodellen sind Passivitätsmaschinen, KI vernichtet und verunmöglicht im Lauf der Zeit Selbstbestimmung und Aktivität – digitale Innovation ist wortreich verwalteter Stillstand.

Die Produktivität digitaler Innovationen ist verschwindend, ihr Nutzen (der über die Gelderzeugung für einen sehr kleinen Kreis hinausgeht) ist gering. Die Verheißungen positiver Seiten von Social Networks und digitaler Informations-Allgegenwart haben sich als mittlere Seifenblasen entpuppt. Digitalisierung kann in Unternehmens- und Verwaltungsorganisation nützlich sein, der größte Nutzen dabei aber entsteht durch saubere Informationsorganisation, Datenstrukturen und professionelle Prozessgestaltung, nicht durch die Versprechungen digitaler Innovation. Die Größen der digitalen Innovation verachten Staat und Gemeinschaft – und nähern sich trotzdem dienstbar der Politik, wenn es nützlich ist (wie die gesamte Social Media-Branche), oder sind mit Staatsaufträgen groß geworden (wie SpaceX).

Die Beispiele der Digitaleuphoriker sind bescheiden und in den letzten 25 Jahren ziemlich redundant. Und offensichtlich glauben nicht einmal jene, die mit digitaler Innovation gutes Geschäft machen, daran, dass ihre Innovationen Gutes bewirken oder die Welt sich zum Besseren hin entwickelt. Apokalyptische und politisch radikale Ideologien sind die vorherrschenden Geisteshaltungen, anstatt Probleme zu lösen, werden neue Auswege gesucht – sei es in isolierten Meeresstädten, abgelegenen Gegenden auf Neuseeland oder gleich auf dem Mars. Douglas Rushkoff hat diesem apokalyptischen Eskapismus ein ganzes Buch gewidmet.

Die apokalyptische Note verleiht allen Ideen etwas Dringliches, Notwendiges, Unausweichliches. Innovationskulte haben erreicht, als alternativlos zu gelten. Innovationen und Lösungen sind digital, die Zukunft ist digital, Lösungen sind digital – es fällt schwer, irgendeine Vision oder Zukunftsidee zu entwickeln, die nicht digital wäre. Jede Kritik an digitalem Universalismus und Lösungsabsolutismus ist demnach ein Angriff auf das Heil der Menschheit.

In Verbindung mit alter institutioneller Macht und konservativer Politik entwickelt das solide Beharrungskräfte, die Bollwerke gegen Kritik und alternative Optionen aufbauen.

Und das, obwohl viele finanziell sehr erfolgreiche Digitalprodukte sehr wenig reellen Nutzen haben. Obwohl relevante Innovationen auch im Digitalen in den vergangenen 20 Jahren Mangelware waren: Der Großteil sogenannter Innovationen sind Anwendungen grundlegender Basiswebtechnologien – die ihrerseits tatsächlich einmal Innovationen waren. Und viele praktisch gemeinte Ideen und Visionen der Silicon Valley-Milliardäre sind haarsträubende Absurditäten oder haben sich bereits als großspurige heiße Luft herausgestellt. Peter Thiel fabuliert vom Antichristen. Elon Musk hat mehrfach Hyperloops angekündigt – von denen noch nicht mehr Realität wurde, als Tunnels für Taxis. Elon Musk wollte Tunnelbohrmaschinen bauen, um LA oder Las Vegas zu untertunneln (oder um in einer in Thailand in einer Unterwasserhöhle eingeschlossene Kinder zu retten, die schon lange gerettet waren).

Wollen wir diesen Unfug weiterhin bewundern und als Zukunftsvision für unsere Welt betrachten, oder wollen wir überlegen, ob es jenseits dieses Zirkus auch brauchbare Vorstellungen von Zukunft und Entwicklung geben kann? 

Michael Hafner

Michael Hafner

Daten- und Digitalisierungsexperte, Wissenschafts- und Technologiehistoriker, Informatiker und Journalist

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