Karl Schlögel: Auf der Sandbank der Zeit

Wäre man in den letzten Jahren jemals auf den Gedanken gekommen: „Russische Diktatur ist vielleicht mies, aber ist es wirklich wert, dagegen Kroeg zu führen?“, dann löst sich diese Überlegung mit Karl Schlögel in Luft auf. 

Die Alltagserzählungen von Maria Aljochina oder Soldatov und Borogan beschreiben die Wohldosiertheit des Terrors und wie sich viele, teils für sie selbst unbemerkt, damit arrangieren. Schlögel dem früher Russlandfreundlichkeit unterstellt wurde, beschreibt die Verzweiflung des Historikers gegenüber der Unverständlichkeit der Geschichte, gegenüber der Verwandlung einer geschätzten Kultur in ein mörderisches Kriegsregime und gegenüber blinden Flecken, die die eigene Expertise beeinflussen.

Schlögel beschreibt sich selbst als fasziniert von Russland, als jemand, der Russlandversteher verstehen kann und dennoch keinen Zweifel an Putins Zielen und den Fakten des Krieges aufkommen lässt. Putin hat über zwanzig Jahre hinweg verschiedene Anknüpfungspunkte für antiwestliche Identifikationsmechanismen getestet und perfektioniert – von smarten Rationalisten bis zum draufhauenden Judo-Schwarzgurt, vom friedliebenden wahren Christen zum Oberkörperfreikultur-Macho, vom Diplomaten zum Mörder. 

Aus journalistischer Perspektive bemerkenswertes Detail: Schlögel bezeichnet Kreml-Sprecher Peskow auffällig oft und deutlich als Lügner. Ein Privileg des wissenschaftlichen Kommentators, das Politik und Medien nicht in  Anspruch nehmen können.