Maria Aljochina: Political Girl

Maria Aljochina: Political Girl

Tagebuchartige Notizen erzählen von der Wohldosiertheit des Terrors im russischen Alltag.

Man kann in Moskau wohl in Cafés sitzen, tolle Ausstellungen besuchen und sich über niedrige Energiekosten freuen – oder man kann zwischen Demos, Arresttagen und Straflagern umherirren. Die Dosiertheit des Terrors ist der faszinierendste und erschreckendste Moment an den Aufzeichnungen von Pussy Riot-Aktivistin Maria Aljochina. 

Die tagebuchartigen Notizen beschreiben Aljochinas zehn Jahre nach der Entlassung aus dem Straflage bis zur Ausreise aus Russland. Aktionen, Demoteilnahmen und schlichte Schikanen von Polizei und Justiz ziehen Strafgelder, Arresttage und Hausarrest in einem endlosen Kreis nach sich. Aneinandergereihte kurze Haftstrafen von zwei oder drei Wochen können für geringfügig Anlässe verhängt werden, dahinter drohen Straflager und längere Haftstrafen. 

Nach Polizisten geworfene Plastikflaschen können den Anlass für Jahre im Straflager bilden. Polizisten sagen vor Gericht aus, dass das „bedrohliche Knistern“ der neben ihnen aufschlagenden Plastikflasche Angst und schwere psychische Belastungen ausgelöst hat. Nicht alle Polizisten: Einer kündigt den Dienst, um nicht aussagen zu müssen. 

Viele im Justiz- und Exekutivsystem glauben nicht mehr daran – aber sie vollziehen es aus Angst, Alternativlosigkeit und Phantasielosigkeit. Inspektoren, die den Hausarrest überwachen sollen, sind vom Arrest fast ebenso gestresst wie die Eingesperrten. Letztlich läuft vieles auf die Frage hinaus: Wozu? Warum nicht einfach aufgeben, das in den engen Grenzen mögliche Leben annehmen oder das Land verlassen? Denn das System Putin legt es gar nicht so sehr darauf an, einzelne AktivistInnen zu bestrafen – es will sie aus dem Weg haben, es will Störfaktoren beseitigen. 

Pausen zwischen Urteil und Haftantritt und das kaskadierend strenger werdende System scheinen sogar darauf angelegt zu sein, Menschen Anreiz und Gelegenheit zur Flucht zu geben: Sie wissen, dass sie Haft antreten müssen oder dass sie einer strengeren Verurteilung entgegensehen, während sie noch einige Tage in Freiheit verbringen. 

Aljochina trauert um jeden, der das Land verlässt, Alexej Nawalny ist zurückgekehrt, obwohl er in Sicherheit war und sehr wahrscheinlich war, dass er seine Rückkehr nicht lange überleben würde. 

In den ersten Jahren nach dem Straflager konnte Aljochina noch reisen. Sie berichtet von Putin-Verstehern unter Harvard-Studierenden, nach Moskau eingeladenen Künstlern und Influencern, die von der Offenheit und Energie Moskaus schwärmten. Woke EuropäerInnen sind neben vereinzelten Mitarbeitern in Polizei und Justiz und für einen Hungerlohn nach Moskau gelockten GastarbeiterInnen die einzigen, die Positives im System Putin sehen. Telegram-Gründer Pawel Durow wird kurz erwähnt, in Aljochinas knapper Darstellung ist er eher ein Dissident, der ebenfalls das Land verlassen hat (in Europa gilt er als fragwürdiger Libertärer, der auch die Zusammenarbeit mit demokratischen Regierungen verweigert und sein persönliches Samenspenden-Programm ins Leben gerufen hat). 

Links, rechts, queer, straight, progressiv, reaktionär, ausreisen, bleiben, Straflager, Flucht, in Aljochinas Erzählung verschwimmen viele Grenzen. Inklusive der Grenzen zwischen Diktatur und Demokratie, Regierung und Terror, Frieden und Krieg. Ist es denn so schlimm, auf Demonstrationen, Aktionen und regierungskritische Publikationen zu verzichten? Sind Drohnen und andere Luftraumverletzungen in Europa ein Problem? Wie kann man die Eskalation stoppen, gibt der Klügere nach? 

Nein. 

Bücher wie die Aufzeichnungen von Maria Aljochina sind wichtig, um die Grenzen zwischen Terror und Normalität, die fließenden Übergänge zwischen Regierung und Demokratie vor Augen zu behalten. Anders als Nawalnys Aufzeichnungen, die mit dessen Tod enden (für mich eines der packendsten Bücher der letzten Jahre), endet Aljochinas Buch mit ihrer Ausreise. Es braucht drei Versuche, Glück, in der Bürokratie verlorene Grenzpolizisten und plötzlich, wie ein Irrtum, ist der Weg frei.

Michael Hafner

Michael Hafner

Daten- und Digitalisierungsexperte, Wissenschafts- und Technologiehistoriker, Informatiker und Journalist

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