“Awesome” ist das neue “ähhh”

Ich besitze ja keinen Fön. Also war ich vergangene beim Pioneers Festival in der Hofburg … Nein, ich mag und schätze das Pioneers Festival. Aber was ich mir nicht verkneifen kann: „Amazing“ und „Awesome“ sind das neue „ähhh“ ...
Ich besitze ja keinen Fön. Also war ich vergangene Woche beim Pioneers Festival in der Hofburg …
Pioneers Festival, das bedeutet: Informatik- und WU-Studenten bügeln ihre Hemden, Banker und Investoren legen ihre Krawatten ab und man trifft sich irgendwo in der Mitte.
Aber Spaß beiseite. Pioneers ist mittlerweile eine ziemlich staatstragende Organisation. Zum Festival gesellen sich mittlerweile mit Pioneers Discover eine eigene Intelligence Unit, mit Global Pioneers eine Reihe weltweiter Veranstaltungen, und ganz neu mit Pioneers Ventures ein Early Stage Investor. Mit an Bord sind Partner wie Speed Invest oder Austria Wirtschaftsservice.
Das Pioneers Festival glitzert und glänzt und unter der Oberfläche läuft hartes Business, das weltweit Beachtung findet: Pioneers-Start-Ups und Unternehmen aus dem Speed Invest-Portfolio haben mittlerweile Investments von mehr als 200 Millionen Euro an Land gezogen. In den letzten eineinhalb Jahren haben sich über 4000 Start-Ups um Pioneers-Programme beworben, auf der anderen Seite arbeiten über 200 Unternehmen regelmäßig mit dem Pioneers Netzwerk zusammen.
Pioneers Global veranstaltet mittlerweile 35 Events jährlich in 25 Städten weltweit und vernetzt dabei 5000 Leute.
Pioneers Discover sammelt und analysiert Daten aus den über 4000 Start-Ups, die sich mittlerweile um Pioneers-Programme bemüht haben. Damit vermittelt die Organisation zwischen Unternehmen und Gründern, hilft Unternehmen, Businessmodelle und Chance besser zu verstehen und liefert Berichte über die aktuelle Dynamik in der Branche. Für Start-Ups bieten sich neue Kontakte, Partnerschaften und der Überblick über die eigene Branche.
Ventures schließlich kann jetzt nicht nur mit Rat und Vernetzung aufwarten, sondern mit echtem Geld. Pioneers selbst, kündigte CEO Andreas Tschas an, wird mit Beträgen zwischen 25.000 und 125.000 Euro einsteigen. Für mögliche weitere Investmentrunden stehen dann Speed Invest und andere Partner zur Verfügung. Neben der finanziellen Unterstützung kann Pioneers dann noch die ganze Organisation mit den weltweiten Events, Partnern im Silicon Valley, Mentoren und Daten aus dem Discover-Programm ins Rennen werfen.
Das war an den zwei Tagen in der Hofburg deutlich zu spüren. Das Pioneers Festival ist längst keine österreichische Nabelschau mehr. Gründer und Investoren aus ganz Europa drängen sich in den zeitweise hoffnungslos überfüllten Gängen, jeder blickt dem anderen zuerst auf das Namensschild. Die Namensschilder sind praktischerweise auch gleich farblich unterteilt, um Start-Ups, Investoren, Corporates und Presse zu unterscheiden.
Start-Ups pitchen um Kaffee-und-Kuchen-Termine bei Investoren oder VC-Beratern, über Networking-Apps können schon im Vorfeld Termine gemacht werden und besonders gut gebuchte Vorträge und VC-Lounges sind nur mit gesonderter Anmeldung zugänglich. Spätestens am Abend vereint sich dann aber doch wieder alles bei der großen Afterparty.
Im vergangenen Jahr, erzählt Andreas Tschas, wurden allein über die offiziellen Kanäle 11.056 Messages verschickt und 1.188 Meetings vereinbart. 44 davon führten zu Investments.
Für die New York Times war das Grund genug, Wien zum zukünftigen Start-Up-Hotspot zu erklären.
Dass bei sovielen Meetings, so viel Gründergeist und Ambition auch einiges an leeren Kilometern und heißer Luft im Spiel ist, versteht sich von selbst. „Amazing“ und „Awesome“ sind das neue „ähhh“ ratloser Speaker. Man benutzt es als Höflichkeitsfloskel gegenüber anderen, auf der Bühne als Selbstbeschreibung und ergänzt es durch gezielt eingesetzte Verwendung von „yeah“ und „whoa“. Das Spiel funktioniert offenbar, und wenn die Begeisterung mal nachlassen sollte, dann erklimmt ein Animateur die Bühne und erinnert daran, dass Pioniere Krieger sind, die nur laut „yeah“ rufend in Social Media abgebildet sein wollen.
Es gehört dazu, ja. Aber trotzdem schürt es bei mir zumindest die Lust auf subversive Verschwörungen:
Erstens werde ich in Zukunft immer „awful“ statt „awesome“ sagen – und mal abwarten, wem es auffällt.
Zweitens schreibe ich meine eigene Start-Up-Challenge aus: Du möchtest in deinen Pitches, Präsentationen und sonstigen Kommunikationsmaßnahmen auf „awesome“, „amazing“, „fucking“, „yeah“, „whoa” und dergleichen verzichten? Ich helfe dir beim Entzug … Rolemodels für bullshitfreie Start-Up-Kommunikation werden kostenlos beraten: Bewerbungen ab sofort hier.
Michael Hafner

Michael Hafner

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