Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen

Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen

Latours Text ist als Essay über die Rolle der Dinge bekannt geworden. Rückblickend – mit der Entwicklung der Actor Network Theory, die menschliche Akteure und nicht menschliche Aktanten und deren Netzwerke als Aktivposten der Soziologie begreift, ist “Wir sind nie modern gewesen” einer der einflussreichsten Texte für technophilosophische oder -soziologische Ansätze der letzten dreißig Jahre geworden.

Latours blumige Sprache braucht aber immer auch noch eine andere, ergänzenden Perspektive – die Essenz dessen, was als Latours Konzept in Lehrbücher eingeht, lässt sich aus seinen eigenen Texten nur mühsam herausdestillieren. Manchmal lenkt die Sprache ab, noch öfter ist es aber die Schwerpunktsetzung seiner Texte.

In diesem Essay schreibt Latour ganz in der französischen Tradition der Anthropologie von Lévi-Strauss und der Strukturalisten. Merkwürdig sind daran nicht die in den 80er Jahren vielleicht noch auffälligen strukturalistischen Elemente, heute sind es die Haltung und das Selbstverständnis der Anthropologie, die in die Jahre gekommen sind. Eine Anthropologie, die in Riten und Gebräuchen indigener Völker Anderes zu entdecken vermeint, die eine Technokratie der Naturbeherrschung einer Mystik gegenüberstellt, die neue Argumentations- und Wissensformen zu entdecken vermeint, ist auf eine Technologiegläubigkeit, die Atomkraftwerke und Verbrennungsmotoren als Hoffnungsträger der Zukunft hervorgebracht hat, angewiesen. Hinter der Neugier und der Hoffnung, das Andere im Urwald zu entdecken, steckt das Selbstverständnis, Natur und Gesellschaft technisch beherrschen zu können und stets in einer eindeutigen Logik agieren zu können.

Heute sind diese Einstellungen Nachwehen der 60er Jahre. Wir sind Vermischung weit mehr gewohnt, es ist im Gegenteil geradezu anrüchig, zu klare Trennlinien ziehen oder gar zwischen verschiedenen Gesellschafts-, Diskurs- und Wissensformen urteilen zu wollen. Latour dagegen verwendet in den 80er Jahren noch viel Zeit und Worte darauf, gegen das Selbstbewusstsein der Kontrollierbarkeit von allem und jedem anzuschreiben.

In seiner wissenschaftshistorischen Kritik kann Latour schneller zur Sache kommen. Was bleibt: In der Moderne haben wir viele Kritikformen gefunden, die Brüche und Risse dort bloßstellen, wo Selbstverständlichkeiten vermutet wurden. Die Ursache waren unterschiedlich – erst wurden sie für Irrtümer gehalten, dann für diverse Störfaktoren, später für soziale Einflüsse. Latour geht ausführlich auf David Bloors Strong Programme für eine Wissenssoziologie ein, um es zu verwerfen – denn in Latours Perspektive bleib die Idee von Einflüssen auf Objekte immer noch dem veralteten Dualismus von Natur und Kultur verhaftet. Stattdessen setzt Latour eben auf ein viel breiteres Repertoire handelnder Entitäten, zu denen eben auch nichtmenschliche Aktanten gehören, und auf die Verbindungen und Netzwerke zwischen diesen als eigentlich relevante Triebkräfte. – “Wirklich wie die Natur, erzählt wie der Diskurs, kollektiv wie die Gesellschaft, existenziell wie das Sein, so sind die Quasi-Objekte”, die in Latours Theorie alls traditionellen klaren Trennungen verwischen.

Michael Hafner

Michael Hafner

Datenanalyst, Wissenschaftshistoriker, Technologiephilosoph

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