Nick Clegg: How to save the Internet

Nick Clegg: How to save the Internet

Der ehemalige Meta-Public Affairs-Chef schreibt eine politisch-taktische Verteidigungsrede für Big Tech. Stellenweise ärgerlich zu lesen.

Es ist ein sehr politisches Buch im taktischen Sinn. Clegg war Parteichef der britischen Liberalen Europa-Abgeordneter, Mitglied der ersten Regierung von David Cameron und und Public Affairs-Verantwortlicher von Meta. Sein Abschied von Meta galt als Zeichen des Rechtsrucks und der Anbiederung von Zuckerberg an Trump. Clegg schreibt hier allerdings eher als ehemaliger Techlobbyist.

Big Tech ist Cleggs Ansicht nach einem Techlash ausgesetzt, der großteils ungerechtfertigt viel Schlechtes in Big Tech sieht. Diese kritische Grundhaltung schaffe ein Klima, das Innovation erschwere. – Ein Argument, das einen sehr großen, aber sehr unspezifischen Bogen spannt, und das etwa in Evgeny Morozovs Kritik gründlich seziert wird.
Big Tech müsse durchaus offener und transparenter agieren, meint Clegg, hält aber von Regulierung wenig.

Seine Argumente sind die eines technisch versierten Lobbyisten:

  • Wenn Facebook so effizient manipulieren könnte, wie Kritiker es unterstellen – wie hätten es dann Kritiker geschafft, sich dieser Manipulation, die zwei Milliarden Menschen erfasst hat, zu entziehen?
  • Facebook sei kein relevanter Nachrichtenkanal, nur sechs Prozent der Inhalte, die User sehen, seien politisch. Wenige Zeilen später reklamiert er allerdings den Erfolg von Kampagnen wie #metoo als Erfolg der Grassroots-Mobilisierungskraft von Facebook.
  • Es gebe wenig belastbare Evidenz für steigende Polarisierung der Gesellschaft, also stelle sich die Frage gar nicht, wie weit Facebook eine solche befördere.
  • Social Media, Facebook insbesondere, habe massiv zum Empowerment von Menschen beigetragen und Intermediäre aus dem Weg geräumt. Das ist eine unerfüllte Hoffnung von vor zwanzig Jahren; Varoufakis’ Technofeudalismus-Konzept ist wesentlich überzeugender und realitätsnäher.
  • Das Internet habe Menschen Zugang zu Wissen verschafft und Wissen sei Macht. Wie sehr Social Media Wissen und den Wert von Wissen korrumpieren, bleibt unerwähnt.
  • Das Netz und Social Media insbesondere stehe für Offenheit und kostenlose Distribution, die allen gleiche Chancen einräume. Auch das ist eine veraltete Hoffnung; Zugang zu Zielgruppen ist jetzt in ausschließenden (und teuren) Oligopolen verpackt.

Clegg ist sehr versiert im politischen Eingrenzen und Zerreden von Argumenten. Er hat auf alles eine Antwort, kommt von Gegenargumenten sehr schnell zur Forderung nach sehr spezifischen Evidenzen, die der einzig mögliche Beleg für das Gegenargument wären und behauptet, damit Argumente entkräftet zu haben.

  • Mental Health sei ein Problem? Es gibt keine Hinweise auf deutliche Steigerungen von Selbstmorden unter Jugendlichen.
  • Regierungen beschließen Einschränkungen für Social Media wie in Australien? Im wesentlichen seien solche Aktionen auf den Neid von Zeitungen zurückzuführen.
  • Regierungen und Zivilgesellschaft, die negative Auswirkungen von Big Tech sehen, hätten gar kein konkretes Bild einer besseren Lösung, niemand wüsste, wie Regulierungen aussehen sollten und welche Plattformen daraus entstehen sollen. – Inwiefern wäre das Aufgabe der Politik? Ist es nicht ausreichend, Handhaben gegen negative Effekte zu schaffen?

Immerhin ein halber Absatz findet sich über die über Facebook geschürte Gewalt gegen in Rohingya in Myanmar. Das sei ein Fehler gewesen, aber Facebook habe nicht ausreichend burmesische Native-Speaker im Content-Moderationsteam gehabt, um das Problem erkennen zu können. Wie sehr Facebook seine Veratwortung wahrnehme, sei an der intensiven Auseinandersetzung der internen Policy-Gremien mit Trumps problematischen Posts zu sehen. – Das ist eine groteske Verdrehung: Es ist völlig unerheblich was ein internes Facebook-Gremium zu Aussagen des US-Präsidenten sagt, wenn die ganze Welt über dessen Aufrufe zur Gewalt (“When the looting starts, the shooting starts”) diskutiert. Es wäre allerdings eine relevante Aufgabe für ein empowerndes, vernetzendes, die Welt zusammenbringendes Unternehmen (so sieht sich Facebook), sich zusammenbrauende Gewaltexzesse zu benennen, zu veröffentlichen, sie nicht zu befeuern, die noch unter dem Radar der Weltöffentlichkeit stattfinden.

AI könne man ebensowenig regulieren, dazu sei das Thema noch zu neu und niemand habe einen ausreichenden Überblick, um hier eingreifen zu können.

Das Spiel mit dem Ruf nach Evidenz wiederholt sich pausenlos: Clegg spitzt Gegenargumente zu, fordert dann Evidenz für die sehr zugespitzte Version, und tut dann vorhandene Belege, die sich nicht exakt auf die von ihm zugespitzte Variante beziehen, als mangelhaft ab.

EU-Tech-Regulierungen unterstützten nur Russland und China gegenüber den USA, und Daten seien kein Öl, dessen Besitz Staaten reich mache und andere nicht, man könne sie schließlich teilen. – Das stimmt, allerdings ist es trotzdem wichtig, an der Quelle zu sitzen. Denn nur dann entscheidet man darüber, ob man teilt, und nur dann sind auch die notwendigen Details der Rohdaten und ihrer Geschichte bekannt, mit maßgeblich bestimmen, wofür die Daten eingesetzt werden können.

Auf die Dauer sind Cleggs Scheingefechte mit Argumenten letztlich ärgerlich. Seine Lösungen sind vage Rufe zu Offenheit, Transparenz und Portabilität von Daten und Accounts. Daran ist nichts falsch, gerettet wird mit solchen vagen Aufrufen aber auch nichts.

Michael Hafner

Michael Hafner

Daten- und Digitalisierungsexperte, Wissenschafts- und Technologiehistoriker, Informatiker und Journalist

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