IEEE 7000 – Von wem soll Technik Ethik lernen?

IEEE 7000 – Von wem soll Technik Ethik lernen?

Technik soll Ethik lernen. Das ist aber in den seltensten Fällen in vernünftige Algorithmen verpackbar

Technik soll Ethik lernen – mit dem IEEE 7000 gibt es auch seit einem halben Jahr den passenden Standard dafür. Das klingt vielversprechend. Ethische Überlegungen sollen schon in frühen Phasen, möglichst in der Modellierung von Systemen einfliessen und sicherstellen, dass IT und andere Technik nicht nur einfach den schnellsten und direktesten Weg gehen, sondern auch das Gute für die Gesellschaft im Blick behalten.

 Wessen Gutes, muss man da gleich fragen, und was ist eigentlich gut? – Das wären ja Fragen, die ohne weiteres in jedem Konzeptionsprozess gestellt werden könnten. Sie müssten auch gestellt werden, auch wenn das aufwendig und redundant klingt. Es ist schließlich ein zunehmend wichtiges Merkmal, das Technik und vor allem Informationstechnologie auszeichnet: Sie kann praktisch unverändert in unterschiedlichsten Szenarien überall auf der Welt zum Einsatz kommen – und bedeutet dort unter Umständen jedes Mal und immer wieder etwas anderes. Dazu müssen wir keine großen kulturellen Unterschiede zwischen Kontinenten strapazieren. Die unterschiedliche Einstellung verschiedener Menschen, gerade auch von ITlern älterer Semester, zu Smartphones ist schon ausreichend.

Standards sind sinnvolle Prozessrichtlinien. Ethische Standards können Eckdaten vorgeben. Wenn gerade Techniker in Diskussionen soziale Beliebigkeit, Relativismus und „Postmoderne“ beklagen, muss man skeptisch werden. Und gerade das habe ich in den letzten Monaten, seit sich der IEEE 7000-Standard um Bekanntheit bemüht, öfters gehört. Philosophie und Sozialwissenschaften hätten ja die Wahrheit aufgegeben – und deshalb seien Standards wichtig, deshalb müssen eben andere Bereiche einspringen. Das halte ich für ein Missverständnis. Die Möglichkeit, Aussagen zu relativieren, also sie in einen Kontext zu stellen, ihre Gültigkeit im Licht unterschiedlicher Voraussetzungen einzuschätzen, ihre Voraussetzungen und ihre Konsequenzen infrage zu stellen, ist keine Sache von Postmoderne, Beliebigkeit oder Verzicht auf Wahrheit. Das ist im Gegenteil die konsequente Fortsetzung der grundlegendsten demokratischen Prinzipien, das ist nichts anderes als die Weigerung, Autoritäten nur um ihrer Autorität willen zu akzeptieren – und nicht aus sachlichen Gründen, die man feststellen kann, oder aus sozialen oder politischen Gründen, die man verhandeln muss.

Die Aufforderung, diesen „postmodernen“ relativierenden Kram zur Seite zu schieben, unterscheidet sich nur graduell vom Ruf nach neuen Autoritäten – und sie verkennt die sachliche Stoßrichtung von Absolutismus-Kritik. Der angeblich jeden Unsinn als gleichwertige Wahrheit behandelnde Radikal-Relativismus existiert praktisch nur in den Karikaturen seiner Gegner. Selbst radikale Standard-Kritiker wie der besonders gern missverstandene Paul Feyerabend richten ihre Kritik (und die noch lieber missverstandene „Anything goes“ Maxime) auf Methoden, nicht auf Ergebnisse.

Relativismus und „Postmoderne“ (das Konzept funktioniert leider nur noch unter Anführungszeichen) eignen sich also dafür, Autoritäten und andere Wahrheitsquellen auf den Prüfstand zu stellen, um ihnen dann einen nachvollziehbaren Platz zuzuweisen. Das ist grundsätzlich nichts, was beklagt werden müsste. Das vermeintliche Schreckgespenst des Relativismus zu relativieren ist auch eine redundante und teilweise lästige, aber nicht überfordernde Angelegenheit.

Allerdings ist es tragisch, wenn der unbedachte Ruf der Relativismus-Skeptiker nach Autoritäten die Debatte abzukürzen versucht und – gerade bei der Suche nach ethischen Standards und gesellschaftlich nützlicher Technologie – das Ergebnis vorwegnehmen möchte. In einer Diskussion über digitale Kriegsführung stellte unlängst tatsächlich ein Technologiemanager die Vermutung in den Raum, dass die Welt wohl anders wäre, wenn ein tatsächlich (technisch) neutraler, überall erreichbarer Informationskanal Menschen auf der ganzen Welt, vor allem in Russland, die Wahrheit vermitteln würde. – Es müsste doch das Ziel von Technologie im Dienst der Gesellschaft sein, solche Werkzeuge zu schaffen. 

Das ist eine süße Vision eines alternden „Realisten“, also eigentlich Absolutisten. Zugleich ist es ein groteskes Beispiel für die Verabsolutierung der eigenen Perspektive, der eigenen Sozialromantik und für die Ignoranz gegenüber Realitäten, die sonst so gern Relativisten und Postmodernen unterstellt wird.

Um die Groteske zu erfassen müssen wir noch gar nicht darüber nachdenken, was in diesem Fall als Wahrheit gelten soll und nach welchen Kriterien sie im Einzelfall festgestellt und verbreitet (oder eben nicht) werden soll. Es würde reichen, uns vor Augen zu führen, dass diese Vorstellung keine Vision der Zukunft ist. Es ist ein Bild aus der Vergangenheit.

Ein neutrales, überall erreichbares, nur minimalen politischen Einflüssen unterliegendes Internet hatten wir schon. Dann haben wir aus verschiedensten Überlegungen – kommerzielle, politische aber auch gut gemeinte soziale über den Nutzen für die Gesellschaft – die Desinformationsmaschine wachsen lassen, die das Internet heute ist. Eine Maschine, die sich aus einer Vielzahl von Perspektiven als das beste für die Gesellschaft erklären lässt – je nachdem, welchen Standards man folgen möchte.

Gegenüber solchen Ansätzen habe ich als Relativist einen weit radikaleren Realismusbegriff als solche Relativismuskritiker, die ihre eigene Vorstellung gern als Wahrheit ansetzen möchten und dabei die Augen davor verschließen, dass die Antwort auf ihre Vision schon lange auf sie wartet. Insofern bin ich skeptisch ob Standards, die Technikern allein überlassen bleiben, nicht-technische Probleme von Technologie lösen können.

Michael Hafner

Michael Hafner

Datenanalyst, Wissenschaftshistoriker, Technologiephilosoph

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