“Surreal Noir”: Misery City

“Surreal Noir”: Misery City

Ein neues Genre zu versprechen ist kritisch. Kostas Zachopoulos "Surreal Noir" funktioniert trotzdem.

Ich bin ja zugegebenermaßen bei Independent Comics oft etwas skeptisch. Comics sind ein Haufen Arbeit und vertragen sich schon deshalb nicht so gut mit den Indie-Gedanken (irgendwann geht einem die Luft aus, wenn die Qualität passen soll …), Comics wirken oft leicht und einfach mal so hingerotzt, brauchen aber eine gut durchdachte und wirklich ausgeklügelte Story, um zu funktionieren, und sie leben von der Verkürzung, die nur das Wesentliche übriglässt, im Hintergrund aber ein ganzes Universum hat, mit dem die Story spielen kann.

Deshalb war ich auch recht skeptisch, als ich am Rand irgendeiner Comic Con Kostas Zachopoulos’ Misery City kaufte. Eigentlich habe ich mich eher gefreut, auf einer Comic Con noch andere Comic-Produzenten zu treffen. Comics sind bei Comic Cons zwischen Merchandising, Gimmicks und Autogrammstunden von Schauspielern die für je zwei Sekunden 30 verschiedene Zombies in “The Walking Dead“ gespielt haben, mittlerweile eher Mangelware. Und Zachopoulos’ Versprechen eines neuen Genre, des „Surreal Noir“ machte mich neugierig.

Als ich zu lesen begonnen habe, habe ich eher die üblichen Probleme erwartet: Zu viel Text, zu viel Worte, die versuchen, Stimmungen zu beschreiben, die aber nur ohne Worte funktionieren, und den Versuch, Probleme in der Story mit Menge statt mit Reduktion zu lösen.

Das war allerdings nur auf den ersten Seiten so. Dann hat Misery City sein Arsenal an Hintergründen, Charakteren und Settings etabliert und erzählt tatsächlich wirklich coole Detektiv-Noir-Storys. Wir trotzdem nicht jedermanns Geschmack sein,  aber wer Sinn für Raymond Chandler oder James Ellroy hat, sich aber nicht immer wieder die alten Schinken reinziehen will, findet ihr ein passendes Update.

Außerdem hat Kostas eine der schönsten Widmungen in das Buch gekritzelt: „Have the most miserable of all times while reading this book“ …

Kostas Zachopoulos (Autor), Vassilis Gogzilas (Illustrator): Misery City
 

 

Michael Hafner

Michael Hafner

Partner bei gold super extra, Herausgeber beim Süpermarkt Magazin, Autor.

Zufallsempfehlungen

Für jeden Migranten eine Pizza

Als Landesmutter Hanni Mikl Leitner noch grimmige Innenministerin war, wurde mit tausenden Polizisten und dem Pandur Radpanzer ein Haus mitten in Wien belagert. Seit der

Sonst noch neu

MayerSchönberger Ramge Das Digital

Viktor Mayer-Schönberger, Thomas Ramge: Das Digital

Was früher Netzwerke waren, nennen Mayer-Schönberger und Ramge heute Märkte. Gleich bleibt: Es geht Organisationen an den Kragen, und für jene, die zu langsam sind oder zu wenig Information haben, wird es in der Zukunft der Wirtschaft ungemütlich.

Warum ich allergisch auf Prophezeiungen bin

Unsichere Zeiten sind Blütezeiten für Trendforscher, Prognostiker und andere Propheten. Dabei kommt oft viel Müll raus, weil wir angesichts glitzernder Visionen zu wenig Augenmerk auf die banalen logischen Entscheidungen legen, die den Weg zu all diesem Glitzer ermöglichen. Dabei sind das die eigentlich relevanten Momente.