Paul Watzlawick, Die erfundene Wirklichkeit

Paul Watzlawick, Die erfundene Wirklichkeit

Mathematik ist Glaubenssache, aber ohne Alternative.

Watzlawick und die Konstruktivisten – das hat auf den ersten Blick etwas hart an der Esoterik Vorbeischrammendes und erinnert an grüne Vor-Gründerzeiten, als Stricken das Gebot der Stunde war. Das ist aber eine grobe Fehleinschätzung. In diesem Sammelband aus den frühen 80ern versammelt Watzlawick, damals Forscher in Stanford, eine Reihe der führenden Köpfe der Zeit (von Förster über Riedl bis Varela) und führt in ein Thema ein, das schon damals 20 Jahre alt war, aber heute noch neu und ungewohnt ist. 

Die einzelnen Essays dieses Bandes erklären Konstruktivismus ohne den technifizierten Quantenmechanikspeak, mit dem das Thema, wenn überhaupt, heute verhandelt wird – und trotzdem kommt im übrigen Schrödinger selbst zu Wort (auch ohne Quantenjargon, aber dazu später).

Ziel des Sammelbands ist es, Grundideen des Konstruktivismus greifbar zu machen. Heinz von Foerster etwa erklärt Erkennen als rekursives Errechnen, also als eine produktive Tätigkeit. Und er postuliert ästhetische und ethische Imperative. Ästhetik für den Konstruktivisten bedeutet: „Willst du erkennen, lerne zu handeln.“ Ethik beharrt darauf, Optionen zu eröffnen: „Handle stets so, dass weitere Möglichkeiten entstehen.“ In beiden Fällen steht Handeln im Mittelpunkt, und es schafft, was dann Wirklichkeit wird. Wirklichkeit, das gilt für Foerster und Rupert Riedl, ist Gemeinschaft. Auch damit sind sie nicht allein. Wirklichkeit im Sinn gemeinsam anerkannter Realität als Verhandlungssache – die Idee findet sich in vielen Ansätzen, nicht zuletzt auch in relativistischen oder kommunitaristischen Positionen.

Dieser soziale und konstruktive Aspekt von Realität wird von verschiedenen Seiten bearbeitet. Watzlawick führt sogar Popper und dessen Ödipus-Effekt (nicht -Komplex) ins Feld. Der Ödipus-Effekt ist eine Art Selffulfilling Prophecy: Etwas tritt nur ein, weil wir Maßnahmen setzen, die verhindern sollen, dass es eintritt. David Rosenhan beschreibt sein berühmtes Rosenhan-Experiment, in dem gesunde Versuchsteilnehmer mit einer falschen Diagnose in die Psychiatrie eingeliefert wurden. Der Auftrag war, sich sofort nach akzeptierter Einweisung wieder völlig normal zu benehmen und auch darauf hinzuweisen, dass man sich für normal halte. – Keiner der Versuchsteilnehmer hätte es aus eigener Kraft während des Versuchs aus der Psychiatrie geschafft. Alle galten als krank, weil sie einmal so diagnostiziert wurden. Und noch einmal Watzlawick, der zwischen den einzelnen Beiträgen kurze Moderationstexte schreibt, argumentiert, dass sich kein System, auch nicht das vermeintlich einfachste und rationalste, aus sich selbst erklären könne. Wittgensteinianer würden hier an Hinges denken, an jene Angeln, die weder hinterfragt noch rational erklärt werden können, an angenommene und gesetzte Fixpunkte, die alles tragen, um die sich alles dreht.

Solche Annahmen sind auch dort relevant, wo Kritiker sie gar nicht vermuten würden. 

Einer der wichtigsten Essays ist der des Mathematikers Gabriel Stolzenberg, der mit erstaunlichem Aufwand – auch das ein Merkmal der Zeit – dafür argumentiert, dass auch Mathematik eine Sache von Spielregeln und Konventionen ist. Mathematik, lang als Inbegriff von Logik (auch ein Spiel mit klaren Regeln) und „Spiegelbild des Geistes“ betrachtet, ist für Stolzenberg ein „Akt des Annehmens von Dingen in ihrem So-Sein“. Mit anderen Worten: Wenn wir rechnen, akzeptieren wir Regeln.

Diese Regeln haben ihr eigenes System geschaffen, deshalb können weder die Regeln das System hinterfragen noch kann das System den Grund seiner Regeln erklären. Es ist einfach so. Es könnte aber auch anders sein. 

Für viele Schüler, die mit Mathematik hadern, wäre diese Perspektive wohl eine Erlösung. Mathematik ist kaum mit Verhältnissen außerhalb ihrer eigenen Regeln in Beziehung zu setzen. Mathematik ist so, daran muss man sich gewöhnen. Und, wie Stolzenberg schreibt: Kaum etwas fordert so starke Bindung an Glauben wie reine Mathematik. – Sobald man zu zweifeln beginnt, ergibt Mathematik keinen Sinn mehr.

Ist das alles abstrakte Schönwettertheorie? Hat der Konstruktivismus, wie Watzlawick fragt, mit dem Alltag so viel zu tun wie die Relativitätstheorie mit dem Bau eines Schuppens? 

Das ist Ansichtssache. Hier kommt dann letztlich Schrödinger ins Spiel. Denn, meint dieser: Genauso wenig können wir uns selbst oder unseren Beitrag in unserem Weltbild finden. Wir sind nämlich dieses Weltbild. 

Ein Satz, der auch aus einem Zen-Lehrbuch stammen könnte. 

Pragmatischer Konstruktivismus war mal auf der Höhe seiner Zeit, ist dann etwas in Softi-Esoterik-Verruf geraten und ist durch Digitalisierung und Techniklastigkeit etwas verdrängt worden. Pragmatischer Konstruktivismus ist aber umso mehr die angemessene Methode unserer Zeit. 

Michael Hafner

Michael Hafner

Technologiehistoriker, Comic-Verleger, Datenanalyst

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