Afrika wurde auf viele Arten konstruiert: politisch an den Verhandlungstischen der Kolonialmächte, historisch in den Erzählungen der europäischen Expeditionsleiter, kulturell zwischen Raubkunst und Trommelworkshops. Afrikanische Geistesgeschichte ist noch immer eher eine Leerstelle. Valentin Mudimbe, vor einigen Monaten verstorben, hat in den 80er Jahren verschiedene Ansätze entwickelt, Philosophie, Logik und Theorie aus der Geschichte des afrikanischen Kontinents zu erfassen.
Wer sich mit europäischen oder nordamerikanischen Geisteswerkzeugen mit afrikanischer Philosophie beschäftigt, hat einige Fragen zu klären: Legt die europäische Perspektive bereits unangemessene Maßstäbe an und zwingt sie den Gegenstand der Beobachtung dadurch in fremde Kategorien? Lassen sich andere Zugänge mit westlicher Logik und Tradition verstehen? Und was ist das Merkmal Afrika? Ist es geographische Zugehörigkeit und ist damit auch Augustinus afrikanischer Philosoph? Sind es Denktraditionen, so wie Europa mit der Aufklärung Vernunft und Logik für sich reklamiert? Sind es Wurzeln, die auch einen, Afrikaner, der europäische Philosophie studiert, zum afrikanischen Philosophen machen? Und zählt jede abstrakte, womöglich auch spirituelle geistige Beschäftigung als Philosophie? Wo verläuft, gerade bei der Suche nach frühen afrikanischen Texten und Überlieferungen, die Grenze zwischen Philosophie, Mythos und Religion? Mit solchen Fragen verbringt Anke Graneß in ihrer afrikanischen Philosophiegeschichte viel Zeit, auch Valentin Mudimbe kommt daran nicht vorbei.
Mudimbe findet allerdings eine sehr pragmatische Position: Natürlich kennt auch das sogenannte Wilde Denken Systematik und Logik. Jede einfache Hüttenkonstruktion braucht einen technisch-wissenschaftlichen Zugang zur Welt und vollzieht sich nicht mit Magie.
Debatten über die Kompatibilität verschiedener Denkstrukturen haben die europäische Philosophie von Wittgenstein bis Levi Strauss und darüber hinaus intensiv beschäftigt. Gegenstand war dabei allerdings weniger die Rationalität „der Wilden“, sondern das Konzept des Relativismus: Gibt es tatsächlich andere Wege der Welterfassung? Und wenn ja, lassen sie sich zueinander in Beziehung setzen? Wenn nein, wie erkennen wir sie? Wenn ja, sind sie dann tatsächlich anders? Den Themenkomplex können wir unter anderem in Philosophie, Anthropologie, Geschichte, Soziologie, Informationstheorie oder Informatik diskutieren und die Diskussion hat immer den Charakter eines Zerrspiegels, in dem alle Argumente und ihre Bedeutung sehr schnell die Richtung wechseln können.
Das stellt auch Mudimbe fest. Sein nicht leicht zu lesendes Buch ist eine solide Ansammlung historischer spiritueller und politischer Literatur. Die systematischsten Darstellungen afrikanischer Geisteswelten finden sich in den Schriften christlicher Missionare. Dort beschrieben Missionare ihr Objekt aber ganz klar aus ihrer Zielperspektive: als etwas zu reparierendes, heilendes, zu bekehrendes, also als eine vorrangig defizitäre Welt. (Den Drang zur Bekehrung diagnostizieren im übrigen auch viele wissenschaftstheoretische Relativismus-Debatten: Wo fundamentale Grundsätze unterschiedlich sind, sind Verständigung und Überzeugung schwierig – eigentlich funktionieren sie nur als Bekehrung.)
Umgekehrt kämpfen auch Ansätze afrikanischer Selbstdefinition mit dem Problem, aus Rücksicht auf das Publikum der Erklärung den erklärten Gegenstand zu verfälschen. Leopold Sedar Senghor, Politiker, Dichter, Architekt und Präsident des Senegal, beharrte auf der Ebenbürtigkeit afrikanischer Fähigkeiten und entwickelte mit dem Konzept der Negritude einen eigenen Begriff dafür. Kritiker werfen ihm vor, damit afrikanische Kultur und Geisteswelt in europäische Schemen zu pressen und ihnen unterzuordnen. Gedankliche Vorläufer Senghors wie Edward Blyden beharrten darauf, dass Afrika von Zivilisierten kolonisiert werden müsste – allerdings nicht von Weißen, sondern bevorzugt von ehemaligen Sklaven, die mehr von der Welt gesehen haben. Einige Jahrzehnte später bei Frantz Fanon wird aus diesem Gedanken schwarzer Nationalismus, der Orientierung an europäischen Vorgaben ebenso ablehnt wie europäische Einmischung.
Die schriftliche Dokumentation politischer und spiritueller Grundsätze auf dem afrikanischen Kontinent reicht nicht weit zurück. Die zahlreichen Manifeste der 50er und 60er Jahre beriefen sich auf unterschiedliche Traditionen und verknüpften sie mit aktueller Politik. Ihre Beziehung zu Denktraditionen bleib schwer einzuschätzen. Kwame Nkrumah, erster Präsident Ghanas, war einige Jahre weit über Westafrika hinaus populärer Denker mit sozialistischen Tendenzen. Heute sind seine Schriften kaum noch zu bekommen.
Mangelnde Dokumentation, politisch verbrämte Überlieferungen – angesichts dieser Schwierigkeiten, Grundzüge afrikanischer Philosophie freizulegen, wendet sich Mudimbe linguistischen Ansätzen zu, die aus Erzählungen und Mythologien Prinzipien afrikanischen Denkens zu destillieren versuchen. Geschichten und Argumente legen Kosomogonien und Ontologien frei. Es werden Kategorien in Bantu-Erzählungen sichtbar: die Essenz für das Lebendige, Handelnde, Dinge als davon abgegrenzt, Raum und Zeit als Container der Ereignisse, Modalitäten als Eigenschaften der Dinge und Essenzen. Auch diese Kategorien haben früher bereits Missionare aufgegriffen und europäisiert; die Interpretation der Essenz als Kraft könnte auch als frühe Vorwegnahme von Heideggers Seiendem gelesen werden (das bringt das Sein zum Sein?). Die inhaltliche Ausprägung der Kategorien und die darauf beruhende Rekonstruktion philosophischer Systeme ist spekulativ. Aber die Möglichkeit zeigt, dass Erzählungen und Diskurse zwischen Abstraktem und Konkretem unterscheiden, Kausalität und Täuschung abbilden und Logik und Ethik ausprägen können. – Wobei die Frage offen bleibt: Sind das Beschreibungen afrikanischer Philosophie? Oder Ergebnisse europäischer Maßstäbe?
Gerade Empathie und Einfühlung, schreibt Mudimbe, sind in erster Linie Methoden der Selbstbeobachtung. Beobachter lernen dabei weniger über den vermeintlich beobachteten Gegenstand als über sich selbst. Und es bleibe wenig anderes übrig, als das Unbekannte in Metaphern zu packen und es so in den Bereich des Verständlichen zu übersiedeln. Auch das ist im Übrigen eine Technik, die wir in Informatik und Informationstheorie oft anwenden.






