Lass es doch, wenn es dich stresst, denkt man sich beim Lesen und verbietet es sich als alter weißer Mann zugleich. Sophie Passmann erzählt vom Stress jüngerer Frauen im Internet, von Vergleichen, unrealistischen Körperbildern oder Lebensmodellen der Superreichen, denen gegenüber das eigene Leben erbärmlcih ist. Sie erzählt von Urteilen, Verurteilungen, ungefragten Meinungen und Ratschlägen und dem Drang, trotzdem das eigene Leben an die Öffentlichkeit zu tragen, unabhängig davon, ob es zum Geschäftsmodell beträgt.
Literaturkritiker haben rund um dieses Buch Miniskandale provoziert, indem sie ob der exzessiven Selbstbezüglichkeit die Relevanz des Textes für andere Menschen als die Autorin selbst infrage gestellt haben. Ein wenig ist es schon so: Jetzt schreiben auch Frauen die Bücher der explosiven und exzessiven Selbsterkenntnis, die man von männlichen Autoren in den vergangenen Jahren eher gelangweilt und befremdet zur Kenntnis nahm. Warum erzählst du mir das? Und warum meinst du, dass es in irgendeiner Weise relevant, interessant oder unterhaltsam wäre?
Als erfahrener Leser verkneift man sich diese Frage, im Schlusskapitel stellt Passmann sie allerdings selbst: Wozu? Was ernst nehmen? Wie weit sich vereinnahmen lassen?
Als wäre das Schreiben ein Befreiungsakt gewesen, sagt sich Passman sinngemäß selbst: Lass es doch.
Ok, sagt der Leser. Und fragt sich noch leise: Wozu habe ich das jetzt gelesen?
Social Media-Konsum funktioniert wie Horrorfilm-Konsum: Es kann verlockend sein, sich dem Nervenkitzel auszusetzen. Man muss aber auch wissen, dass man manchmal nicht in der Verfassung ist, sich dem stressfrei und unbeschadet auszusetzen.






