Schon zu Beginn der 10er Jahre dieses Jahrtausends, als das Internet durchaus noch eine Verheißung war und Demokratisierung, Bildung, Verständigung und Toleranz logische Folgen konsequenter Vernetzung schienen, war Morozov skeptisch. Das Internet, diagnostizierte er, werde sich als viel nützlicher für Diktaturen als für Demokratien erweisen. Heute, knapp 15 Jahre später, sind manche seiner Thesen in die Jahre gekommen, einige aber umso treffender.
In den letzten Tagen sind wieder Menschen protestierend durch die Straßen des Iran gezogen, harte Gegenmaßnahmen des Regimes kosteten mehr als 10.000 Todesopfer. 2010 war gerade die letzte iranische Protestbewegung zum Erliegen gekommen. Westliche Regierungen und Digitalenthusiasten hatten die Grüne Revolution als Twitter-Revolution gefeiert. Digitale Netzwerke und Informationsfreiheit würden Regimes stürzen, Menschen mobilisieren und der Freiheit zum Durchbruch verhelfen. Proteste in arabischen Ländern stützten diese These. Morozov dagegen hinterfragt, ob es im Iran des Jahres 2010 überhaupt eine ausreichende Menge an Twitterusern gegeben habe, um Twitter Mobilisierungskraft beizumessen, oder ob die vermeintliche Revolutionsdynamik vor allem das westliche Publikum ergriffen habe. Die Zahlen sprechen eher für letzteres. Und der westliche Digitalenthusiasmus habe letztlich eher bewirkt, das autoritäre Regime sich einerseits vermehrt mit Internetkontrolle, andererseits mit dem Aufbau eigener Manipulationsinfrastrukturen beschäftigt haben.
Während Informationskontrolle lückenhaft sein kann, sind Unterhaltungsmedien als „Opium für die Massen“ überaus effizient. Morozov zitiert Studien aus DDR-Zeiten, die postulieren, dass DDR-Bürger, die westdeutsches Fernsehen empfangen konnten, weit weniger politisiert waren als andere oder als Bürger nicht deutschsprachiger kommunistischer Länder.
Demokratisierungs- und andere Heilserwartungen an das Internet mussten allerdings auch schon 2010 einen spektakulären Spagat vollbringen. Denn auch Internetenthusiasten wie Hillary Clinton oder Barack Obama warnten vor Verdummungs- und Manipulationspotenzialen digitaler Kommunikation. Dabei hatten sie in erster Linie amerikanische SchülerInnen im Blick. BürgerInnen von Dikaturen dagegen sollte ebendiese Kommunikation zu Freiheit und Demokratie verhelfen. Morozov bezeichnet das in Anlehnung an Edward Said als digitalen Orientalismus: Im Westen macht das Internet dumm, im Osten klärt es auf.
Morozovs zwei wesentliche Diagnosen sind Cyper-Utopismus und Internet-Zentrismus. Cyber-Utopismus überlädt die digitale Welt mit Erwartungen, alles wird besser, freier, reicher, wissender, wertschätzender. Wichtig ist für Cyber-Utopisten Freiheit, allerdings ein eingeschränkter und subjektiver Begriff von Freiheit: Es ist ihre Freiheit, die Freiheit der Handelnden, die nicht eingeschränkt werden soll. Die Freiheit der anderen kommt nur als Nebeneffekt vor, als Konsequenz der Freiheit der digitalen Utopisten. Dieses Argument sehen wir heute noch in Diskussionen um Regeln und Regulierungen für große Digitalplattformen.
Internet-Zentrismus bezeichnet die Idee, das Internet (oder digitale Kommunikation oder Vernetzung) werde Lösungen für alles bringen. Utopien werden Realität, wenn sich das Internet frei entfalten kann. Mit dieser Freiheit werden sich Wahrheit und Vernunft durchsetzen, Lüge, Manipulation und Unterdrückung werden entlarvt und beseitigt werden. Morozov war vor 15 Jahren kritisch, heute wissen wir ein Stück mehr, dass sich diese Hoffnung nicht erfüllt hat. Digitale Kommunikation ist ein großes Manipulationsinstrument, mit dem sich Parallelwelten aufbauen lassen, die vielen Menschen viel besser gefallen als die Nüchternheit und Ambivalenz von Fakten. Digitale Lösungen sind oft Lösungen für Probleme, die es ohne digitale Umwelten nicht gäbe; nützliche digitale Lösungen sind oft eher schlicht Konsequenz von Professionalisierung als von Digitalisierung.
Dennoch sind weder digitale Kommunikation noch Webtechnologien verzichtbar. Heute, 15 Jahre nach dem Green Movement, setzt niemand mehr auf mobilisierende Kräfte von Social Networks. Aber die Abschaltung des Internet ist im Iran und wenige Wochen zuvor in Tansania eines der effizientesten Mittel, die Organisation von Protesten und ihre Kommunikation in die Welt zu unterbinden. Alexej Navalny kommunizierte digital auf Youtube, schuf eine eigene Medienwelt und verhalf relevanter Information ans Tageslicht. Das russische Regime ist stabil.
Morozov betrachtet das Internet als eine weitere Enttäuschung einer Reihe enttäuschender Globalisierungstechnologien vom Telegraf über das Flugzeug oder Radio und Fernsehen. Alle hätten Verständigung schaffen, Missverständnisse und Kriege ausrotten sollen, wäre es nach Utopisten gegangen. Alle wurden zu effizienten Kriegs-, Manipulations- und Dummheitsmaschinen; dabei gab es die heute häufig plakativ erzählten Fälle von auf Social Media Desinformation zurückzuführenden politischen Morden in Kenya und Äthiopien, von Gewalt gegen Rohingya und Uighuren oder von russischer Unterwanderung zentralafrikanischer Medien noch gar nicht.
Gegen Utopismus und Internet-Zentrismus setzt Morozov auf Cyber-Realismus: Technologie ist nie neutral (was auch bei Oppenheimer, Heisenberg, Schrödinger, Bohr, Ihde, Dewey und vielen anderen nachzulesen ist), Technologie und Digitalisierung sind auch nicht per se positiv. Es sind grundsätzlich gar keine Werte. Technische Lösungen, die oft als vernünftig verkauft werden, sind oft gar keine Lösungen, weil sie die ethische oder soziale Dimension eines Problems nicht kennen und nicht berücksichtigen können. Die ultimative technokratische Lösung aller Probleme (Morozov zitiert den Nuklearphysiker Alvin Weinberg) wäre schließlich die Wasserstoffbombe: Das Problem gibt es nachher nicht mehr. Allerdings auch sonst nichts.
Vielleicht gelten im Cyberspace die Gesetze der Schwerkraft nicht, meint Morozov. Aber die Gesetze der Vernunft sollten gelten, wenn das Internet in irgendeiner Form für Menschen nützlich sein soll.