Eine Techno-Wissenschaftlerin mit Businesserfahrung beschäftigt sich mit Ethik und Philosophie. Grundsätzlich ist das eine gute Ausgangslage. Sarah Spiekermann erzählt von ihren Anfängen als Analystin in der Mobilfunkbranche, die Zweifel an der vermeintlichen Aussagekraft von Daten hatte, die Trends und Prognosen von Beratern in Zweifel zog und stattdessen lieber darauf achtete, welche Handys tatsächlich in den Auslagen der Geschäfte lagen und was die User damit machten. Hypes und Trendanalysen haben heuristischen Wert, Nerds geben sich damit aber nicht zufrieden.
Diese Skepsis passte nicht zu den Anforderungen einer Boom-Branche (wir befinden uns zur Jahrtausendwende, noch vor dem ersten DotCom-Crash) und Spiekermann verabschiedete sich in die Wissenschaft. Dort lehrt die Studierende der Wirtschaftsinformatik unter anderem, Werte in digitale Technologien und Geschäftsmodelle einzuplanen. Das klingt gut, bleibt aber in der praktischen Ausformulierung etwas dünn.
Wir könnten beispielsweise höfliche Roboter bauen, die durch ethisch hochstehendes und höflich zuvorkommendes Verhalten Tugend in die Welt bringen, meint Spiekermann. Die arme Klara aus Kazuo Ishiguros „Klara and the Sun“ ist so ein höflicher Roboter und die Geschichte endet nicht gut für sie. Für ihre Besitzerin auch nicht.
Tugend und die Sorge um andere sollten einen Platz in der Businesswelt haben und ebenso erstrebenswert sein wie Profit. Dem ist zuzustimmen, allerdings zeigt sich, dass bei jeder Gelegenheit, die jemand nicht ausnützt, jemand anderer kommt und genau daraus ein Geschäft macht – das sind die Erfolgsgeheimnisse von Uber, AirBnB oder RyanAir.
Digitales bezeichnet Spiekermann als gesiebte Realität – wie gesiebtes Mehl, das durchaus auch brauchbar ist, für einiges sogar besser eingesetzt werden kann, für anderes weniger brauchbar ist.
Viele von Spiekermanns Diagnosen sind begrüßenswert. Sie sind allerdings weder neu noch sind sie besonders nützlich auf der Suche nach Lösungen. Spiekermanns eigenes StartUp (ein Social Network zur Verwaltung und Vernetzung von Ausbildungszertifikaten und Skills) muss auch mangels (ethisch vertretbaren) Geschäftsmodells eingestellt werden; einzige kommerzielle Konsequenz wäre die Vermarktung von Userprofilen gewesen.
Schwach wird das Buch, wenn Spiekermann in Wissenstheorie abschweift und das Wissen um Werte in technisches und wirtschaftliches Wissen reinreklamiert. Wilhelm Wundt, Urvater der Psychologie, mit seinen vier Stufen des Wissens (die Probleme wie Wahrheit aus philosophischer Sicht nicht einmal streifen) ist da ein schwacher Pate.
Besonders kritisch sehe ich die Überlegungen, Technologie als Wissenshüter für mehr Weisheit einsetzen zu wollen oder beispielsweise KI-Anwendungen vor extremer Sprache warnen zu lassen und darauf aufbauend Systeme anders zu bewerten. KI folgt Regeln (die von Menschen mit Plan und Absicht erstellt wurden), reduziert sie auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner und liefert auf ewig reproduzierte Kochrezepte. KI entlastet vom Lernen und Denken – was KI empfiehlt, ist nicht von Menschen gemacht. KI als moralischer oder politischer Akteur schafft technisch-künstliche Substitute dieser Werte. Mark Coeckelbergh sieht darin eine Gefahr für das Common Good und gemeinsame Grundwerte, auf deren Basis wir die wichtigsten Entscheidungen treffen können.
Diese Versuche, einen besseren, anderen Umgang mit Technologie einzumahnen, gab es auch schon, bevor Technologie sich zu dem problematischen Faktor entwickelt hat, der uns heute auf vielen Ebenen das Leben schwer macht. Solche Appelle und Gelöbnisse, es besser zu machen, gab es auch schon, bevor die Dinge schiefgelaufen sind. Digitaltechnologie war ein Hoffnungsträger.
Ich halte es für zielführender, sich mit realen Situationen auseinanderzusetzen: Wie gehen wir damit um, wenn wir wissen, dass Technik zuletzt weniger dazu verwendet wurde, Menschen nützlich zu sein? Und stimmt diese Annahme überhaupt? Warum, vielleicht ist das eher die Frage, widmen wir der Dummheit, die Technologie missbraucht, so viel Aufmerksamkeit? Das ist eine Frage, die man auch ganz unabhängig von Technologie und Digitalem stellen kann.
Deshalb bleibt das Buch auf etwas enttäuschend. Eine Digitale Ethik für das 21. Jahrhundert muss mehr liefern als Aufrufe, nett zu sein. Auch Google hatte mal „Don’t be evil“ als (inoffizielles) Motto.






