Don Ihde: Technology and the Lifeworld

Don Ihde: Technology and the Lifeworld

Technik, Technologie und Wissenschaft sind Teil einer Lebenswelt und keine unabhängigen Monolithen, die neben Natur, Kultur und Gesellschaft stehen. Vor 40 Jahren war diese These neu.

Heute ist der Begriff der Kulturtechnik mit all seinen befreundeten Begriffen und Derivaten so weit verbreitet, dass man sich erst einmal versichern muss, was damit gemeint war. Reden wir von der klassischen Bedeutung der Kultivierung der Natur mit verschiedenen Technologien? Beziehen wir uns auf kulturelle Errungenschaften und deren Beherrschung? Oder reden wir von unterschiedlich vermittelten und zielorientierten Strategien, mit denen wir auf unsere Umgebung einwirken? 

Don Ihde arbeitete in den 80er Jahren zu einem neuen Technologiebegriff, das Buch erschien 1990 und für Ihde war es damals noch notwendig, vorauszuschicken, das er Technologie als kulturelles Instrument betrachtet. Das war eine relevante Abgrenzung gegenüber diversen deterministischen Positionen, die Technologie als selbstständigen Block betrachteten, der entweder (technisch-deterministisch) Natur und Gesellschaft bestimmte oder (sozial-deterministisch) von der Gesellschaft bestimmt wurde, jedenfalls aber etwas von Natur und Gesellschaft verschiedenes war.

Ihde muss deshalb auch ausholen und erklären, dass es keinen technologiefreien Natur- oder Urzustand geben kann. Jeder Stock, jeder Stein, der zwischen seinem Anwender und einem Ziel vermittelt, ist Technologie.

Mit seiner Version, eine Trennung von Natur und Technik zu hinterfragen, erinnert Ihde auf den ersten Blick an Latour, er setzt allerdings andere Schwerpunkte. Ihde kritisiert auch die Vorstellung, bewegliche oder relative Konzepte von einer unabhängigen Position aus betrachten zu können, die letztlich selbst auch wieder relativiert werden können. Es muss zumindest auch deutlich gemacht werden, wie die vermeintlich bevorzugte Position zu ihrer bevorzugten Position gekommen ist und welches Konzept der Privilegiertheit dadurch zum Ausdruck gebracht wird. Diese Form der Reflexivität (in dem Sinn, dass sich die eigenen Ansprüche an andere Positionen auch auf die eigenen Positionen und deren Fundamente anwenden lassen müssen) erinnert an David Bloors Strong Programme der Wissenssoziologie und die Mahnung, dass Wahrheit nicht durch mangelnde Rationalität verstellt wird – nicht weil das nicht so wäre, sondern weil sowohl Wahrheit als auch Rationalität bewegliche Begriffe sind. Wir befinden uns nicht auf einem immer klarer werdenden Königsweg zur Klarheit, sondern auf verschiedenen Wegen, die teilweise auch wieder revidiert werden müssen.

Und natürlich klingt auch Dewey hier an, wenn dieser feststellt, dass Notwendigkeit purer Aberglaube ist.

Wahrnehmung ist Gestaltung, Beobachtung erst recht

Ihde möchte mit seinen Hinweisen auf die wandelbare Relevanz von Positionen vor allem die Situiertheit von Wahrnehmungen und Perspektiven deutlich machen. Jede Auswahl einer Perspektive (oder schon eines Themas, das in die Perspektive genommen wird) ist Auswahl und Einschränkung und damit nicht nur Abbildung, sondern auch Gestaltung. Phänomenologie beschäftigt sich nicht nur mit Erscheinungen, also mit Oberflächen von Dingen, die so gegeben sind. Die Wahrnehmung, die in der Phänomenologie thematisiert wird, gestaltet auch. Damit sind der Wahrnehmende und dessen Position unverzichtbarer Bestandteil der Wahrnehmung. Es gibt keine bloße Wahrnehmung und kein Ding an sich, es gibt immer nur Wahrnehmung als etwas und Wahrnehmung von einer Position aus.

Wird Wahrnehmung damit ein überdehnter überstrapazierter Begriff? 

Ihde schlägt vor, Wahrnehmung, so wie Husserl sie in den Mittelpunkt rückt, schärfer zu beschreiben: Ihde unterscheidet zwischen Mikroperzeption als Sinneswahrnehmung und Makroperzeption als kulturell und hermeneutisch vermittelter Wahrnehmung, die also noch deutlicher auch eine Interpretations- und damit Gestaltungsleistung enthält.

Was haben all diese Überlegungen mit Technologie zu tun? 

Technologie ist für Ihde zumindest in Hinblick auf Wahrnehmung, Wissenschaft und Erkenntnis in Mittel, Sinne und Wahrnehmungsfelder zu erweitern. Das schließt an alte Technologie- und Wissenschaftskonzeptionen an, in denen Instrumente eine zentrale Rolle spielen.

Neue Techniken und Instrumente bringen neue Wahrnehmungen und neue Erkenntnisse; damit verändern sie den Wahrnehmenden und die Wahrnehmung. Ihde unterscheidet diverse Beziehungsformen, in denen neue Erkenntnisse und Wahrnehmungen geschaffen werden. Damit rücken Fragen des Lernens und Vermittelns in den Blickpunkt: Wie lernen wir von neuen Techniken, wie ordnen wir neue, bislang unbekannte Informationen ein, wie erkennen und bewerten wir sie überhaupt – und wie wird aus Signalen, Daten, Geräuschen oder Flecken Information?

Technologie verändert Wahrnehmung

Ihde streift, vermutlich eher unabsichtlich, datenrelevante Fragen: Welche Signal- oder Textarten vermitteln wieviel Information, wie direkt, und auf welchen Kanälen? Ihde räumt dabei visuellen Darstellungsformen einen gewissen Vorrang ein. Grafiken etwa erlauben für ihn nicht nur hermeneutisches Verstehen (also Makroperzeption), sie vermitteln auch auf sinnlicher anschaulicher Ebene, funktionieren also auch im Bereich der Mikroperzeption. Schriftlicher Text, vor allem in Alphabeten kodifiziert, erlaubt nur hermeneutisches Verstehen, hier sind größere Übersetzungsleistungen notwendig.

Diese Sonderstellung von Visualisierungen, also von aufbereiteten Daten, schließt an Ideen zur Sonderstellung von Daten an, die im Datendiskurs öfter vorgebracht werden. So wie in den meisten Fällen liefert aber auch Ihde kein Argument für den direkten Vorteil von Daten. Sie können ihren Vorsprung erst dann umsetzen, wenn sie aufbereitet sind und einem uns bekannten Wahrnehmungsschema entsprechen. Daten nehmen hier dennoch insofern eine Sonderstellung ein, als sie eine Doppelrolle einnehmen: Sie sind Material und Werkzeug zugleich; sie liefern die Bausteine und den Bauplan und sie sind gleichzeitig Repräsentation und Relation. Daten bilden etwas ab (als Relation), indem sie die Grundlage für Darstellungsformen schaffen (also Repräsentation fördern), sie müssen den Bauplan für ihre eigene Anordnung mitbringen, weil sie sonst nichtssagendes Rauschen wären. Sie werden anhand eines Bauplans geschaffen, obwohl sie für sich in Anspruch nehmen sie könnten als unvoreingenommen Vorgefundenes betrachtet werden.

Das wissen wir, unklar ist allerdings, in welcher Reihenfolge das geschieht, welche Wirkungen mit welchen Ursachen zusammenhängen und welche Rolle unsere Wahrnehmung dabei spielt, insbesondere, inwieweit sie dabei gestalterisch eingreift. Mit mehr Optionen (und Technik schafft mehr Optionen) werden Entscheidungen immer relevanter: Mehr Entscheidungen müssen getroffen werden, sie haben auch weitreichendere Konsequenzen (In Analysen zu Data Science-Prozesse und der Frage, wo in diesen Prozessen Entscheidungen getroffen werden (Am Ende? Am Anfang? Mit jedem Schritt?) sind diese Fragestellungen zentral.).

Technik und Wissenschaft: Vernetzte Zusammenhänge oder klare Abgrenzungen?

Ihde führt das nicht viel weiter aus. Seine Mission ist mit dem Verdeutlichen dieser Verzweigungen und Abhängigkeiten erfüllt. Wir erinnern uns: Ihde Anliegen war es, Technologie als kulturelles Instrument sichtbar zu machen. Technologie ist nicht unabhängig von Welt, Natur oder Gesellschaft zu betrachten, sondern in all diese Bereiche verwoben. Fraglich ist eher, ob es etwas wie Technologie allein, Technik an sich gibt, oder ob es Technologie, so wie für Ihde generell alles, nur in Kontexten und Beziehungen gibt. 

Ihde schafft also ein Bild von Technik und Technologie als Netzwerke von Beziehungen. Technologie ist eine vermittelnde Verbindung, nicht etwas, das abseits der Dinge steht oder von außen an diese herangetragen wird. Eine Uhr misst nicht nur die Zeit, die schafft eine konkrete Vorstellung von Zeit und durch diese Strukturierung schafft sie eigentlich überhaupt erst das, was sie in anderen Technik-Perspektiven nur zu messen vorgibt.

Bei all der Konzentration darauf, den Beziehungscharakter von Technik herauszuarbeiten, kann man Ihde durchaus entgegenhalten, wenig Substantielles zum Technikbegriff gesagt zu haben. Was ist nun Technik? Wie und wovon grenzen wir sie ab? Was ist keine Technik?

In den 80er Jahren war das ein neuartiger Weg; heute, wo sich dieser Gedanke durchgesetzt hat, wünscht man sich eher auch wieder konkrete Diagnosen. Ihde verweigert das und sieht in der Unschärfe neue relevante Wege zum Technologieverständnis.

Allerdings diagnostizierte auch Ihde schon Gegenwind zu diesen Positionen: In den 80er Jahren wurden erstmals seit langem wieder Sparmaßnahmen und Kürzungen in politischen Budgets diskutiert, allen voran in Thatcher-England; einige davon betrafen Wissenschaft und Universitäten. Viele Wissenschaftler hatten damals beklagt, dass diese Kürzungen auch auf die Aufweichung des Wissenschaftsbegriffs zurückzuführen seien. Wissenschaft, die einst harte Fakten geliefert habe, sei nun in vagen Relativismen verstrickt, die sogar Gesetze der Technik und Physik in Frage stellten – die Postmoderne dräute herauf (noch bevor Quantenmechanik dann zur vagen Generalentschuldigung jeder Unsicherheit wurde). Einen derart aufgeweichten Wissenschaftsbegriff könne niemand mehr finanzieren wollen, es sei kein Wunder, dass sich bei derart zerstörerischer Kritik von innen die Öffentlichkeit abwende. Wissenschaft und Technologie müssten mit Klarheit vorangehen. Ihde verwehrte sich dagegen – und rückte zusätzlich damals so avantgarditische Themen wie Umweltzerstörung, Nachhaltigkeit und Klimawandel in den Mittelpunkt des Philosophierens über Technik und Technikfolgen.

Zur gleichen Zeit entstanden im übrigen auch die ersten formellen Ansätze von Wissenschaftskommunikation, die ihrerseits auch noch ganz darauf ausgerichtet waren, Defizite im Publikum zu beseitigen, das der Wissenschaft eben noch nicht ausreichend Respekt und Aufmerksamkeit entgegenbringe, um die Klarheit und den Vorsprung der Wissenschaft zu schätzen. Wissenschaftskommunikation ist seither lange Wege zwischen Evangelismus, Clownerie, Wissenschaftsüberforderung, Besserwisserei und solider Öffentlichkeitsarbeit gegangen

Wo Ihde mit der Auflösung von Grenzen zwischen Technologie und Lebenswelten beschäftigt war, wünschen sich manche heute wieder schärfere Grenzen, mehr Respekt und klarere Ansagen. 

Das ist verständlich. Es ist aber nicht nur angesichts von Ihdes Ausführungen auch fragwürdig, Technik und Wissenschaft als losgelöste unabhängige Autoritäten betrachten zu wollen. 

Ihde hat die Verworrenheit von Technologie und Lebenswelt deutlich herausgestellt, seine Konzepte sind allerdings nicht besonders produktiv operationalisierbar. Im Vorwort deutet Ihde auch an, dass ein Text nur der erste einer Reihe ist, die neue und andere Technologiebegriffe herausarbeiten sollen. 

Wesentlich bleibt aber der Beziehungsaspekt, der integraler Bestandteil auch von Konzepten wie Technologie ist und auf vielfache Weise beschrieben wird: Ihde unterscheidet embodiment, hermeneutic, alterity und background relations. Vor allem die Analyse der alterity Relations (die Idee vom relevanten Anderen ist dabei von Lévinas entlehnt) eignet sich, um monolithische Technologiekonzepte in beziehungsorientierte Konzepte zurückzuübersetzen, Entropomorphismen zu entlarven und Debatten um Agency und Verantwortung von (nicht für) Maschinen anders zu betrachten.

Michael Hafner

Michael Hafner

Datenanalyst, Wissenschaftshistoriker, Technologiephilosoph

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