Zygmunt Bauman, Wieder allein

Allein sein ist nichts Schlechtes. Man muss nur bereit sein, sich zu bewegen Verantwortung zu übernehmen und für sich selbst zu sprechen – dann kann immer noch so etwas wie Ethik existieren.

Was für ein schöner Titel für ein Buch über Ethik: Wieder allein. Niemand sagt dir, was du tun sollst, niemand zieht dich zur Rechenschaft, Feindbilder sind zu Staub zerfallen. Möglichkeiten stehen im Raum. 

Zygmunt Baumans kurzer Text wurde 1994 geschrieben. Der Fall des Eisernen Vorhangs war Vergangenheit, das Internet war in der Öffentlichkeit noch der Datenhighway und seine Macht eine ferne Ahnung am Horizont.

Institutionen und Gemeinschaften, die Rahmen, Normen und Horizonte vorgegeben haben, sind damals noch ein Stück weiter und schneller zerbröckelt als in den Jahrzehnten davor. Bauman, als Denker des Unbehagens, steht vor der Frage, wie sich Werte, aber auch wie sich Argumente in diesem Umfeld eigentlich noch begründen lassen. Dabei landet er schließlich bei Hans Jonas. Es wundert mich schon länger, dass Jonas noch nicht zur großen Leitfigur diverser Klimabewegungen wurde. Schließlich war er es, der die Bedingungen für den Fortbestand des Lebens auf der Erde zum Leitprinzip des Handelns machte – aber dorthin kam er aus einer anderen Richtung. 

Auch Bauman nähert sich Jonas’ Prinzip Verantwortung auf Umwegen. An erster Stelle steht Jonas’ Gedanke, wir hätten jetzt, nachdem Institutionen, Gemeinschaften, Religionen, Diktaturen und Traditionen einen großen Teil ihrer Macht aufgeben mussten, vor der Freiheit, eigene Normen zu entwickeln. Allerdings hätten wir diese Freiheit um einen teuren Preis erlangt: Nämlich um den Preis, jetzt keine stabile Grundlage mehr zu haben, auf der sich neue Normen unstrittig argumentieren ließen oder aus der sie für Mehrheiten einleuchtend problemlos abgeleitet werden könnten.  Auf der Suche nach neuer Orientierung, zu einer Zeit, als auch der Begriff des Anthropozäns noch nicht geprägt war, landet Bauman schließlich bei Jonas’ Prinzip Verantwortung. Der selbst sagte damals noch, es sei eine Behauptung, ein Gefühl, dass sich noch nicht ganz klar logisch argumentieren lasse: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Ein Spruch, der eigentlich allen KlimaaktivistInnen und nach dem Zeitgeist suchenden Marketing- oder Parteimanagerinnen auf der Zunge zergehen müsste. Natürlich, was denn sonst. 

Jonas setzte alles Leben als wertvoll voraus, manche sehen in seinen Schriften auch die Theorie einer Pflicht der Menschheit zum Leben – das macht ihn fallweise etwas umstritten. Bauman legt seine Schwerpunkte anders. 1994 herrschte noch nicht die aktuelle Alarmstimmung in Fragen der Ökologie. Auch andere Themen waren noch nicht von Alarmismus dominiert; es war noch nicht ausgeschlossen, einen zweiten Gedanken zu investieren, nachdenklich zu sein. Bauman beobachtet vor allem das Entstehen neuer Gemeinschaftsangebote, die Menschen einladen, die ihnen – 1994 – Identitätsangebote machen und damit Ersatz für Normen und Regeln schaffen. Bauman beobachtet das kritisch. Für ihn sind die neuen Gemeinschaften Machtinstrumente jener, die sie steuern, er sieht sie als Entmündigungsmaschinen. In Anlehnung an Albert Hirschmans Exit, Voice and Loyalty sieht er für unzufriedene oder nachdenkliche Menschen, oder auch für solche, die schlicht Fragen haben, nur zwei Möglichkeiten: Die Stimme zu erheben oder den Ausgang zu suchen. Die neuen Gemeinschaften und Institutionen, die sich Menschen andienen, seien vorrangig darauf ausgelegt, ihnen den Abgang zu empfehlen. Sie dürfen nicken, zur Kenntnis nehmen und „unterstützen“ (wie es heute in Form von Social Media-Likes und Newsletter-Abos passiert), dann dürfen sie abtreten. Sie werden repräsentiert, man beruft sich auf sie, man vertritt sie. Dabei sollen sie aber nicht mehr mitreden; die sollen das schöne Bild nicht stören (davon erzählt auch Darren McGarvey in “Poverty Safari”). 

Bauman schlägt keine Lösung vor. Er kommt lediglich auf den Punkt zurück, dass wir in unseren Entscheidungen nun wieder allein sind. Je nach Sichtweise bedeutet das unterschiedliches. Für manche bedingt das vielleicht die dringende Suche nach Gemeinschaft, manche suchen dort Solidarität, andere Autorität. Für andere heißt es schlicht: Du musst es selbst machen. Und du kannst nicht immer ausweichen. 

Allein sein ist nichts schlechtes, Verantwortung übernehmen ebenso wenig. Bauman schrieb diesen Essay, als Populismus noch nicht der Gottseibeiuns von Politik und Medien war. Seine Analyse könnte allerdings das treffendste Gegenmittel sein.

Michael Hafner

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