Diese Sammlung aus Vorträgen und Essays von Niels Bohr ist ein weiteres Beispiel, wie die Ikonen der modernen Physik mit der Brille papierener hyperrationaler Besserwisser, die Idealen exakter Wissenschaften nachhängen, auch als Querdenker und Esoteriker gelten können.
Wie Heisenberg, Schrödinger oder Oppenheimer stellt auch Niels Bohr die klare Abgrenzbarkeit von Subjekt und Objekt, von Beobachter und Beobachtetem und damit die Grundlagen der wert- und interessenfreien Wissenschaft infrage. Jede Beobachtung ist jemandes Beobachtung, der Beobachter und dessen Methode ist Teil der so geschaffenen Realität.
Physik ist Statistik für Atome – das weckt Erwartungen an Präzision und Kontrollierbarkeit in allen Details. Wir können aber nicht einmal genau sagen, schränkt Bohr ein, welche Atome tatsächlich zu welchem Körper gehören.
Zu diesen faktischen Unschärfen gesellen sich die Schwierigkeiten der Sprache, die wiederum von Gewohnheiten und sozialen Umfeldern abhängig ist. Und gerade mit den rationalsten und nüchternsten Anforderungen an Sprache und die in ihr verwendeten Begriffe, für Hausverstand und Vernunft gibt es kaum größeren Unfug als die Idee von Quanten und Quantenphysik – etwas, das sich problemlos berechnen lässt, aber mit allem, was uns vernünftig erscheint, nicht erklärt werden kann.
Verstehen, meint Bohr, wird hier nur beim Verzicht auf vollständiges Verstehen möglich. Eine Diagnose, die wir heute eher von Lichtnahrungsproponenten, Energetikern und anderen nicht ganz der Physik und Mathematik verhafteten Denkstilen kennen.
Wohltuend zu lesen für alle, die grundsätzlich verstehen, was Dotierung von Halbleitern ist, aber dennoch vor großen Fragezeichen stehen, ist auch: Es gebe keine mechanische Erklärung für die Stabilität von Atomen in der Kollision mit Elektronen.
Wäre es nicht Niels Bohr und wäre es nicht Physik – vieles ist ähnlich spekulativ formuliert wie die Grundsätze der Psychoanalyse. Man fragt sich: Wie kommt man bloß darauf? Und wie kommt man darauf, das so zu argumentieren? Und es klingt ja toll, aber welche Argumente, Erfahrungen oder Belege machen das auch nur in irgendeiner Weise nachvollziehbar?
Während die Frage bei Freud und Psychoanalyse weitgehend offen bleibt (Michel Onfray argumentiert in seiner Contrehistoire de la Philosophie unverschämt und überraschend überzeugend, dass Freud seine eigenen Neurosen und Spleens zum globalen Trauma erhoben habe, dem seither niemand mehr entkommt), hat die Physik immerhin noch die Mathematik an ihrer Seite. Die Mechanik hat schon lange versagt und ihre Grenzen überschritten, rechnen können wir aber immer noch. Mehrdimensionale Räume, in denen sich komplexe Funktionen darstellen lassen, sind mathematisch keine Herausforderung, Mathematik versteht aber nicht einmal die Frage, in welcher Welt diese Räume denn existieren sollten. Antwort hat sie ohnehin keine.
Bohrs Texte kommen immer wieder auf den Punkt zurück, dass der Beobachter, also der Wissenschaftler, nicht aus der Beobachtung, nicht aus der Wissenschaft ausgeschlossen werden kann. Gerade die rationalsten Wissenschaften, die den größten Anspruch an die Unabhängigkeit vom Subjekt stellen, können diesen nicht erfüllen, gerade die fixesten, unveränderlichen Zustände vom Gegenständen und Systemen schließen die Interaktion zu allen nicht zum System gehörenden Elementen aus – und daher sind sie entweder unserer Erkenntnis entzogen, oder wir sind Teil dieser Systeme.
Selbst das Subjekt, das sich vorstellt, nicht Teil des Systems zu sein, das also sich neben einem von sich selbst unabhängigen System imaginiert, bringt sich selbst in einer entscheidende Position in dieser Gleichung, denn es denkt immer noch sich selbst in der Beziehung zum System, es verschwindet nicht aus der Beziehung.
Wir können gar nicht anders, also unsere Gedanken in Beziehung zu uns zu sehen (und nicht nur zu einem beobachteten Gegenstand), selbst wenn wir uns ausschließen wollen, rücken wir uns wieder selbst ins Bild. Der letzte Gedanke hat nahezu Wittgensteinsche Züge, zumindest in der Form von Kripkes Wittgenstein und dessen Dispositionen. Wir folgen (mathetmatischen, logischen) Regeln, weil wir so denken, wir erkennen und verstehen, was gemäß dieser Regeln passiert, wir erkennen und verstehen die Regeln nicht, weil wir sie vor Selbstverständlichkeit nicht sehen.






