Das Buch ist keine drei Jahre alt, liest sich aber wie eine Vision aus dem vorigen Jahrhundert. Das liegt nicht daran, dass es so weitreichende sich schnell vollziehende Entwicklungen beschreibt, sondern am Sprachduktus der Neuigkeit, der Veränderung, der noch nicht abschätzbaren Entwicklungen, die sich eben erst abzeichnen, und von denen noch nicht klar ist, wie sie über uns hereinbrechen werden. Das haben wir 1995 über das Web erzählt, 2002 über Web 2.0, 2008 über das Social Web, zwischendurch über das semantische Web, 2015 über Big Data, seit 2020 über KI und jetzt auch über Web3.
Web3 kreist technisch rund um den Einsatz von Blockchain-Technologie und Wallets, ideologisch um Selbstbestimmung, Dezentralisierung und Desintermediation. Das sind die gleichen Versprechen, die seit 1995 in unterschiedlicher Intensität enttäuscht worden sind und seither mit laufend neuen Produkten ihre ständige Wiederkehr feiern. Bekannteste und erfolgreichste Web3-Umsetzung ist Bitcoin: ein ohne institutionen handelbares, theoretisch von jedermann erzeugbares und nicht zentral kontrollierbares Produkt.
Viel mehr ist bis jetzt nicht dazugekommen.
Andere Kryptowährungen haben bislang das Alleinstellungsmerkmal von Bitcoin – die praktische Unmöglichkeit zentraler Kontrolle – nicht reproduziert. Theoretisch ist im übrigen auch Bitcoin zentral kontrollierbar, allerdings gibt es die dafür notwendige Rechenleistung noch nicht.
Tapscott verspricht einen Wegweiser durch Web3 und dessen Anwendungen. Eine Anwendungskategorie sind Finanzen, das kennen wir bereits. Eine andere sind NFTs – digitale Unikate, mit denen jetzt auch Schöpfern digitaler Kunst effiziente Eigentumsrechte und Verkaufsmöglichkeiten eingeräumt werden können. Mit Web3-Technologie können aber auch Konsumenten real über ihre digitalen Besitztümer verfügen. Gamer etwa investieren in Charaktere oder Skills, können diese aber weder transferieren noch verändern. Die Eigentumsrechte sind eingeschränkt, gegen Veränderungen des Game-Providers können sich User hier nicht wehren. NFTs und Web3 können Abhilfe schaffen und Eigentum begründen. Allerdings bleibt die Frage offen, was ein User mit einem Game-Asset auserhalb des einen bestimmten Games anfangen soll. Außerhalb hat es keine Funktion und kann vermutlich nicht einmal angesehen werden. Interoperabilität, wie sie etwa Doctorow für Social Networks fordert, wird hier auch ein relevantes Thema.
Andere Anwendungsfälle sind eher ideologische Konzepte: In Netzwerken tragen User viel zum Nutzen der Netzwerke bei. Sie werden dafür aber nicht bezahlt, im Gegenteil, teilweise kostet die Nutzung oder Usern wird Werbung ausgespielt. Über Web3 könnten User durch ihre Nutzung Anteile an einem Netzwerk und dessen Einnahmen erwerben. Web3 ist dafür nicht zwingend notwendig, über Creditsysteme gibt es ähnliche Belohnungsinfrastrukturen; Web3 ist natürlich technisch stabiler und nachhaltiger. Umgekehrt sieht Tapscott Web3 aber auch als niedrigschwellige und nicht an Institutionen gebundene Finanzierungsmöglichkeit für Gamingstudios und andere Contentproduzenten.
Web3 wird schließlich auch eine an Finanzen und Eigentumsrechte gekoppelte Partizipationsmöglichkeit. Tapscott erzählt von Serien, über deren weiteren Verlauf User mitbestimmen können – dafür bezahlen sie mit Web3-Token und erhalten im Gegenzug Miteigentum.
Organisierte Mitbestimmung über DAOs (Decentralized Autonomous Organisations) ist eines der zentralen Motive von Web3. Das Konzept ist einleuchtend: Tokenbesitz legitimiert zur Mitbestimmung, ermöglicht und limitiert die Mitbestimmung zugleich, denn Tokens müssen investiert werden, und über eine jederzeit validierbare Blockchain sind alle Entscheidungen und Mitbestimmungen nachvollziehbar. Das ist manipulationssicherer als andere digitale Partizipations- und Dokumentationsformen.
Dennoch bleiben zwei Fragen offen.
Die erste: Wozu? Anwendungsfälle sind oft Mitbestimmung um der Mitbestimmung willen. Gäbe es die Partizipationsnetzwerke nicht, gäbe es auch deren Fragen nicht. Ich habe in den vergangenen Jahren einige Tokens gekauft, in einige Netzwerke geschnuppert – es sind mit noch keine relevanten Entscheidungspunkte begegnet.
Der zweite noch kritischere Punkt: Reproduziert diese Form der Partizipation die Probleme historischen Zensuswahlrechts? Wenn nur Besitzende mitbestimmen, schließt das andere aus. Aktuell ist das irrelevant, die meisten Kryptowährungstokens sind praktisch wertlos (trotzdem kann man unterschiedlich viel von ihnen besitzen), die meisten Fragestellungen wenig relevant. Sollten sich aber Web3 Visionen bewahrheiten und wir auf eine Hypertokenization-Gesellschaft zusteuern, wäre das ein massives Ausschluss- und Totalitarismusproblem. Vielleicht begrenzt sich dieses aber auch auf das Metaverse. Tapscotts Buch ist eine der selten gewordenen positiven Darstellungen des Metaverse, sogar der prähistorische Virtualitätsvorläufer Second Life findet positive Erwähnung. Als Second Life neu war, arbeitete ich an Digitalisierungsprojekten in einer Bank. Nichteinmal in der Bank fand irgendjemand Second Life beeindruckend.
Die Zukunftssuppe bleibt also etwas dünn. Das ist insofern ein Problem, als ich andere Web3-Anwendungsfälle für sehr relevant halte. Wallets und digitale Zertifikate können mit Blockchain-Technologie sicherer und einfacher erstellt und betrieben werden. Sämtliche Register – von Meldedaten über Firmenbuch bis zur Vergabe von Fischereilizenzen oder andern Fällen, die Prüfung und Dokumentation von Nachweisen erfordern – wären in Blockchains gut aufgehoben. Viele Formen der Interaktion in eGovernment können gut auf Blockchains abgebildet werden.
Auch dabei allerdings bleiben Beispiel dünn gesät. Die Arabischen Emirate experimentieren mit Blockchains für Kfz-Daten. Wallets werden aktuell in unterschiedlichen Ausprägungen und Technologien erstellt und diskutiert.
Für Web3-Puristen wäre der Erfolg der Blockchain in eGovernment und Businessanwendungen ein Problem: Einerseits fordern und wünschen sie Regulierung, um den Nimbus des Halbweltlichen loszuwerden. Andererseits wären Government-Blockchains die Antithese zu den dezentralen, offenen und unkontrollierbaren Web3-Verheißungen.






