Es ist befremdlich, das Buch eines Theologen zu lesen. Ich denke, ich habe das tatsächlich noch nie gemacht. Ich hatte eine Kinderbibel, das war eines meiner liebsten Horrorstorys-Bücher im Volkschulalter, aber abgesehen von ein wenig Buddhismus- und Atheismus-Lektüre habe ich mich noch nie mit Theologischem beschäftigt.
Nächsten Monat bin ich in Saudi-Arabien und wollte Küngs Islam-Buch eigentlich dort lesen. Weil man aber mit dem Visaantrag eine Preisliste verbotener Aktivitäten ausgehändigt bekommt, zur Kenntnis nimmt, dass hier die Todesstrafe angewendet wird und darauf aufmerksam gemacht wird, dass man weder Drogen noch Pornografie noch Schriften, die zur Kritik am Islam anregen könnten, einführen möge, habe ich das Buch lieber vorher gelesen.
Küng betrachtet den Islam als Hoffnungsträger, als eine Religion, die sich gegen den konfrontativen Kurs der USA stellen könnte. Das Buch ist knapp 20 Jahre alt, der zweite Irak-Krieg war damals noch frisch und Samuel Huntingtons „Clash of Civilizations“ war noch keine zehn Jahre alt.
Das ist eine historische Fehleinschätzung, die fünf Jahre nach 9/11 vermutlich nicht mehr von allen geteilt wurde, aber verständlich sein mag.
Küng stellt die Geschichte des Islam dar, erklärt die Entwicklung unterschiedlicher Paradigmen im Lauf der Jahrhunderte, erklärt verschiedene Kalifen-Dynastien und bemerkt durchaus, dass islamische Lehren arabische Philosophie im Keim erstickten. Im Hochmittelalter war arabische Philosophie der europäischen meilenweit voraus; griechische Philosophie wurde zwischen 10. und 12. Jahrhundert auf dem Umweg über Arabien zurückimportiert. In einer kurzen Phase von Debatten zwischen Philosophen und Theologen siegten allerdings Theologen – die auf der Seite der Macht standen.
Küng schreibt gegen die Vorstellung des Islam als Bedrohung, räumt aber zugleich ein, dass sich Islam und Säkularismus deutlich weniger gut vertragen als Demokratie und andere Religionen.
Auch das kann eine Meinung sein. Gipfel des Ungewohnten für kritisch lesende Philosophen oder Historiker ist aber die Idee, tatsächlich am Text zu kleben. Nicht nur das, sondern auch die Idee, die jahrhundertealte Vorschrift, am Text kleben zu müssen, beim Wort zu nehmen. Es zähle nur der Koran – keine Interpretation, keine Modernisierung, keine entwickelte Exegese. Und das bei einem Text, der in allen Übersetzungen in nahezu jeder Zeile ergänzender Haupt- oder Zeitwörter bedarf, um überhaupt etwas auszusagen. Aus der Idee, es gebe nur einen Gott, einen Propheten und ein Buch Gottes leitet sich der scharfe Gegensatz zum Christentum ab, das zwar den gleichen Gott kennt, aber möglicherweise zwei weitere, die aber vielleicht auch nur einer sind. Die christliche Verrenkung der monotheistischen Dreifaltigkeit ist eine der schwächsten erzählerischen Leistungen unserer Kultur: Wenn der Allmächtige allmächtig ist, dann kann er mit in Menschen, Tauben, Gießkannen und anderen Vögeln begegnen. Auf dem Unterschied zwischen einem, dreien, drei in einem oder einem Mehrgestaltigen bauen Jahrhunderte an Kreuzzügen und anderen heiligen Kriegen.
Jeder in Fragmenten erhaltene Philosoph wird heute im Sinne der wohlwollenden Interpretation wie ein vernünftiger Mensch gelesen, der nicht klüger aber auch nicht dümmer war, als ein Mensch unserer Zeit. Religion und Theologie dagegen hoffen auf eine Magie der Schrift, die auch die absurdesten Storys in Logik verwandeln soll.
Religionen sind eine tolle Kulturleistung. Aber Religion und Theologie sollten nicht mehr Einfluss auf unser Leben haben als Felsmalerei und vorsokratische Philosophie.
Ein Gipfel verqueren theologischen Denkens sind Küngs Überlegungen zur Kopftuchdebatte. Die Perspektive der Unterdrückung der Frau kennt Küng als Theologe nicht, für ihn sind Vorbehalte gegenüber dem Hijab Ressentiments gegenüber dem Fremden und Angst vor Überfremdung und Zurückdrängung christlicher Kultur durch islamischen Einfluss. Aber wer, fragt Küng, könne sich denn ernsthaft durch Kopftuch tragende Volksschulmädchen bedroht fühlen? …






