“Rhinestone Cowboy” – der Posterboy für politische Visionen der Gegenwart

Manchmal drängen sich uns ja komische Dinge auf. Bei mir war es heute morgen „Rhinestone Cowboy“, Glen Campbells traurige Ballade über einen erfolglosen Außenseiter, der so gern ins glitzernde Rampenlicht möchte. Eine Perle der 70er Jahre, die vor allem alternde Reitstallbesitzer immer gern ausgegraben haben

Auf den ersten Blick merkwürdiger Ohrwurm, auf den zweiten Blick aber die perfekte Allegorie von Politik in Corona-Zeiten, vor allem wenn man die großteils elendigen Budgetdebatten dieser Tage verfolgt hat: Menschen wünschen sich bessere Zeiten – gut, das war praktisch schon immer so.

Was sie sich vorstellen, ist aber gar nicht so toll und fern von allem, was funktionieren würde; möglicherweise haben sie gar keine Ahnung, was sie sich eigentlich vorstellen können: Campbell reitet in seiner Phantasie erbärmlich schlecht auf einem verlassenen Krautacker und winkt einem imaginären Publikum zu. So wird das nichts mit dem Glitzerstein-Kostüm und den jubelnden Mengen. Zu allem Überfluss: Sein Pferd ist weiß – Quarterhorses, also die überwiegend im Westernreitsport eingesetzte Pferdeasse, sind sehr selten weiß. Natürlich kann man auch andere Rassen oder der Farbe nach ausgesuchte Pferde reiten – aber man wird nicht gewinnen. Man wäre dann eher eine Art Eddy the Eagle der Arena.  Aber noch weit schwerwiegender: Rhinestone Cowboy zu sein, also erfolgreicher und bewunderter Rodeo- oder Reining-Reiter, ist ein elendiger Knochenjob mit Arbeitszeiten und Unsicherheitsfaktoren, die jedem Gewerkschafter die Grausbirnen aufsteigen lassen würden.

Aber in etwa diesem Stil und mit ähnlicher Treffschärfe bewegen sich politische Visionen der Gegenwart. PolitikerInnen streiten um Pensionszulagen, ohne die Finanzierbarkeit eines Worts zu würdigen. Gewerkschafter fordern Coronatausender für Handelsangestellte – von einer Handelsbranche im Lockdown. Wirtschaftskämmerer wollen mit Sonntagsöffnungen Handeslumsätze ankurbeln – obwohl Menschen ohne Perspektive sparen und sinnvollerweise einen Teufel tun, Handeslumsätze retten zu wollen. Finanzminister versprechen Milliardenhilfen und zahlen sie dann nicht aus. Ein Bundeskanzler wird von Licht am Ende des Tunnels geblendet – aber es sind dann auch nur Glitzersteine und leider nicht die Laserpointer der Sturmgewehre von Wega-Polizisten, denen er dann wieder Verdienstabzeichen anheften könnte.

Dabei haben wir noch keinen Gedanken an Schulschließungen veschwendet, an Watschen androhende Ex-Nationalratspräsidenten, an kulturtümelnde ÖVP-Provinzler oder an Grüne Abgeordnete, die übers Dritte Reich witzeln. Aber so etwas würde der Rhinestone Cowboy auch nicht tun.

Und wenn wir dann aufwachen, finden wir uns noch immer auf diesem Krautacker wieder.

Hier ist das Prachtstück:

Hallo Krisen-Murmeltiertag!

Es ist Krisen-Murmeltiertag: Wir haben das Jahr 0,5 ac (anno coronae), und alle Projekte, die im März und April auf den Herbst verschoben wurden, sind im September kurz für zwei oder drei Wochen zum Leben erwacht, um jetzt wieder verschoben zu werden. Auf unbestimmte Zeit. Natürlich haben wir keinen Lockdown und keine Unternehmensschließungen. Wir haben nur unklare Regelungen für Veranstaltungen, die Messen praktisch unmöglich machen – oder sehr viel Risikobereitschaft von den Veranstaltern verlangen.

Wir haben eine verwirrende Informationslage, die EU-Nachbarn dazu bringt, Wien zum Risikogebiet zu erklären. Weshalb Partner schon noch einreisen dürften – die haben aber kein Lust dazu, weil sie nach ihrer Rückkehr (zB nach Deutschland) erstmal in Quarantäne müssten.

Wir haben Unternehmen, die ihre Reserven auf ein halbes Jahr aufgeteilt haben, und sich jetzt der Nulllinie auf ihren Konten nähern.

Wir haben Härtefallfonds-Zahlungen, die immer langsamer (aber immerhin noch) abgewickelt werden.

Wir haben Fixkostenzuschüsse, bei denen jeder jemanden kennt, der niemanden kennt, der daraus bereits Zahlungen erhalten hätte.

Wir haben Förderungs- und Investitionsprogramme, die mit dem Ausschluss von Eigenleistungen, der Ignoranz gegenüber immateriellen Kapitalwerten und der Unterordnung unter politische Frohbotschaften an der Realität von Unternehmen vorbeigehen.

Wir haben PolitikerInnen und ExpertInnen die davon faseln, dass Freiheit über Hilfe stehen müsse – und doch die ersten sind, die Unterstützung für ihre Branche einfordern. Mit Freiheit meinen sie im übrigen, dass ihnen niemand im Weg stehen soll.

Im Frühling haben wir noch, während andere Brot gebacken, Heizkörper geputzt oder Yoga geübt haben, Kosten gekürzt, neue Produkte entwickelt, uns nach neuen Märkten umgesehen und Digitalisierung und andere Hoffnungstrends ausgebaut.

Und jetzt?

Ideen gibts natürlich immer noch, die werden mehr. Das Geld wird weniger.

Zombiezucht?

Walking Dead ist schon länger uninteressant. Die Dichte an Negans und Lucilles hat unter den CosplayerInnen auch deutlich abgenommen, der Superbösewicht und sein stacheldrahtumwickelter Baseballschläger laufen kaum noch auf Cons herum.

Trotzdem redet man wieder oft von Zombies. Diesmal verdanken wir das nicht Nerds und Comics, sondern ÖkonomInnen und allen, die sich dafür halten. Sie werfen UnternehmerInnen, die jetzt in der Krise Unterstützungsuchen vor, Zombiekult zu betreiben: Sie seien nämlich darauf aus, etwas nicht mehr lebensfähiges mit aller Gewalt am Leben erhalten zu wollen. Geschäftsmodelle, die nun nicht mehr funktionieren, seien Untote, von denen man sich besser trennen solle.

Die Idee der Zombieconomy ist alt. Sie jetzt in der Krise wieder auszugraben, ist ein wenig riskant. Als erstes müssten wir ja dann Gastronomie, Hotellerie und jegliche Form von Zusammenkünften über Bord werfen. Alles ist dank Virus unangemessen und von Streetfood bis Streaming gibt es funktionierende Alternativkonzepte.  Vielleicht hilft ja auch ein Blick zurück auf die Geschichte der Zombies. In der populär gewordenen Form tauchten Zombies zum ersten Mal in William Seabrooks „Magic Island“ auf, einem etwas fiktionalisierten Reisebericht über Haiti. Zombies waren scheinbar willenlose, leicht steuerbare Menschen, die am Rande der Gesellschaft existierten. Die rationalisierte Entstehung für ihren Zustand: Es waren Delinquenten, die zur Strafe und um sie unschädlich zu machen, mit Drogen und vielleicht ein wenig Magie in diesen Zustand versetzt worden waren.

Entgegen allen Vorstellungen von Gewalt und Blutrausch, die das moderne Zombiekonzept bestimmen, waren Zombies also eine Variante der Sicherheitsverwahrung, möglicherweise auch der Sklaverei – denn die frühen Zombies hatten auch Herren.

Vor diesem Hintergrund lässt sich ganz gut erklären, warum ich einen ganz anderen Blick auf Zombiezucht in der Wirtschaftspolitik habe. Förderprogramme wie wir sie kennen, sind in der Regel Werkzeuge zur Zombiezucht. Sie sind in der Regel zu spät und zu konkret. Eine öffentliche Institution hat einen Trend erkannt, beschrieben und in ein Programm gegossen. Das passiert im Nachhinein, Webb schon viele Unternehmen in dieser Schiene erfolgreich waren. Mit Förderungen werden dann viele weitere Unternehmen auf den gleichen Weg geschickt – auf dem sich dann schon einiges drängt. Förderbestimmungen und -quoten binden dann Energie und verhindern flexible Entwicklung. Bis Programme beschrieben und verabschiedet, Förderanträge geschrieben und genehmigt sind, hinken geförderte Projekte in der Regel ihrer Zeit zwei Jahre hinter.

Wäre es also besser, ganz auf Förderungen zu verzichten? Offene Programme, die mehr inhaltlichen Entscheidungsspielraum bei den Unternehmen lassen, wären ein Schritt. Förderungen, die auf lebensnahe und zeitgemäße Entscheidungen anwendbar wären, ebenso.   Gerade in Krisenzeiten könnte es ja sinnvoll sein, mehr auf UnternehmerInnen, ihre Einschätzungen, Erfahrungen und Perspektiven zu achten. Die reflexartig heraufdräuenden Vorwürfe einer wiedererstarkenden Zombieconomy dagegen sind eher selbst Wiedergänger einer vergangenen Zeit – und selbst wenig mehr als Zombies. Umso mehr, als der Großteil der Förderungen hier eher Schadenersatz als Prämie sind.

Was Förderungen im übrigen nicht leisten und auch nicht leisten sollen, ist Absicherung. Soziale Absicherung ist ein Feld, auf dem sich besonders deutlich zeigt, wie unangemessen und unzeitgemäß politische Konzepte heute sind.

Corona, die Kultur und die Kleinunternehmen: zurück in die Ungewissheit

Zugegeben, es war ein etwas seltsames Gefühl: Mehrere tausend Menschen in einer großen Halle, die Maskendisziplin war in den ersten Stunden noch sehr hoch, im Verlauf des Wochenendes wurden die Masken dann weniger, und Menschen, die anfangs noch streng hinter Plexiglasbarrieren standen, unterhielten sich später an diesen Wänden vorbei miteinander.

Vergangenes Wochenende ging die Austria Comic Con über die Bühne – die erste Veranstaltung dieser Art 2020 in Österreich, alle anderen Events sind bislang dem Virus zum Opfer gefallen.  Und mit neuen Ampelspielen sieht es danach aus, als wäre es vielleicht auch schon wieder das letzte große Event gewesen.

Das ist ein Problem.

Wir haben jetzt ein halbes Jahr mit Corona hinter uns. Die im März angekündigten Hilfen waren ursprünglich mit Juni befristet. Dann wurden sie schrittweise verlängert. Ich habe im März schon geschrieben, dass viele die Krise erst im Herbst so richtig zu spüren bekommen werden. Dann, wenn klar ist, dass nichts mehr wie selbstverständlich funktioniert.

Wer als Unternehmer alle Härtefallunterstützungen bisher in Anspruch genommen hat, hat jetzt alles ausgeschöpft. Die Zahl der möglichen Anträge wurde von 3 auf 6 erhöht, der Zeitraum von Juni bis Ende des Jahres ausgeweitet, die ursprünglich ausgezahlten Minibeträge durch Untergrenzen erhöht und der Großteil der Zahlungen kam auch einigermaßen zeitnah an. 
Das hätte Unternehmern helfen können, eine harte Zeit zu überstehen. Nach Lockerungen im Juni schien es auch so, als könnte man für die folgenden Monate wieder planen. Das steht jetzt auf dem Spiel. 

Als Comic-Verleger müsste ich jetzt Produktionen für 2021 planen. Dafür sind Einnahmen aus Veranstaltungen wie der Comic Con vom letzten Wochenende eine wichtige Grundlage: Sie liefern das Budget, sie liefern auch Hinweise darauf, wofür sich LeserInnen interessieren und was zur Zeit nicht so gut läuft, und sie sind wichtige Gelegenheiten, neue Produktionen anzukündigen oder vielleicht gar schon den Vorverkauf zu starten. Bemerkung nebenbei: Viele Veranstaltungen – von der Buchmesse Leipzig über den Comicsalon Erlagen bis zu Manga Convention – sind heuer auf digitale Formate ausgewichen. Auch die Frankfurter Buchmesse kündigt das bereits an. Das klingt gut, bringt aber überhaupt nichts. Kulturell gesehen ist das ehrenwert, kommerziell ist das verschwendete Zeit. 

Risiko ist damit immer verbunden, das ist ganz normal. Wenn die Rahmenbedingungen einigermaßen absehbar sind, kann man sich auch auf alles mögliche einstellen. Um ganz konkret bei den eigenen Produktionen zu bleiben: Für heuer haben wir geplante Produktionen reduziert, Kosten gesenkt, neue Produktionen, die zur Zeit passen, herausgebracht, und sind damit ganz gut über die Runden gekommen. Da geht natürlich ganz großer Dank an alle Leserinnen und Leser, die ihre Sammlungen vervollständigt, neue Sondereditionen gekauft oder unsere Hefte weitergeschenkt haben – das ist toll! 
Jetzt kehrt aber die große Unsicherheit zurück. Wir müssten so tun, als könnten wir planen, organisieren, Budgets verteilen – dabei haben wir keine Ahnung, wofür wir planen sollen.

Als Unternehmen, das zu verteilende Budgets erst mal verdienen muss, ist das doppelt blöd: Nichts tun ist die sicherste Option, um Verluste zu vermeiden, bringt aber auch sicher keine Einnahmen. Und Investitionen lassen sich nicht immer so leicht stoppen; sie fressen das Geld, mit dem man über die nächste Durststrecke hätte kommen können.  Es ist ja jetzt wirklich egal, ob es in den nächsten Monaten ein par Comichefte mehr oder weniger gibt, könnte man einwenden. Aber ist es auch egal, ob zwanzig oder dreißig KünstlerInnen weniger Einnahmen haben, weniger ausgeben können – und so weiter? 

Die erste Durststrecke ist vorbei und überstanden, die Notreserven sind angegriffen. Jetzt rächt sich, dass sämtliche Unterstützungsprogramme für KleinunternehmerInnen und EPUs eher als Almosen konzipiert waren und nicht darauf abzielten, die Unternehmen zu erhalten oder gar zu stärken.  Taschengeld hat verlorene Gewinne ersetzt. Produktion, Innovation sind auf der Strecke geblieben. Besonders kritisch ist es wohl auf für jede, die sich auf Kredite eingelassen haben: Die Hoffnung, damit eine Lücke überbrücken zu können, weicht jetzt dem Entsetzen, dass diese Lücke wachsen wird. Wer einen Kredit für sein Unternehmen brauchte, wird auch in nächster Zeit keine Einnahmen haben, mit denen sich ein Kredit zurückzahlen ließe.

Die Unzulänglichkeit der Hilfsmaßnahmen hat auch zu absurden Konstruktionen geführt. Jetzt können beispielsweise Einnahmen-Ausgabe-Rechner für die Beantragung des Fixkostenzuschusses ihre Einnahmen so aufteilen wie Bilanzieren. Es zählt also nicht mehr der Eingang von Rechnungen, sondern der Leistungszeitraum. Das ist für alle Einnahmen-Ausgaben-Rechner erst mal mühsamer Zusatzaufwand – aber ich sehe das als Hinweis darauf, wie wir in Zukunft mit kleineren Unternehmen umgehen können: 

Auch Kleine brauchen Möglichkeiten Rücklagen zu bilden. Sie können keine nicht entnommenen Gewinne liegen lassen, müssen alles sofort versteuern – und sind dabei noch von der Zahlungsmoral ihrer Kundinnen und Kunden abhängig. Es muss auch für kleine Unternehmen Möglichkeiten geben, die eigenen Finanzen besser zu planen – ohne sofort mit Bilanzierungspflichten erschlagen zu werden. Die Bildung von Rücklagen für Entwicklungs-, Forschungs- oder Weiterbildungszwecke, oder schlicht zum Überdauern von Durststrecken, die dann versteuert werden, wenn sie aufgelöst werden, wäre ein erster Schritt. Schließlich gibt es für Kleinunternehmen auch keine Möglichkeiten der unterstützten oder steuerlich begünstigten Weiterbildung. Sie können Bildungskosten zwar steuerlich absetzen – dazu müssten sie aber in der Zeit, in der sie sich bilden, Einnahmen haben, von denen sie diese Ausgaben absetzen können. 

Ein anderer Grund, warum die aktuelle Situation absurd ist: Steuern fallen sofort an, Abrechnungen der Sozialversicherung erstrecken sich aber über drei Jahre. Warum wird von kleinen Unternehmen verlangt, alles innerhalb eines Jahres abzurechnen, während sich der riesige Sozialversicherungsapparat drei Jahre Zeit lässt, um seine Zahlen in Ordnung zu bringen? Abrechnungen müssen schneller erfolgen – spätestens zugleich mit dem Steuerbescheid. Meinetwegen sollen der Einfachheit halber dafür auch die Fristen für Steuererklärungen verkürzt werden – es nützt ohnehin niemandem, das endlos hinauszuzögern. Die Rechnung kommt sowieso – dann umso größer. 

Ein dritter wichtiger Punkt ist der, der den Fehlkonstruktionen der Corona-Hilfsmaßnahmen überhaupt zugrunde liegt, nämlich das Unwissen darüber, was EPUs sind und wie sie funktionieren. Das zieht sich durch praktisch alle öffentlichen Prozesse – von Formularen, in denen zwischen „Privatperson“ und „juristischer Person“ unterschieden wird, über Förderungen, in deren Anträgen nur zwischen GmbH und AG als Rechtsform gewählt werden kann, obwohl sie sich an Kleinunternehmen richten, bis hin zu Ausschreibungen, in denen auch für kleinste Projekte organisatorischer Personaloverhead verlangt wird, der nichts mit der geforderten Leistung zu tun hat. 

Da gibt es noch viel zu tun. Und viel Zeit, in der man schon weiß, dass business as usual unangebracht ist, ist bereits verloren gegangen.

 
Die Convention letzte Wochenende war im übrigen ein Erfolg. Und die Stopp Corona-App auf meine Handy hat während des ganzen Wochenendes keinen einzigen Kontakt registriert. So viel zum wirkungsvollen Containment. 

Die Wurstsemmel und der Superbeamte

Ausweichende PolitikerInnen sind wir gewohnt: JournalistInnen stellen ihnen Fragen, oft Fragen, denen das ausdrückliche Bemühen spezifisch, konkret und informiert zu sein, unmittelbar anzumerken ist – und anstelle von Antworten folgen Exkurse über beliebige Themen.

Beamtinnen können das noch besser – schließlich sind sie die wahren Experten, KennerInnen der Materie, diejenigen, die Knöpfe und Tasten drücken. Sie wissen viel mehr, von dem sie nichts erzählen wollen, mehr noch – von dem JournalistInnen gar nicht wissen, dass sie danach fragen könnten.

Und dann saß eines Tages ein ehemaliger Superbeamter einer sogenannten Supersektion im Nachrichtenstudio und hatte keine Lust, Auskünfte zu geben. JournalistInnen und Zuseherinnen sorgte sich um Korruption, Skandale und Machenschaften politischer Eliten, die in einem laufenden parlamentarischen Untersuchungsausschuss aufgearbeitet werden sollten – und der Superbeamte erzählte etwas von Wurstsemmeln.

Jemand habe, als er, der Superbeamte, befragt wurde, eine Wurstsemmel gegessen.  Das sei, so die Botschaft, ein klares Zeichen dafür, dass die Befragenden schlecht vorbereitet, nicht an echter Aufklärung interessiert sowie respektlos und voreingenommen seien.

Das ist Kunst. Das ist große Kunst.

Der Unwille, sich mit Antworten, Argumenten und anderen Lästigkeiten zivilisierter Unterhaltung aufzuhalten, entlädt sich in einem Scheinargument als Gipfel des Absurden: „Jemand hat eine Wurstsemmel gegessen.“

Wo Wurstsemmeln gegessen werden, wird nicht gearbeitet, dort sind Menschen nicht bei der Sache. Vielleicht fühlt man sich dort auch zu wohl oder ist sich seiner Sache zu sicher. Oder man ist unter Freunden, jedenfalls schon après, und man rechnet nicht damit, in nächster Zeit in relevanter Form aktiv werden zu müssen.

All das mag im Bild einer Wurstsemmel, in der Tätigkeit des Wurstsemmelessens mitvermittelt werden. Aber es ist vollkommen irrelevant.

Deshalb ist es ja große Kunst: Der Superbeamte behauptet irgendetwas, stellt irgendein Ding in den Raum, etwas völlig Zusammenhangloses, nachdem niemand gefragt hat. Und alle anderen sind beschäftigt. Medien greifen den Sager auf, andere JournalistInnen fragen am nächsten Tag noch mal nach. Das eigentliche Thema gerät in Vergessenheit. Es rückt noch einen Schritt weiter zurück, es muss noch eine Hürde mehr überwunden werden, bevor wir wieder darüber reden können.

Der Superbeamte demonstriert hier besonders schön die aufstrebende Kulturtechnik des Behauptens. Wir verzichten auf Argumente, Logik, Verantwortung. Wir befreien uns von unangenehmen Zusammenhängen, die an uns lasten und uns vielleicht noch Verpflichtungen auferlegen, in diesem Fall die, Antworten zu geben.

Stattdessen behaupten wir einfach irgendetwas. Das schwebt dann unmittelbar und voraussetzungslos im Raum.

Das ist ungemein befreiend – und macht auch insofern frei, als es die anderen beschäftigt. Wer behauptet, hat den anderen eine Hürde in den Weg gestellt. Während die noch rätseln, wo diese jetzt herkommt, was sie genau soll und die man sie überwinden kann, können sich die fröhlich Behauptenden indessen ungehindert neuen Feldern widmen. Und man schaut auf sie, etwas verwundert, aber ihre Behauptung hat unsere Aufmerksamkeit.

Das ist heute Macht, das ist Kapital. Beneidenswert. 

Achille Mbembe, Necropolitics

Macht bestimmt darüber, wer lebt und wer nicht. – Lebensbedingungen im buchstäblichen Sinn zu gestalten, nicht nur soziale Bedingungen, sondern die Möglichkeit biologischen Lebens, darin kulminiert Politik. Das ist eine der Kernthesen von Achille Mbembes „Necropolitics“, und es könnte eine der Kernfragen unsere Zeit sein, in der die Politik der Pandemie so tief und so offensichtlich wie selten in Lebensmöglichkeiten eingreift. So ausdrücklich hat Politik in den vergangenen 50 Jahren noch selten mitbestimmt, wer wo wie leben – buchstäblich am Leben bleiben – kann.

Es kam allerdings anders: Weil Mbembe Israel als plakatives Beispiel für ausgeübte Biopolitik anführt, weil Israel in seiner Politik gegenüber Gaza viel weiter in Lebensmöglichkeiten eingreift als wir das von Politik gewohnt sind, sah sich Mbembe vor allem in Deutschland mit Vorwürfen des Antisemitismus konfrontiert.

Diese Unterstellungen sind haltlos. Sie zeugen von einem tiefgreifenden Unverständnis gegenüber dem, was Mbembe eigentlich herausarbeiten möchte. Sie lassen sich auch nicht über Umwege oder über latenten oder in Kauf genommenen Antisemitismus erhärten. Wo die Entstehung der Vorwürfe anhand einzelner herausgegriffener Zitate noch annähernd erahnt werden kann, werden sie bei der Lektüre des gesamten Texts vollkommen haltlos.

Worum geht es dann in Mbembes Essay?

Mbembe sucht nach zeitgemäßen Grundlagen von Demokratie und Freiheit. Zeitgemäß, weil beides, Demokratie und Freiheit, nicht mehr so selbstverständlich ist. Und weil beides für einen großen Teil der Welt nie selbstverständlich war. Mbembe knüpft in seinen Überlegungen vor allem an Foucault und Fanon an. Foucault brachte den Begriff der Biopolitik auf und beschäftigte sich mit der Effizienz von Macht, Frantz Fanon ist einer der deklariertesten Kritiker und Erklärer kolonialer Macht und antikolonialer Perspektiven. Letzteres brachte Mbembe zusätzlich zur Unterstellung des Antisemitismus auch noch den Vorwurf ein, als intellektuelles One-Trick-Pony alles mit den Folgen kolonialer Gewalt erklären zu wollen.

Auch Letzteres stimmt nicht nur nicht, es wäre für den Großteil der Weltbevölkerung auch eine legitime Perspektive.

Demokratie der Spezies

Aber der Reihe nach. Macht hat mit Gewalt zu tun, das bildet Demokratie keine Ausnahme. Demokratie legitimiert, wo Gewaltausübung stattfinden kann. Und weil – aus philosophischer und aus banaler Perspektive, Gesetz nicht mit Gesetz legitimiert werden kann (auch wenn Rangordnungen zwischen unterschiedlichen Normen dafür sorgen, dass Bürokratie und Justiz funktionieren), werden letztlich diverse, oft ins Mystische abgleitende Begründungen herangezogen. Diese Begründungen funktionieren in Kolonien weniger, sie prallen dort auf andere Mythen und sie sind nicht aus kulturellem Vorverständnis heraus erklärbar. Das ist ein Grund, warum in Kolonien der Weg zur Gewalt kürzer war: Die da kennen unsere Regeln nicht, also gelten sie auch nicht für sie.

Wie, und das ist die zentrale Frage in Mbembes Essay, lassen sich dann Regeln für eine globale Demokratie schaffen? Mbembe nennt das eine Demokratie der Spezies, die für alle Menschen funktionieren kann.

Die Anderen bleiben draußen

Eine wesentliche Voraussetzung dafür sind die Möglichkeiten des Begegnen und Verstehens. Mbembe sucht Situationen der Begegnung, in denen andere nicht nur zum Objekt gewordene Andere sind – oder in denen zumindest klar ist, dass sie die Anderen sind, von denen wir nichts wissen (und umgekehrt). Für solche Begegnungen, vor allem für die Schwierigkeiten auf dem Weg dorthin, für die Hürden, die dem vielleicht hartnäckig im Weg stehen, sind koloniale Fantasien natürlich ausgiebiger Stoff. Man fürchtet sich voreinander, man hat kein Bild vom anderen, andere sind Objekt, Rohstoff, Ware, sie sind Fläche für Phantasien, oft bedrohlich, jedenfalls ganz anders  Das andere, das andere Denker über psychoanalytische Umwege festzumachen versuchen, ist bei Mbembe der Neger (vor allem in seiner Kritik der Schwarzen Vernunft hält er hartnäckig an diesem Begriff fest). Der Neger ist nicht durch Hautfarbe oder Herkunft bestimmt, er ist das ganz andere, das sich den üblichen Kategorien entzieht, auch wenn es vielleicht genau nach diesen erfasst werden möchte. Je mehr etwas unfassbar anders ist, desto stärker ist das Bestreben, es zu erfassen und zu regulieren, desto mehr konzentrieren sich jene, die es regulieren möchten, auf das Erfassbare, desto wichtiger werden Biopolitik und Nekropolitik in ihrer einfachsten, auf den Körper ausgerichteten Form. 
Mbembe umkreist seine Themen in mehreren auch unabhängig voneinander lesbaren Kapiteln. Manche beschäftigen sich eher mit Demokratie, Freiheit und kolonialen Perspektiven, andere auch mit sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, andere verfolgen Spuren der Rechtfertigung von Gewalt weiter.  In all diesen Linien steht für Mbembe die Frage nach dem Umgang mit dem Anderen im Vordergrund. Das Andere, das können Menschen sein (das sind die Passagen, in denen Kritiker dann Kolonialismus als Universalkeule sehen), das können Fragen sein, auf die wir keine Antwort wissen, oder auch ungeklärte Gründe. Mbembe diagnostiziert dabei auch einen gewissen Hang zum Anderen. Das Andere ist nicht immer nur bedrohlich, es ist auch praktisch – gerade seiner Bedrohlichkeit wegen. Es ist ein Argument, es ist ein Grund, es ersetzt letzte Gründe. In einem der Kapitel etwa stellt Mbembe Parallelen zwischen Animismus und Kapitalismus fest: Werden sie infrage gestellt, ziehen sich beide auf mysteriöse Mächte zurück, die im Hintergrund wirken, die keine Gegenwehr und keine Gegenargumente dulden und Zusammenhänge herstellen und erklären.  In einem anderen Kapitel beschäftigt er sich mit dem Umgang mit Andersartigkeit, mit dem Bedürfnis nach Lösungen im Umgang mit dem Anderen, die auch schnell auf Sehnsucht nach großen Entscheidungen hinausläuft. Das ist das Thema populistischer Politik, die klare und eindeutige Lösungen verspricht – und die Symbolfigur jener, die sich große und endgültige Entscheidungen wünschen, ist der Selbstmordattentäter, der Entscheidungen und ihre Endgültigkeit auf die Spitze treibt.

Ethik des Passanten

Ist das lösbar, lassen sich Verbindungen und ein Boden für gemeinsame Entscheidungen finden, wenn die Beschäftigung mit dem Anderen derart im Mittelpunkt steht? Im letzten Kapitel stellt Mbembe knapp auf wenigen Seiten das Konzept einer Ethik des Passanten vor. Passant ist in diese Fall eine Figur, die vorübergeht, manchmal stehenbleibt und sich einmischt, manchmal solidarisch ist, manchmal losgelöst, manchmal nah dabei oder doch auf Distanz, „aber niemals gleichgültig“. – Das lässt sich als Beschreibung ebenso lesen wie als Aufruf, als Problem ebenso wie als Lösung. Und das ist einer der Kritikpunkte an Mbembe, die ich gelten lassen würde: Die Feststellung des Anderen allein bringt uns nicht weiter. – Aber sie ist trotzdem so lange wichtig, solange es für einige neu ist, dass es das Andere oder die Anderen gibt, ebenso wie uns selbst.

Viktor Mayer-Schönberger, Thomas Ramge: Das Digital

MayerSchönberger Ramge Das Digital

Ein Jurist und ein Journalist schreiben ein Buch über die Zukunft der Wirtschaft. Und das ist zugleich auch die Schwäche dieses Buches. Akademische Forscher und Medienmenschen sind Beobachter und bei aller gewissenhaften Recherche Außenstehende, gerade was soziale Dynamik oder fehlende Dynamik in Unternehmensorganisationen betrifft. So werden Mercedes und Spotify gleichermaßen als Vorzeigebeispiele flexibler moderner Organisationsformen beschrieben – und alle, die mal in großen Konzernen gearbeitet haben, wissen, wie seltsam es ist, die eigene klägliche Arbeitsrealität in schillernden Worten in Medien beschrieben zu sehen. 

Aber worum geht es eigentlich?

Viktor Mayer-Schönberger und Thomas Ramge denken über die Auswirkungen digitaler Transformation nach. Mit Überwachung, Kontrolle und Manipulation halten sie sich, im Gegensatz zu Shoshanna Zuboff, nicht lange auf. Das lässt den Blick frei für andere Perspektiven.  Natürlich stehen Märkte im Mittelpunkt.

Digitale Märkte organisieren schnell, kleinteilig und flexibel, sie koordinieren Wissen. Digitale Märkte sind ähnlich wie das, was man früher Netzwerke nannte. Sie ergänzen, in zunehmendem Maß ersetzen sie auch, große und starre Organisationen.  Das sorgt für präzisere und effizientere Koordination, aber es geht zu Lasten von Stabilität und Sicherheit. Beziehungen müssen neu hergestellt werden, Entscheidungen müssen anhand neuer Informationen und Sachlagen nie getroffen werden – sie richten sich nicht nach von Fakten unberührten Regeln oder Glaubenssätzen. 

Auf diesem Weg kommt dann doch wieder Kontrolle ins Spiel. Ein Weg, doch zu mehr Sicherheit im Sinn von Kontrollierbarkeit zu kommen, ist überbordende Überwachung, die immer dichtere Daten schafft. – Da darf natürlich das Cybersyn-Experiment der chilenischen Diktatur nicht als düsterer Warnhinweise am Horizont fehlen.

Datenreichtum ist eine Richtung, in der Mayer-Schönberger und Ramge neue Wachstumsperspektiven und auch neue Steuerungsmechanismen für Märkte sehen. Von Geld nämlich gibt es zu viel – und es lässt sich zu leicht vermehren, teilen, aber nicht unbedingt sinnvoll einsetzen. Daten dagegen sind produktiv. Wer sie hat, trifft bessere Entscheidungen, handelt effizienter und gewinnt Vorsprung vor anderen. Die Autoren denken sogar an eine Datensteuer: Unternehmen sollen nicht Geld zahlen, sondern Daten offenlegen, damit Wissen allen zur Verfügung steht.

Dass auch hier die Perspektive wieder ein wenig theoretisch ist, zeigt ihr eigenes Beispiel von Banken. Banken wissen sehr viel, sie haben Daten, sie können aus Daten noch mehr Information ableiten – und sie können dennoch sehr wenig damit anfangen. Neben einem Rest von Unsicherheit bleibt vor allem immer noch Unentschlossenheit, die Banken vom Handeln abhält. Vielleicht werden Geschäftsbanken auch die erste Branche sein, die trotz einer Fülle von Daten verschwindet. Niemand braucht sie mehr.  Peer to Peer-Finance, FinTech-Innovationen und Crowdinvesting setzen an, Banken das Wasser abzugraben. Wer dagegen mit Daten und Informationen arbeitet und gut Geschäfte damit machen, sind Investmentbanken – mit all den Schattenseiten, die Investmentbanking mit sich bringt. 

Auch in dieser Analyse, selbst wenn sie inhaltlich zu teilen ist, macht sich eine recht deutliche akademische Distanz der Autoren zum ihrem Gegenstand bemerkbar. Sie mischen Crowdfunding und Crowdinvesting und sehen Kickstarter als Finanzierungsplattform für Startups, obwohl dort allerdings eher Produkte finanziert werden. Diese Unschärfe schwächt auch ihr Argument für die Effizienz von Markt-Plattformen wie Kickstarter: Zwar scheitern dort nur 15% der Projekte (diese Zahl führen die Autoren an), es sind aber eben nur Projekte und keine Gründungen, wie die Autoren offenbar meinen. (Und für fertig konzipierte und finanzierte Projekte halte ich eine Scheiterquote von 15% im übrigen für relativ hoch.)

Märkte wie sie Mayer-Schönberger und Ramge beschreiben, sind natürlich trotz aller Koordinationsfähigkeiten keine rosigen Plätze. Gerade in Zeiten praktisch weltweiter Skalierbarkeit von nahezu allem wird die Verhandlung auf Märkten immer mehr zu einem Alles-oder-Nichts-Spiel. Es ist erst entschieden, wenn es einen sehr eindeutigen Sieger gibt. In diesen monopolistischen Tendenzen sehen die Autoren Gefahr für Innovation – und einen Hinweis darauf, dass steigende Unternehmensgewinne diesen Hang zum Monopolismus verstärken. Geld wird weniger in Innovation oder neue Produkte investiert oder verteilt, es wird zunehmend entweder abgeschöpft – oder in Prozesse und Formalismen investiert, die die Marktposition stärken. Wichtiger als neue Funktionen, die neue Kunden anlocken, sind Convenience-Elemente, die Kunden stärker binden – oder ihnen den Ausstieg schwerer machen. Das ist gut fürs Geschäft, aber schlecht für die Sache. 

Auch hier argumentieren die Autoren wieder für mehr Drang zur Offenheit und Offenlegung von Daten. Unternehmen, die ihre Steuern über Daten und Offenheit zahlen, können sich weniger gut abschotten und anderen den Weg nicht so leicht erschweren. Was allerdings voraussetzt, dass andere diese Daten zu nützen wissen. 

Digitaler Kapitalismus wird oft als Schreckensvision beschrieben. Mayer-Schönberger und Ramge zeigen eine deutlich freundlichere Perspektive. Allerdings eine, die sehr mündige, zielstrebige und technisch versierte BürgerInnen und PolitikerInnen voraussetzt. 

Was, wenn die “Erfolgsgeschichte Europa” nur Zufall war?

Ein Sendbote aus der Zukunft, ein Wink (oder Anklopfen) Gottes, eine glückliche Fügung für die Natur – dem Corona-Virus hat man schon viel in die Schuhe geschoben. Dramatische Maßnahmen, drastische Einschnitte, Unsicherheit – das verlockt offenbar viele zu reflexartige großen Worten. Manche ergehen sich eben in Visionen einer Post-Krisen-Ära, andere beschränken sich darauf, dass alles anders wird (und sie die ersten sein werden, die es uns erklären – sobald es ihnen eingefallen ist), und wieder andere greifen eben nur zur großen Geste.  Zur großen Geste griffen vor allem auch Regierungsmitglieder, als sie verkündeten, die Wirtschaft lahmzulegen und gleichzeitig zu retten: “Koste es, was es wolle.“ Da steckten gleich mehrere Versionen von Größe drin:  Die Krise war groß, denn sie erforderte solche Maßnahmen.  Die Maßnahmen waren groß.  Und auch jene, die diese Maßnahmen verkündeten, waren groß.

Das ist knapp zwei Monate her. In der Zwischenzeit hat man gesehen, dass tatsächlich vieles auf dem Spiel steht. Schließungen, Sperren und Veranstaltungsverbote haben weite Kreise gezogen. Das hat Abhängigkeiten sichtbar gemacht, die vielen vielleicht nicht offensichtlich waren. An großen Industriemessen hängen nicht nur die Salesabteilungen der Industrieunternehmen, sondern auch Messebauer oder Tischler, die Messestände herstellen, Werbeagenturen, die Verkaufsfolder gestalten, Filmproduktionen, die Produktvideos erstellen. An Festivals und Konzerten hängen nicht nur Veranstalter und Bands, sondern auch Labels, Promoter und geplante Kampagnen, an denen hängen wiederum Medien, für die entfallene Veranstaltungen entfallende Inserate bedeuten.  Klingt alles logisch und nicht weiter erwähnenswert. 

Zufälle kann man nur schwer wiederholen

Aber die Hilfsmaßnahmen zur Rettung der Wirtschaft, ihre Lücken und das laufende Nachbessern haben durchaus auch offenbart, dass unsere scheinbar durchorganisierte und durchgestaltete Gesellschaft vielleicht doch eher nur zufällig funktioniert. Man kann sie, so wie die Wirtschaft, leicht sperren, abdrehen, herunterfahren. Aber es ist sehr schwer, sie wieder zu öffnen, ihr auf die Sprünge zu helfen.

Am deutlichsten zeigt sich das im Umgang mit den Kleinen: Kleinunternehmen und Ein-Personen-Unternehmen kamen zuerst in den Hilfsprogrammen, die auf Kurzarbeit und Kredite setzten, nicht vor. Dann wurden sie in einem eigenen Härtefallfonds berücksichtigt, der betroffenen ein wenig Taschengeld zusichert. Dann wurde heftige Kritik laut, weil auch Kleinunternehmen genau so wie große laufende Kosten decken müssen und daher nicht nur ihre Gewinne, sondern auch ihre Umsätze brauchen. Schadenersatz für verlorene Gewinne hilft vielleicht beim Überleben der UnternehmerInnen, die Unternehmen selbst können aber nur mit zumindest teilweisem Schadenersatz für verlorene Umsätze überleben. Dann wurde mit dem Hilfsfonds nachgebessert, der auch für Kleine Zuschüsse zu Fixkosten bieten soll – diese werden aber mit Zahlungen aus dem Härtefallfonds gegengerechnet. Unter dem Strich bleibt also nichts. Ein-Personen-UnternehmerInnen konnten sich entscheiden, ob sie von den Hilft-Almosen ihre Betriebskosten zahlen – oder doch lieber was zum Essen kaufen. – Und dann wurde auch das noch mal über den Haufen geworfen und anders entschieden. 

„Immer weiter“ ist auch eine Seitwärtsbewegung

Man kann das laufend notwendige Nachbessern als Zeichen der Realitätsferne der handelnden Personen sehen. Man kann es aber auch als ein besonders deutliches Beispiel dafür nehmen, wie wenig Politik eigentlich tun kann, wenn sie im positiven Sinn konkret werden soll, wenn sie etwas anderes tun soll, als entweder zu verbieten oder grobe Rahmenbedingungen zu schaffen. 

Vieles funktioniert, weil es sich entwickeln konnte und so zu guten Lösungen geführt hat, die man am Reißbrett oder von der Kommandobrücke aus nicht hätte entwickeln können. 

Das kann ein gutes Zeichen sein – aus dem Chaos entsteht etwas Funktionierendes, wenn man die Menschen nur machen lässt. Oder es kann auch ein Zeichen dafür sein, dass das, was wir für verlässliche Entwicklungen halten, für eine laufende Erfolgsgeschichte, vielleicht nur auf dünnem Eis gebaut ist. 

Ausnahmeszenario Stabilität

Die Corona-Krise hat jetzt mal etwas spektakulärer an Gewohntem gerüttelt. Die Crashs nach der Finanzkrise waren dagegen vergleichsweise klein. Jetzt sind alle in irgendeiner Form betroffen.  Trotzdem tun die einen so, als ob man alles mit nur ausreichender Anstrengung wieder in den gewohnten Gang bringen könnte. Andere tun so, als sei jetzt endlich ein großer Einschnitt da, der uns zum Umdenken zwinge. 
Die Perspektive, die mir fehlt, ist die, dass wir uns eigentlich seit längerem eher seitwärts als vorwärts bewegen. Wir waren es immer gewohnt, vor allem Europa als Erfolgsgeschichte zu betrachten: Menschenrechte, Freiheit, Wohlstand, Wirtschaftswachstum – das war die erklärte Richtung und das Vorbild für andere. Die Tatsachen, auf denen das Bild gründet, gehören allerdings schon länger der Vergangenheit an. Wirtschaftswunder gibt es hier schon länger keine mehr, wirtschaftspolitische Rezepte aus der Nachs- oder gar Zwischenkriegszeit empfinde ich eher als bedrohlich denn als lösungsorientiert (egal, ob sie jetzt mehr oder weniger Staat predigen). 

Der Historiker Eric Hobsbawm beschrieb das 20. Jahrhundert im gleichnamigen Buch als “Zeitalter der Extreme”und war Anfang der Neunziger Jahre, als er das Buch schrieb, ungewöhnlich pessimistisch. Er empfand die Phasen des Wirtschaftsaufschwungs in der Nachkriegszeit als unerklärlichen Ausreißer, nicht als logische Folge kollektiver Anstrengung. Das endgültige Ende des Kalten Kriegs war für ihn auch eher ein Nebenschauplatz, der schon längst von neuen Krisenszenarien überholt war. Wem Hobsbawm zu eindeutig politisch exponiert ist, der kann sehr ähnliche Thesen auch bei Ian Kershaw und seiner Geschichte der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts lesen. 

Wenn wir jetzt schon die Corona-Krise zum Anlass nehmen sollen, Dinge neu zu denken, dann würde ich gerne dort ansetzen. Vielleicht haben wir uns unsere eigene Geschichte die längste Zeit falsch erzählt. Vielleicht können wir auf gar keine Erfolgsgeschichte von immerwährendem Fortschritt, die wir auch in andere Kontinente exportieren müssen, zurückblicken. Vielleicht können wir uns, wenn wir Zukunftsperspektiven suchen, eher an anderen Kontinenten,  in denen das Behelfsmäßige, Improvisierte seit jeher das bestimmende Element ist, orientieren. 

Mit dem Durcheinander anfreunden 

Gerade im Licht der Corona-Krise blicken viele aus Europa besorgt nach Afrika. Das Virus werde den Kontinent hart treffen, heißt es. Schwache Volkswirtschaften seien nicht dafür gerüstet, der dramatischen Wirtschaftskrise zu begegnen. Das ist eine Sichtweise. Bemerkenswert ist aber, dass diese Einschätzungen oft eher auf Gefühl beruhen und wenig auf Tatsachen gestützt sind. Der Kontinent sei dicht besiedelt, Wasserversorgung sei ein Problem – all das stimmt. Auf der anderen Seite haben viele Länder Afrikas Erfahrung im Umgang mit gefährlichen Viren, Einschränkungen können leichter durchgesetzt werden – und Händewaschen in Restaurants ist in vielen Regionen weiter verbreitet als in Europa. 

Und was die wirtschaftlichen Einschränkungen betrifft: Viele Menschen sind es gewohnt, in kleinen Schritten zu denken und zu handeln. Man verlässt sich nicht darauf, dass alles so bleibt wie es ist, man verlässt sich nicht auf staatliche Hilfe oder Bankgarantien. Für Wachstum und Weiterentwicklung ist das schlecht. Aber es ist resilient und pragmatisch.  

Vielleicht ist es ja auch für Europa an der Zeit, die Perspektive zu wechseln und sich von der Vorstellung langfristiger stetiger Entwicklung zu verabschieden – zumindest, sofern es das tägliche Leben der Menschen betrifft. Seit Douglas Coupland 1991 Generation X veröffentlichte, hat die Vorstellung vom ewigen Aufstieg ohnehin schon ihren Knacks. Kinder haben nicht mehr die stetigen Karrieren ihrer Eltern, Anlagemöglichkeiten sind weniger sicher, Eigentum ohne Erbschaft ist außer Reichweite. Trotzdem wurde diese Entdeckung seither alle paar Jahre neu gemacht, immer wieder sind neue Generationen der Meinung, sie wären die ersten, die schlechter aussteigen werden als ihre Eltern, immer wieder betrachtet man das als eine Zäsur. Offensichtlich hält diese Abwärtsbewegung seit nun über 30 Jahren kontinuierlich an und schafft es trotzdem, immer wieder Erstaunen hervorzurufen, immer wieder neu als aktuelle Entdeckung verpackt zu werden. 

Ich sehe das als Indiz dafür, wie schwer wir uns tun, uns von der Wachstums- und Erfolgsgeschichte zu verabschieden. Immer mehr für alle – das ist das Versprechen, das, wenn wir Hobsbawm oder Kershaw folgen, auf einem Zufall, einem Irrtum beruht, aber trotzdem hartnäckig weitererzählt wird. Und immer öfter kommt man immer wieder erstaunt zu dem Schluss, dass es gar nicht gilt.

Alles oder nichts statt Wachstum 

Die Wachstumsgeschichten haben sich verändert. In einer Alles-oder-nichts-Logik lassen wenige Giganten wenig Platz für andere Unternehmen. Durchschlagender Erfolg wird zum Ausnahmeszenario. Das Bild solider Familienunternehmen, die mit Qualität und Verantwortung reich wurden, ist durch das ellbogenaktiver StartUps abgelöst. Effizienz, Durchsetzungsvermögen, Einzigartigkeit – das sind die Kriterien, die die Vorstellung vom friedlichen Biotop, in dem genug Platz für alle ist, abgelöst haben.  Das kann unterschiedlich gesehen werden. Eine Interpretation ist: Es geht ja doch. Es ist möglich, Erfolg zu haben, die gleichen Erfolgsstorys zu schreiben, die man sich im vergangenen Jahrhundert gewünscht hat – sogar noch mehr, schneller, weiter. Man muss es nur wollen und sich diesem Prinzip unterordnen. 

Eine andere Möglichkeit ist es, unsolidarische Auslesen zu beklagen. Übrig bleibt, wer den anderen nichts übrig lässt. 

Noch eine Interpretationsweise wäre es, das Augenmerk auf Kleinteiligkeit und Initiative zu legen: Wo sich etwas bewegt, dort kommt diese Bewegung nicht aus großen Programmen, es ist ein weitaus kleinerer Rahmen, in dem Aktivität stattfindet. Im klassischen Bild muss dieser kleine Rahmen immer verlassen, am liebsten gesprengt werden. Es muss wachsen, groß werden, Arbeitsplätze schaffen. Das ist notwendig, um die Erfolgsgeschichte für alle zu gewährleisten. Das waren wir so gewohnt. Das findet aber weniger und weniger statt. 

Das wäre nun gar nicht so tragisch, wenn wir sozial und wirtschaftspolitisch damit umgehen könnten. 

Damit landen wir wieder bei den Kleinunternehmen, die am Anfang der Überlegungen standen.Das sind diejenigen, die am längsten arbeiten können, auch wenn sich rundherum alles ändert, weil sie am wenigsten Ballast mitschleppen. Und diejenigen, die am schnellsten wieder arbeiten können, wenn man alles den Bach runtergegangen ist.  

Das Problem: Bislang wurden Klein- und Einzelunternehmer eher als unterste Entwicklungsstufe gesehen, als etwas, das vielleicht mal eine Unternehmen werden kann. Mit Netzwerk- und Kommunikationstechnologien können aber gerade einzelne viel schnell bewegen. Kleine und agile Organisationen können sich gut anpassen, Entwicklungen vorwegnehmen und schnell umdisponieren, wenn sie doch falsch liegen. 

Eigentlich sind sie das Modell der Zukunft – gerade dort, wo große Industrieproduktion nicht mehr stattfindet, weil sie zu teuer ist (wie in Europa) oder noch nie stattgefunden hat (wie in großen Teilen Afrikas) weil Transportwege und andere Infrastruktur nicht passen. 

So schreibt man vielleicht keine großen Wachstums- und Erfolgsgeschichten, man kann schwer, meinetwegen kaum Kontinuität über Generationen hinweg schaffen (wobei das auch andere Ursachen hat) – aber es ist schlicht auch angemessen.  

Die neue Kleinteiligkeit

Dafür gibt es aber noch wenig wirtschaftspolitisches Verständnis. Auch das hat sich vor allem in der Corona-Krise gezeigt, als es darauf angekommen wäre, gerade die Kleinen zu stärken und zu erhalten. Das war zwar erklärtes Ziel – die dafür getroffenen Maßnahmen gingen aber in mehreren Runden am Ziel vorbei. 

Viktor Mayer-Schönberger und Thomas Ramge beschreiben in ihrem Buch „Das Digital“ eine von Unternehmen als Organisationsinstrumente menschlicher Arbeit zu Märkten als Koordinationsort von Informationen reichende Entwicklung. Als im wesentlichen Informationsmärkte sind Märkte dabei datengetrieben. Als weitaus kleinere und schnelle Einheiten haben sie so das Potenzial, die besseren Angebote zu schaffen. 

Auch diese Perspektive verabschiedet sich vom Idealbild der großen Tanker und Flaggschiffunternehmen – und sogar von der Vorstellung, dass ein Markt, der immer größere immer erfolgreichere Unternehmen hervorbringt (oder zulässt), wenigstens für gute Kapitalgewinne sorgt, wenn schon Lohnquoten sinken. Mayer-Schönberger und Ramge zitieren Daten, denen zufolge auch Kapitalrenditen sinken – sie landen nur noch in Unternehmensgewinnen. In einer Alles-oder-nichts-Logik, die zum beherrschenden Modell von Erfolg, Aufmerksamkeit, Reichweite und anderen monetarisierbaren Elementen wird, fließen Gewinne zunehmend nicht in Forschung und Innovation, sondern darin, die Position abzusichern, indem Geschäftsmodelle exklusiver, ausschließender und kontrollierbarer gemacht werden. Das ist eine Entwicklung, gegen die auch das Marktmodell aus „Das Digital“ erstmal nur auf die Zukunft setzen kann. 

Wenn wir jetzt tatsächlich über neue Zeiten nachdenken wollen und uns dabei nicht bloß in Glitzervisionen einer vagen neuen Welt ergehen wollen, dann wäre es wohl ein wichtiger erster Schritt, offen für eine neue Kleinteiligkeit, ihre Netzwerke und ihre Effizienz zu sein. – Das ist es ja auch, was TheoretikerInnen eines neuen datengetriebenen Kapitalismus beschreiben. Und das ist eigentlich, was bislang als Heilsbringer für eine in Schwierigkeiten geratene Wirtschaft gesehen wurde. Die Schattenseite dabei war bis jetzt aber auch, dass Flexibilität, Dynamik und Kleinteiligkeit eben nicht zu soliden, kontinuierlich wachsenden und Verlässlichkeit bringenden großen Strukturen führen. Das galt bislang als Schwäche. Eine reale zukunftsgerichtete Wirtschaftspolitik dagegen würde das als Realität akzeptieren – und sich damit anfreunden. Auch wenn es zu Lasten der bislang gewohnten Erzählungen geht.