Curtis Yarvin: Gray Mirror. Disturbances

Curtis Yarvin Gray Mirror Disturbances

Das spannendste an Yarvins Überlegungen sind nicht die Inhalte, sondern die Frage, wie diese raumgreifenden Mäandern so viel Popularität gewinnen konnten. Angeblich ist Curtis Yarvin einer der einflussreichsten Impulsgeber des Project 2025 hinter dem Trump Regime. Er dementiert nähere Kontakte zu Steve Bannon und anderen Ideologen, aber das wirkt ein wenig kokett. 

Yarvin ist eine Art Yuval Harari für altkluge ewige Gymnasiasten, die gern ein wenig radikaler wären. Er diskutiert ziemlich unoriginell Fragen, auf die es schon sehr viele, sehr diverse Antworten gibt, als wäre er der erste, der je diese Fragen gestellt hätte. Manchmal fehlt ihm auch nur überaus offensichtlich jegliche Sachkenntnis der besprochenen Domäne. 

Können wir denn aus der Geschichte lernen, fragt er beispielsweise mit großer Geste, wo wir doch – und das wäre seine Erkenntnis – die Geschichte gar nicht kennen, sondern nur Erzählungen über die Geschichte. Deshalb hat sich Geschichtsforschung ja auch als Wissenschaft etabliert, möchte man ihm zuflüstern. Methoden, Forschungsansätze und Interpretationsrahmen haben tatsächlich großen Einfluss darauf, wie wir geschichtliche Ereignisse warhnehmen und einordnen. Später führt er tatsächlich Leopold Ranke als nachahmenswertes Beispiel an. Rankes Vision, Geschichte zu erzählen „so wie es eigentlich gewesen ist“, ist seit 150 Jahren eine der unerreichbaren, unpraktischen, womöglich naiven und letztlich unangemessenen Utopien der Disziplin. Denn wir nehmen Geschichte so wahr, wie wir sie heute sehen.

Journalismus sei notwendig abhängig von Informationsgebern, schreibt Yarvin an anderer Stelle, und könne deshalb prinzipiell nicht kritisch sein. Diese Vermutung führt er ausgerechnet am Beispiel des Wissenschaftsjournalismus aus: Journalisten müssten es Wissenschaftlern recht machen, weil diese mit ihren Erkenntnissen sonst eben Konkurrenzmedien beliefern würden. Ausgerechnet Wissenschaftler, für die Öffentlichkeit im Kampf um Fördermittel und Subventionen überaus relevante Währung ist, und die praktisch immer am kürzeren Hebel sitzen, können in Yarvins Vorstellung Journalisten erpressen – die sich überdies in der Praxis gar nicht so sehr für Wissenschaft interessieren. 

In Yarvins Welt ist das nur ein Teil der staatlichen Kontrollkette, denn Journalismus und Wissenschaft sind Teil des Deep State. Journalismus wird von Wissenschaft gesteuert und Wissenschaft gehorcht den politischen Eliten. 

Und weil dieses System zu eng verzahnt ist, bringen Wahlen auch wenig – den der Präsident allein hätte zu wenig Macht, das Regime zu ändern. 

Es fällt auf: Gerade in den USA, über die Yarvin schreibt, hat der Präsident viel Macht. 

Viele der Konfliksituationen, die Yarvin darstellen möchte, sind ähnlich konstruiert. So beschreibt er etwa Auseinandersetzungen um gleichgeschlechtliche Ehe als Sache von Sieg und Niederlage – aber wer verliert, wenn Homoehen nicht mehr kriminell sind? Er setzt Kim Il Sungs nordkoreantische Heldenmythen mit Martin Luther Kings Visionen einer gerechteren Welt gleich – beides seien manipulative Lügner, die mit Szenarien jenseits der Realität arbeiteten. Dass er eine sie als reale Charakterisierung seiner Person einsetzte, der andere als gemeinsam zu erreichendes Ziel, bleibt unerwähnt.

Und wie solle man schon messen, ob Bürgerrechte und ähnliche demokratische Anliegen, das Leben der  Menschen wirklich verbessern? Sei es denn besser, weil sie – wie trivial – mehr Dinge besitzen? Geht es also nur um Konsum und Macht? 

Demokratie, meint Yarvin schließlich auch, sei mit den Wählern, „die wir haben“, nicht stark und weise genug. Man müsse sich nur im realen Leben umsehen, jede erfolgreiche Organisation sei eine Monarchie. Weder Apple noch Google noch China sind vererbte Herrschaften. Wirtschaftliche Organisationen verfolgen andere – oft deutlich unkomplexere – Ziele als Staaten und Gesellschaften und leben deshalb mit deutlich einfacheren Entscheidungswegen deutlich besser.

Ganz zeitgemäß bricht Yarvin auch eine Lanze für den effektiven Altruismus. Hinter der selbstlos klingenden Idee, andere für wichtiger zu nehmen als sich selbst, verbergen sich auch Auswüchse wie das Argument, Menschen, die jetzt leben (und Ressourcen verbrauchen, nichts zur Zukunft beitragen oder einfach arm sind) müssten zukünftigen Generationen (die viel mehr sein werden und dank besserer Technologien ein besseres, ressourcenschonendes und unserem Leben überlegenes Leben führen würden) Platz machen. Das sind Theorien von unwertem Leben und Euthanasie.

Yarvin charakterisiert salopp jede Äußerung, die Welt zu verbessern oder Einfluss haben zu wollen, als effektiven Altruismus und schlägt von dort einen Haken zu der Behauptung, es sei der Gipfel der Selbstlosigkeit, also des effektiven Altruismus, nach möglichst viel Macht zu streben. 

In vielen von Yarvins Argumenten werden Nuancen zu Schwarzweiß-Kontrasten reduziert und dann mit verschwörerisch-aufklärerischen Pseudonuancen wieder verkompliziert. Auch im Zweiten Weltkrieg seien Gut und Böse, Kriegsverbrechen und Befreiungskämpfe nicht immer klar getrennt gewesen – erzähl mir was neues.

Yarvins diskursive Kontrastmittel erinnern an den Absolutismus der Blockchain-Szene: Natürlich basiert Bitcoin auf einem soliden Konzept, dass die Finanzwirtschaft verändert kann – aber das gilt nicht für jede beliebige Kryptowährung und ist trotz allem noch ein recht isolierter erfolgreicher Anwendungsfall  von Blockchaintechnologie. Nicht alles, was Bitcoin nachahmt, kann weltverändernde Erfolgsperspektiven für sich beanspruchen, egal wie oft man das behauptet. 

Und tatsächlich, dann schreibt Yarvin: Nur Gott und die Blockchain stünden über dem Gesetz.

Wozu all das? 

Dank seiner Analysen könne man erkennen, hält Yarvin als Essenz fest, dass die Ränder der Gesellschaft gar nicht so viel kleiner seien als der Mainstream. Sagt ausgerechnet jemand, dessen Theorie und Erfolg darauf aufbauen, dass es einen zähen soliden und übermächtigen Mainstream zu bekämpfen gelte – das ist ein radikal beschleunigtes Unsinnskarussell, das vom Schwindelgefühl seines Publikums angetrieben wird. 

Yarvin zu lesen, ist wie die Unterhaltung mit gebildeten, eloquenten, aber völlig lebensunerfahrenen JungpolitikerInnen aus gutem Haus: kurz unterhaltsam, in seiner autodidaktischen  Naivität ermüdend, in seiner Unbeirrbarkeit verstörend. 

Und manchmal denkt man sich: Vielleicht ist auch die politisch interessierte US-Öffentlichkeit in dem reduzierten Zwei-Parteien-System zu weit weg von tatsächlich bewegtem politischem Geschehen, um soziale Entwicklung und Gefahr einigermaßen einschätzen zu können. Intellektuell verkleidete konservative Anti-Aufklärer sind die eine Seite, ich bin aber auch nach wie vor schwer beeindruckt von jener Frau, die mir vor zehn Jahren in einer Buchhandlung am Sunset Boulevard in L.A. Bob Avakians Bibel des Revolutionary Communism  in die Hand drückte – mit dem Hinweis, niemand habe so viel für das Wohl und die Entwicklung der Menschheit getan wie Mao.