Cory Doctorow: Enshittification

Plattformen sind jetzt selbst der Gegner, den man vor 30 Jahren beseitigen wollte: der übermächtige Mittelsmann. Das ist eine der Folgen des Prozesses, den Doctorow als Enshittification bezeichnet: Produkte werden schlechter. Sie bringen weniger Nutzen, sind dafür aber teurer, der volle Funktionsumfang kann nur über kostenpflichtige Zusatzabos aktiviert werden, Reparaturen sind entweder gar nicht vorgesehen oder zwingen in neue Premium-Abos. 

Doctorow beschreibt Enshittification als dreistufigen Prozess. In einer ersten Phase bieten Services ihren User Nutzen. Dieser Nutzen wird meist mit Kapital von Investoren finanziert. Eine Idee erzeugt Überfluss – der kommt Usern zugute. Ein Beispiel dafür ist die frühe Phase von Facebook: Neue Verbindungen waren nützlich, wiedergefundene Freunde ein echter Mehrwert und Nachrichten oder Veranstaltungskalender haben Neues ins Leben gebracht. In einer zweiten Phase kommt der Mehrwert Businesskunden zugute. Der Überfluss besteht jetzt nicht mehr nur aus Investorenkapital, sondern auch aus Reichweite und Kontakten und wird an Businesskunden verteilt. Am Beispiel von Facebook betrachtet war das die Phase, in der Werbeanzeigen tatsächlich gut abgestimmt werden konnten, günstig waren und zu treffsicherer Reichweite geführt haben.

In der dritten Phase fließt der ganze Nutzen nur noch dem Unternehmen selbst zu. Nutzungsbedingungen für User und Businesskunden verschlechtern sich, Preise steigen, User sehen Werbung anstelle der Posts ihrer Freunde, Unternehmen müssen einander bei Anzeigenpreisen überbieten, Anzeigenformate unterliegen immer strengeren Auflagen, Anzeigen bringen immer weniger.

Das Werk funktioniert, weil es wenig Alternativen gibt und weil die Umstiegs- oder Ausstiegskosten sehr hoch sind. Social Networks, Amazon, Google, Uber sind die gängigsten Beispiele für Enshittification-Prozesse. 

Ein Verbündeter in der Argumentation ist Griechenlands Ex-Finanzminister Yannis Varoufakis mit seinem Konzept des Technofeudalismus. Technofeudalismus hat den Kapitalismus hinter sich gelassen. Kapitalisten, die Geld in die Hand nehmen, um Produktionsmittel zu kaufen und sich dann mit Produkten den Unbillen eines Marktes auszusetzen, sind arme Schlucker gegen Feudalherren, denen Grund und Boden gehört und denen egal sein kann, wer darauf welche Geschäfte macht, solange sie dadurch Renten beziehen. Digitaler Grund und Boden sind Plattformen, feudale Renten sind die Provision für Apple im App Store oder die immens hohen Royalties die Amazon von seinen Händlern bezieht. Die Profite jener, die auf Amazon oder im App Store gute Geschäfte machen, mögen hoch sein, aber sie sind prekär im Vergleich zu den bequemen und sicheren Einnahmen für Apple und Amazon.

Was machen wir mit diesen Diagnosen? 

Für Doctorow sind Wettbewerb, Regulierung und Arbeitnehmerechte die Gegenmittel, die solche Entwicklungen lange Zeit verhindert haben, jetzt aber selbst gründlichen Erosionsprozessen unterliegen.

Wettbewerb ist den Winner Takes it All-Prinzipien der Digitalwirtschaft zum Opfer gefallen. Die Plätze sind vergeben, Macht- und Größenunterschiede sind zu groß, potenzielle Konkurrenz wird aufgekauft und integriert oder abgedreht. Die Konsequenz ist ein Absturz bei Innovation und Servicequalität, der ungestraft bleibt, weil Alternativen selten und ein Umstieg für User teuer ist.

Regulierung hat das Problem, mit der technischen Entwicklung Schritt zu halten und sich durchsetzen zu müssen. Außerdem müssten Politik und Behörden relevante Probleme erst erkennen und sich nicht von Plattformen mit Klagen über Innovationshürden und Wachtstumsbremsen einwickeln lassen. Digitalkonzerne beschäftigen Heere von Anwälten und Lobbyisten, die Aufzeichnungen des EU Lobbyregisters allein sprechen dazu Bände.

Eine letzte Hürde im Trend zur Verschlechterung von Digitalprodukten könnten Mitarbeiter sein: Während Tech-Arbeiter bis vor kurzem eine umhegte, gesuchte seltene Spezies waren, haben hunderttausende Kündigungen im Tech-Sektor allein in den USA in den letzten drei Jahren das Blatt gewendet. Programmierer, die theoretisch ihre Enshittifcation-Mitarbeit hätten verweigern können (auch wenn das etwas weit hergeholte Held der Arbeit-Mythologie ist), müssen heute froh sein, einen Job zu behalten.

Computer wurden als die flexibelsten Geräte überhaupt erfunden, die jeden Code laufen lassen können. Der Turing Automat kann jede codierbare Aufgabe lösen, das war der Sinn der Erfindung. Alle Einschränkungen sind also keine technischen Notwendigkeiten, sondern durch schlechte Regulierung, die schlechte Gesetze ermöglicht abgedeckt.

Doctorow ist bekennender Linksaktivist und spricht sich jetzt trotzdem für Wettbewerb und für Regulierung aus. Wenn es an konkrete Lösungen geht, wird die Suppe aber trotz aller blumigen Sprache recht dünn. Doctorow beschäftigt sich auf zwei von über 300 Seiten mit DMA und DSA und kritistiert sie als zu wenig weitreichend. Wo er einen Punkt hat: Regulierungen müssen sich entscheiden, ob sie Plattformen schwächen, also ihnen Möglichkeiten wegnehmen, sie Kontrollen unterwerfen wollen, oder ob sie sie stärken wollen, in dem sie ihnen neue Pflichten auferlegen, die mit neuen Rechten und Möglichkeiten einhergehen. Passendes Beispiel dazu sind einmal mehr Lösungen zur Altersverifikation: Jede Lösung, die von Plattformen entwickelt werden soll, ist schlecht weil sie diesen mehr Möglichkeiten einräumt und letztlich mehr Daten zukommen lässt. Akzeptabel sind klare Vorgaben, an die sich Plattformen richten müssen – wie etwa die Akzeptanz eines über eIDs erzeugten Alterstokens.

Doctorow ist auch kein Freund von Moderationspflichten; Belästigung und Hate Speech sind seiner Ansicht nach zu aufwendig in der Beweisführung, um gute Kriterien zu sein. Stattdessen schlägt er ein Bündel anderer Maßnahmen vor, die Plattformen so weit schwächen sollen, dass sie weder too big to fail noch too big to care sein können.

Eine erste Maßnahme wäre ein right to exit: Plattformen sollen zu offenen Protokollen verpflichtet werden, die es Usern ermöglichen, mitsamt ihren Daten von einem Netzwerk in ein anderes zu wechseln. Wem es auf Twitter zu tief wird, der soll mitsamt seinen Posts nach Mastodon wechseln und sich dort mit schon übersiedelten Freunden problemlos neu vernetzen können. Das soll Plattformen Relevanz nehmen, ist in der Praxis aber ein schwacher Trost. Denn auf Mastodon ist man nach wie vor recht einsam.

Eine zweite Verpflichtung fasst Doctorow als end to end-Prinzip zusammen. Plattformen sollen insofern in ihrer Mediationsrolle geschwächt werden, als beispielsweise Spotify verpflichtet werden soll, akkurate Suchergebnisse zu liefern – nicht ähnlich klingende Treffer aus für Spotify profitableren lizenzfreien AI-Playlists. Amazon soll ebenfalls angehalten werden, Suchtreffer zu liefern statt Kaufempfehlungen für ähnliches aus Eigenproduktion oder verkauften Suchergebnissen. Klingt gut, hat allerdings ähnliche Schwächen wie sie Doctorow an Moderationspflichten kritisiert: Die Qualität von Suchergebnissen ist schwer nachzuweisen; aus der Frühzeit der Suchmaschinen wissen wir, wie leicht Beschreibungen und Metatexte falsche Priorisierungen erzeugen können. Außerdem bleibt die Frage offen, mit welchem Recht verkaufte Suchergebnisse unterbunden werden sollen.

Ein dritter Punkt ist eine Verpflichtung zur Interoperabilität, der über das right to exit hinausgeht und Datenaustausch auf allen Ebenen ermöglichen soll. Auch das Recht auf Reparatur und den Einbau von Ersatzteilen kann als Interoperabilität gesehen werden. Hier ist die (von Doctorow nicht erwähnte) EU-Gesetzgebung schon etwas weiter.

Der letzte Punkt schließlich besteht im Wiedererstarken von Gewerkschaften und in Anti-Kartellgesetzgebung. Mit stärkeren Arbeitnehmerrechten könnten sich Menschen in die Position bringen, selbst wieder mehr gegen schlechtere Produkte tun zu können, und besser exekutierte Auflagen für Mergers könnten das Entstehen digitaler Übermacht gleich an der Wurzel verhindern. Schließlich sei gerade auf diesen Gebieten die Gelegenheit günstig, die Karten neu zu mischen. Trumps Chaos-Politik habe in den USA so viel über den Haufen geworfen, dass die Karten neu gemischt werden könnten

Interoperabilität ist sicher eine der erstrebenswertesten Lösungen aus Doctorows Portfolio. Möglicherweise ist das sogar auch ein Punkt, in dem Europa den USA dann etwas voraus hat: Denn europäische eGovernment-Lösungen wie eIDs beispielsweise müssen in 28 Richtungen (zu allen 27 Mitgliedsstaaten und nach außen) interoperabel sein. 

Wie Berners-Lee wünscht sich auch Doctorow ein neues Internet, das mehr wie das gute alte Internet ist. Aber kann Nostalgie ein Wegweiser für die Zukunft sein? Wir sind schließlich in aller Freiheit und Mündigkeit und mit den besten Voraussetzungen des guten alten Internet in die Situation geraten, in der wir jetzt feststecken. Was soll uns davon abhalten, diesen Weg noch einmal so zu gehen? Eines von Doctorows häufigsten Beispielen ist der Kampf der Druckerhersteller gegen billige Druckerpatronen. Natürlich ist es absurd, dass hier IP-Gesetzgebung herangezogen werden kann, um billigere Tinte zu verhindern (Chips in Druckern prüfen, ob Originalzubehör verwendet wird – diese Chips zu deaktivieren verletzt Urheber- und Bearbeitungsrechte an der Software auf diesen Chips) – aber für wieviele smartphoneverwendende Internetuser ist es überhaupt noch im weiteren Bewusstseinshorizont, dass man so etwas wie einen Drucker besitzen könnte? Auch das Recht auf Reparatur ist sinnvoll, vernünftig und begrüßenswert, aber gegenüber der Freude am Konsum ein Nischenprogramm für Nerds.

Ich verstehe die Konzentration auf technische und rechtliche Aspekte, das ist actionable, das sind Forderungen, die sich an Politik und Gesellschaft richten können. Ich bin aber noch etwas ratlos bei der Suche nach dem ausschlaggebenden Moment, der aus passiven Netzwerk- und Plattform-Konsumenten aktive, mündige Selfhelp-Ingenieure machen wird.

Tim Berners-Lee: This is for Everyone

Der Text wird gleich zu Beginn recht deutlich: Tim Berners-Lee geht es um nichts weniger als um die Rückeroberung des Web. Nach 35 Jahren im Einsatz für die Verbreitung des Web steht jetzt der Kampf für seine Entgiftung im Vordergrund. Mit Social Networks und Data Brokern habe ein kleiner, aber lauter Teil des Web Oberhand gewonnen, der die schlechtesten Seiten nicht nur des Web, sondern auch der Menschen hervorkehre.

Instinktiv bin ich solchen Verfalls- und Untergangserzählungen gegenüber skeptisch, umso mehr, wenn sie von ehemaligen Ikonen stammen und darstellen, wie deren Erfindungen und Thesen anders gehandhabt werden müssten, um es besser zu machen. 

Bei Berners-Lee wird dieser Verdacht ebenfalls kurz laut. Allerdings zieht er durchaus auch die Konsequenzen aus seinen Klagen. 2024 stellte er die Web Foundation ein, die sich 35 Jahre für die globale Verbreitung des Web einsetzte. Er fordert kein Zurück, sondern ein Vorwärts, und arbeitet mit Social Linked Data (Solid) an einem neuen Protokoll, das Daten strukturiert und kompatibel machen soll und von jedermann genutzt werden kann wie einst html. Und er hat nach einer Karriere in der Welt von Universitäten, Think Tanks und NGOs ein erstes Unternehmen gegründet: Inrupt soll Anwendungen für das Solid-Protokoll schaffen und Usern PODs, Personal Online Data Stores anbieten. PODs sollen die Daten-Arsenale für nützliche AI werden, die dem User und nicht Unternehmen oder Vermarktern dient. Denn in PODs kann die persönliche Information gespeichert werden, anhand derer AI-Agenten die allgemeine Information aus dem Web mit persönlichen Daten der Anwender kombinieren können. Anwender behalten dabei Kontrolle darüber, welche Information sie in ihren POD laden und wer, welcher Agent darauf in welchem Umfang und für wie lange Zugriff bekommt. Das erfordert eine ganze Kaskade an Sicherheitskonzepten, einen anderen Zugang zu AI Infrastrukturen und User, die bereit sind, sich mit diesen Anforderungen auseinanderzusetzen. Berners-Lee ist zuversichtlich.

„This is for Everyone“ ist eine Mischung aus Autobiographie und Manifest für ein besseres Web. Berners-Lee erzählt von den Anfängen des Web im CERN; heute ist es wichtig zu betonen, dass sowohl das Web, also der Einsatz von Links und Browsern, als auch das CERN europäische Projekte sind. Auch die ersten Browser entstanden in Europa; in den USA gab es allerdings mit Al Gore früher einen Digitalstrategen in der hohen Politik und damit mehr entschlossene Finanzierung.

Beim Rückerinnern an die Meilensteine dieser Erzählung – die ersten öffentlich erreichbaren kommerziellen Webserver in den frühen 90ern, Justin Halls erstes Weblog 1994, Netscape und die Erfindung des Cookies 1993, die Gründung des Onlinevermarkters Doubleclick 1995, die erste Onlineausgabe der New York Times 1996, fällt auf: Davon las man in der Zeitung. Onlinetrends waren damals auf die Verbreitung in klassischen Medien angewiesen; Printmedien hatten eigene Web-Sonderteile, die bei Lesern und bei Anzeigenkunden sehr begehrt waren. Das änderte sich bald. 

Ein Detail, das recht deutlich zeigt, wie anders Berners-Lees Vision im Vergleich zum heutigen Web war, ist seine erste Konzeption des Browsers. Browser sollten keine reinen Navigations- und Lesetools sein, sie sollten auch das Erstellen und Bearbeiten von html ermöglichen. Das Lesen von Inhalten und das Erstellen und Publizieren eigener Inhalte sollten in einem Prozess verbunden sein, weit weg von der Passivität der aktuell meistgenutzten Onlineservices. Es dauerte ziemlich lang, bis sich die Wiederentdeckung dieser Eigenschaft von Browsern in Kollborationstools ein wenig niederschlug.

Auch die Startseite des Browsers sollte keine Nachrichten- oder Suchseite sein, sonder eine selbst kuratierte und mit eben diesen Funktionen bearbeitbare Linksammlung mit Notizen, auf der User die für sie persönlich wichtigsten Inhalte und Services sammeln und ordnen konnten. Nachdem sich diese Idee niucht durchgesetzt hatte, wurden Bookmark-Services erfunden (die auch schon wieder eingegangen sind und gerade neu erfunden werden).

Für Berners-Lee ist Wikipedia das beste Beispiel für den idealtypischen Einsatz der Web-Möglichkeiten (das ist möglicherweise eine etwas akademische und idealisierte Perspektive), X der schlechteste.

Er plädiert für Algorithmen-Verantwortung. Das ist ein unscharfer Begriff, den Berners-Lee (leider) bei Yuval Harari verortet. Ich denke, Algorithmen-Verantwortung ist vor allem gegenüber dem weiter verbreiteten Begriff der Algorithmen-Ethik recht leicht zu präzisieren: Ethik beschreibt Do‘s and Don‘ts mit recht vagen Zuständigkeiten und Konsequenzen. Algorithmen-Verantwortung dagegen sollte ganz klar das Gewicht auf Konsequenzen legen und festschreiben, welche negativen Konsequenzen wie zu beseitigen und zu kompensieren sind – so zäh die politische Diskussion auf dem Weg dorthin auch sein wird.

Polarisierung und negative Konsequenzen für die psychische Gesundheit des Web beschreibt Berners-Lee als Designfehler des Web. Diesen ist allerdings kaum mit einem besseren Design beizukommen, er spricht sich für Regulierung aus (auch wenn er ein grundsätzlicher Gegner von Vorschriften sei). Dabei scheut er nicht vor klaren Abgrenzungen zurück: Eine Grafik zu Gut und Böse in Webservices und Internetprotokollen zieht klare Grenzen. Auffällig an dieser Grafik ist allerdings: Die Services auf der Seite des Bösen sind die erfolgreichen Apps, die User in ihren Bann ziehen (Instagram, Facebook, TikTok & Co), die Guten sind die mäßig erfolgreichen Achtungserfolge, die man mal ausprobiert, aber schnell wieder vernachlässigt hat (Berners-Lees liebstes Netzwerk ist Mastodon). So wirken auch seine Hoffnungen, Frank McCourt würde mit seiner Project Liberty-Stiftung TikTok kaufen und in etwas nützliches verwandeln, sehr akademisch. Ebenso die Idee, verantwortungsvolle Eltern könnten ihren Kindern die Nutzung der guten Netzwerke nahelegen, statt sie den Süchtigmachern auszusetzen.

Berners-Lee glaubt trotz allem an das Gute im Web. Die Wende von einem schädlichen, Aufmerksamkeit und andere geistige Kapazitäten vernichtenden Web, zu einem nützlichen Tool wird sich allerdings nicht von selbst und nicht bei so hoher User-Passivität wie bisher vollziehen. 

Die Notwendigkeit, aktiv zu sein und sich mit technischen Grundlagen auseinanderzusetzen, waren aber bis jetzt die größten Hürden auf dem Weg zu solchen Entwicklungen. Ob Internetuser Datenausbeuter mittlerweile ausreichend satt haben? Oder ob Entwicklungen gelingen, die nicht mit Gut und Böse argumentieren müssen, sondern einfach besser und nützlicher sind?

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Zwei Randnotizen: 

Berners-Lees Erfolg zeigt, dass nicht die technische Fancyness oder radikale Neuheit von Innovationen am relevantesten für ihren Erfolg sind, sondern die Eigenschaft, Bestehendes besser zu verknüpfen – und die Hartnäckigkeit des Innovators, anschlussfähige Visionen zu predigen und die Arbeit in die technischen Details zu investieren. Das bieten akademische Umfelder, die nicht so leichtfertig gegenüber einem Startup-Ambiente abgewertet werden sollten. Berners-Lee betont die akademischen Qualifikationen seines Umfelds so oft (fraglich, ob gezielt), dass man sich dabei auch als doppelter Akademiker, der nicht an einer Elite-Uni war, geradezu ausgeschlossen fühlt.

Zweiter Punkt: Aktuelle Digitalkritiker erwähnen derzeit oft den Begriff der Aufmerksamkeitsökonomie. Manche tun, als hätten sie ihn erfunden, Berners-Lee schreibt ihn Doc Searls, einem der Co-Autoren des Cluetrain-Manifesto zu. Die Theorie der Aufmerksamkeitsökonomie (mit ihrem Rahmenkonzept des Mentalen Kapitalismus) stammt von Georg Franck. Das sollte nicht in Vergessenheit geraten.

Jimmy Wales: Trust

Die Gründerväter des Internet überbieten einander zur Zeit in digitalkritischen Analysen. Jetzt stimmt auch Wikipedia-Gründer Jimmy Wales ein und erklärt die Regeln des Vertrauens. Wales, traditionell einer der Guten, ist in den grundlegend digitalkritischen Perspektiven, etwa bei David Golumbia auch unter Verdacht geraten. Der radikaldemokratische Zugang von Wikipedia, Wissen nicht nur allen anbzubieten, sondern auch von allen bearbeiten zu lassen, trage auch zur Erosion von Wissen, gemeinsamen Grundlagen und damit letztlich funktionierende (politischer) Demokratie bei. Müssen alle immer überall gleichwertig mitreden? Soll jede Diskussion bei Null beginnen und alle Grundlagenerklärungen einschließen, damit auch alle alles verstehen? Kann man nicht manches auch einfach mal anhand von Tatsachen, Zielen und Werten entscheiden?

Wales listet einige vertrauenerweckende Grundsätze auf, dabei ist wenig Überraschendes. Natürlich sind Ehrlichkeit, Transparenz, persönliches Commitment und dergleichen förderlich. Aber was helfen Appelle? Und lässt sich diese offenheitsfundamentalistische Haltung auch außerhalb streng reglementierter Nerdwelten durchhalten?

Meine Bedenken dabei: Es waren schließlich jene Regeln und Einstellungen, die ja allesamt nicht neu sind, die uns auch dorthin gebracht haben, wo wir gerade sind: In ein manipulatives, wenig zuverlässiges und von Aufregung getriebenes Internet. Innerhalb von Wikipedia mögen Wales‘ Grundsätze funktionieren (wenn man die notwendige Leidenschaft für Edit-Wars mitbringt), das bewahrt aber nicht davor, auch Wikipedia-Inhalte zweckentfremdet und entstellt für Desinformation einzusetzen.

Eher alarmierend ist es auch, wenn Wales KI-gestützte Analysetools als Streitschlichter oder Qualitätsprüfer empfiehlt. In der Theorie ist das eine gute Idee, Umsetzungen waren bislang eher ernüchternd. Diesen KI-Optimismus teilt Walees auch mit anderen Digitalikonen der 90er. Golumbia kritisiert das als Cyberlibertarismus, für Morozov ist das Cyberuptopianismus und Solutionismus.

Letztlich bleibt „Trust“ ein Feeldgoodbuch, dessen Schwäche darin besteht, dass alles beschriebene richtig ist, allerdings nicht neu – und wir die zu lösenden Probleme trotzdem haben. Also lässt sich ihre Lösung nicht in den analysierten Grundsätzen vermuten. 

Wales ist auch gar nicht an Problemen oder Lösungen interessiert, sondern daran, an den erkannten Problemen vorbei Erfolg zu haben. Insofern hat Golumbia mit seiner sehr kritischen Perspektive auf die Ikonen des Web nicht unrecht.

Karl Schlögel: Auf der Sandbank der Zeit

Wäre man in den letzten Jahren jemals auf den Gedanken gekommen: „Russische Diktatur ist vielleicht mies, aber ist es wirklich wert, dagegen Kroeg zu führen?“, dann löst sich diese Überlegung mit Karl Schlögel in Luft auf. 

Die Alltagserzählungen von Maria Aljochina oder Soldatov und Borogan beschreiben die Wohldosiertheit des Terrors und wie sich viele, teils für sie selbst unbemerkt, damit arrangieren. Schlögel dem früher Russlandfreundlichkeit unterstellt wurde, beschreibt die Verzweiflung des Historikers gegenüber der Unverständlichkeit der Geschichte, gegenüber der Verwandlung einer geschätzten Kultur in ein mörderisches Kriegsregime und gegenüber blinden Flecken, die die eigene Expertise beeinflussen.

Schlögel beschreibt sich selbst als fasziniert von Russland, als jemand, der Russlandversteher verstehen kann und dennoch keinen Zweifel an Putins Zielen und den Fakten des Krieges aufkommen lässt. Putin hat über zwanzig Jahre hinweg verschiedene Anknüpfungspunkte für antiwestliche Identifikationsmechanismen getestet und perfektioniert – von smarten Rationalisten bis zum draufhauenden Judo-Schwarzgurt, vom friedliebenden wahren Christen zum Oberkörperfreikultur-Macho, vom Diplomaten zum Mörder. 

Aus journalistischer Perspektive bemerkenswertes Detail: Schlögel bezeichnet Kreml-Sprecher Peskow auffällig oft und deutlich als Lügner. Ein Privileg des wissenschaftlichen Kommentators, das Politik und Medien nicht in  Anspruch nehmen können.

Curtis Yarvin: Gray Mirror. Disturbances

Curtis Yarvin Gray Mirror Disturbances

Das spannendste an Yarvins Überlegungen sind nicht die Inhalte, sondern die Frage, wie diese raumgreifenden Mäandern so viel Popularität gewinnen konnten. Angeblich ist Curtis Yarvin einer der einflussreichsten Impulsgeber des Project 2025 hinter dem Trump Regime. Er dementiert nähere Kontakte zu Steve Bannon und anderen Ideologen, aber das wirkt ein wenig kokett. 

Yarvin ist eine Art Yuval Harari für altkluge ewige Gymnasiasten, die gern ein wenig radikaler wären. Er diskutiert ziemlich unoriginell Fragen, auf die es schon sehr viele, sehr diverse Antworten gibt, als wäre er der erste, der je diese Fragen gestellt hätte. Manchmal fehlt ihm auch nur überaus offensichtlich jegliche Sachkenntnis der besprochenen Domäne. 

Können wir denn aus der Geschichte lernen, fragt er beispielsweise mit großer Geste, wo wir doch – und das wäre seine Erkenntnis – die Geschichte gar nicht kennen, sondern nur Erzählungen über die Geschichte. Deshalb hat sich Geschichtsforschung ja auch als Wissenschaft etabliert, möchte man ihm zuflüstern. Methoden, Forschungsansätze und Interpretationsrahmen haben tatsächlich großen Einfluss darauf, wie wir geschichtliche Ereignisse warhnehmen und einordnen. Später führt er tatsächlich Leopold Ranke als nachahmenswertes Beispiel an. Rankes Vision, Geschichte zu erzählen „so wie es eigentlich gewesen ist“, ist seit 150 Jahren eine der unerreichbaren, unpraktischen, womöglich naiven und letztlich unangemessenen Utopien der Disziplin. Denn wir nehmen Geschichte so wahr, wie wir sie heute sehen.

Journalismus sei notwendig abhängig von Informationsgebern, schreibt Yarvin an anderer Stelle, und könne deshalb prinzipiell nicht kritisch sein. Diese Vermutung führt er ausgerechnet am Beispiel des Wissenschaftsjournalismus aus: Journalisten müssten es Wissenschaftlern recht machen, weil diese mit ihren Erkenntnissen sonst eben Konkurrenzmedien beliefern würden. Ausgerechnet Wissenschaftler, für die Öffentlichkeit im Kampf um Fördermittel und Subventionen überaus relevante Währung ist, und die praktisch immer am kürzeren Hebel sitzen, können in Yarvins Vorstellung Journalisten erpressen – die sich überdies in der Praxis gar nicht so sehr für Wissenschaft interessieren. 

In Yarvins Welt ist das nur ein Teil der staatlichen Kontrollkette, denn Journalismus und Wissenschaft sind Teil des Deep State. Journalismus wird von Wissenschaft gesteuert und Wissenschaft gehorcht den politischen Eliten. 

Und weil dieses System zu eng verzahnt ist, bringen Wahlen auch wenig – den der Präsident allein hätte zu wenig Macht, das Regime zu ändern. 

Es fällt auf: Gerade in den USA, über die Yarvin schreibt, hat der Präsident viel Macht. 

Viele der Konfliksituationen, die Yarvin darstellen möchte, sind ähnlich konstruiert. So beschreibt er etwa Auseinandersetzungen um gleichgeschlechtliche Ehe als Sache von Sieg und Niederlage – aber wer verliert, wenn Homoehen nicht mehr kriminell sind? Er setzt Kim Il Sungs nordkoreantische Heldenmythen mit Martin Luther Kings Visionen einer gerechteren Welt gleich – beides seien manipulative Lügner, die mit Szenarien jenseits der Realität arbeiteten. Dass er eine sie als reale Charakterisierung seiner Person einsetzte, der andere als gemeinsam zu erreichendes Ziel, bleibt unerwähnt.

Und wie solle man schon messen, ob Bürgerrechte und ähnliche demokratische Anliegen, das Leben der  Menschen wirklich verbessern? Sei es denn besser, weil sie – wie trivial – mehr Dinge besitzen? Geht es also nur um Konsum und Macht? 

Demokratie, meint Yarvin schließlich auch, sei mit den Wählern, „die wir haben“, nicht stark und weise genug. Man müsse sich nur im realen Leben umsehen, jede erfolgreiche Organisation sei eine Monarchie. Weder Apple noch Google noch China sind vererbte Herrschaften. Wirtschaftliche Organisationen verfolgen andere – oft deutlich unkomplexere – Ziele als Staaten und Gesellschaften und leben deshalb mit deutlich einfacheren Entscheidungswegen deutlich besser.

Ganz zeitgemäß bricht Yarvin auch eine Lanze für den effektiven Altruismus. Hinter der selbstlos klingenden Idee, andere für wichtiger zu nehmen als sich selbst, verbergen sich auch Auswüchse wie das Argument, Menschen, die jetzt leben (und Ressourcen verbrauchen, nichts zur Zukunft beitragen oder einfach arm sind) müssten zukünftigen Generationen (die viel mehr sein werden und dank besserer Technologien ein besseres, ressourcenschonendes und unserem Leben überlegenes Leben führen würden) Platz machen. Das sind Theorien von unwertem Leben und Euthanasie.

Yarvin charakterisiert salopp jede Äußerung, die Welt zu verbessern oder Einfluss haben zu wollen, als effektiven Altruismus und schlägt von dort einen Haken zu der Behauptung, es sei der Gipfel der Selbstlosigkeit, also des effektiven Altruismus, nach möglichst viel Macht zu streben. 

In vielen von Yarvins Argumenten werden Nuancen zu Schwarzweiß-Kontrasten reduziert und dann mit verschwörerisch-aufklärerischen Pseudonuancen wieder verkompliziert. Auch im Zweiten Weltkrieg seien Gut und Böse, Kriegsverbrechen und Befreiungskämpfe nicht immer klar getrennt gewesen – erzähl mir was neues.

Yarvins diskursive Kontrastmittel erinnern an den Absolutismus der Blockchain-Szene: Natürlich basiert Bitcoin auf einem soliden Konzept, dass die Finanzwirtschaft verändert kann – aber das gilt nicht für jede beliebige Kryptowährung und ist trotz allem noch ein recht isolierter erfolgreicher Anwendungsfall  von Blockchaintechnologie. Nicht alles, was Bitcoin nachahmt, kann weltverändernde Erfolgsperspektiven für sich beanspruchen, egal wie oft man das behauptet. 

Und tatsächlich, dann schreibt Yarvin: Nur Gott und die Blockchain stünden über dem Gesetz.

Wozu all das? 

Dank seiner Analysen könne man erkennen, hält Yarvin als Essenz fest, dass die Ränder der Gesellschaft gar nicht so viel kleiner seien als der Mainstream. Sagt ausgerechnet jemand, dessen Theorie und Erfolg darauf aufbauen, dass es einen zähen soliden und übermächtigen Mainstream zu bekämpfen gelte – das ist ein radikal beschleunigtes Unsinnskarussell, das vom Schwindelgefühl seines Publikums angetrieben wird. 

Yarvin zu lesen, ist wie die Unterhaltung mit gebildeten, eloquenten, aber völlig lebensunerfahrenen JungpolitikerInnen aus gutem Haus: kurz unterhaltsam, in seiner autodidaktischen  Naivität ermüdend, in seiner Unbeirrbarkeit verstörend. 

Und manchmal denkt man sich: Vielleicht ist auch die politisch interessierte US-Öffentlichkeit in dem reduzierten Zwei-Parteien-System zu weit weg von tatsächlich bewegtem politischem Geschehen, um soziale Entwicklung und Gefahr einigermaßen einschätzen zu können. Intellektuell verkleidete konservative Anti-Aufklärer sind die eine Seite, ich bin aber auch nach wie vor schwer beeindruckt von jener Frau, die mir vor zehn Jahren in einer Buchhandlung am Sunset Boulevard in L.A. Bob Avakians Bibel des Revolutionary Communism  in die Hand drückte – mit dem Hinweis, niemand habe so viel für das Wohl und die Entwicklung der Menschheit getan wie Mao.

Andrei Soldatov, Irina Borogan: Our Dear Friends in Moscow

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Möglicherweise laufen zur Zeit mehr maskierte und bewaffnete Regierungsschlägertrupps durch die USA als durch Moskau. Repression in Russland hat sich mehr oder weniger subtil über die vergangenen 20 Jahre entwickelt. Andrei Soldatov und Irina Borogan, mittlerweile im Exil in London, rekonstruieren die Entwicklung ihrer privaten Moskauer Medienbubble der vergangenen 25 Jahre. Sie selbst hat der Weg ins Exil geführt, andere in die Zentren der russischen Propaganda und manche gar in Regierungsämter.

Mit Putin, beschreiben Soldatov und Borogan, begann in den frühen 2000ern eine Phase der schleichenden Desinformation, die von vielen Seiten getragen wurde und breites Echo fand. Unsicherheiten und nationale Kränkungen der chaotischen 90er Jahre, in denen nach dem Zusammenbruch der  Sowjetunion vieles infrage stand, waren guter Boden für Helden- und Abgrenzungsstorys. Sibirisch-Heidnisch, streng orthodox, nationalistisch, Nachfolger der Großen Vaterländischen Krieger – diverse Subkulturen boten Abgrenzungspotenzial gegenüber dem Westen. 

Mit der beginnenden Phase des Turbokapitalismus, in der scheinbar leicht Geld zu machen war, man musste nur entschlossen darauf zu gehen, geriet politisches Engagement und soziales Bewusstsein in Verruf. Warum Zeit mit Protest, Demonstrationen oder Opposition verschwenden? Das war etwas für die Ewiggestrigen von vor 10 Jahren, die gegen Kommunisten demonstrierten, aber nichts für erfolgreiche moderne Menschen, die Demonstranten als Rotbraune auslachten – Kommunist oder Faschist, ist doch egal. 

Später waren Kriege in Tschetschenien und Georgien willkommene Machtdemonstrationen, mit denen Russland zumindest Teile der Welt wieder das fürchten lehren konnte. Moderne Russen verachteten Protest und Kritik, strebten nach Erfolg, nahmen Politik und Putin nicht ernst und machten trotzdem mit – weil es leicht war und weil es erfolg verhieß. Manche waren mit Überzeugung dabei, andere aus Berechnung, es gibt viele Gründe, auf der Siegerseite zu stehen.

Kirchen, Stärke, Traditionen, Erfolg – das Putin-Regime konnte aus einem ganzen Arsenal an Identifikations- und Abgrenzungstools schöpfen. Konservativ-nationale Radikalisierung bietet viele Anknüpfungspunkte, grenzt nur wenige aus und etabliert dennoch strenge Regeln und wirkt sich einengend und verdummend aus. Umso wichtiger eine funktionierende Medienlandschaft, die Propagandastorys weiterträgt. 

Seit 2013 mischte sich das Motiv der ukrainischen Nazis in die russische antiwestliche Propaganda. Grundlage der Erzählung ist: Nur Russland hat im zweiten Weltkrieg gegen Deutschland gekämpft, Europa war schon besiegt, möglicherweise heimlich ohnehin nazifiziert. Nur Stalin (der vorher seinen Pakt mit Hitler hatte, von dem man nicht mehr spricht) konnte Hitler besiegen. Westliche Strömungen in der Ukraine wie die Maidan-Proteste waren daher zwangsläufig von Nazis unterstützt. 

Trotz aller Repression war auch in den vergangenen 25 Jahren in Russland noch viel Leben möglich. Journalisten diskutierten in Cafés, gründeten (Online)Medien, fanden Geldgeber, publizierten Kritik. Manchmal verschwanden Geldgeber wie Michail Chodorkowsky in Straflagern, Journalisten wie Anna Politkovskaya oder Boris Nemzov wurden erschossen. Alexej Nawalny wurde berühmt, verschwand und starb. Pussy Riot kommen im Text nicht vor. 

Soldatovs Vater, als Telekom-Manager einer der Gründer des russischen Internet, hatte lange Zeit noch Jobs im Regierungsumfeld, fiel dann aber doch in Ungnade und wurde – als kranker 72-Jähriger – zu zwei Jahren Arbeitslager verurteilt. In Moskau sorgten sich Soldatov und Borogan um kremlnahe Nachbarn im eigenen Haus – eine ehemalige Mitarbeiterin des Kulturministeriums, einen Priester (die Kirche war die letzten Jahrzehnte sehr putinfreundlich). Im Londoner Exil fallen junge Tschetschenen auf, die nicht zufällig ihre Abende in den gleichen Lokalen verbringen und die gleichen Wege haben. Russische Konten werden gesperrt oder sind plötzlich mit 100.000 Dollar im Minus, Dissidenten werden als Betrüger zur Fahndung ausgeschrieben und müssen sich bei britischer Polizei und Interpol versichern, ob sie noch reisen dürfen.

Und die ehemaligen Bekannten, die jetzt auf der Seite des Regimes stehen, sind teils auf dem Abstellgleis, teils flammende Propagandisten, teils nah am Kreml, teils unter mysteriösen Umständen verstorben. 

Soldatov und Borogan erzählen von Freundschaften und Gesprächen und dem Auseinanderdriften von Menschen , der Unterordnung unter ein totalitätes Regime – wofür eigentlich? Innere Konflikte, berufliche Sorgen, Existenzängste sind wohl weitaus häufiger Beweggründe als politische Überzeugung. 

Wenn Menschen heute rechte und autoritäre Tendenzen in Österreich und Europa mit Deutschland in den 1930er Jahren vergleichen, ist das Unsinn. es ist vielmehr Russland in den 2010er Jahren. Und das ist auch erschreckend. 

Die Krise des Erklärens

In der Halbleiterproduktion werden Kristallstrukturen mit Bor-, Phosphor- oder Antimon-Atomen angereichert, um die Zahl der beweglicheren Valenzelektronen und damit die Leitfähigkeit beeinflussen. Dieser Vorgang wird als Dotieren bezeichnet. 

Neurale Netze sind Algorithmen und Datenstrukturen im Machine Learning, in denen Ergebnisse aus späteren Schritten in frühere Schritte zurückgespielt werden, um so Lernen und Entwicklung zu ermöglichen. Dieser Vorgang heißt Backpropagation.

Und, wissen Sie jetzt mehr als vorher?

Eine Antwort auf diese Frage hängt vor allem davon ab, was wir unter Erklären verstehen.

Wer Wert darauf legt, die Bedeutung von Begriffen zu verstehen, der weiß jetzt mehr. Aber wie kommen Atome wirklich in fremde Kristalle? Braucht es dazu Bohrlöcher? Funktioniert es wie Butterbrotschmieren? Warum bleiben Atome in fremden Elementen? Und was braucht man, um so einen Vorgang in Gang zu setzen?

Das sind andere Erwartungen, die an auf den ersten Blick eindeutige Begriffe gestellt werden können. 

Erklärungen sind etwas anderes als Definitionen, Demonstrationen, oder, in Geisteswissenschaften besonders beliebt, der Verweis auf bekannte Zitate. Auch Beispiele, Analogien und Modelle haben oft nur bedingten Erklärwert. Sie vereinfachen die Darstellung komplizierter Prozesse, aber wissen wir nach der Beschäftigung mit einem Modell oder einer Analogie nachher mehr als vorher? 

Sinnvolle Modelle erfüllen diesen Zweck. 

Erklärungen ermöglichen es, Prognosen abzugehen, Abläufe zu reproduzieren und Argumente und Gründe zu liefern. Erklärungen ermöglichen Entscheidungen und Handlungen. Sie gehen über das Lernen neuer Bezeichnungen hinaus. Erklärungen gestalten und schaffen Potenzial. Wer etwas erklärt bekommen hat, kann nachher mehr als vorher. 

Das ist nicht bei allem, das Erklären genannt wird, der Fall. 

Viele Erklärungen sind Machtansprüche. „Ich erklär dir was“ bedeutet in erster Linie, dass der Erklärende eine Position über seinem Gegenüber beansprucht. Er weiß oder kann mehr als der andere und wird diesen anleiten und kontrollieren. Umgekehrt funktioniert das im übrigen auch: „Erklär mir das“ kann ein passiv-aggressives Zur-Verantwortung-Rufen sein.

Erklärungen bedeuten Macht und Verantwortung. Das zeigt sich auch darin, dass das Fehlen von Erklärungen Trost bedeuten kann. Wer erklären kann, trägt die volle Verantwortung, wer sich etwas nicht erklären kann, will meist dafür auch nicht verantwortlich sein. Das kann tröstlich sein. 

Erklärungen funktionieren manchmal auch auf sehr persönliche Art und Weise: Sie können – wie Eselsbrücken – Beziehungen herstellen, Handlungen in Verbindung mit Konsequenzen bringen und damit im kleinen Kreis Transparenz und Kontrollierbarkeit schaffen. Diese Art von Erklärungen schafft Ordnung. 

All diesen Arten von Erklärungen ist gemein: Sie haben recht wenig Beziehung zu Ideen, die man als Wahrheit begreifen könnte. Es stellt sich gar nicht die Frage, ob sie wahr sind oder nicht, sie erfüllen bestimmte Funktionen. Oft reicht auch die Betonung des Worts „erklären“. Wenn etwas erklärt wurde, ist die Sache geregelt. Wer noch immer nicht verstanden hat, hat ein Problem. Das lässt außer Acht, ob die Erklärung auch als solche akzeptiert wurde. Erklären ist hier wieder eine Machtfrage.

Königsdisziplin dieser Spielart von Erklärungen sind performative Erklärungen. Den Sieger eines Boxkampfs gibt es erst dann, wenn der Ringrichter dessen Hand hochhebt und ihn damit zum Sieger erklärt. Kriegserklärungen sind performative Akte, Regierungserklärungen sind performative Akte, die an Traditionen und Rituale appellieren. In diesen Fällen sind Macht oder Amt des Erklärenden die wesentlichen Entscheidungsfaktoren. 

Wer weder über Macht noch Amt verfügt, ist darauf angewiesen, wie seine Erklärungen ankommen. Erklärungen müssen überzeugen und werden damit zu Bekehrungen. 

Sind Erklärungen Glaubenssache? 

Natürlich kennen wir das Ideal der rationalen, zwingenden und eindeutigen Erklärung, die keine Alternativen lässt, als sie zu akzeptieren. Aber welche und wie viele solcher Erklärungen kennen Sie? Welche Arten von Erklärungen verpacken alle relevanten Grundlagen und Argumente und sind nicht auf andere Grundlagen, auf die Akzeptanz anderer Erklärungen angewiesen? Welche Erklärungen kommen ohne Werte aus? Welche ohne Zielsetzungen, die anzustreben man voraussetzt?

Erklärungen ermöglichen Handlungen oder Prognosen, darauf haben wir uns eingangs geeinigt. Damit sind sie nützlich, sie erfüllen einen Zweck. Und diese Annahme ermöglicht es, über den Umweg des Funktionierens über richtig und falsch zu entscheiden. Richtig ist, was nützlich ist und funktioniert. Anderes ist falsch. 

Aber ist das schon alles, was wir über die Merkmale gelingender Erklärungen feststellen können? 

Es ist jedenfalls nicht wenig. 

Wittgensteinianer fangen in diesen Momenten an, von Angeln zu reden. Angeln sind die Grundlagen, Zielsetzungen oder vorweggenommenen Argumente, die Erklärungen möglich machen. Angeln können nicht weiter infrage gestellt werden, wenn das auf ihnen Aufbauende funktionieren soll. Aber sie können ausgetauscht werden.

Rationale Skeptiker können gut damit leben, dass es für die relevantesten Grundlagen keine zufriedenstellende letztgültige Erklärung gibt. Denn würde man diese suchen – man müsste die Tür zur Rumpelkammer öffnen. Und auch dort würde man nicht fündig werden. 

Das ist nicht die Krise des Erklärens. Der Begriff des Erklärens ist heute oft überstrapaziert. Viele Erklärungen sind bloß Performances, die nichts anderes vermitteln, als dass der Erklärende die Position des Wissenden beansprucht. Die eigentliche und kritische Krise des Erklärens herrscht dort, wo Überzeugen, Verordnen oder Performen mit rationalem Begründen verwechselt werden. Damit können rationale Skeptiker nicht gut umgehen. Und das sollten sie sich beibehalten.

Hans Küng: Der Islam

Es ist befremdlich, das Buch eines Theologen zu lesen. Ich denke, ich habe das tatsächlich noch nie gemacht. Ich hatte eine Kinderbibel, das war eines meiner liebsten Horrorstorys-Bücher im Volkschulalter, aber abgesehen von ein wenig Buddhismus- und Atheismus-Lektüre habe ich mich noch nie mit Theologischem beschäftigt

Nächsten Monat bin ich in Saudi-Arabien und wollte Küngs Islam-Buch eigentlich dort lesen. Weil man aber mit dem Visaantrag eine Preisliste verbotener Aktivitäten ausgehändigt bekommt, zur Kenntnis nimmt, dass hier die Todesstrafe angewendet wird und darauf aufmerksam gemacht wird, dass man weder Drogen noch Pornografie noch Schriften, die zur Kritik am Islam anregen könnten, einführen möge, habe ich das Buch lieber vorher gelesen. 

Küng betrachtet den Islam als Hoffnungsträger, als eine Religion, die sich gegen den konfrontativen Kurs der USA stellen könnte. Das Buch ist knapp 20 Jahre alt, der zweite Irak-Krieg war damals noch frisch und Samuel Huntingtons „Clash of Civilizations“ war noch keine zehn Jahre alt. 

Das ist eine historische Fehleinschätzung, die fünf Jahre nach 9/11 vermutlich nicht mehr von allen geteilt wurde, aber verständlich sein mag. 

Küng stellt die Geschichte des Islam dar, erklärt die Entwicklung unterschiedlicher Paradigmen im Lauf der Jahrhunderte, erklärt verschiedene Kalifen-Dynastien und bemerkt durchaus, dass islamische Lehren arabische Philosophie im Keim erstickten. Im Hochmittelalter war arabische Philosophie der europäischen meilenweit voraus; griechische Philosophie wurde zwischen 10. und 12. Jahrhundert auf dem Umweg über Arabien zurückimportiert. In einer kurzen Phase von Debatten zwischen Philosophen und Theologen siegten allerdings Theologen – die auf der Seite der Macht standen. 

Küng schreibt gegen die Vorstellung des Islam als Bedrohung, räumt aber zugleich ein, dass sich Islam und Säkularismus deutlich weniger gut vertragen als Demokratie und andere Religionen. 

Auch das kann eine Meinung sein. Gipfel des Ungewohnten für kritisch lesende Philosophen oder Historiker ist aber die Idee, tatsächlich am Text zu kleben. Nicht nur das, sondern auch die Idee, die jahrhundertealte Vorschrift, am Text kleben zu müssen, beim Wort zu nehmen. Es zähle nur der Koran – keine Interpretation, keine Modernisierung, keine entwickelte Exegese. Und das bei einem Text, der in allen Übersetzungen in nahezu jeder Zeile ergänzender Haupt- oder Zeitwörter bedarf, um überhaupt etwas auszusagen. Aus der Idee, es gebe nur einen Gott, einen Propheten und ein Buch Gottes leitet sich der scharfe Gegensatz zum Christentum ab, das zwar den gleichen Gott kennt, aber möglicherweise zwei weitere, die aber vielleicht auch nur einer sind. Die christliche Verrenkung der monotheistischen Dreifaltigkeit ist eine der schwächsten erzählerischen Leistungen unserer Kultur: Wenn der Allmächtige allmächtig ist, dann kann er mit in Menschen, Tauben, Gießkannen und anderen Vögeln begegnen. Auf dem Unterschied zwischen einem, dreien, drei in einem oder einem Mehrgestaltigen bauen Jahrhunderte an Kreuzzügen und anderen heiligen Kriegen. 

Jeder in Fragmenten erhaltene Philosoph wird heute im Sinne der wohlwollenden Interpretation wie ein vernünftiger Mensch gelesen, der nicht klüger aber auch nicht dümmer war, als ein Mensch unserer Zeit. Religion und Theologie dagegen hoffen auf eine Magie der Schrift, die auch die absurdesten Storys in Logik verwandeln soll.

Religionen sind eine tolle Kulturleistung. Aber Religion und Theologie sollten nicht mehr Einfluss auf unser Leben haben als Felsmalerei und vorsokratische Philosophie. 

Ein Gipfel verqueren theologischen Denkens sind Küngs Überlegungen zur Kopftuchdebatte. Die Perspektive der Unterdrückung der Frau kennt Küng als Theologe nicht, für ihn sind Vorbehalte gegenüber dem Hijab Ressentiments gegenüber dem Fremden und Angst vor Überfremdung und Zurückdrängung christlicher Kultur durch islamischen Einfluss. Aber wer, fragt Küng, könne sich denn ernsthaft durch Kopftuch tragende Volksschulmädchen bedroht fühlen? …