Redundanz statt Happy End

Redundanz statt Happy End

Ohne Narrativ bis du niemand. Früher brauchten Narrative ein Happy End, heute reicht ihnen Redundanz, um Menschen in ihren Bann zu ziehen.

Die Situation ist ernst, aber wir können uns nicht mit dem Gedanken anfreunden, die Welt nicht unter Kontrolle zu haben – deshalb müssen wir so tun, all ob wir daran glauben würden, dass Technologie auch die aktuellen großen Probleme lösen wird, deshalb müssen wir noch immer Geschichten mit Happy End erzählen. So oder ähnlich lautete der Befund von Philip Blom diese Woche bei einer Diskussion im Angewandte Interdisciplinary Lab.

Ich habe Zweifel. 

Dabei zweifle ich gar nicht so sehr an der Wahrscheinlichkeit eines unkontrollierten Ausgangs unserer aktuellen Multiproblemlagen, ich habe Zweifel an der Tendenz zum Happy End. Die Wort- und Meinungsführer unserer Zeit machen sich in aller Regel kaum noch die Mühe, Happy End-Stories zu entwickeln. Probleme, Meinungen und Situationen sind vielfach auch zu divers um sich darauf einigen zu können, was erstens ein Ende und zweitens happy sein könnte. Statt Stories zu erfinden beschäftigen wir uns mit als Stories erzählten Problemen. Die Diagnose ist die Königsdisziplin in der Diskussionslage unserer Zeit; dass es auch eine Therapie geben könnte, haben wir vielfach vergessen.

Nachdem sich die Diagnose nicht durch eine Therapie oder andere Lösungen als Form des Realitätschecks beweisen kann, braucht sie andere Formen der Selbstvergewisserung. Diese findet sie in der Redundanz.

Immer mehr Menschen wiederholen immer öfter die gleichen Worte. Ich formuliere das gezielt so umständlich, denn ich bin mir nicht sicher, ob sie das gleiche sagen oder dasselbe meinen. Sie verwenden ähnliche, oft idente Worte und Formulierungen, können einander zustimmen, ohne sich über die Bedeutung ihrer Worte austauschen zu müssen und tragen so zur immer weitere Kreise ziehenden Redundanz unklarer Aussagen zu. 

Die Aussagen sind vielleicht unzutreffend oder möglicherweise sogar sinnlos – aber wenn alle („alle“ muss hier im Licht des schönen Wortes salient verstanden werden: alle sind die , von denen ich will, dass es alle sind, von denen ich meinen Horizont abstecken lassen möchte) das sagen, dann muss es richtig sein. Wer wäre ich denn, mich dagegen zu stellen?

Redundanz ist tröstlich. Die Wiederholung schafft Vertrautheit und Nestwärme. Und zugleich verstellt sie die mögliche Sicht auf anderen Perspektiven, die zusätzliche Facetten eines Problems erkennen lassen würden, die vielleicht weiteres zu einer Lösung beitragen könnten. 

Damit leistet Redundanz, vielleicht ist es ja auch Entropie, auf allen Ebenen das gleiche wie die Sehnsucht nach einem Happy End: Sie tröstet, verstellt den Blick auf das Problem und behütet davor, handeln zu müssen.

Diese Theorieebene mutet ein wenig abstrakt an.

Woran lässt sich das konkret festmachen? 

Alle Guten fühlen sich wohl mit Stehsätzen wie „Bildung ist so wichtig“, „Menschenrechte!“ oder: „Wir erleben einen dramatischen Fachkräftemangel.“ 

Als Menschenrechte erfunden wurden, galten sie nicht für alle Menschen. Bildung hat, je nach Perspektive, eine dynamisch-durchlässige Grenze zu nutzlosem Wissen. Aber bleiben wir beim banalsten praktischen Problem: „Der Fachkräftemangel!“ 

Diese Bedrohung unseres Wohlstands wird seit gut fünf Jahren thematisiert. Pandemie, Lockdowns, Kurzarbeit, Ausfallszahlungen haben für viele Menschen die rein wirtschaftlichen Grenzen zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit weiter verschwimmen lassen. Fachkräftemangel ist seit dem Abklingen der Pandemie ein dominierendes Thema – und eines, das sich auch praktisch bemerkbar macht. Florierende Bäckereien müssen trotz großer Nachfrage Schließtage einführen, weil es an Personal fehlt. Gastronomen können keine zusätzlichen Locations bespielen, weil es an Personal fehlt. Findige UnternehmerInnen können ihre neue App-Idee nicht umsetzen lassen, weil es an Personal fehlt. 

Was bedeutet Fachkräftemangel? 

Gibt es weniger Menschen? Sind aussterbende spezialisierte Fachkenntnisse gefragt? Sind arbeitende Menschen unverantwortlich gierig? 

Oder ist vielleicht das Anstellungsmodell, in dem Fachkräfte üblicherweise gesehen werden, einfach keine heute attraktive Vision mehr? Warum sollen UnternehmerInnen flexible Vertrauensarbeitszeit und Pflegeurlaub und Verkehrszuschüsse und Umzugsfreitage und vierzehn Gehälter und Urlaub und Freistellungen für Amtswege finanzieren? Warum sollten Angestellte Präsenz statt Effizienz bieten, sich von Konkurrenzklauseln beschneiden lassen, mit Mehrfachversicherungen Geld verlieren, Rechte an Innovationen und Ideen an das Unternehmen verlieren oder ihr Leben einer intransparenten Dienstplaneinteilung unterordnen? 

Es gibt viel konkrete Möglichkeiten, was die abstrakte Formulierung eigentlich bedeuten könnte. 

Die Möglichkeiten liefern viele Angriffspunkte. Ob die Beschäftigung mit diesen Erfolg bringt, ist ungewiss. Viel gewisser ist, dass die redundante Wiederholung der Abstraktion vielmehr Trost bringt. Denn sie schafft Einigkeit und das Gefühl, verstanden zu werden und zu verstehen.

Das ist um einiges tröstlicher, als tatsächlich zu verstehen. Denn dann wird auch klar, dass damit noch nichts gewonnen ist. Es wartet das nächste Problem, oder noch schlimmer: es muss etwas getan werden. Und das sind eher die Gegenteile von Happy Ends, es sind ja nicht mal ordentliche Enden. 

Narrativ und Storytelling gelten als Essenz aller Vorhaben. Wiedererkennbare eingängige Geschichten könnten auch ihre Vorteile haben. Sie sind praktische Abkürzungen und Generalisierungen, es sind Vereinfachungen, denen es gelingt, mit wenigen Andeutungen ein gemeinsames Bild zu schaffen, das in den Köpfen aller ähnlich aussieht. 

Die Stärke starker Storys sollte es sein, sie spätestens beim dritten Mal mich mehr erzählen zu müssen. Die Reaktion auf eine zum dritten Mal erzählte Story sollte sein: “Jaja, wissen wir, weiter, was jetzt?” Weil aber Narrative so beliebt und gemütlich sind, wiederholt man sie aber wieder und wieder. Es ist angenehmer, am Lagerfeuer sitzen zu bleiben und Geschichten zu wiederholen.

Insofern könnte man auch infrage stellen, ob es wirklich ein Symptom einzigartig schnellen Technologiewandels ist, dass wir so ratlos sind. Das lähmende Lagerfeuer war für Vilem Flusser schon das Fernsehgerät; Dystopien sind nicht neu. Vielleicht macht es uns ja auch aus, uns in Narrativen zu verlieren. 


Die Zukunft, findet Blom übrigens, gehört den Mikroben. Von diesen sind noch keine Narrative bekannt.

Michael Hafner

Michael Hafner

Partner bei gold super extra, Herausgeber beim Journal Ahnungslos, Autor.

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