Vor der KI war Big Data, davor war Kybernetik – das alles erklärende Prinzip, das so universell anwendbar war, das damit alles erklärt werden konnte. Was letztlich nichts beantwortete. Die Anfänge der Kybernetik verliefen parallel zum in der Zwischenkriegszeit ebenfalls neuen Behaviourismus, der Psychologie auf einfache Reiz-Reaktions-Schemen reduzierte und dabei das Innenleben von Menschen und anderen zu beobachtenden Apparaten ignorierte. So wie dem Behaviouristen egal war, warum ein bestimmtes Halten hervorgerufen wurde und ob es dafür andere Einflüsse als einen gesetzten Reiz gab, so war es dem Kybernetiker egal, was er eigentlich beobachtete und was sich im konkreten Steuerkreis abspielte. Aktivitäten erzeugen Feedback, das seinerseits wieder Aktivitäten erzeugt und so weiter. Alle Akteure in diesen Steuerkreisen sind dabei der Perspektive des Kybernetikers ausgeliefert und haben keine Gelegenheit, eigene Schritte oder Aktivitäten zu setzen.
Nosthoff erzählt eine Geschichte der Kybernetik und analysiert den Werdegang einer potenziellen Universalwissenschaft, die letztlich daran scheiterte, ihre eigenen Gesetze und Regeln nicht auf sich selbst anzuwenden. Wenn alles Geschehen in Steuerkreisen stattfindet, denen sich kein Akteur entziehen kann, wie schafft es dann der Kybernetiker, Entscheidungen zu treffen und selbstständige Beobachtungen und Schlüsse zu ziehen? Wie entzieht er sich diesem Steuerkreis?
Die Geschichte der Kybernetik reicht dabei von militärischen (Gedanken)Experimenten über politische Manipulationsambitionen von Wahlkampfmarketing bis Pinochet-Diktatur mit zu Medienkritik von Vilem Flusser bis zu aktuellen Ambitionen, Social Networks zu regulieren. Denn auch viel libertäre und betont hyperrationale Silicon Valley Ideologie von Thiel über Karp bis zum Longtermism greift Motive der Kybernetik wieder auf.
Schon die Anfänge der Kybernetik zeigen den sehr selbstbewussten Anspruch einer universal anwendbaren Erkenntnis: Norbert Wiener versprach, mittels Kybernetik treffsichere Luftabwehrsysteme zu entwickeln. Beobachtungen über das Ausweichverhalten von Piloten sollten Feedback an Luftabwehrsysteme liefern, deren Positionen und Geschoße wiederum Feedback an Piloten liefern und diese damit zu vorhersehbarem Verhalten zwingen, sodass sie leichter abgeschossen werden können. Wir sind im England der 40er Jahre, die Datenbasis ist dünn, die Rechenpower noch dünner – aus dem Projekt wird nichts. Aber es bringt Aufmerksamkeit.
Und in Vergleich zum Project Pigeon des Behaviouristen B.F. Skinner war es eine gut geerdete und praxisnahe Idee. Überzeugt von universaler und stabiler Konditionierbarkeit aller Lebewesen entwarf Skinner die Idee, Raketen von Tauben steuern zu lassen. Konditionierte Tauben in der Spitze einer Rakete sollten dann auf eine Zielscheibe picken. wenn eine Kamera das Ziel auf diese Zielscheibe projizierte, die Rakete also auf Kurs war. Die konditonierte Taube sollte also ihrerseits Feedback in das Raketensystem einspeisen. Auch daraus wurde nichts.
Die Idee, alles könnte sich selbst regulieren und nach regelbasierten Entscheidungen funktionieren, war mächtig. Kybernetiker entwarfen „multistabile Systeme“, die, sich selbst korrigierend, nicht aus der Ruhe gebracht werden konnten. Offen blieb aber die Frage: Wer gestaltete die Regeln dieser Systeme, welchen Zweck erfülllten sie? Das sind Fragen, die heute auch noch an KI- oder Big Data-Systeme gestellt werden. Sie funktionieren logisch, rational und evidenzbasiert – aber mit welchem Zweck? Sie beantworten alle Fragen nach klaren Regeln, aber wer etabliert die Regeln und wer entscheidet, welche Fragen gestellt werden?
Solche Kritikpunkte können kultukritisch, machtpolitisch oder technologieorientiert gestellt werden. Günter Anders und Hans Jonas fragten nach Verantwortung und kritisierten das Verschwinden menschlicher Urteile als Kulturdefizit und politische Gefahr. Für Hannah Arendt war Automatisierung ein Unternehmen zur Abschaffung der (gestalbaren) Zukunft. Und Protagonisten der daten- und feedbackgetriebenen Automatisierung zeigten sich wenig an Realitäten orientiert. Die Qualität der Modelle und Berechnungen sei interessant, meinten die Simulmatics-Gründer, nicht ob deren Voraussetzungen der Wahrheit entsprächen. (Simulmatics war eines der ersten Big Data Startups, das psychologische Kriegsführung in Vietnam und in den 50er Jahren Propaganda während der US-Präsidentenwahlkämpfe betrieb.)
Maschinen schafften vielleicht bessere – weil nachvollziehbare, quantifizierbare – Entscheidungen, aber sie schafften eine Technokratie der ideologielosen Ideologie (so nannte es Jürgen Habermas). Für Herbert Marcuse bereitete Kybernetik die Bühne für Herrschaft als Technologie (nicht mehr nur durch Technologie); Kybernetikkritiker aus allen Lagern stellten sich die Frage, ob der Mensch nicht doch noch zu mehr fähig sei, als was die Kybernetik ihm einräumen wolle.
Pläne für das große Kontrollsystem Chiles, das Wirtschaft und Politik ideologiefrei rational steuern sollte oder für ein “Kanzlerinformationssystem” in Deutschland waren Beispiele technokratische Kontrollinstanzen, die der Politik direkt vermitteln konnten, was das Volk will. Das ist Sachlichkeit. Zugleich ist das machthungriges Dem-Volk-aufs-Maul-Schauen und übelster Populismus. Denn nach welchen Regeln stellt das Kanzlerinformationssystem seine Fragen? Was wird überhaupt thematisiert? Und ist das, was das Volk von heute jetzt will, auch das richtige für die Zukunft?
Stafford Beer, Mastermind hinter den Steuerungs- und Kontrollvisionen in Chile, sah Freiheit als “pogrammierbare Funktion der Effektivität”. Vereinfacht und übersetzt bedeutet das: Du kannst tun was du willst, solange es mir nützt. “Soziale Physik” beschreibt soziale Prozesse als Naturgesetze, die unabhängig von ihren Akteuren laufen – hier wiederholen sich Erzählungen des Techno-Determinismus, der Technik das Gestaltungsprimat vor der Autonomie des Individuums oder der Gesellschaft einräumt.
Das ist eine seltsame Mischung, in der sich libertäre Phantasien von absoluter und universaler Freiheit, die Rationalität über den Einzelnen stellt, mit regelbasiertem 5-Jahres-Plan-Kollektivismus trifft. Beide unterdrücken die Option, dass man sich auch anders entscheiden könnte, dass einzelne Wünsche, Ideen, Pläne oder auch Irrtümer haben, die ihnen wichtig sind.
Nosthoffs Geschichte der Kybernetik beschreibt die Entwicklung einer einfachen Idee zu einem universalen Prinzip. Die Idee ist schließlich auch hinter der Universalität ihrer Anwendbarkeit verschwunden, bedeutete letztlich gar nichts mehr und hat sich oft auch in das Gegenteil ihrer Anwendbarkeit verkehrt.
Diese Entwicklung hat viele Parallelen zu KI, Big Data oder Social Media. Alle Technologien waren Heilsbringer und Teufelszeug, Innovation- und Demokratisierungswerkzeuge, aber auch Kontroll- und Reaktionstools, sie waren sachliche Analysetools, die Wissen vermehren und prüfen konnten, aber auch Machtinstrumente, die Realitäten nicht beschrieben, sondern vor allem geschaffen haben.
Kybernetik, KI, Data und Social Networks haben auch eine weitere Gemeinsamkeit: Sie befeuern eine Tendenz zur Irrelevanz von Inhalten. Der Kybernetik ist egal, was im Steuerkreis warum passiert – Hauptsache, es gibt Feedback. Social Networks ist egal, warum Interaktion und Reichweite steigen – sei es Interesse, Gefallen, Wut, Abscheu, Hauptsache, die Aktivität bleibt hoch. Der Inhalt politische Entscheidungen ist egal, Hauptsache, sie beruhen auf Feedback und sie erzeugen positives Feedback.
Entscheidungen egal welcher Art, auch das Regieren, wird so zu einem rein logistischen Problem, das technisch zu lösen ist. Die beste Regierung ist die, die das beste Feedback bekommt – egal von wem, egal wofür. Kybernetik ist eine antipolitische Technik, die autoritäre Systeme befördert.