David Marx: Blank Space

David Marx: Blank Space

Die Popkultur unseres Jahrhunderts ist eine Leerstelle, die an wirtschaftlichen und politischen Kriterien gemessen wird statt an künstlerischen. Das ist auch ein soziales und politisches Problem.

Als selbstkritischer Kulturkonsument empfindet man es mitunter als persönliche Alterserscheinung, wenn zeitgenössische Kunst und Kultur, vor allem Populärkultur, hartnäckig nichtssagend erscheinen. David Marx, deutlich jüngerer Kulturkritiker, möchte herausarbeiten, dass diese Leere in Populärkultur und Avantgarde des 21 Jahrhunderts durchaus System hat. Kultur ist heute für ihn eine Leerstelle, die nicht mehr wegweisend ist, sondern sich eher an der Vergangenheit orientiert und in Revivals, Zitaten und sicheren Fahrbahnen bleibt. Wirtschaft und Technik stellen aktuellere Fragen, Kultur hinkt hinten nach und stellt auch gar keinen Anspruch mehr, in irgendeiner Form avantgardistisch zu sein. Erfolg ist relevanter als Originalität, Experimente sind etwas für Nerds und Loser. Popularität ist eine Geschäftsgrundlage zur Vermarktung von Mode- und Accessoire-Linien, nicht der Beginn neuer kultureller Strömungen. 

Die Popkultur des 20. Jahrhunderts habe sich gelegentlich noch gegen Ausverkauf und überbordende Kommerzialisierung gewehrt. In der Frühphase des Internet versprach die Idee des Long Tail noch kleine Stücke am Erfolgskuchen für alle, das verhieß Diversität und neue Chancen. Allerdings ist dieser Long Tail-Effekt nicht eingetreten; Marx bezeichnet die Idee als cyberlibertäres Versprechen.

Aus amerikanisches Perspektive ist 9/11 ein wichtiges Ereignis auf dem Weg zum neuen Kulturverständnis. Für Marx geht mit den Anschlägen der Tod der Ironie einher, seither könne man sich nicht mehr über Patriotismus, Ölbarone und andere Elemente des amerikanischen Establishment lustig machen. Gegen die Betroffenheit und kulturelle Ratlosigkeit have sich edgy Konservatismus als neue Position entwickelt. Dabei war der Übergang fließend von white male hedonism (harmlos Bier trinken, feiern und Unsinn reden) konservativer (weißer und männlicher) Hegemonie. Posterboy dieser Entwicklung ist Gavin McInnes, den sein Weg vom punkigen Undergroundmagazin Vice zur Neonazi-Organisation Proud Boys führte (die maßgeblich am Sturm auf das Kapitol beteiligt waren; McInnes war damals kein Proud Boy mehr). Konservative Haltungen konnten provozieren und erzeugten gleichzeitig ein gemütliches Kokon der Rechthaberei. 

Das popkulturelle Pendant zu konservativem Hedonismus ist Poptimismus: Hier gilt kommerzieller Erfolg als Qualitätkennzeichen, Experiment und Innovation sind demgegenüber bedeutungslos. Ikonen des Poptimismus sind Taylor Swift (die eher in wirtschaftlichen und politischen als in künstlerischen Dimensionen gemessen wird), Jay-Z (der erklärterweise Milliardär werden wollte) oder Kanye West (der seinen Kampf um kulturelle Anerkennung mit Erfolg in der milliardenschweren Modeindustrie kombiniert). 

Was nicht kommerziell erfolgreich ist, ist irrelevant, brotloses Forschen und Experimentieren sind bemitleidenswert. Grundsätzlich kritische Beobachter ziehen sich häufig auf den Standpunkt des zuvorkommenden Wohlwollens zurück: Ich finde es nicht gut, aber wenn es Erfolg hat, wenn es das Gefühl der Zeit trifft, wird es richtig sein. Das ist ein Spagat zwischen Selbstaufgabe und Paternalismus, aus dem sich keine sinnvolle Kritik formulieren lässt. 

2014 war es wohl noch ein kleiner Skandal, als Kanye West und Kim Kardashian das Cover der amerikanischen Vogue zierten: Der kommerzielle Pöbel drängte in die Welt von Mode und Kunst. Wenig später war Kanye Wests Styleberater Virgl Abloh Kreativchef von Louis Vuitton. Und heute müssen auch kommerziell erfolgreiche Popikonen die Konkurrenz von Influencern zur Kenntnis nehmen, der wesentliche Qualifikation es ist, stets und überall präsent zu sein. 

Auch das ist eine bemerkenswerte Transformation des 21. Jahrhunderts bisher: Der archetypische Internetuser hat sich vom anonymen an Detailwissen orientierten und interessierten Foren-Lurker zum dauerpräsenten Creator verwandelt, der sein Gesicht und seine Persönlichkeit bei jeder Gelegenheit hervorkehrt. Mit welchem Ziel? Geschäfte machen zu können. Königsklasse des Influencer-Erfolgs sind eigene Brands. 

Parallel dazu hat sich die digitale Welt von einem optimistischen Ökosystem (Kreativität, Vernetzung, Demokratisierung) zu einer pessimistischen Grundhaltung (Überwachung, kritische Geschäftsmodelle des Plattformkapitalismus) hin zu einer nihilistischen Grundhaltung entwickelt (der Kernwert ist kommerzialisierbare Reichweite). Den damit einhergehenden Flirt mit libertären und zum Teil faschistischen Tendenzen hat David Golumbia näher beschrieben. 

Kultur ist also langweilig, kann konservativer und reaktionärer Politik nichts entgegensetzen (sie allenfalls befeuern). Wie kommen wir hier raus? 

Marx beendet sein Buch mit fünf Grundsätzen: 

  • Kulturschaffende mögen soziale Normen neu definieren und durchsetzen. Das erfordert Ausdauer und verträgt sich nicht mit der Idee des schnellen und exponentiellen Erfolgs. 
  • Kultur solle als Ökosystem betrachtet werden, in dem Positionen miteinander interagieren, in dem sich Entwicklungen langsam vollziehen – und in dem der milliardenschwere Superstar nicht die Regel ist. 
  • Kulturschaffende sollen in kleineren Communities agieren, in denen Ideen und Positionen geschärft, ausformuliert, weiterentwickelt werden können, anstatt sie sofort auf möglichst universellen Erfolg zu bürsten. 
  • Kulturschaffende sollten den Kanon ihrer Branche wieder lernen, um zu verstehen, warum sie was ablehnen und anders machen. Die Naivität historisch unbeleckter Originalität ist bedauernswert und beleidigend für den Konsumenten (nur wissen das viele von diesen nicht). 
  • Und schließlich möge man sich nicht nach dem Publikum oder dessen Nutzungsdaten richten; das Publikum weiß noch nicht, was es will – einer der Leitsätze von Steve Jobs; hier trifft sich Kultur wieder mit Technologie und Wirtschaft. 

Lustigerweise ist das ziemlich genau das Gegenteil des Programms, das Bret Easton Ellis vor einigen Jahren formuliert hat: Wozu Bücher schreiben, wenn man mit ein paar Instagram-Posts quasi den gleichen Effekt erzielen kann? Ellis hat glücklicherweise später dann doch wieder Bücher geschrieben. 

Ich kann bei allen von Marx Grundsätzen mit, ich teile auch seine Diagnose und großteils deren Bewertung. Dennoch habe ich eine grundlegende Skepis gegenüber jeder Lösung, die letztlich besagt: Machen wir es doch wieder wie früher. Das kann ein Teil der Lösung sein. Aber es fehlt noch der Sicherheitsgurt, der die nächsten 25 Jahre des Jahrhunderts davor bewahrt, wieder nur nackte Leerstellen zu schaffen. 

Michael Hafner

Michael Hafner

Daten- und Digitalisierungsexperte, Wissenschafts- und Technologiehistoriker, Informatiker und Journalist

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