Quinn Slobodian: Crack-Up Capitalism

Josef Kleindienst, ehemaliger FPÖ-Polizeigewerkschafter, kommt hier mit Immobilieninvestments in Dubai zu 15 seconds of fame: Kleindienst vermarktet Hotels und Ferienimmobilien auf den künstlichen The World-Inseln vor Dubai. Zentraler USP seines Angebots: Alle Mieteinnahmen sind dank der Offshore-Sonderwirtschaftszonen zu 100% steuerfrei. Nicht nur deshalb taugt Kleindienst zur (kleinen) Gallionsfigur des von Slobodian analysierten Crack-Up Capitalism, also einer aggressiven, nicht demokratiefreundlichen Wirtschatfsform, die Freiheit des Wirtschaftens über alles stellt. In den 90er Jahren veröffentlichte Kleindienst den Bestseller „Nie mehr Strafe zahlen“. Als Polizist gab er dabei Tipps, welche Ausreden, Verschleppungstaktiken und Lügen Delinquenten (vor allem Autofahrer) vor Strafen bewahren sollten. Ich war im übrigen damals Chronik-Redakteur beim damals viel gelesenen Wochenmagazin News und habe Kleindienst zu seinem Buch interviewt.

Die Idee, sich aus allen Strafen rauswinden zu können, ist durchaus symptomatisch für die Einstellung, die Slobodian als Crack-up Capitalism beschreibt: Der persönliche Vorteil steht im Vordergrund, Verantwortung und Haftung ist etwas für die, die zu langsam sind, dem zu entkommen, vorrangiges Ziel ist, sich abzuputzen, und niemals derjenige zu sein, der auf der Rechnung sitzen bleibt.

Crack-up Capitalism ist eine Wirtschaftsideologie, die Staaten und Demokratie gerne hinter sich lassen möchte. Anstelle von Staaten sind Sonderwirtschaftszone bevorzugte territoriale Organisationsmodelle. In Sonderwirtschaftszonen gelten andere (niedrigere) Steuersätze, Qualitäts- und Sicherheitsvorschriften werden ausgehebelt, Arbeitsrecht und ähnliche Hemmschuhe sowieso.

Peter Thiel wünschte sich 1000 Nationen anstelle der aktuellen 200, Libertäre und Anarcho-Kapitalisten wünschen sich konkurrierende Staats- und Gemeinschaftssysteme, die Individuen die Wahl bieten sollten: Wer mit der aktuellen Verwaltung unzufrieden ist, soll einfach in ein anderes System wechseln können, damit langfristig lebendige Konkurrenz dem besten System zum Sieg verhilft.

Diese Visionen hinken eigentlich der Realität hinterher. Es gibt und gab einige hundert Sonderwirtschaftszonen, die in starker Konkurrenz zueinander und zu ganzen Staatsgebilden stehen und Investoren und Kapital anziehen. Dubai und die Vereinigten Arabischen Emirate sind nur ein Beispiel, Hong Kong und Singapur sind weitere bekannte und erfolgreiche Zonen. Weniger bekannt und weniger erfolgreich ist Somaliland: Der nordwestliche Teil Somalias, die ehemalige englische Kolonie (der Südosten war italienisch besetzt) war einige Jahr auch Spielwiese wenig erfolgreicher Glücksritter. Übrig geblieben davon ist ein aktuell an Äthiopien verpachtetes Stück Land, das Äthiopien den ersehnten Meerzugang und Hafeninfrastruktur sichern wird.
Verwaltungs- und Governancestrukturen jenseits staatlicher Gebilde sind keine Seltenheit. Vor der Finanzkrise gab es ernsthafte Bestrebungen, Dubai sollte Honduras übernehmen – so wie Trump Venezuela oder Grönland übernehmen möchte (was wurde eigentlich aus Nicolas Maduro?).

Bislang waren solche Experimente wenig nachhaltig. Hong Kong, Singapur und die arabischen Emirate als Beispiele bislang erfolgreicher Zonen sind (oder waren) Staaten oder an Staaten angebundene Konstrukte. Offshore-Konstruktionen, schwimmende Staaten oder Unterwasser-oder Mars-Exilgesellschaften (von denen auch Douglas Rushkoff erzählt) konnten bislang noch nicht die ersehnte Delle im Universum hinterlassen.

Das mag mehrere Gründe haben: Der Freiheitsbegriff, der als ideologische Monstranz vor Sonderwirtschaftszonenprojekten getragen wird, ist extrem einseitig. Obwohl politisch und ideologisch das exakte Gegenteil deckt er sich mit der Freiheit von Öko-Aussteigern, die sich aus dem Rennen nehmen und das tun können, solange das Einzelfälle bleiben: Solange der Rest in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft funktioniert, ist Aussteigen problemlos möglich. Solange Staaten Bildungs- und Gesundheitssysteme finanzieren, die den kapitalistischen Innovatoren Personal- und Konsumentennachschub liefern, sind ultraleane Bootstraporganisationen möglich, die jeglichen Ballast in Form von Kindern, Alten, Kranken, Künstlern oder Beamten vermeiden. Jemand anders kümmert sich darum.

Libertäre Communitys funktionieren so lange, wie nicht alle mitmachen. Sie sind auf den Ausschluss angewiesen, darauf, dass nicht alle frei sind.

Slobodian zeichnet in präzisen Recherchen Geschichte, Scheitern, Erfolge und Bruchlinien einiger Sonderwirtschaftszonen nach, illustriert deren Verbindungen zu aktuellen Playern und Ideologen und weist auf Erfolgsfaktoren und Defizite hin.
Eine bemerkenswerte Konstante und Gemeinsamkeit der erfolgreichsten Freiheitsabsolutisten und Staatskritiker von Musk bis Thiel: Deren Ablehnung von Staat, Gesellschaft und Verwaltung ist in keiner Weise konsistent. Beide machen beste Geschäfte mit staatlichen Institutionen. Musks SpaceX wuchs mit NASA-Aufträgen, Thiels Palantir wäre ohne Regierungskunden bloß irgendeine weitere BI-Software. Und der Rest der Tech-Elite versammelt sich schnell um die Staatsgewalt, sobald der Staat die Muskeln spielen lässt.

Sonderwirtschaftsmodelle in Abu Dhabi, Singapur oder Dubai sind aufgeheizter Wettbewerb, der mit viel staatlichem oder sonst nicht aus dem Cash Flow kommenden Spielgeld angetrieben wird. Ideologien geben sich rational, libertär und inspirierend, sind aber auf Exklusion und irrationale Abgrenzung (von Faulen, Dummen, Sozialisten oder Naiven) aufgebaut. Sie locken mit Geld und materiellem Erfolg und blenden aus, dass die vermeintliche Business-Schläue nur deshalb nicht für jeden ist, weil das Konzept nicht funktionieren würde, wenn alle mitmachen.

Aber dennoch tragen diese Experimente und Einstellungen dazu bei, dass man auch erwachsenen Menschen immer wieder erklären muss, dass Demokratie nichts schlechtes ist, dass nicht jede Innovation per se von Wert ist, und dass es auch Zukunftsoptionen jenseits von Digitalisierung und Finanzoptimierung geben kann
Offen bleibt aber immer die Frage: Was ist die Alternative? Was ist die angemessene Antwort auf die Show der eindimensionalen Ego-Ignoranz?