Die Krise des Erklärens

In der Halbleiterproduktion werden Kristallstrukturen mit Bor-, Phosphor- oder Antimon-Atomen angereichert, um die Zahl der beweglicheren Valenzelektronen und damit die Leitfähigkeit beeinflussen. Dieser Vorgang wird als Dotieren bezeichnet. 

Neurale Netze sind Algorithmen und Datenstrukturen im Machine Learning, in denen Ergebnisse aus späteren Schritten in frühere Schritte zurückgespielt werden, um so Lernen und Entwicklung zu ermöglichen. Dieser Vorgang heißt Backpropagation.

Und, wissen Sie jetzt mehr als vorher?

Eine Antwort auf diese Frage hängt vor allem davon ab, was wir unter Erklären verstehen.

Wer Wert darauf legt, die Bedeutung von Begriffen zu verstehen, der weiß jetzt mehr. Aber wie kommen Atome wirklich in fremde Kristalle? Braucht es dazu Bohrlöcher? Funktioniert es wie Butterbrotschmieren? Warum bleiben Atome in fremden Elementen? Und was braucht man, um so einen Vorgang in Gang zu setzen?

Das sind andere Erwartungen, die an auf den ersten Blick eindeutige Begriffe gestellt werden können. 

Erklärungen sind etwas anderes als Definitionen, Demonstrationen, oder, in Geisteswissenschaften besonders beliebt, der Verweis auf bekannte Zitate. Auch Beispiele, Analogien und Modelle haben oft nur bedingten Erklärwert. Sie vereinfachen die Darstellung komplizierter Prozesse, aber wissen wir nach der Beschäftigung mit einem Modell oder einer Analogie nachher mehr als vorher? 

Sinnvolle Modelle erfüllen diesen Zweck. 

Erklärungen ermöglichen es, Prognosen abzugehen, Abläufe zu reproduzieren und Argumente und Gründe zu liefern. Erklärungen ermöglichen Entscheidungen und Handlungen. Sie gehen über das Lernen neuer Bezeichnungen hinaus. Erklärungen gestalten und schaffen Potenzial. Wer etwas erklärt bekommen hat, kann nachher mehr als vorher. 

Das ist nicht bei allem, das Erklären genannt wird, der Fall. 

Viele Erklärungen sind Machtansprüche. „Ich erklär dir was“ bedeutet in erster Linie, dass der Erklärende eine Position über seinem Gegenüber beansprucht. Er weiß oder kann mehr als der andere und wird diesen anleiten und kontrollieren. Umgekehrt funktioniert das im übrigen auch: „Erklär mir das“ kann ein passiv-aggressives Zur-Verantwortung-Rufen sein.

Erklärungen bedeuten Macht und Verantwortung. Das zeigt sich auch darin, dass das Fehlen von Erklärungen Trost bedeuten kann. Wer erklären kann, trägt die volle Verantwortung, wer sich etwas nicht erklären kann, will meist dafür auch nicht verantwortlich sein. Das kann tröstlich sein. 

Erklärungen funktionieren manchmal auch auf sehr persönliche Art und Weise: Sie können – wie Eselsbrücken – Beziehungen herstellen, Handlungen in Verbindung mit Konsequenzen bringen und damit im kleinen Kreis Transparenz und Kontrollierbarkeit schaffen. Diese Art von Erklärungen schafft Ordnung. 

All diesen Arten von Erklärungen ist gemein: Sie haben recht wenig Beziehung zu Ideen, die man als Wahrheit begreifen könnte. Es stellt sich gar nicht die Frage, ob sie wahr sind oder nicht, sie erfüllen bestimmte Funktionen. Oft reicht auch die Betonung des Worts „erklären“. Wenn etwas erklärt wurde, ist die Sache geregelt. Wer noch immer nicht verstanden hat, hat ein Problem. Das lässt außer Acht, ob die Erklärung auch als solche akzeptiert wurde. Erklären ist hier wieder eine Machtfrage.

Königsdisziplin dieser Spielart von Erklärungen sind performative Erklärungen. Den Sieger eines Boxkampfs gibt es erst dann, wenn der Ringrichter dessen Hand hochhebt und ihn damit zum Sieger erklärt. Kriegserklärungen sind performative Akte, Regierungserklärungen sind performative Akte, die an Traditionen und Rituale appellieren. In diesen Fällen sind Macht oder Amt des Erklärenden die wesentlichen Entscheidungsfaktoren. 

Wer weder über Macht noch Amt verfügt, ist darauf angewiesen, wie seine Erklärungen ankommen. Erklärungen müssen überzeugen und werden damit zu Bekehrungen. 

Sind Erklärungen Glaubenssache? 

Natürlich kennen wir das Ideal der rationalen, zwingenden und eindeutigen Erklärung, die keine Alternativen lässt, als sie zu akzeptieren. Aber welche und wie viele solcher Erklärungen kennen Sie? Welche Arten von Erklärungen verpacken alle relevanten Grundlagen und Argumente und sind nicht auf andere Grundlagen, auf die Akzeptanz anderer Erklärungen angewiesen? Welche Erklärungen kommen ohne Werte aus? Welche ohne Zielsetzungen, die anzustreben man voraussetzt?

Erklärungen ermöglichen Handlungen oder Prognosen, darauf haben wir uns eingangs geeinigt. Damit sind sie nützlich, sie erfüllen einen Zweck. Und diese Annahme ermöglicht es, über den Umweg des Funktionierens über richtig und falsch zu entscheiden. Richtig ist, was nützlich ist und funktioniert. Anderes ist falsch. 

Aber ist das schon alles, was wir über die Merkmale gelingender Erklärungen feststellen können? 

Es ist jedenfalls nicht wenig. 

Wittgensteinianer fangen in diesen Momenten an, von Angeln zu reden. Angeln sind die Grundlagen, Zielsetzungen oder vorweggenommenen Argumente, die Erklärungen möglich machen. Angeln können nicht weiter infrage gestellt werden, wenn das auf ihnen Aufbauende funktionieren soll. Aber sie können ausgetauscht werden.

Rationale Skeptiker können gut damit leben, dass es für die relevantesten Grundlagen keine zufriedenstellende letztgültige Erklärung gibt. Denn würde man diese suchen – man müsste die Tür zur Rumpelkammer öffnen. Und auch dort würde man nicht fündig werden. 

Das ist nicht die Krise des Erklärens. Der Begriff des Erklärens ist heute oft überstrapaziert. Viele Erklärungen sind bloß Performances, die nichts anderes vermitteln, als dass der Erklärende die Position des Wissenden beansprucht. Die eigentliche und kritische Krise des Erklärens herrscht dort, wo Überzeugen, Verordnen oder Performen mit rationalem Begründen verwechselt werden. Damit können rationale Skeptiker nicht gut umgehen. Und das sollten sie sich beibehalten.

Hans Küng: Der Islam

Es ist befremdlich, das Buch eines Theologen zu lesen. Ich denke, ich habe das tatsächlich noch nie gemacht. Ich hatte eine Kinderbibel, das war eines meiner liebsten Horrorstorys-Bücher im Volkschulalter, aber abgesehen von ein wenig Buddhismus- und Atheismus-Lektüre habe ich mich noch nie mit Theologischem beschäftigt

Nächsten Monat bin ich in Saudi-Arabien und wollte Küngs Islam-Buch eigentlich dort lesen. Weil man aber mit dem Visaantrag eine Preisliste verbotener Aktivitäten ausgehändigt bekommt, zur Kenntnis nimmt, dass hier die Todesstrafe angewendet wird und darauf aufmerksam gemacht wird, dass man weder Drogen noch Pornografie noch Schriften, die zur Kritik am Islam anregen könnten, einführen möge, habe ich das Buch lieber vorher gelesen. 

Küng betrachtet den Islam als Hoffnungsträger, als eine Religion, die sich gegen den konfrontativen Kurs der USA stellen könnte. Das Buch ist knapp 20 Jahre alt, der zweite Irak-Krieg war damals noch frisch und Samuel Huntingtons „Clash of Civilizations“ war noch keine zehn Jahre alt. 

Das ist eine historische Fehleinschätzung, die fünf Jahre nach 9/11 vermutlich nicht mehr von allen geteilt wurde, aber verständlich sein mag. 

Küng stellt die Geschichte des Islam dar, erklärt die Entwicklung unterschiedlicher Paradigmen im Lauf der Jahrhunderte, erklärt verschiedene Kalifen-Dynastien und bemerkt durchaus, dass islamische Lehren arabische Philosophie im Keim erstickten. Im Hochmittelalter war arabische Philosophie der europäischen meilenweit voraus; griechische Philosophie wurde zwischen 10. und 12. Jahrhundert auf dem Umweg über Arabien zurückimportiert. In einer kurzen Phase von Debatten zwischen Philosophen und Theologen siegten allerdings Theologen – die auf der Seite der Macht standen. 

Küng schreibt gegen die Vorstellung des Islam als Bedrohung, räumt aber zugleich ein, dass sich Islam und Säkularismus deutlich weniger gut vertragen als Demokratie und andere Religionen. 

Auch das kann eine Meinung sein. Gipfel des Ungewohnten für kritisch lesende Philosophen oder Historiker ist aber die Idee, tatsächlich am Text zu kleben. Nicht nur das, sondern auch die Idee, die jahrhundertealte Vorschrift, am Text kleben zu müssen, beim Wort zu nehmen. Es zähle nur der Koran – keine Interpretation, keine Modernisierung, keine entwickelte Exegese. Und das bei einem Text, der in allen Übersetzungen in nahezu jeder Zeile ergänzender Haupt- oder Zeitwörter bedarf, um überhaupt etwas auszusagen. Aus der Idee, es gebe nur einen Gott, einen Propheten und ein Buch Gottes leitet sich der scharfe Gegensatz zum Christentum ab, das zwar den gleichen Gott kennt, aber möglicherweise zwei weitere, die aber vielleicht auch nur einer sind. Die christliche Verrenkung der monotheistischen Dreifaltigkeit ist eine der schwächsten erzählerischen Leistungen unserer Kultur: Wenn der Allmächtige allmächtig ist, dann kann er mit in Menschen, Tauben, Gießkannen und anderen Vögeln begegnen. Auf dem Unterschied zwischen einem, dreien, drei in einem oder einem Mehrgestaltigen bauen Jahrhunderte an Kreuzzügen und anderen heiligen Kriegen. 

Jeder in Fragmenten erhaltene Philosoph wird heute im Sinne der wohlwollenden Interpretation wie ein vernünftiger Mensch gelesen, der nicht klüger aber auch nicht dümmer war, als ein Mensch unserer Zeit. Religion und Theologie dagegen hoffen auf eine Magie der Schrift, die auch die absurdesten Storys in Logik verwandeln soll.

Religionen sind eine tolle Kulturleistung. Aber Religion und Theologie sollten nicht mehr Einfluss auf unser Leben haben als Felsmalerei und vorsokratische Philosophie. 

Ein Gipfel verqueren theologischen Denkens sind Küngs Überlegungen zur Kopftuchdebatte. Die Perspektive der Unterdrückung der Frau kennt Küng als Theologe nicht, für ihn sind Vorbehalte gegenüber dem Hijab Ressentiments gegenüber dem Fremden und Angst vor Überfremdung und Zurückdrängung christlicher Kultur durch islamischen Einfluss. Aber wer, fragt Küng, könne sich denn ernsthaft durch Kopftuch tragende Volksschulmädchen bedroht fühlen? …