Theo Ananissoh, Delikatessen

Schnell und schnörkellos zum Ende: Ananissoh erzählt Liebesgeschichten aus einer Welt, die kein Raum und keine Zeit dafür ist.

Ananissohs Buch erzählt schnell und schnörkellos wie ein Theaterstück oder wie eine Real Time-Fernsehserie die Geschichte von einer Frau, vier Männern, Macht, Begehren und Korruption.
Die Handlung streckt sich nur über drei Tage – Donnerstag/Freitag/Samstag sind die Hauptkapitel im Buch – und spitzt sich sehr schnell zu.
Die Story erzählt vom Alltag n Togo, von ganz selbstverständlichen Schwierigkeiten, mit denen Frauen hier, stellvertretend für viele Länder Subsahara-Afrikas, zu kämpfen haben.
Sonia ist Fernsehen- und Radiomoderatorin, hübsch, jung, prominent und begehrt. Reich allerdings nicht, deshalb führt sie zusätzlich eines der kleinen Straßenrestaurants, die nicht viel mehr sind als ein Bretterverschlag, der an einem Haus lehnt.
Sie hat eine Affäre mit einem jungen Beamten, dann kommt ihr allerdings ein togolesisch-kanadischer Dichter auf Heimaturlaub in die Quere. Und da ist auch noch der ältere dicke Stammgast, der ihr im Gegenzug für Gefälligkeiten Haus, Auto und Sorglosigkeit bieten möchte.
Die drei lassen sich noch unter einen Hut bringen, dann aber entpuppt sich der Beamte als Geheimdienstmitarbeiter, der im Auftrag seines Chefs handelt, der Sonia eigentlich kennenlernen möchte. Dabei arbeitet er nicht nur mit Geschenken, sondern auch mit Druck, den vor allem der kanadische Dichter zu spüren bekommt – so wird es also turbulent.

Ananissoh erzählt von einer Welt, in der Jobs selten ausreichen, um Menschen zu ernähren, von Leben und Beziehungen, die ganz unromantisch aus praktischen Notwendigkeiten zerrissen werden, großer Ungleichheit und den eigentlich nur kleinen Schritten dazwischen. Es sind minimale Unterschiede der Biografien, die große Auswirkungen haben,
Das wird ohne große Dramatik, ohne Bitterkeit erzählt. Damit ist „Delikatessen“ eine ziemlich akkurate Beschreibung von Alltagsszenarien und -entscheidungen, die vielerorts selbstverständlich sind und für Europäer doch so fremd und unvorstellbar anders wirken.

 

Theo Ananissoh wurde 1962 in Togo geboren und lebt als Literaturwissenschaftler in Deutschland.

Michael Hafner

Michael Hafner

Zufallsempfehlungen

Micropublishing Basics

Microblogging, Microfinancing – does everything have to be small and does it have to move fast? Because there is no time anymore for “real” business?

Sonst noch neu

Hannah Arendt, Über das Böse

Zählen meine Regeln oder die der anderen? Arendt zeichnet die Verschiebung moralischer Regeln von innen nach außen nach und zeigt, warum Verantwortung, Verhandeln und Verstehen die wichtigsten Eckpfeiler gegen „das Böse“ sind.

Was alles gesagt werden muss

Zwei Bücher von jungen Autorinnen, die manchmal sehr weit ausholen, werfen für mich die Frage auf, welchen gemeinsamen Boden man noch teilt. Und was warum neu beschrieben werden muss.

Die Greta-Grenze

Polarisierung ist eine Art Volkssport – vor allem zu Belustigung von Wahlkämpfern und Kommentatoren. Dabei lohnt es sich vor allem darauf zu achten, wer sich worüber polarisiert erregen kann.

Schnitzelpolitik: Im Frittierfett der Moral

Neuerdings wollen sich so manche in der Politik von der Moral verabschieden. Das liegt aber vermutlich daran, dass sie selbst nicht verstehen, wovon sie reden – und auch keinen Wert darauf legen, verstanden zu werden. Die Geste reicht.

Francis Fukuyama, Identity

Fukuyamas Analyse des Identitätsbedürfnisses findet auch keine neuen Lösungen. Das ist aber weniger sein Problem als das von Identitätspolitik.